Alois Alzheimer veröffentlichte seine bahnbrechende Beschreibung der später nach ihm benannten Krankheit im Jahr 1907. Bis weit in die 1980er Jahre hinein dominierte die Überzeugung, dass Eiweißablagerungen im Gehirn die zentrale Ursache der Erkrankung seien und es kaum Möglichkeiten gebe, diesen Prozess zu verhindern oder aufzuhalten. Ursache und Krankheitsverlauf galten als untrennbar miteinander verbunden.
In den 1990er Jahren begann hinsichtlich dieser jahrzehntelang vorherrschenden Sichtweise eine neue Ära. Mit mehreren Beobachtungsstudien (den sogenannten neuropathologischen Kohortenstudien) hat es sich die Forschung damals zur Aufgabe gemacht, diese Überzeugungen zu hinterfragen und hat damit den Weg zur Erkenntnis des geschädigten Gehirns eingeschlagen. Um auf diesem Weg neue Erkenntnisse gewinnen zu können, musste die Forschung aber zunächst verstehen, wie krankhafte Veränderungen im Gehirn und geistige Leistungsfähigkeit tatsächlich zusammenhängen. Den entscheidenden Zugang zu dieser Fragestellung eröffneten diese „neuropathologischen Erkenntnisstudien“.
Beobachtungsstudien sind Langzeitstudien, in denen ältere Menschen über viele Jahre hinweg regelmäßig untersucht werden, um Veränderungen ihrer geistigen Leistungsfähigkeit und ihrer Gesundheit zu erfassen. Viele Teilnehmende erklären sich außerdem bereit, nach ihrem Tod ihr Gehirn für wissenschaftliche Untersuchungen zur Verfügung zu stellen. Dadurch können Forschende vergleichen, wie gut eine Person zu Lebzeiten denken und sich erinnern konnte und welche Veränderungen tatsächlich im Gehirn vorhanden waren. Auf diese Weise lässt sich besser verstehen, welche krankhaften Prozesse mit Demenz zusammenhängen, wann sie beginnen und warum manche Menschen trotz solcher Veränderungen lange geistig gesund bleiben, während andere eine Demenz entwickeln.
Historisch markieren diese Studien einen entscheidenden Wendepunkt in der Alzheimer-Forschung. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Alzheimer-Erkrankung weitgehend als schicksalhafte und unvermeidliche Folge des Alterns betrachtet, deren Ursachen kaum verstanden waren und die erst nach dem Tod diagnostisch bestätigt werden konnte. Die klinische Diagnose war unsicher, und es bestand nur begrenztes Wissen darüber, wie häufig Alzheimer-typische Veränderungen tatsächlich vorkamen oder wie eng sie mit den beobachteten Symptomen zusammenhingen. Es fehlte insbesondere ein systematisches Verständnis darüber, wie sich die Erkrankung über die Zeit entwickelt und welche Faktoren ihren Verlauf beeinflussen.
Die Erkenntnisstudien zu den geschädigten Gehirnen, die vor allem seit den 1980er- und 1990er-Jahren etabliert wurden, schufen erstmals die Möglichkeit, Alterungsprozesse des Gehirns prospektiv zu untersuchen und klinische Entwicklungen mit späteren Autopsiebefunden zu verknüpfen. Sie zeigten, dass die neuropathologischen Veränderungen der Alzheimer-Erkrankung häufig bereits viele Jahre oder sogar Jahrzehnte vor dem Auftreten klinischer Symptome beginnen.
Damit bilden die Erkenntnisstudien eine zentrale Brücke zwischen der früheren Phase eines vorwiegend beschreibenden und fatalistischen Verständnisses der Alzheimer-Erkrankung und der modernen Ära gezielter Interventions- und Präventionsstudien. Erst durch deren Erkenntnisse wurde klar, dass es lange Zeitfenster gibt, in denen gezielte Maßnahmen wirksam sein könnten.
Zusammengefasst zeigen diese Studien klar: Veränderungen im Gehirn durch neurodegenerative und gefäßbedingte Erkrankungen treten oft gleichzeitig auf. Außerdem beginnen krankhafte Prozesse im Gehirn meist schon lange, bevor erste Symptome sichtbar werden. Wie stark sich diese Veränderungen bemerkbar machen, hängt auch von individuellen Faktoren ab – zum Beispiel von der sogenannten kognitiven Reserve, also der Fähigkeit des Gehirns, Schäden auszugleichen.
Diese Erkenntnisse sind heute eine wichtige Grundlage dafür, wie wir das Altern des Gehirns und die Entstehung von Demenzerkrankungen verstehen.
Von den Sinnen über’s Rechenzentrum an die Muskeln
Die Nonnenstudie und das Rush Memory and Aging Project sind langfristige Beobachtungsstudien: Man begleitet viele ältere Menschen über Jahre, testet regelmäßig Gedächtnis und Denken, erfasst Lebensstil-, Gesundheits- und Umweltfaktoren und untersucht später oft auch das Gehirn nach dem Tod. In solchen Studien wird nichts „verordnet“ oder gezielt verändert, die Forschenden beobachten nur, was im natürlichen Leben passiert, und schauen, welche Gewohnheiten, Risiken oder Schutzfaktoren mit mehr oder weniger Demenz zusammenhängen. Daraus entstehen wichtige Hinweise, zum Beispiel dass Bildung, geistige Aktivität, Bewegung, soziale Kontakte und Kontrolle von Herz-Kreislauf-Risiken vermutlich helfen können. Diese Ergebnisse beweisen aber noch nicht eindeutig Ursache und Wirkung. Genau hier setzen Interventionsstudien zur Alzheimerprävention an: Dort wird gezielt eingegriffen, zum Beispiel mit Programmen zu Ernährung, Bewegung, geistigem Training und medizinischer Risikokontrolle, und die Teilnehmenden werden per Zufall in Gruppen eingeteilt. So lässt sich viel klarer testen, ob solche Maßnahmen den geistigen Abbau wirklich verlangsamen. Kurz gesagt: Beobachtungsstudien wie die Nonnenstudie und das Memory and Aging Project liefern die Grundlagen und Hypothesen und die Interventionsstudien prüfen dann, ob diese Ideen tatsächlich funktionieren.
