3-7. Das Fazit aus den Studien

Weltweit in die falsche Richtung?

Durch meine vielfältigen sportlichen Aktivitäten ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass die Forschung in ihren Studien die unterschiedliche Wirkung von Bewegung zu wenig berücksichtigt. Jede Bewegung wirkt im Körper anders: Kraftsport macht starke Muskeln und stabile Knochen, Ausdauersport ein gesundes Herz und ein ausgeglichenes Gemüt, Dehnungsübungen machen gelenkig, Faszienübungen das Bindegewebe geschmeidig und einzig alles koordinativ Anspruchsvolle einen gesunden Geist. Natürlich, jede auch noch so kleine Bewegung muss vom Gehirn koordiniert werden, aber der Koordinatiosbedarf variiert von sehr gering (Kraftsport) bis sehr hoch (Koordinations- und Balanceübungen).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt explizit Kraft- und Ausdauertraining. So fraglich das erscheint, es hat eine einfache Ursache: durchwegs alle Studien wurden mit Probanden durchgeführt, die bereit waren, regelmäßig Kraft und Ausdauer zu trainieren und so stehen der WHO nur solche Studienergebnisse als Grundlage für ihre Empfehlungen zur Verfügung, die wenig Aussagekraft haben.

Ein Zirkelschluss1 rund um den Erdball

Was die WHO empfiehlt2

Einer Empfehlung der WHO entsprechend, wird in allen Ländern den alten Menschen jeweils wöchentlich 150 Minuten moderater Ausdauersport und 75 Minuten Krafttraining mittlerer Intensität empfohlen. In der Folge dieser Empfehlung ergibt das einen Zirkelschluss1, der über fünf Stationen einmal um den Erdball herum verläuft:


1 Ein Zirkelschluss ist ein logischer Fehler, bei dem die Prämisse einer Argumentation ihre eigene Schlussfolgerung voraussetzt. Das bedeutet, dass die Aussage, die bewiesen werden soll, stillschweigend in den Prämissen enthalten ist, wodurch das Argument im Kreis läuft und keinen externen Beweis bietet.

Beweisführung im Kreis

1. Wissenschaftliche Studien werden weltweit generell mit Teilnehmern durchgeführt, die Kraft- und Ausdauersport betreiben. 2. Die Erkenntnisse daraus werden von der WHO im Ergebnis übernommen und dann allen Mitgliedsländern als Anregung für ihre Bürger empfohlen. 3. Die Gesundheitsresorts dieser Länder ermuntern ihre Senioren, sich gemäß den Vorgaben der WHO zu bewegen. 4. In vielen Ländern werden diese Vorgaben der WHO von den Menschen befolgt. 5. Zuletzt werden dann für weitere Studien in allen Ländern wieder Teilnehmer verpflichtet, die ihre Kraft- und Ausdauer trainieren und so beginnt der Kreislauf von Neuem.

Mit den heutigen Möglichkeiten der KI kann man die Probe auf’s Exempel machen. Auf die Frage, „was empfehlen die Gesundheitsbehörden zur Demenzvermeidung in Saudi-Arabien“ bekommt man zur Antwort:

„Die Gesundheitsbehörden weltweit, einschließlich Saudi-Arabien, empfehlen Maßnahmen zur Demenzprävention, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind einige der wichtigsten Schritte zur Reduzierung des Demenzrisikos: Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung, wie aerobes Training oder Krafttraining, kann die kognitiven Funktionen verbessern und das Demenzrisiko senken. Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung, wie die Mittelmeerdiät, wird empfohlen, da sie reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten ist. Blutdruck- und Blutzuckerkontrolle: Die Kontrolle von Hypertonie und Diabetes ist entscheidend, da diese Erkrankungen mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden sind. Tabakentzug und Alkoholreduktion: Der Verzicht auf Rauchen und ein moderater Alkoholkonsum können ebenfalls helfen. Kognitive Stimulation: Aktivitäten, die das Gehirn herausfordern, wie das Erlernen neuer Fähigkeiten oder das Lösen von Rätseln, sind hilfreich. Diese Empfehlungen sind allgemein gültig und können auch in Saudi-Arabien angewendet werden.“

Die Folge dieses logischen Fehlers in der Beweisführung sind weiter steigende Pflegefälle überall auf der Welt. Wollte man aus diesem fatalen Zirkelschluss ausbrechen, müsste wissenschaftliche Forschung von den vielen Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen, mehr als bisher alles koordinativ Anspruchsvolle in den Blick nehmen und die Erkenntnisse daraus der WHO empfehlen.

Der Lancet Report mit den Empfehlungen der WHO kann eingesehen werden unter: https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109X(24)00150-5/fulltext

Warum haben die Studien ihr erklärtes Ziel verfehlt?

Man weiß viel darüber, wie man Demenz vermeiden kann. Man weiß nur nicht, warum es trotzdem nicht gelingt, die Zunahme von Demenz bedingt Pflegebedürftigen zu stoppen. Um das zu ergründen, sollte man sich die Studien einmal genauer ansehen. Weltweit haben diese aus unterschiedlichen Gründen ihr erklärtes Ziel verfehlt. Drei Erklärungsversuche:

1. Für körperlich Eingeschränkte wertlos

Alle Studien zur Altersdemenz gehen an der Lebenswirklichkeit vorbei. Sie gehen davon aus, dass die Beweglichkeit bis zuletzt erhalten bleibt. Mit zunehmendem Alter nimmt sie aber naturgemäß ab. Weltweit haben alle Studien ihre Untersuchungen aber so angelegt, dass die Teilnehmer sich regelmäßig sportlich bewegen mussten. Die Ergebnisse daraus sind für körperlich eingeschränkte Menschen – und das sind mehr als 50 Prozent der über 70-jährigen – wertlos.

2. Ausdauertraining für’s Gehirn ungeeignet

Um körperlich und geistig gesund zu bleiben, wird von den Ärzten und allen Ratgebern empfohlen, moderat und altersgemäß die Ausdauer zu trainieren. Wie bereits dargestellt, sind Ausdauersport und Krafttraining aber denkbar ungeeignet, um geistig fit zu bleiben. So jedenfalls kann es nicht gelingen, der Demenz etwas entgegen zu setzen.

3. Einzelne Aktivitäten haben nur eine begrenzte Wirkung

Viele weitere Aktivitäten, darunter auch koordinativ anspruchsvolle, wurden auf ihre Wirksamkeit zur Demenzvermeidung untersucht und bei ihnen allen hat man festgestellt, dass sie zur Erhaltung geistiger Fitness Wirkung zeigen. Allerdings, sie wirken nur sehr eingeschränkt und mit einer allein ist nichts gewonnen. Weitere solcher Studien mit einzelnen Aktivitäten sind entbehrlich, da es sich beim Gehirn ähnlich verhält, wie bei der Muskulatur. Erst wenn alle Muskelgruppen, also die der Beine, des Beckenbodens, des Bauches, der Brust und des Rückens sowie der Arme stark sind, spricht man von einer starken Muskulatur.