9.1. Bewegungskontrolle ist das Zusammenspiel zahlreicher Hirnregionen
Mit der Nonnenstudie und dem Memory of Age Project wurden zwei bahnbrechende Untersuchungen geschaffen, die wesentliche Grundlagen für nachfolgende Interventionsstudien zur Demenzprävention gelegt haben. Beide zeigen, dass geistige Gesundheit im Alter nicht allein vom Vorhandensein von Hirnschädigungen abhängt, sondern maßgeblich davon, wie das Gehirn über Jahre hinweg beansprucht, trainiert und unterstützt wird. An diesen Punkt könnte eine neue Forschungsrichtung anknüpfen: die systematische Erforschung eines sogenannten „Datenkreislaufsystems“ – also eines zweiten, den gesamten Körper organisierenden Regel- und Übertragungssystems neben dem bekannten Herz-Kreislauf-System.
Dieses Datenkreislaufsystem umfasst die Gesamtheit der neuronalen Verbindungen: von den Sinnesorganen über das „Rechenzentrum“ Gehirn bis hin zu den Muskeln. Unsere Sinne liefern nicht „fertige Wirklichkeit“, sondern Datenströme, die das Gehirn fortlaufend verarbeitet, bewertet und in Wahrnehmung, Entscheidungen und Handlungen übersetzt. So entsteht unsere erlebte Welt – Tag für Tag neu. Ob wir Musik als angenehm oder störend empfinden, wie wir Geschmack, Bewegung, Sicherheit oder Schönheit erleben, hängt davon ab, wie dieses neuronale Datenverarbeitungs- und Übertragungssystem organisiert und trainiert ist.
Während das Herz-Kreislauf-System dafür sorgt, dass der Körper dauerhaft leistungsfähig bleibt, entscheidet das Datenkreislaufsystem über die Qualität der Bewegung und die Leistungsfähigkeit des Geistes. Wie das Blut in Sekunden durch den Körper fließt, so bewegen sich Informationen im Millisekunden-Takt durch das Nervensystem. Und so wie jeder weiß, dass das Herz-Kreislauf-System im Alter trainiert werden muss, spricht vieles dafür, dass auch das neuronale Datennetz gezielt gepflegt und herausgefordert werden sollte – vor allem im Hinblick auf Demenzvorbeugung.
9.2. Bewegung nicht länger pauschal bewerten
Der wissenschaftliche Zugang hierzu findet sich eindrucksvoll in der Forschung zur Bewegungskontrolle. Sie zeigt, dass Bewegung nicht einfach eine reine Muskelaktivität ist, sondern ein hochkomplexer, lernfähiger Regelkreislauf zwischen Sinnesrückmeldung, Planung, Ausführung und Korrektur. Motorkortex, Kleinhirn, Basalganglien, sensorische Areale und Assoziationsfelder arbeiten in ständigem Austausch. Jede Bewegung ist ein fortlaufender Datenprozess, der das Gehirn fordert und verändert. Dabei wird deutlich: Nicht jede Bewegung fordert das Gehirn gleichermaßen. Monotone, gleichförmige Bewegungen – wie immer gleiche Laufstrecken oder routinierte Fitnessübungen – beanspruchen die höheren kognitiven Netzwerke kaum und werden schnell automatisiert. Sie sind gut für Herz, Muskeln und Ausdauer, aber nur begrenzt „Gehirntraining“.
Ganz anders sind Bewegungen, die Koordination, Variation und schnelle Anpassung erfordern – etwa Tanzen, Ballspiele, Tischtennis, Musizieren, Gleichgewichtstraining, Surfen oder anspruchsvolle Naturbewegungen. Hier muss das Gehirn ständig Situation bewerten, Gleichgewicht sichern, sensorische Informationen integrieren, Entscheidungen treffen, Fehler korrigieren und neue Lösungen entwickeln. Solche Bewegungen aktivieren genau jene Hirnregionen, die in frühen Demenzstadien besonders gefährdet sind. Sie machen verständlich, warum nicht „jede Bewegung“ gleichermaßen hirnschützend wirkt und warum Demenzprävention eher eine Frage der „richtigen“, qualitativ anspruchsvollen Bewegung ist als nur eine Frage von Dauer, Puls oder Schrittzahl.
Ein zukünftiger Forschungsansatz könnte dieses „Datenkreislaufsystem“ systematisch erfassen und messbar machen. Anstatt nur Trainingszeit, Herzfrequenz oder Schrittzahl zu zählen, könnten Studien untersuchen: Wie komplex ist eine Bewegung? Wie oft entstehen unvorhersehbare Situationen? Wie vielfältig ist das Bewegungsrepertoire eines älteren Menschen? Welche Muster hängen mit stabiler oder verbesserter geistiger Leistungsfähigkeit zusammen? Verbunden mit den Erkenntnissen der Nonnenstudie – dass geistige Stabilität trotz Hirnschädigung möglich sein kann – und den Perspektiven des Memory of Age Project – Altern als aktiven Anpassungsprozess zu verstehen – entsteht ein schlüssiges Gesamtbild: Nicht allein Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder Ausdauertraining bestimmen geistige Gesundheit, sondern vor allem die Qualität der neurologischen Beanspruchung im Alltag.