Nachfolgend zwei mögliche Studienansätze, die eher als Ausdauerstudien Erfolg versprechen.

  • Multimodal mit Schwerpunkt auf koordinativ anspruchsvoller Bewegung

Die Forschung, wenn sie durch eine neue Studie das Zusammenwirken vielseitiger Bewegungsaktivitäten untersuchen wollte, müsste also einen neuen Ansatz wählen. Sie müsste ebenso wie die Finger- oder die Agewell-Studie einen multimodalen Ansatz wählen. Multimodal aber in Form von mehreren Bewegungsaktivitäten. Also statt sechs Module gesund leben und nur eines mit Bewegung sollte es umgekehrt sein: sechs Module Bewegung und eines mit gesund leben .


Jeder wählt für sich

Konkret könnten das bezüglich Bewegung sechs verschiedene, von den Teilnehmern selbst gewählte Arten von Aktivitäten sein, die im Wochenrhythmus ausgeübt werden. Möglichst sechs Aktivitäten, die das Gehirn auf ganz unterschiedliche Weise fordern: zum Beispiel Tanzen, Wassergymnastik, Balanceübungen, Waldspaziergänge, Musizieren und Tischtennis.

Die Forschung würde damit in den Blick nehmen, wie sich ein ganzer Reigen von komplex zu koordinierenden Bewegungsabläufen, die regelmäßig ausgeübt werden, in den neuronalen Schaltkreisen auswirkt.


  • Vergleichsstudie: Aerobic-Exercise vs. Brain-Exercise

Für die Frage, wie durch Bewegung Demenz zu vermeiden wäre, könnten die Ergebnisse einer Vergleichsstudie von großer Aussagekraft sein:

Zwei Gruppen

Die Teilnehmer würden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine mit Ausdauersportlern (aerobic exercise) und ein zweite mit Koordinativsportlern (brain exercise). Die Ausdauersportler trainieren so wie es von der WHO empfohlen wird und die Koordinativsportler trainieren wie im Beispiel eins mit regelmäßig sechs verschiedenen koordinativ anspruchsvollen Aktivitäten.

Zu erwarten ist, wie schon der Name sagt, dass die Koordinativsportler (brain-exercise) besser abschneiden und diese Teilnehmer über den Studienzeitraum das Fortschreiten der Demenz spürbar verzögern oder gar stoppen können. Sollte sich das erweisen, wäre das für alte Menschen eine äußerst wichtige Information. Zumindest für jene, die bereit sind, für ihre geistige Gesundheit sportlich aktiv zu bleiben.

Die körperlichen Fähigkeiten alter Menschen: Sich koordinativ anspruchsvoll regelmäßig und vielseitig zu bewegen wird weltweit nirgendwo empfohlen. Allenfalls ambitionierte kognitive Herausforderungen werden angeraten, aber bezüglich Bewegung wird nur wenig Anspruchsvolles gefordert. Das mag den (vermeintlich geringen) körperlichen Fähigkeiten der Menschen im Alter geschuldet sein, nicht aber dem Anspruch, Demenz nachhaltig zu vermeiden.

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3.6 FIT4BRAIN der Uni Jena

Nach der Definition analysieren Beobachtungsstudien natürliche Zustände oder Entwicklungen ohne gezielte Intervention, in einer Interventionsstudie dagegen wird „gezielt in den Untersuchungsprozess eingegriffen, um die Auswirkungen dieser Maßnahme empirisch zu messen“. Beides zusammen, also analysieren und gezielt eingreifen ist ein neuer Ansatz, den das sogenannte „FIT4BRAIN-Projekt“ gewählt hat. Damit eröffnen sich ganz neue Perspektiven und hat das Potenzial eine neue Epoche in der Demenzforschung einzuläuten.

Die FIT4BRAIN-Studie ist ein deutsches Forschungsprojekt. Das interdisziplinäre Team stammt überwiegend von der Friedrich-Schiller-Universität Jena bzw. dem Universitätsklinikum Jena (Neurologie, Neurowissenschaften, Sportwissenschaft, Medizin und Psychologie) und arbeitete dort in enger klinischer und wissenschaftlicher Kooperation zusammen. Ihre Studie wurde am ersten Oktober 2025 veröffentlicht. Beteiligt waren erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich seit vielen Jahren mit gesundem Altern, Gehirnplastizität und den Effekten von Bewegung auf die geistige Leistungsfähigkeit beschäftigen. Die Studie wurde als hochwertige, randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie konzipiert und dabei wurden ältere Erwachsene zufällig entweder einer Bewegungsgruppe oder einer aktiven Kontrollgruppe zugeteilt. Alle Untersuchungen fanden vor und nach der achtwöchigen Trainingsphase statt; neben Fitness- und Gesundheitsmessungen kamen moderne MRT-Gehirnscans sowie computergestützte Auswertungsverfahren zum Einsatz. Besonders innovativ war, dass in dieser Studie nicht nur klassische Ausdauerbewegung, sondern bewusst auch koordinativ anspruchsvolle Übungen wie Yoga und Jonglieren untersucht wurden, die Körper und Gehirn gleichzeitig fordern.


Potenzial für eine Paradigmenwechsel?

Besonders spannend war die Auswertung der MRT-Daten mithilfe moderner Computermodelle, die das sogenannte „Gehirnalter“ bestimmen. Dabei wird berechnet, wie alt das Gehirn biologisch wirkt – unabhängig vom kalendarischen Alter. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Bei den Teilnehmenden, die das koordinativ anspruchsvolle Bewegungsprogramm absolvierten, wurde das Gehirn nach acht Wochen im Durchschnitt „jünger“. Ihr Gehirn zeigte also messbare Anzeichen dafür, dass es biologisch gesünder und leistungsfähiger erschien.

In der Kontrollgruppe blieb das Gehirnalter weitgehend gleich oder nahm sogar leicht zu. Damit zeigt diese aktuelle Studie, dass schon vergleichsweise kurze Zeiträume gezielter, vielseitiger Bewegung einen positiven Einfluss auf das Gehirn älterer Menschen haben können.