So wird deutlich, dass ein datenbasierter, neurowissenschaftlich fundierter Blick auf Bewegung weit mehr ist als Fitnessdenken. Er liefert einen theoretischen und praktisch überprüfbaren Ansatz für zukünftige Demenzpräventionsstudien: Wenn das Herz-Kreislauf-System für körperliche Leistungsfähigkeit zuständig ist, dann ist das Datenkreislaufsystem für geistige Vitalität verantwortlich – und beides lässt sich trainieren. Der Schlüssel liegt nicht in bloßer Bewegung, sondern in Bewegung, die das Gehirn fordert, überrascht und zu kontinuierlichem Lernen zwingt.
9. 3. Salto mit Schraube: zwei Sekunden Aktion im Rechenzentrum
Am Beispiel eines Turmspringers vom Zehn-Meter-Turm lässt sich gut erklären, wie das „Datenkreislaufsystem“ des Körpers in wenigen Sekunden arbeitet. Schon bevor der Springer abspringt, sammelt sein Körper ununterbrochen Informationen: Die Augen liefern Bilder von Beckenrand, Höhe und Wasseroberfläche, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet die Lage im Raum, und Muskeln sowie Gelenke geben Rückmeldung über Spannung und Körperhaltung. All diese Daten strömen ins Gehirn und werden dort blitzschnell verarbeitet. Gleichzeitig ruft das Gehirn frühere Erfahrungen und Trainingsabläufe ab und plant, was gleich passieren soll: Anlauf, Absprung, die Drehungen in der Luft und schließlich das Eintauchen ins Wasser.
Mit dem Absprung beginnt dann ein permanenter Kreislauf aus „Handeln und Rückmelden“. Das Gehirn schickt Befehle an die Muskeln, die den Körper in Drehung und Schraube versetzen. Gleichzeitig fließen aus den Sinnen sofort wieder neue Informationen zurück: Wie schnell dreht sich der Körper? Wo befindet er sich im Raum? Stimmt die Richtung? Passt die Körperhaltung? Diese Rückmeldungen werden in Bruchteilen von Sekunden verarbeitet, und das Gehirn nimmt ständig kleine Korrekturen vor. So werden Drehgeschwindigkeit, Spannung, Gleichgewicht und Ausrichtung laufend angepasst, ohne dass der Sportler bewusst darüber nachdenken muss.
Kurz vor dem Eintauchen arbeitet das System noch einmal auf höchster Stufe. Der Springer fixiert die Wasseroberfläche, richtet den Körper exakt aus, spannt sich auf und bringt Arme und Kopf in die richtige Position. Erst mit dem Eintauchen ist dieser hochpräzise Steuerungsvorgang abgeschlossen.
Dieses Beispiel zeigt, dass Bewegung nicht einfach „Muskelarbeit“ ist, sondern ein hochkomplexer Datenprozess: Wahrnehmen, Verarbeiten, Entscheiden und Steuern greifen ständig ineinander. Besonders anspruchsvolle Bewegungen – wie beim Turmspringen – fordern das Gehirn intensiv, weil viele Hirnregionen gleichzeitig arbeiten müssen. Genau das macht das Beispiel so wertvoll: Es macht deutlich, dass Bewegung auch „Gehirntraining“ sein kann und dass komplexe, abwechslungsreiche Bewegungen die geistige Leistungsfähigkeit besonders stark beanspruchen und möglicherweise langfristig stabilisieren können
1 Der Wikipedia-Beitrag zur Bewegungskontrolle ist eine hervorragende wissenschaftliche Grundlage für die Frage, wie durch gezieltes Training “geplante und ungeplante Bewegungen so ablaufen, dass deren beabsichtigtes Ziel sicher erreicht wird”. Ein sehr zu empfehlende Abhandlung für jeden, der sich des Themas “Demenzvermeidung durch Bewegung” annehmen will.
Durch meine vielfältigen sportlichen Aktivitäten ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass die Forschung in ihren Studien die unterschiedliche Wirkung von Bewegung zu wenig berücksichtigt. Jede Bewegung wirkt im Körper anders: Kraftsport macht starke Muskeln und stabile Knochen, Ausdauersport ein gesundes Herz und ein ausgeglichenes Gemüt, Dehnungsübungen machen gelenkig, Faszienübungen das Bindegewebe geschmeidig und einzig alles koordinativ Anspruchsvolle einen gesunden Geist. Natürlich, jede auch noch so kleine Bewegung muss vom Gehirn koordiniert werden, aber der Koordinatiosbedarf variiert von sehr gering (Kraftsport) bis sehr hoch (Koordinations- und Balanceübungen).
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt explizit Kraft- und Ausdauertraining. So fraglich das erscheint, es hat eine einfache Ursache: durchwegs alle Studien wurden mit Probanden durchgeführt, die bereit waren, regelmäßig Kraft und Ausdauer zu trainieren und so stehen der WHO nur solche Studienergebnisse als Grundlage für ihre Empfehlungen zur Verfügung, die wenig Aussagekraft haben.
Ein Zirkelschluss1 rund um den Erdball
Was die WHO empfiehlt2
Einer Empfehlung der WHO entsprechend, wird in allen Ländern den alten Menschen jeweils wöchentlich 150 Minuten moderater Ausdauersport und 75 Minuten Krafttraining mittlerer Intensität empfohlen. In der Folge dieser Empfehlung ergibt das einen Zirkelschluss1, der über fünf Stationen einmal um den Erdball herum verläuft:
1 Ein Zirkelschluss ist ein logischer Fehler, bei dem die Prämisse einer Argumentation ihre eigene Schlussfolgerung voraussetzt. Das bedeutet, dass die Aussage, die bewiesen werden soll, stillschweigend in den Prämissen enthalten ist, wodurch das Argument im Kreis läuft und keinen externen Beweis bietet.
Beweisführung im Kreis
1. Wissenschaftliche Studien werden weltweit generell mit Teilnehmern durchgeführt, die Kraft- und Ausdauersport betreiben. 2. Die Erkenntnisse daraus werden von der WHO im Ergebnis übernommen und dann allen Mitgliedsländern als Anregung für ihre Bürger empfohlen. 3. Die Gesundheitsresorts dieser Länder ermuntern ihre Senioren, sich gemäß den Vorgaben der WHO zu bewegen. 4. In vielen Ländern werden diese Vorgaben der WHO von den Menschen befolgt. 5. Zuletzt werden dann für weitere Studien in allen Ländern wieder Teilnehmer verpflichtet, die ihre Kraft- und Ausdauer trainieren und so beginnt der Kreislauf von Neuem.
Mit den heutigen Möglichkeiten der KI kann man die Probe auf’s Exempel machen. Auf die Frage, „was empfehlen die Gesundheitsbehörden zur Demenzvermeidung in Saudi-Arabien“ bekommt man zur Antwort:
„Die Gesundheitsbehörden weltweit, einschließlich Saudi-Arabien, empfehlen Maßnahmen zur Demenzprävention, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind einige der wichtigsten Schritte zur Reduzierung des Demenzrisikos: Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung, wie aerobes Training oder Krafttraining, kann die kognitiven Funktionen verbessern und das Demenzrisiko senken. Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung, wie die Mittelmeerdiät, wird empfohlen, da sie reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten ist. Blutdruck- und Blutzuckerkontrolle: Die Kontrolle von Hypertonie und Diabetes ist entscheidend, da diese Erkrankungen mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden sind. Tabakentzug und Alkoholreduktion: Der Verzicht auf Rauchen und ein moderater Alkoholkonsum können ebenfalls helfen. Kognitive Stimulation: Aktivitäten, die das Gehirn herausfordern, wie das Erlernen neuer Fähigkeiten oder das Lösen von Rätseln, sind hilfreich. Diese Empfehlungen sind allgemein gültig und können auch in Saudi-Arabien angewendet werden.“
Die Folge dieses logischen Fehlers in der Beweisführung sind weiter steigende Pflegefälle überall auf der Welt. Wollte man aus diesem fatalen Zirkelschluss ausbrechen, müsste wissenschaftliche Forschung von den vielen Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen, mehr als bisher alles koordinativ Anspruchsvolle in den Blick nehmen und die Erkenntnisse daraus der WHO empfehlen.
Warum haben die Studien ihr erklärtes Ziel verfehlt?
Man weiß viel darüber, wie man Demenz vermeiden kann. Man weiß nur nicht, warum es trotzdem nicht gelingt, die Zunahme von Demenz bedingt Pflegebedürftigen zu stoppen. Um das zu ergründen, sollte man sich die Studien einmal genauer ansehen. Weltweit haben diese aus unterschiedlichen Gründen ihr erklärtes Ziel verfehlt. Drei Erklärungsversuche:
1. Für körperlich Eingeschränkte wertlos
Alle Studien zur Altersdemenz gehen an der Lebenswirklichkeit vorbei. Sie gehen davon aus, dass die Beweglichkeit bis zuletzt erhalten bleibt. Mit zunehmendem Alter nimmt sie aber naturgemäß ab. Weltweit haben alle Studien ihre Untersuchungen aber so angelegt, dass die Teilnehmer sich regelmäßig sportlich bewegen mussten. Die Ergebnisse daraus sind für körperlich eingeschränkte Menschen – und das sind mehr als 50 Prozent der über 70-jährigen – wertlos.
2. Ausdauertraining für’s Gehirn ungeeignet
Um körperlich und geistig gesund zu bleiben, wird von den Ärzten und allen Ratgebern empfohlen, moderat und altersgemäß die Ausdauer zu trainieren. Wie bereits dargestellt, sind Ausdauersport und Krafttraining aber denkbar ungeeignet, um geistig fit zu bleiben. So jedenfalls kann es nicht gelingen, der Demenz etwas entgegen zu setzen.
3. Einzelne Aktivitäten haben nur eine begrenzte Wirkung
Viele weitere Aktivitäten, darunter auch koordinativ anspruchsvolle, wurden auf ihre Wirksamkeit zur Demenzvermeidung untersucht und bei ihnen allen hat man festgestellt, dass sie zur Erhaltung geistiger Fitness Wirkung zeigen. Allerdings, sie wirken nur sehr eingeschränkt und mit einer allein ist nichts gewonnen. Weitere solcher Studien mit einzelnen Aktivitäten sind entbehrlich, da es sich beim Gehirn ähnlich verhält, wie bei der Muskulatur. Erst wenn alle Muskelgruppen, also die der Beine, des Beckenbodens, des Bauches, der Brust und des Rückens sowie der Arme stark sind, spricht man von einer starken Muskulatur.
Nachfolgend zwei mögliche Studienansätze, die eher als Ausdauerstudien Erfolg versprechen.