Bei genaueren Analysen zeigte sich zusätzlich ein weiterer wichtiger Befund: Besonders stark profitierten Menschen, die zu Beginn körperlich weniger fit waren. Bei ihnen konnte nicht nur eine Verbesserung des Gehirnalters festgestellt werden, sondern auch subtile strukturelle Veränderungen in bestimmten Hirnregionen, die mit Motivation, Belohnung und Steuerung von Verhalten zu tun haben. Das ist bedeutsam, weil genau diese Regionen dabei helfen können, gesunde Verhaltensweisen beizubehalten – also weiter aktiv zu bleiben.

Natürlich hat die Studie auch Grenzen. Sie lief über acht Wochen, umfasste eine begrenzte Teilnehmerzahl und untersuchte überwiegend gesunde und grundsätzlich aktive ältere Menschen. Zudem wurden von den Probanden „nur“ zwei koordinativ anregende Aktivitäten (Yoga und Jonglieren) gefordert, was für die Komplexität und Weiträumigkeit des Gehirns eher wenig erscheint. Dennoch sind die Ergebnisse in ihrer Aktualität und Aussagekraft sehr wichtig: Zum ersten Mal konnte in einer modernen, kontrollierten Interventionsstudie gezeigt werden, dass ein Bewegungsprogramm, das nicht nur Ausdauer fördert, sondern auch Koordination und geistige Flexibilität erfordert, messbar positive Effekte auf das biologische Altern des Gehirns hat.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Diese neue, zeitgemäße Studie liefert starke Hinweise darauf, dass Bewegung im Alter weit mehr ist als ein reines „Fitnessprogramm“. Sie ist Training für Körper und Gehirn zugleich. Besonders bewegungsarme ältere Menschen können offenbar deutlich profitieren. Zukünftige Studien sollten klären, wie lange diese Effekte anhalten, ob sie sich weiter verstärken und ob sie langfristig auch Gedächtnisleistungen und Alltagsfunktionen verbessern können. Damit zeigt diese Arbeit einen wichtigen Weg auf: Wer sich bewegt – besonders vielseitig


So kann Bewegung zur individuellen Gehirntherapie werden

Auch mit Blick auf die medizinische Praxis lassen sich aus diesen Ergebnissen wichtige Konsequenzen ableiten. Wenn moderne Bildgebung – wie die in FIT4BRAIN eingesetzte MRT-Diagnostik – strukturelle Veränderungen im Gehirn sichtbar macht, die möglicherweise auf ein erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen oder frühe neurodegenerative Prozesse hinweisen, eröffnet dies für behandelnde Neurologen neue, konkrete Handlungsmöglichkeiten. Ein Neurologe, der nicht nur die medizinischen Befunde, sondern auch die Bedeutung von Bewegung und Neuroplastizität versteht, könnte auf dieser Grundlage individuelle, sinnvoll zugeschnittene Empfehlungen geben. Dabei geht es nicht um starre „Einheitsprogramme“, sondern um gezielt ausgewählte Aktivitäten, die genau jene Funktionen ansprechen, die Unterstützung brauchen: beispielsweise Gleichgewichts- und Koordinationsübungen, wenn die Balance beeinträchtigt ist, jonglierähnliche Aufgaben zur Förderung komplexer Hand-Auge-Koordination, Musik- und Instrumentaltraining zur Aktivierung beider Gehirnhälften oder andere koordinativ anspruchsvolle Tätigkeiten, die das Gehirn aktiv fordern.

So kann körperliche Aktivität im besten Sinne „maßgeschneidert“ werden – nicht nur zur allgemeinen Gesundheitsförderung, sondern als gezielte, wissenschaftlich begründete Stimulation von Gehirnfunktion und Plastizität. Damit wird deutlich: Erkenntnisse wie aus FIT4BRAIN bilden nicht nur ein spannendes Forschungsfeld, sondern weisen zugleich in Richtung einer zukünftigen, modernen Präventions- und Behandlungsstrategie, in der Bewegung, mentale Aktivierung und medizinische Diagnostik sinnvoll zusammengedacht werden. Und genau darin liegt eine große, inspirierende Perspektive: Wir stehen erst am Anfang dessen, was durch klug eingesetzte, vielseitige Bewegung möglich ist – nämlich das Altern des Gehirns aktiv zu beeinflussen, Lebensqualität messbar zu verbessern und vielleicht sogar den Weg zu einer wirklich wirksamen Alzheimerprävention entscheidend mitzugestalten.

3-5. Ein Überblick zu den Studien

Was bisher bekannt ist und was noch fehlt

Die Ausdauerstudie der Deutschen Sporthochschule Köln, die FINGER-Study und die Agewell-Studie der Uni Leipzig sind nicht die einzigen Studien, die Bewegung als Möglichkeit für demenzfreies Altern untersucht hat. Weltweit wurden auch zuvor schon Studien zum selben Thema durchgeführt. Die Ergebnisse sind übereinstimmend und ernüchternd zugleich:

Bewegung “kann helfen, das Demenzrisiko zu senken”, hat “abschwächende Tendenzen”, und ist “möglicherweise krankheitsverlangsamend“. Das Fazit, wonach die Krankheit allenfalls gebremst wird, könnte also ernüchternder nicht sein.


Weltweit 29 Studien ausgewertet

J. Eric Ahlskog, Professor an der Mayo Klinik in Rochester, Minnesota, wertete im Jahr 2011 die bis dahin 29 wichtigsten Untersuchungen aus. Titel der Metastudie: „Körperliche Bewegung als vorbeugende oder krankheitsmodifizierende Behandlung von Demenz und Gehirnalterung“. (Gesamttext der Metastudie: J. Eric Ahlskog).


Bei allen untersuchten Studien fanden sich bei den Teilnehmern keine Hinweise auf eine nachhaltige Wirksamkeit von regelmäßigem Ausdauertraining. Eigentlich nicht anders zu erwarten, weil das Gehirn stets außen vor blieb. Keine der von den Probanden geforderten Übungseinheiten war für das Gehirn anspruchsvoll. Von den möglichen Aktivitäten hat man ausgerechnet jene genommen, die das Gehirn am wenigsten stimulieren.

Alle Studien setzen auf stupide Ausdauerübungen

Natürlich, die beste Methode zur Stärkung des Herz-Kreislaufsystems ist unbestritten Ausdauertraining. Warum aber gelten lockere Ausdauerübungen als ideale Möglichkeit, das Gehirn im Alter gesund zu erhalten? Eine andere Möglichkeit wären Übungen, für die es in der englischen Sprache einen passenden Ausdruck gibt: „Brain-Exercise“. Übersetzt könnte man sagen, Gehirntraining durch koordinativ fordernde Bewegung und dieses bietet sich zweifellos eher als Ausdauertraining an, wenn es darum geht, geistige Gesundheit zu gewährleisten!

Zur Geschichte der Studien:

Vor mehr als dreißig Jahren konnte mit Hilfe der Nonnenstudie der Zusammenhang von eiweißhaltigen Ablagerungen im Gehirn und der Altersdemenz erschüttert werden. Deshalb galten damals die Lebensgewohnheiten der Nonnen als zuverlässiger Garant gegen die Demenz. Die nachfolgenden Studien zu diesem Thema setzten nicht mehr auf die Lebensweise der Menschen, sondern auf Bewegung, insbesondere auf lockeres Ausdauertraining.

Ausdauertraining war dann für die nächsten 20 Jahre die Norm für die Forschung, um den Nachweis zu liefern, dass Bewegung geistige Gesundheit erhalten kann. Der Nachweis ist bis heute ausgeblieben und die negative Entwicklung bei Alzheimer ist ungebrochen. Dass Ausdauertraining trotzdem bis heute als idealer Ansatz gegen die Demenz gilt, hat zur Folge, dass sich alle zu Unrecht auf der sicheren Seite wähnen, wenn sie ein paar mal die Woche ihre Laufstrecke absolvieren, gelegentlich Radfahren und jeden Tag den Hund ausführen.

Untersuchung einzelner Aktivitäten

Zusätzlich zu den Ausdauerstudien gibt es unzählige weitere, die jeweils eine Aktivität (Tanzen, Yoga, Musizieren, Tischtennis und andere mehr) untersucht haben. Alle haben sie ergeben, dass sie – eher als Ausdauertraining – für die geistige Fitness erkennbar etwas bewirken können. Allerdings, mit nur einer dieser Aktivitäten ist nichts gewonnen. Wie viel und wie vielseitig man sich bewegen muss, damit die Netze lückenlos und intakt bleiben, ist bisher nicht erforscht, die Antwort darauf wäre aber von enormer Bedeutung für Menschen mit ersten Anzeichen der Alterskrankheit. Es zu erforschen wäre den „Schweiß der Götter“ wert.

Sicher ist, wenn man das Fortschreiten verhindern will, braucht es einen bunten Strauß an gehirnfordernden Aktivitäten und eben solchen sportlichen Anstrengungen. Vieles ist bekannt, was noch aussteht ist eine Forschung mit Probanden, die bereit sind, gleich eine Vielzahl von komplex zu koordinierenden Aktivitäten regelmäßig auszuüben. Demenzvermeidung ist nicht von Dauer, wenn sie lediglich als Einzeldisziplin ausgeübt wird. Demenzvermeidung ist ein Zehnkampf.

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3-4. Agewell-Studie der Uni Leipzig


Multimodaler Ansatz

Die Finger-Studie hat in der Demenzforschung neue Maßstäbe gesetzt. Die Macher der Studie wählten einen „multimodalen Ansatz“ (gesünder ernähren, mehr bewegen, Gedächtnisübungen). Die Uni Leipzig orientierte sich in der 2018 begonnenen „Agewell-Studie“ daran und verpflichtete die Teilnehmer zu ebenso vielseitiger Intervention. Im Einzelnen wurde den Teilnehmern nicht weniger als sechs gesundheitsfördernde Maßnahmen aufgegeben:

Die Probandinnen und Probanden hatten, basierend auf Vorerkrankungen und Lebensstil-Faktoren, ein erhöhtes Risiko für eine spätere Demenz, aber noch keine ersten Anzeichen der Alterskrankheit. Es wurden gegenüber der Finger-Studie zusätzliche Komponenten des sozialen Lebensstils und Empfehlungen zu Über- und Untergebrauch von Medikamenten aufgenommen und die Teilnehmer zu sozialer Aktivität zu ermutigt, da ein aktiver Lebensstil auch im Alter vor Demenz schützen würde. Ebenso wurde von den jeweiligen Hausärzten den Studienteilnehmern bei Bedarf spezifische Empfehlungen zu deren Medikamenteneinnahme geben. Auf das Ergebnis der Studie konnte man gespannt sein.

2023 wurde das Ergebnis veröffentlicht und es zeigt, man kann etwas tun: „Gelänge es, die beeinflussbaren Risikofaktoren um 15 Prozent zu reduzieren, könnten nach den Modellrechnungen von den erwarteten zwei Millionen Krankheitsfällen im Jahr 2033 theoretisch 138 000 verzögert oder vermieden werden. Bei 30 Prozent wären es sogar 265 000 Fälle.“

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Die Intervention umfasste die Optimierung von Ernährung und Medikation, sowie die Steigerung der körperlichen, sozialen und kognitiven Aktivität. Insgesamt wurde kein Effekt der Intervention auf die globale Kognition festgestellt, allerdings fand sich ein signifikant positiver Effekt bei Teilnehmenden mit geringer Bildung. In der gesamten Stichprobe verbesserte sich außerdem die soziale Kognition. Außerdem konnte ein positiver Effekt der Intervention auf die gesundheitliche Lebensqualität bei allen Teilnehmenden der Interventionsgruppe feststellen, bei Frauen konnte die Intervention zudem depressive Symptome reduzieren.

Volltext der Studienergebnisse: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6670136/

Kritik an der Agewell-Studie


Es bleibt dabei: die einzige wirksame Möglichkeit, um im Alter von 60 und mehr Jahren im Stadium beginnender Demenz (MCI) diese noch in Schach halten zu können, sind koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten und regelmäßiger Sport. Diese Behauptung geht davon aus, dass neuronale Schaltkreise nur durch Bewegung gebildet, gestärkt und (falls geschädigt) erneuert werden können. Ausgeschlossen ist demnach, dass man die geschädigten Netze im Alter durch koordinativ anspruchslose Aktivitäten “reparieren” könnte.


Untermauert wird diese Behauptung damit, dass man ja auch in den Therapieräumen von Reha-Kliniken für Schlaganfallpatienten im wesentlichen nur Geräte und Stationen findet, die den Patienten koordinativ anspruchsvolle Aufgaben abverlangen. Da im Unterschied zum Schlaganfall bei der Demenz aber nicht einzelne Bereiche des Gehirns betroffen sind, sondern das gesamte neuronale Netz in Mitleidenschaft gezogen ist, ist es erforderlich, nicht eine oder zwei koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten auszuüben, sondern eine Vielzahl davon. Je mehr, desto besser, weil mit jedem Bewegungsablauf ein anderer Bereich im neuronalen Netz aktiviert wird.