Multimodal mit Schwerpunkt auf koordinativ anspruchsvoller Bewegung
Die Forschung, wenn sie durch eine neue Studie das Zusammenwirken vielseitiger Bewegungsaktivitäten untersuchen wollte, müsste also einen neuen Ansatz wählen. Sie müsste ebenso wie die Finger- oder die Agewell-Studie einen multimodalen Ansatz wählen. Multimodal aber in Form von mehreren Bewegungsaktivitäten. Also statt sechs Module gesund leben und nur eines mit Bewegung sollte es umgekehrt sein: sechs Module Bewegung und eines mit gesund leben .
Jeder wählt für sich
Konkret könnten das bezüglich Bewegung sechs verschiedene, von den Teilnehmern selbst gewählte Arten von Aktivitäten sein, die im Wochenrhythmus ausgeübt werden. Möglichst sechs Aktivitäten, die das Gehirn auf ganz unterschiedliche Weise fordern: zum Beispiel Tanzen, Wassergymnastik, Balanceübungen, Waldspaziergänge, Musizieren und Tischtennis.
Die Forschung würde damit in den Blick nehmen, wie sich ein ganzer Reigen von komplex zu koordinierenden Bewegungsabläufen, die regelmäßig ausgeübt werden, in den neuronalen Schaltkreisen auswirkt.
Vergleichsstudie: Aerobic-Exercise vs. Brain-Exercise
Für die Frage, wie durch Bewegung Demenz zu vermeiden wäre, könnten die Ergebnisse einer Vergleichsstudie von großer Aussagekraft sein:
Zwei Gruppen
Die Teilnehmer würden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine mit Ausdauersportlern (aerobic exercise) und ein zweite mit Koordinativsportlern (brain exercise). Die Ausdauersportler trainieren so wie es von der WHO empfohlen wird und die Koordinativsportler trainieren wie im Beispiel eins mit regelmäßig sechs verschiedenen koordinativ anspruchsvollen Aktivitäten.
Zu erwarten ist, wie schon der Name sagt, dass die Koordinativsportler (brain-exercise) besser abschneiden und diese Teilnehmer über den Studienzeitraum das Fortschreiten der Demenz spürbar verzögern oder gar stoppen können. Sollte sich das erweisen, wäre das für alte Menschen eine äußerst wichtige Information. Zumindest für jene, die bereit sind, für ihre geistige Gesundheit sportlich aktiv zu bleiben.
Die körperlichen Fähigkeiten alter Menschen: Sich koordinativ anspruchsvoll regelmäßig und vielseitig zu bewegen wird weltweit nirgendwo empfohlen. Allenfalls ambitionierte kognitive Herausforderungen werden angeraten, aber bezüglich Bewegung wird nur wenig Anspruchsvolles gefordert. Das mag den (vermeintlich geringen) körperlichen Fähigkeiten der Menschen im Alter geschuldet sein, nicht aber dem Anspruch, Demenz nachhaltig zu vermeiden.
Die Ausdauerstudie der Deutschen Sporthochschule Köln, die FINGER-Study und die Agewell-Studie der Uni Leipzig sind nicht die einzigen Studien, die Bewegung als Möglichkeit für demenzfreies Altern untersucht hat. Weltweit wurden auch zuvor schon Studien zum selben Thema durchgeführt. Die Ergebnisse sind übereinstimmend und ernüchternd zugleich:
Bewegung “kann helfen, das Demenzrisiko zu senken”, hat “abschwächende Tendenzen”, und ist “möglicherweise krankheitsverlangsamend“. Das Fazit, wonach die Krankheit allenfalls gebremst wird, könnte also ernüchternder nicht sein.
Weltweit 29 Studien ausgewertet
J. Eric Ahlskog, Professor an der Mayo Klinik in Rochester, Minnesota, wertete im Jahr 2011 die bis dahin 29 wichtigsten Untersuchungen aus. Titel der Metastudie: „Körperliche Bewegung als vorbeugende oder krankheitsmodifizierende Behandlung von Demenz und Gehirnalterung“. (Gesamttext der Metastudie: J. Eric Ahlskog).
Bei allen untersuchten Studien fanden sich bei den Teilnehmern keine Hinweise auf eine nachhaltige Wirksamkeit von regelmäßigem Ausdauertraining. Eigentlich nicht anders zu erwarten, weil das Gehirn stets außen vor blieb. Keine der von den Probanden geforderten Übungseinheiten war für das Gehirn anspruchsvoll. Von den möglichen Aktivitäten hat man ausgerechnet jene genommen, die das Gehirn am wenigsten stimulieren.
Alle Studien setzen auf stupide Ausdauerübungen
Natürlich, die beste Methode zur Stärkung des Herz-Kreislaufsystems ist unbestritten Ausdauertraining. Warum aber gelten lockere Ausdauerübungen als ideale Möglichkeit, das Gehirn im Alter gesund zu erhalten? Eine andere Möglichkeit wären Übungen, für die es in der englischen Sprache einen passenden Ausdruck gibt: „Brain-Exercise“. Übersetzt könnte man sagen, Gehirntraining durch koordinativ fordernde Bewegung und dieses bietet sich zweifellos eher als Ausdauertraining an, wenn es darum geht, geistige Gesundheit zu gewährleisten!
Zur Geschichte der Studien:
Vor mehr als dreißig Jahren konnte mit Hilfe der Nonnenstudie der Zusammenhang von eiweißhaltigen Ablagerungen im Gehirn und der Altersdemenz erschüttert werden. Deshalb galten damals die Lebensgewohnheiten der Nonnen als zuverlässiger Garant gegen die Demenz. Die nachfolgenden Studien zu diesem Thema setzten nicht mehr auf die Lebensweise der Menschen, sondern auf Bewegung, insbesondere auf lockeres Ausdauertraining.