Wenn bei der Agewell-Studie neben all den allgemeinen gesundheitsfördernden Maßnahmen, die den Geist nur wenig fordern, nur zwei mal pro Woche 20 bis 30 Minuten Gleichgewichtstraining abverlangt wird, dann ist das zu wenig. Leider stellen die Menschen im Alter gerade jene sportlichen Aktivitäten ein, bei denen sie koordinativ herausgefordert werden. Diese betreiben sie von Jahr zu Jahr weniger und zuletzt sieht man sie, wenn überhaupt, nur (koordinativ anspruchslos) Walken, Radfahren oder Laufen im Park.


Wenn man sich von der Agewell-Studie erhoffte, dass alte Menschen, speziell wenn sie erste Anzeichen von Demenz verspüren, zu Tanzen, Gleichgewichtsübungen, Tischtennis und zu Koordinativsportarten animiert würden, wird man leider enttäuscht. Die Macher der Studie legten den Schwerpunkt auf gesundes Leben, das für geistige Gesundheit wichtig ist, aber im Alter als Ratschlag zu spät kommt, weil die neuronalen Schäden längst weit fortgeschritten sind.

3-3. Die FINGER-Study aus Helsinki

Die renommierte FINGER-Studie ist der Hoffnungsträger für die Demenzprävention und deren Ergebnisse werden allgemein als Empfehlungen ausgegeben, wie der Alterskrankheit beizukommen wäre. Die Studie, die eine Zusammenarbeit des Karolinska Institutet in Stockholm und des Finnish Institute for Health and Welfare in Helsinki ist, belegt erstmals, dass gesund leben, verbunden mit intensivem Sport und regelmäßigen Denkaufgaben dem geistigen Abbau entgegen wirken. Teilgenommen haben 1.260 ältere Menschen, sie waren zwischen 60 und 77 Jahre alt. Sie hatten zu Beginn der Studie ein leicht erhöhtes Demenzrisiko, waren in Kognitionstests eher “unterdurchschnittlich” und die Cholesterinwerte, Diabetes und Herzkrankheiten waren teilweise sogar ausgeprägt erhöht. Link zur Studie:

https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(15)60461-5/abstract


Gesund leben und trainieren!

Bei dieser Studie zwischen 2009 und 2011 haben die Forscher erstmals einen multimodalen Ansatz zur Demenzprävention gewählt, bei dem sich die Teilnehmer verpflichteten, sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen, auf die kardiovaskulären Risikofaktoren (Neigung zu Herzerkrankungen) zu achten und zuletzt auch noch Gedächtnisübungen zu machen.


“Mehr geht nicht”, könnte man sagen. Die Studienmacher haben ihre Probanden für zwei Jahre zu allem verpflichtet, was man bis dahin zur Demenzprophylaxe als wirksam erachtete. Und was die Studie besonders auszeichnet, es war eine sogenannte „randomisiert-kontrollierte Studie“ und nicht bloß eine epidemiologische (beobachtend) Untersuchung. Randomisiert ist ein Studie, bei der die Teilnehmer für eine bestimmte Zeit danach leben müssen, epidemiologisch ist eine Untersuchung, bei der sie im Prinzip nur befragt werden.

Wenn man die Studie liest und sich dabei die Frage stellt, welche Art der Bewegung von den Teilnehmern gefordert wurde, dann fällt, wie bei allen ähnlich gelagerten Studien, auf, dass das Fitness-Modul aus einem “individuell angepassten Training zur Stärkung der Muskulatur (ein- bis dreimal wöchentlich) sowie Ausdauerübungen im gemäßigten aeroben Bereich zwei- bis fünfmal pro Woche” bestand. Wiederum haben die Teilnehmer also “nur” ihre körperliche Fitness trainiert.

Was lässt sich nun aus diesem bisher einzigartigen Experiment schließen? Immerhin haben sich die kognitiven Leistungen “im Schnitt verbessert”. Die absoluten Veränderungen waren allerdings, wie nicht anders zu erwarten, recht gering und das erstaunlichste Ergebnis war, dass überhaupt messbare Unterschiede festgestellt wurden.

Erneut koordinativ anspruchsloser Ausdauersport!

Für die Frage der Demenzvermeidung im Alter hätte die Studie eine wichtige Unterscheidung treffen müssen: die Faktoren gesunde Ernährung, kognitives Training (Rätsel lösen etc.) und die Behandlung von vaskulären Risikofaktoren haben im Gehirn eine andere Wirkung als regelmäßige körperliche Betätigung. Während erstere „nur“ verhindern, dass das Gehirn geschädigt wird, können körperlich fordernde Aktivitäten Schäden reparieren. Leider haben die Macher der Studie den Teilnehmern für das Fitness-Modul Bewegung keine koordinativ anspruchsvollen sportlichen Aktivitäten abverlangt. Und so war auch das Ergebnis: ihre geistige Fitness blieb fast unverändert.

Quelle: https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Geistiger-Abbau-laesst-sich-bremsen-233724.html

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3-2. Das Memory and Aging Projekt

Erkenntnisse aus dem echten Leben

Sie greifen damit genau die Frage auf, die für ältere Menschen heute enorm wichtig ist: was kann ich tun, um geistig gesund zu bleiben.

Die Nonnenstudie lieferte wichtige Hinweise – doch eine Frage blieb offen: Lassen sich diese Ergebnisse auf die allgemeine Bevölkerung übertragen? Um das zu klären, wurde in den 1990er-Jahren in den USA das Memory and Aging Project (MAP) ins Leben gerufen.

Im Unterschied zur Nonnenstudie untersucht MAP Menschen aus dem ganz normalen Alltag. Die Teilnehmenden leben in ihren eigenen Haushalten oder in Seniorenwohnanlagen und bringen unterschiedliche Lebensgeschichten mit. Genau das macht die Studie besonders aussagekräftig.

Was die Studie so besonders macht

Die Teilnehmenden werden über viele Jahre hinweg regelmäßig untersucht – medizinisch, neurologisch und mit umfassenden kognitiven Tests. Dabei geht es nicht nur um das Gedächtnis, sondern auch um:

  • Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Sprache und Denkvermögen
  • Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • weitere geistige Fähigkeiten

Zusätzlich erfassen die Forschenden den Lebensstil: Bewegung, Ernährung, Schlaf, soziale Kontakte und psychische Belastungen.

Wie schon bei der Nonnenstudie stellen viele Teilnehmende ihr Gehirn nach dem Tod für Untersuchungen zur Verfügung. So entsteht ein besonders genaues Bild – von den ersten Veränderungen bis hin zu den tatsächlichen biologischen Befunden.

Ein komplexeres Bild von Demenz

Die Ergebnisse bestätigen und erweitern frühere Erkenntnisse:

  • Es gibt Menschen mit deutlichen Veränderungen im Gehirn, die geistig lange stabil bleiben.
  • Andere entwickeln bereits bei geringeren Veränderungen spürbare Einschränkungen.

Demenz lässt sich also nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Stattdessen zeigt sich: Im Gehirn wirken oft mehrere Prozesse gleichzeitig zusammen – etwa Alzheimer-typische Ablagerungen, Gefäßschäden oder Entzündungen.

Die Rolle der Widerstandsfähigkeit

Ein zentraler Punkt rückt dabei in den Fokus: die kognitive Resilienz – also die Fähigkeit des Gehirns, mit Veränderungen umzugehen und funktionsfähig zu bleiben.

Warum manche Menschen trotz Belastungen geistig stabil bleiben, ist noch nicht vollständig geklärt. Klar ist aber: Faktoren wie Bildung, soziale Aktivität, Lebensstil und Bewegung spielen eine wichtige Rolle.

Damit verändert sich auch der Blick auf Prävention. Es geht nicht nur darum, Schäden zu vermeiden – sondern auch darum, die Widerstandskraft des Gehirns gezielt zu stärken.

Weitere wichtige Langzeitstudien

Auch andere große Studien weltweit zeichnen ein ähnliches Bild:

  • Die Baltimore Longitudinal Study of Aging zeigt, dass krankhafte Veränderungen oft Jahrzehnte vor den ersten Symptomen beginnen – und dass normales Altern nicht einfach „mildes Alzheimer“ ist.
  • Die Honolulu-Asia Aging Study macht deutlich, wie wichtig die Gesundheit der Blutgefäße für die geistige Leistungsfähigkeit ist.
  • Die Cambridge City over-75s Cohort Study belegt, dass im hohen Alter meist mehrere Ursachen gleichzeitig eine Rolle spielen.
  • Die Adult Changes in Thought Study zeigt, wie Risikofaktoren und Schutzfaktoren im Alltag zusammenwirken.
  • Die Brazilian Aging Brain Study Group bestätigt, dass diese Zusammenhänge unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund gelten.

Was wir daraus lernen

Die wichtigsten Erkenntnisse lassen sich einfach zusammenfassen:

  • Veränderungen im Gehirn beginnen oft lange vor den ersten Symptomen.
  • Häufig wirken mehrere Prozesse gleichzeitig zusammen.
  • Wie stark sich diese Veränderungen auswirken, ist individuell unterschiedlich.

Diese Studien bilden heute eine zentrale Grundlage für unser Verständnis von Demenz. Sie zeigen: Das Gehirn altert nicht nach einem einfachen Muster – und genau darin liegt auch die Chance für Prävention und ein längeres geistig gesundes Leben.zu bleiben? Und ganz speziell: auf welche Art muss ich mich bewegen, um geistig fit zu bleiben? Studien, zuletzt 2019 von der Sporthochschule Köln, versuchen den Nachweis zu liefern, dass bei leichter kognitiver Beeinträchtigung im Alter durch regelmäßiges Ausdauertraining die Demenz verhindert bzw. verzögert werden kann.

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3-1. Die Nonnenstudie


Ein Befund, der alles veränderte

Man kann sich eine hochbetagte Frau vorstellen, die auch jenseits der 90 geistig rege bleibt: Sie erinnert sich an Vergangenes, beteiligt sich an Gesprächen und gestaltet ihren Alltag aktiv. Für ihr Umfeld besteht kein Zweifel an ihrer geistigen Gesundheit. Erst nach ihrem Tod zeigt die Untersuchung ihres Gehirns ein unerwartetes Bild: Es finden sich genau jene Veränderungen, die üblicherweise mit Alzheimer in Verbindung gebracht werden – ohne dass sich diese zu Lebzeiten bemerkbar gemacht hätten.

Solche Beobachtungen waren kein Einzelfall. Sie stammen aus der berühmten Nonnenstudie, einer außergewöhnlichen Langzeituntersuchung, die seit den 1980er-Jahren in den USA durchgeführt wurde. Hunderte Ordensschwestern wurden über viele Jahre begleitet. Ihre ähnlichen Lebensbedingungen – vergleichbare Tagesstrukturen, soziale Einbindungen und Bildungswege – boten eine seltene wissenschaftliche Ausgangslage.

Ein entscheidender Vorteil dieser Studie lag zudem in der Bereitschaft vieler Teilnehmerinnen, ihr Gehirn nach dem Tod der Forschung zur Verfügung zu stellen. Dadurch konnten erstmals klinische Beobachtungen direkt mit den tatsächlichen biologischen Veränderungen verglichen werden.

Die Ergebnisse stellten bisherige Annahmen grundlegend infrage. Lange hatte man geglaubt, dass bestimmte Ablagerungen im Gehirn – insbesondere Plaques und Tangles – zwangsläufig zu Demenz führen. Doch die Daten zeigten ein anderes Bild: Es gab Nonnen mit deutlichen krankheitstypischen Veränderungen, die geistig unauffällig geblieben waren. Gleichzeitig wurden Fälle dokumentiert, in denen vergleichsweise geringe Veränderungen mit klaren kognitiven Einschränkungen einhergingen. Die einfache Gleichung „mehr Ablagerungen gleich stärkere Demenz“ ließ sich so nicht aufrechterhalten.

Wikipedia: Nonnenstudie

Ein neues Verständnis: Anpassungsfähigkeit des Gehirns

Stattdessen rückte ein anderer Gedanke in den Mittelpunkt: Das Gehirn scheint in gewissem Umfang in der Lage zu sein, Schäden zu kompensieren. Für diese Fähigkeit prägte die Forschung später den Begriff kognitive Reserve. Wie genau sie entsteht, konnte die Studie nicht abschließend klären, doch sie lieferte überzeugende Hinweise auf ihre Existenz. Bildung, geistige Aktivität, soziale Kontakte und körperliche Bewegung wurden in der Folge als mögliche Einflussfaktoren diskutiert.

Zugleich wurde deutlich, dass Alzheimer nicht auf eine einzelne Ursache reduziert werden kann. Eiweißablagerungen spielen zwar eine wichtige Rolle, sind aber nur ein Teil eines komplexen Geschehens, das von Mensch zu Mensch unterschiedlich verläuft.

Die Ergebnisse der Nonnenstudie widersprachen einer lange verbreiteten Vorstellung: dass der Grad der Hirnschädigung direkt bestimmt, wie stark die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Die alte Formel – viel Schaden bedeutet starke Demenz, wenig Schaden entsprechend geringe – erwies sich als unzureichend.

Ein differenzierter Blick zeigt vielmehr: Manche Menschen bleiben trotz deutlicher Veränderungen erstaunlich leistungsfähig, während andere bereits bei geringeren Befunden deutliche Einschränkungen entwickeln. Offensichtlich greifen hier komplexere Zusammenhänge, die sich nicht auf eine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung reduzieren lassen.