Ausdauertraining war dann für die nächsten 20 Jahre die Norm für die Forschung, um den Nachweis zu liefern, dass Bewegung geistige Gesundheit erhalten kann. Der Nachweis ist bis heute ausgeblieben und die negative Entwicklung bei Alzheimer ist ungebrochen. Dass Ausdauertraining trotzdem bis heute als idealer Ansatz gegen die Demenz gilt, hat zur Folge, dass sich alle zu Unrecht auf der sicheren Seite wähnen, wenn sie ein paar mal die Woche ihre Laufstrecke absolvieren, gelegentlich Radfahren und jeden Tag den Hund ausführen.
Untersuchung einzelner Aktivitäten
Zusätzlich zu den Ausdauerstudien gibt es unzählige weitere, die jeweils eine Aktivität (Tanzen, Yoga, Musizieren, Tischtennis und andere mehr) untersucht haben. Alle haben sie ergeben, dass sie – eher als Ausdauertraining – für die geistige Fitness erkennbar etwas bewirken können. Allerdings, mit nur einer dieser Aktivitäten ist nichts gewonnen. Wie viel und wie vielseitig man sich bewegen muss, damit die Netze lückenlos und intakt bleiben, ist bisher nicht erforscht, die Antwort darauf wäre aber von enormer Bedeutung für Menschen mit ersten Anzeichen der Alterskrankheit. Es zu erforschen wäre den „Schweiß der Götter“ wert.
Sicher ist, wenn man das Fortschreiten verhindern will, braucht es einen bunten Strauß an gehirnfordernden Aktivitäten und eben solchen sportlichen Anstrengungen. Vieles ist bekannt, was noch aussteht ist eine Forschung mit Probanden, die bereit sind, gleich eine Vielzahl von komplex zu koordinierenden Aktivitäten regelmäßig auszuüben. Demenzvermeidung ist nicht von Dauer, wenn sie lediglich als Einzeldisziplin ausgeübt wird. Demenzvermeidung ist ein Zehnkampf.
Die renommierte FINGER-Studie ist der Hoffnungsträger für die Demenzprävention und deren Ergebnisse werden allgemein als Empfehlungen ausgegeben, wie der Alterskrankheit beizukommen wäre. Die Studie, die eine Zusammenarbeit des Karolinska Institutet in Stockholm und des Finnish Institute for Health and Welfare in Helsinki ist, belegt erstmals, dass gesund leben, verbunden mit intensivem Sport und regelmäßigen Denkaufgaben dem geistigen Abbau entgegen wirken. Teilgenommen haben 1.260 ältere Menschen, sie waren zwischen 60 und 77 Jahre alt. Sie hatten zu Beginn der Studie ein leicht erhöhtes Demenzrisiko, waren in Kognitionstests eher “unterdurchschnittlich” und die Cholesterinwerte, Diabetes und Herzkrankheiten waren teilweise sogar ausgeprägt erhöht. Link zur Studie:
Bei dieser Studie zwischen 2009 und 2011 haben die Forscher erstmals einen multimodalen Ansatz zur Demenzprävention gewählt, bei dem sich die Teilnehmer verpflichteten, sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen, auf die kardiovaskulären Risikofaktoren (Neigung zu Herzerkrankungen) zu achten und zuletzt auch noch Gedächtnisübungen zu machen.
“Mehr geht nicht”, könnte man sagen. Die Studienmacher haben ihre Probanden für zwei Jahre zu allem verpflichtet, was man bis dahin zur Demenzprophylaxe als wirksam erachtete. Und was die Studie besonders auszeichnet, es war eine sogenannte „randomisiert-kontrollierte Studie“ und nicht bloß eine epidemiologische (beobachtend) Untersuchung. Randomisiert ist ein Studie, bei der die Teilnehmer für eine bestimmte Zeit danach leben müssen, epidemiologisch ist eine Untersuchung, bei der sie im Prinzip nur befragt werden.
Wenn man die Studie liest und sich dabei die Frage stellt, welche Art der Bewegung von den Teilnehmern gefordert wurde, dann fällt, wie bei allen ähnlich gelagerten Studien, auf, dass das Fitness-Modul aus einem “individuell angepassten Training zur Stärkung der Muskulatur (ein- bis dreimal wöchentlich) sowie Ausdauerübungen im gemäßigten aeroben Bereich zwei- bis fünfmal pro Woche” bestand. Wiederum haben die Teilnehmer also “nur” ihre körperliche Fitness trainiert.
Was lässt sich nun aus diesem bisher einzigartigen Experiment schließen? Immerhin haben sich die kognitiven Leistungen “im Schnitt verbessert”. Die absoluten Veränderungen waren allerdings, wie nicht anders zu erwarten, recht gering und das erstaunlichste Ergebnis war, dass überhaupt messbare Unterschiede festgestellt wurden.
Erneut koordinativ anspruchsloser Ausdauersport!
Für die Frage der Demenzvermeidung im Alter hätte die Studie eine wichtige Unterscheidung treffen müssen: die Faktoren gesunde Ernährung, kognitives Training (Rätsel lösen etc.) und die Behandlung von vaskulären Risikofaktoren haben im Gehirn eine andere Wirkung als regelmäßige körperliche Betätigung. Während erstere „nur“ verhindern, dass das Gehirn geschädigt wird, können körperlich fordernde Aktivitäten Schäden reparieren. Leider haben die Macher der Studie den Teilnehmern für das Fitness-Modul Bewegung keine koordinativ anspruchsvollen sportlichen Aktivitäten abverlangt. Und so war auch das Ergebnis: ihre geistige Fitness blieb fast unverändert.