Diese Erkenntnis markierte einen Wendepunkt in der Forschung. Denn sie lenkte die Aufmerksamkeit auf eine entscheidende Frage: Wenn nicht allein die sichtbaren Veränderungen im Gehirn ausschlaggebend sind – welche Faktoren bestimmen dann, wie stark sie sich auswirken?

Damit verschob sich die Perspektive. Es geht nicht nur darum, was im Gehirn passiert, sondern auch darum, wie es darauf reagiert. Offenbar existiert eine Art vermittelnder Faktor, der beeinflusst, wie gut ein Mensch mit solchen Veränderungen umgehen kann.

Wie ein gut vernetztes System


Die kognitive Reserve lässt sich anschaulich mit einem gut ausgebauten Verkehrsnetz vergleichen. Fällt eine Straße aus stehen alternative Wege zur Verfügung, sodass der Verkehr weiterfließen kann. Ähnlich verhält es sich im Gehirn: Wenn bestimmte neuronale Verbindungen weniger zuverlässig funktionieren, werden andere stärker genutzt, Abläufe angepasst und Aufgaben neu organisiert.

Diese Anpassungsfähigkeit entsteht nicht plötzlich, sondern entwickelt sich über das gesamte Leben hinweg. Erfahrungen, Lernen, Bewegung und soziale Interaktionen tragen dazu bei, die Flexibilität des Gehirns zu fördern.

Ein aktives, vielseitig gefordertes Gehirn verfügt somit über mehr Möglichkeiten, auf Veränderungen zu reagieren. Das bedeutet nicht, dass es vor Erkrankungen geschützt ist – wohl aber, dass es länger stabil bleiben kann. Damit erhält auch die Prävention eine neue Bedeutung: Es geht nicht nur darum, Schäden zu vermeiden, sondern ebenso darum, die Widerstandskraft des Gehirns zu stärken.

https://www.i-rm.org/die-nonnenstudie/ (Ruth Mischnik Institut)

1David Snowdon (Leiter der Nonnenstudie) : Lieber alt und gesund – Dem Altern seinen Schrecken nehmen (Blessing-Verlag)

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3-1. Die Beobachtungsstudien

Alois Alzheimer beschrieb die nach ihm benannte Krankheit erstmals im Jahr 1907. Lange Zeit ging man davon aus, dass Eiweißablagerungen im Gehirn die Hauptursache sind – und dass sich dieser Prozess kaum beeinflussen lässt. Alzheimer galt daher über Jahrzehnte als unvermeidliche Folge des Alterns.

Die kognitive Reserve – ein Wendepunkt in der Forschung

Erst in den 1990er Jahren änderte sich dieses Bild grundlegend. Langzeit-Beobachtungsstudien mit älteren Menschen lieferten neue Erkenntnisse: Forschende untersuchten über viele Jahre hinweg die geistige Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden und konnten diese später mit Veränderungen im Gehirn vergleichen.

Dabei zeigte sich etwas Überraschendes: Viele Menschen hatten bereits deutliche Veränderungen im Gehirn, ohne zu Lebzeiten starke Gedächtnisprobleme zu entwickeln. Andere hingegen erkrankten deutlich früher.

Diese Ergebnisse führten zu einem wichtigen Konzept – der kognitiven Reserve. Sie beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, Schäden eine Zeit lang auszugleichen. Faktoren wie Bildung, geistige Aktivität und Lebensstil spielen dabei eine wichtige Rolle.

Was wir heute wissen

  • Krankhafte Veränderungen im Gehirn beginnen oft viele Jahre vor den ersten Symptomen.
  • Verschiedene Prozesse (z. B. neurodegenerative und gefäßbedingte) treten häufig gleichzeitig auf.
  • Wie stark sich diese Veränderungen auswirken, ist individuell unterschiedlich.

Diese Erkenntnisse markieren einen entscheidenden Fortschritt: Alzheimer wird heute nicht mehr nur als Schicksal verstanden, sondern als Erkrankung, deren Verlauf beeinflusst werden kann – vor allem, wenn man früh ansetzt.

3. Die Forschung: Was die Studien sagen und was noch offen ist


Inhalt 3. Abschnitt

In diesem Abschnitt wird aufgezeigt, was bisherige wissenschaftlichen Studien ergeben haben und was noch fehlt. Obwohl im Alter viele bereit sind, sich für ihre geistige Gesundheit zu verausgaben, gibt es keine Studien mit Teilnehmern, die statt ihre Ausdauer regelmäßig und vielseitig ihre koordinativen Fähigkeiten trainieren. 


1. Die Beobachtungsstudien

Wenn das Gehirn krank – und der Mensch trotzdem geistig gesund ist

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1. Die Nonnenstudie

Eine der faszinierendsten Studien zur Alzheimer-Krankheit ist die Nonnenstudie. Sie öffnete die Tür zu einem besseren Verstehen der Krankheit.

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2. Das Memory and Aging Project (MAP)

Was im Alltag, jenseits der Klostermauern sichtbar wird

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3. Die FINGER-Study aus Helsinki

Eine sehr renommierte Studie aus Finnland weckt Hoffnung, kann sie aber nicht erfüllen

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4. Die Agewell-Studie der Uni Leipzig

Gesund leben und anspruchsvoll bewegen

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5. Ein Überblick zu den Studien.

Weltweit wurden zwischenzeitlich viele Studien durchgeführt. Ein Überblick

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6. Die FIT4Brain-Studie der Uni Jena

Im Jahr 2025 wurden erstmals geistig anspruchsvolle Aktivitäten erforscht.

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7. Das Fazit aus den Studien:

Weltweit in die falsche Richtung?

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9. Warum es neue Forschung braucht

Hirngesundheit: Viele sind körperlich aktiv, sind aber falsch beraten

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10. Das Datenkreislaufsystem

Von den Sinnen über’s Rechenzentrum an die Muskeln

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2-13. Einwände gegen die Theorie der Demenzvermeidung durch Bewegung

1. Geistig gesund trotz Bewegungslosigkeit

Beispiele von Menschen, die sich wenig bis gar nicht bewegten, kennt jeder. Besonders zu nennen wäre der Astrophysiker Stephen Hawking. Bei ihm hat es die Natur auf die Spitze getrieben. Jahrzehnte lang war er vollkommen bewegungsunfähig, aber seine Geistesgröße war schier unvorstellbar. Ist damit die eingangs genannte Hypothese, wonach die körperliche Bewegung die Quelle des Geistes ist, hinfällig? Gibt es zwischen Körperkoordination und der kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen also doch keinen Zusammenhang?

Als Kind kein Stubenhocker

Stephen Hawking wurde im Januar 1942 geboren. Kurz vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag stellten die Ärzte bei ihm eine unheilbare Erkrankung des Zentralnervensystems fest. Es kam zu der von den Ärzten erwarteten Degeneration der Muskulatur. Falsch lagen die Ärzte mit ihrer Prognose, dass die Krankheit schon nach wenigen Jahren tödlich enden würde.

Als Jugendlicher war Stephen Hawking sportlich sehr aktiv. In der renommierten St. Albans School brachte er es zum Steuermann des Achters. Erst mit Anfang zwanzig zeigten sich erste Lähmungserscheinungen. Ab dem sechsundzwanzigsten Lebensjahr war er an den Rollstuhl gefesselt. Warum Stephen Hawking geistig fit geblieben ist, bleibt eine Spekulation: Als Erklärung bietet sich an, dass er gesund gelebt hat oder er zu den Menschen gehörte, die nicht zur Plaquesbildung neigen. Dass er dann nach fast fünfzig Jahren ohne Bewegung immer noch klar denken konnte beweist, geistige Fitness im hohen Alter ist auch ohne Sport möglich.

Das Beispiel Stephen Hawking zeigt allen und besonders jenen, die körperlich eingeschränkt sind, sich im Leben möglichst gesund zu ernähren, nicht über die Stränge zu schlagen, sich geistig zu fordern und Kontakte zu pflegen.

2. Dement trotz Bewegung


Zu glauben, mit viel Bewegung gegen Demenz gefeit zu sein, ist ein Irrglaube. Oft wird berichtet, dass ein guter Bekannter doch täglich mit dem Hund spazieren gegangen ist. Und im Sommer ist er Rad gefahren und hat durchaus auch koordinativ anspruchsvollen Sport getrieben. Trotzdem sei er dement geworden. Ist demnach die Bewegung doch kein Garant, die Demenz zu verhindern?

Bei der Frage „dement trotz Bewegung“ sind zwei Einflussfaktoren zu beachten:

1. Wie stark ist die individuelle Plaquesbildung?

2. Wie viel und welche Art der Bewegung wurde der Demenz im Alter entgegen gesetzt?

Wollte man untersuchen, warum beim genannten Beispiel der Betroffene dement geworden ist, müsste man diesen Fall im Detail untersuchen: welche Schäden sind im Gehirn in dessen Leben eingetreten und was hat er diesen Schäden entgegengesetzt. Eventuell ist er ein Beispiel dafür, dass der Plaquesbefall sehr groß war und im Verhältnis dazu die koordinativen Aktivitäten zu wenig vielfältig waren. Jedenfalls ist jeder Fall anders und das Gehirn ist zu komplex organisiert, um mit Einzelbeispielen etwas beweisen zu können.

Drei Arten sich zu bewegen, sind zu unterscheiden:

1. Stressfrei: Sport und Bewegung im stressfreien Bereich: Diese Art, sich zu bewegen ist für ältere Menschen geeignet, die von senilen Plaques wenig oder nicht betroffen sind. Spazieren gehen und leichte sportliche Aktivitäten sind natürlich für die körperliche Gesundheit immer zu empfehlen. Aber, wer nicht zu Plaques neigt, bleibt geistig fit auch ohne Sport.

2. Mäßiger Stress: Das sind sportliche Aktivitäten, die sowohl dem Körper als auch dem Geist mäßige Anstrengungen abverlangen. Diese Art ist für alle geeignet, die gesund gelebt haben, aber “zur Vorsicht” etwas tun wollen. Regelmäßig aktiv sein, gehen oder laufen im unwegsamen Gelände, leichte Bergwanderungen oder Skilanglauf im Winter sind zu empfehlen. Dazu noch Übungen, die auch die Balance fordern.

3. Stress betont: Sport und aktive Bewegungseinheiten mit Bewegungsstress, der insbesondere das Hirn fordert, ist für all jene zu empfehlen, die bereits Symptome von Demenz spüren oder eine Diagnose der Krankheit im Frühstadium erhalten haben. Stress betonte Übungen, die heilsam die Neuroplatizität des Gehirns anregen sind individuell, möglichst von geeigneten Therapeuten zu erarbeiten. Beispiele sind: Balancieren, Klettern, Tanzen oder fordernde Bergtouren.

3. Geistige Fitness auch durch geistige Anstrengungen?

Soll man Rätsel lösen und Vokabeln lernen?

Neben diesen Gegenbeispielen gibt es auch noch den generellen Einwand, dass es zu einseitig ist, Bewegung als einzige Möglichkeit zum Erhalt der geistigen Gesundheit im Alter anzusehen. Die Behauptung, ohne Bewegung sei die Demenz vorprogrammiert, löst viel Widerspruch aus: “Netzbau gibt es auch durch geistige Anstrengungen”.

Untermauert wird der Einwand stets damit, dass auch geistige Herausforderungen positive Wirkungen auf den Erhalt der neuronalen Netze haben können: Memory, Sudoku, eine Sprache lernen, Puzzles machen, seine Biographie schreiben, Gedichte lernen, Musik komponieren, Schach spielen und, und, und.


Hilft memory®

Durch kognitive Herausforderungen der Demenz begegnen zu können, ist ein allgemeiner Irrglaube. Sich geistig auch noch so zu fordern kann niemals den Schaden auch nur eines senilen Plaques beheben.


Der Ausdruck „Denksport“ ist irreführend. Denken und Sport treiben sind für das Hirn zwei vollkommen unterschiedliche Vorgänge: der Sport schafft die Netzverbindungen, das Denken dagegen nutzt sie (nur). Wer also gesund gelebt hat und keine schadhaften Stellen im Hirn zu befürchten hat, dem reicht es allemal, die bestehenden Netze durch geistige Herausforderungen stabil zu halten.

Der endgültige wissenschaftliche Beweis, dass nur Bewegung Demenz verhindern kann, steht noch aus. Aber wie die Kindern in ihren ersten Jahre die Netze für das Gehen, Radfahren, Schwimmen etc. bauen und erweitern, beweist, wie neuronale Schaltkreise entstehen: erst durch die Bewegung selbst. Und dass man schadhaften Stellen im Gehirn nur durch Bewegung begegnen kann, zeigt die Behandlung von Schlaganfallpatienten. Sie können bestätigen, dass sie niemals durch kognitive Herausforderungen, sondern nur durch Bewegung und ständigem Wiederholen wenigstens einen Teil ihrer Gesundheit wieder erlangt haben.

Beides, Sport treiben und sich kognitiv fordern, das ist der Königsweg für körperliche und geistige Fitness bis ins hohe Alter.

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