Die Schulschwestern von Notre Dame wurden nach ihrem Leben befragt, um Antwort darauf zu finden, warum sie trotz massenhafter Eiweißablagerungen im hohen Alter nicht dement waren. Einen Schritt weiter gehen neuere Studien. Sie untersuchen, ob Bewegung im Alter Demenz aufhalten kann.
Sie greifen damit genau die Frage auf, die für ältere Menschen heute enorm wichtig ist: was kann ich tun, um geistig gesund zu bleiben.
Die Nonnenstudie lieferte wichtige Hinweise – doch eine Frage blieb offen: Lassen sich diese Ergebnisse auf die allgemeine Bevölkerung übertragen? Um das zu klären, wurde in den 1990er-Jahren in den USA das Memory and Aging Project (MAP) ins Leben gerufen.
Im Unterschied zur Nonnenstudie untersucht MAP Menschen aus dem ganz normalen Alltag. Die Teilnehmenden leben in ihren eigenen Haushalten oder in Seniorenwohnanlagen und bringen unterschiedliche Lebensgeschichten mit. Genau das macht die Studie besonders aussagekräftig.
Was die Studie so besonders macht
Die Teilnehmenden werden über viele Jahre hinweg regelmäßig untersucht – medizinisch, neurologisch und mit umfassenden kognitiven Tests. Dabei geht es nicht nur um das Gedächtnis, sondern auch um:
Aufmerksamkeit und Konzentration
Sprache und Denkvermögen
Verarbeitungsgeschwindigkeit
weitere geistige Fähigkeiten
Zusätzlich erfassen die Forschenden den Lebensstil: Bewegung, Ernährung, Schlaf, soziale Kontakte und psychische Belastungen.
Wie schon bei der Nonnenstudie stellen viele Teilnehmende ihr Gehirn nach dem Tod für Untersuchungen zur Verfügung. So entsteht ein besonders genaues Bild – von den ersten Veränderungen bis hin zu den tatsächlichen biologischen Befunden.
Ein komplexeres Bild von Demenz
Die Ergebnisse bestätigen und erweitern frühere Erkenntnisse:
Es gibt Menschen mit deutlichen Veränderungen im Gehirn, die geistig lange stabil bleiben.
Andere entwickeln bereits bei geringeren Veränderungen spürbare Einschränkungen.
Demenz lässt sich also nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Stattdessen zeigt sich: Im Gehirn wirken oft mehrere Prozesse gleichzeitig zusammen – etwa Alzheimer-typische Ablagerungen, Gefäßschäden oder Entzündungen.
Die Rolle der Widerstandsfähigkeit
Ein zentraler Punkt rückt dabei in den Fokus: die kognitive Resilienz – also die Fähigkeit des Gehirns, mit Veränderungen umzugehen und funktionsfähig zu bleiben.
Warum manche Menschen trotz Belastungen geistig stabil bleiben, ist noch nicht vollständig geklärt. Klar ist aber: Faktoren wie Bildung, soziale Aktivität, Lebensstil und Bewegung spielen eine wichtige Rolle.
Damit verändert sich auch der Blick auf Prävention. Es geht nicht nur darum, Schäden zu vermeiden – sondern auch darum, die Widerstandskraft des Gehirns gezielt zu stärken.
Weitere wichtige Langzeitstudien
Auch andere große Studien weltweit zeichnen ein ähnliches Bild:
Die Baltimore Longitudinal Study of Aging zeigt, dass krankhafte Veränderungen oft Jahrzehnte vor den ersten Symptomen beginnen – und dass normales Altern nicht einfach „mildes Alzheimer“ ist.
Die Honolulu-Asia Aging Study macht deutlich, wie wichtig die Gesundheit der Blutgefäße für die geistige Leistungsfähigkeit ist.
Die Cambridge City over-75s Cohort Study belegt, dass im hohen Alter meist mehrere Ursachen gleichzeitig eine Rolle spielen.
Die Adult Changes in Thought Study zeigt, wie Risikofaktoren und Schutzfaktoren im Alltag zusammenwirken.
Die Brazilian Aging Brain Study Group bestätigt, dass diese Zusammenhänge unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund gelten.
Was wir daraus lernen
Die wichtigsten Erkenntnisse lassen sich einfach zusammenfassen:
Veränderungen im Gehirn beginnen oft lange vor den ersten Symptomen.
Häufig wirken mehrere Prozesse gleichzeitig zusammen.
Wie stark sich diese Veränderungen auswirken, ist individuell unterschiedlich.
Diese Studien bilden heute eine zentrale Grundlage für unser Verständnis von Demenz. Sie zeigen: Das Gehirn altert nicht nach einem einfachen Muster – und genau darin liegt auch die Chance für Prävention und ein längeres geistig gesundes Leben.zu bleiben? Und ganz speziell: auf welche Art muss ich mich bewegen, um geistig fit zu bleiben? Studien, zuletzt 2019 von der Sporthochschule Köln, versuchen den Nachweis zu liefern, dass bei leichter kognitiver Beeinträchtigung im Alter durch regelmäßiges Ausdauertraining die Demenz verhindert bzw. verzögert werden kann.
Man kann sich eine hochbetagte Frau vorstellen, die auch jenseits der 90 geistig rege bleibt: Sie erinnert sich an Vergangenes, beteiligt sich an Gesprächen und gestaltet ihren Alltag aktiv. Für ihr Umfeld besteht kein Zweifel an ihrer geistigen Gesundheit. Erst nach ihrem Tod zeigt die Untersuchung ihres Gehirns ein unerwartetes Bild: Es finden sich genau jene Veränderungen, die üblicherweise mit Alzheimer in Verbindung gebracht werden – ohne dass sich diese zu Lebzeiten bemerkbar gemacht hätten.
Solche Beobachtungen waren kein Einzelfall. Sie stammen aus der berühmten Nonnenstudie, einer außergewöhnlichen Langzeituntersuchung, die seit den 1980er-Jahren in den USA durchgeführt wurde. Hunderte Ordensschwestern wurden über viele Jahre begleitet. Ihre ähnlichen Lebensbedingungen – vergleichbare Tagesstrukturen, soziale Einbindungen und Bildungswege – boten eine seltene wissenschaftliche Ausgangslage.
Ein entscheidender Vorteil dieser Studie lag zudem in der Bereitschaft vieler Teilnehmerinnen, ihr Gehirn nach dem Tod der Forschung zur Verfügung zu stellen. Dadurch konnten erstmals klinische Beobachtungen direkt mit den tatsächlichen biologischen Veränderungen verglichen werden.
Die Ergebnisse stellten bisherige Annahmen grundlegend infrage. Lange hatte man geglaubt, dass bestimmte Ablagerungen im Gehirn – insbesondere Plaques und Tangles – zwangsläufig zu Demenz führen. Doch die Daten zeigten ein anderes Bild: Es gab Nonnen mit deutlichen krankheitstypischen Veränderungen, die geistig unauffällig geblieben waren. Gleichzeitig wurden Fälle dokumentiert, in denen vergleichsweise geringe Veränderungen mit klaren kognitiven Einschränkungen einhergingen. Die einfache Gleichung „mehr Ablagerungen gleich stärkere Demenz“ ließ sich so nicht aufrechterhalten.
Ein neues Verständnis: Anpassungsfähigkeit des Gehirns
Stattdessen rückte ein anderer Gedanke in den Mittelpunkt: Das Gehirn scheint in gewissem Umfang in der Lage zu sein, Schäden zu kompensieren. Für diese Fähigkeit prägte die Forschung später den Begriff kognitive Reserve. Wie genau sie entsteht, konnte die Studie nicht abschließend klären, doch sie lieferte überzeugende Hinweise auf ihre Existenz. Bildung, geistige Aktivität, soziale Kontakte und körperliche Bewegung wurden in der Folge als mögliche Einflussfaktoren diskutiert.
Zugleich wurde deutlich, dass Alzheimer nicht auf eine einzelne Ursache reduziert werden kann. Eiweißablagerungen spielen zwar eine wichtige Rolle, sind aber nur ein Teil eines komplexen Geschehens, das von Mensch zu Mensch unterschiedlich verläuft.
Die Ergebnisse der Nonnenstudie widersprachen einer lange verbreiteten Vorstellung: dass der Grad der Hirnschädigung direkt bestimmt, wie stark die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt sind. Die alte Formel – viel Schaden bedeutet starke Demenz, wenig Schaden entsprechend geringe – erwies sich als unzureichend.
Ein differenzierter Blick zeigt vielmehr: Manche Menschen bleiben trotz deutlicher Veränderungen erstaunlich leistungsfähig, während andere bereits bei geringeren Befunden deutliche Einschränkungen entwickeln. Offensichtlich greifen hier komplexere Zusammenhänge, die sich nicht auf eine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung reduzieren lassen.
Diese Erkenntnis markierte einen Wendepunkt in der Forschung. Denn sie lenkte die Aufmerksamkeit auf eine entscheidende Frage: Wenn nicht allein die sichtbaren Veränderungen im Gehirn ausschlaggebend sind – welche Faktoren bestimmen dann, wie stark sie sich auswirken?
Damit verschob sich die Perspektive. Es geht nicht nur darum, was im Gehirn passiert, sondern auch darum, wie es darauf reagiert. Offenbar existiert eine Art vermittelnder Faktor, der beeinflusst, wie gut ein Mensch mit solchen Veränderungen umgehen kann.
Wie ein gut vernetztes System
Die kognitive Reserve lässt sich anschaulich mit einem gut ausgebauten Verkehrsnetz vergleichen. Fällt eine Straße aus stehen alternative Wege zur Verfügung, sodass der Verkehr weiterfließen kann. Ähnlich verhält es sich im Gehirn: Wenn bestimmte neuronale Verbindungen weniger zuverlässig funktionieren, werden andere stärker genutzt, Abläufe angepasst und Aufgaben neu organisiert.
Diese Anpassungsfähigkeit entsteht nicht plötzlich, sondern entwickelt sich über das gesamte Leben hinweg. Erfahrungen, Lernen, Bewegung und soziale Interaktionen tragen dazu bei, die Flexibilität des Gehirns zu fördern.
Ein aktives, vielseitig gefordertes Gehirn verfügt somit über mehr Möglichkeiten, auf Veränderungen zu reagieren. Das bedeutet nicht, dass es vor Erkrankungen geschützt ist – wohl aber, dass es länger stabil bleiben kann. Damit erhält auch die Prävention eine neue Bedeutung: Es geht nicht nur darum, Schäden zu vermeiden, sondern ebenso darum, die Widerstandskraft des Gehirns zu stärken.
In diesem Abschnitt wird aufgezeigt, was bisherige wissenschaftlichen Studien ergeben haben und was noch fehlt. Obwohl im Alter viele bereit sind, sich für ihre geistige Gesundheit zu verausgaben, gibt es keine Studien mit Teilnehmern, die statt ihre Ausdauer regelmäßig und vielseitig ihre koordinativen Fähigkeiten trainieren.