Als der große mittelalterliche Philosoph René Descartes (1596 – 1650) über das Verhältnis von Leib und Seele nachdachte, war es nicht ratsam, die Kirche herauszufordern. Allerdings hatte Descartes als Mathematiker und Philosoph einen naturwissenschaftlichen Anspruch, was damals oft den Glaubenslehren zuwiderlief. Aristoteles, der sich im Gegensatz zu Platon eindeutig darin festlegte, dass es keinen vom Körper unabhängigen Geist, also keine göttliche Seele gibt, wollte Descartes, ganz im Sinne der Kirche, wissenschaftlich widerlegen.
Die Zirbeldrüse, Retter des Dualismus
Beziehungskiste zwischen Körper und Geist
Descartes wollte beim Dualismus von Körper und Geist bleiben. Für ihn waren es zwei unterschiedliche Substanzen, aber weil er erkannte, dass sich diese gegenseitig massiv beeinflussen, musste es eine Interaktion, also eine „Beziehungskiste“ zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen geben. Diese Stelle, wo der Geist auf den Körper und umgekehrt der Körper auf den Geist einwirkt, hat Descartes schließlich im Gehirn lokalisiert und zwar genau in der Zirbeldrüse.
Wie Descartes auf die Zirbeldrüse gekommen ist, bleibt bis heute sein Geheimnis, hatte aber für ihn den entscheidenden Vorteil, sein dualistisches und mechanistisches Weltbild zu retten: alles körperliche (res extensa) unterliegt dem Irrtum und ist anzweifelbar. Einzig das Geistig-Kognitive (res cogitans) ordnet Descartes dem Unbezweifelbaren zu: „Ich denke, also bin ich“.
Vater des mechanistischen Weltbildes
Descartes gilt bis heute als Vater des rein mechanistischen Weltbildes mit fatalen Folgen. Etwa, indem er den Tieren keine eigene Seele zuerkannte. Keine Seele bedeutet kein Mitleid mit den Tieren und für die Menschen wurde es selbstverständlich, Tiere als Sachen zu behandeln. Grausame Massentierhaltung ist noch heute gängige Praxis.
In der Medizin wurde der Körper Jahrhunderte lang bloß als Maschine oder Uhrwerk betrachtet und die Heilkunde beruhte auf der Ansicht, „der Körper sei eine Maschine, Krankheit die Folge einer Panne in dieser Maschine, und die Aufgabe des Arztes sei es, die Maschine zu reparieren“1. Ganzheitliche Medizin: Fehlanzeige
Descartes ebnete mit seinem mechanistischen Weltbild in wissenschaftlicher Form den Weg, was die Kirche schon auf Glaubensbasis formulierte. Er stellte das denkende Subjekt in den Mittelpunkt, der Körper dagegen schrumpfte auf eine zu vernachlässigende Größe. In Bezug auf die Seele teilt Descartes Platons These, dass diese den Menschen erst ausmacht: „demzufolge ist die Seele des Menschen also sein eigentliches Selbst, eine denkende und keine physische Substanz“2. Dass er damit dem Bewusstsein der Menschen für Gesundheit und Körperpflege keinen großen Dienst erwiesen hat, haben die folgenden Jahrhunderte gezeigt.
1 Fritjof Capra: Wendezeit, Bausteine für ein neues Weltbild. Scherz Verlag
2 Sophie-Louise Wagner: Wie entwickelte sich das Leib-Seele-Problem von Aristoteles über Descartes? Grin Verlag
Der Geist ist heilig, das Fleisch sündig und schwach
Im Verhältnis zur umfänglichen Ausarbeitung des Aristoteles über das Wesen der Seele ist Platons Phaidros nur eine schöne Phantasiegeschichte. Und trotzdem hat die Kirche diese zur Grundlage ihres Glaubensgebäudes mit einer unsterblichen Seele, der Auferstehung des Fleisches und einem Heiligen Geist gemacht. Platon lieferte ihr mit seiner dualistischen Trennung eine Steilvorlage und die Kirche hat seine Ideen nur damit erweitert, dass es der allmächtige Gott ist, der am Beginn des Lebens die unsterbliche Seele dem Leib hinzufügt. So war dann über zweitausend Jahre die Seele im Christentum der bessere, weil göttliche Teil des Menschen. Im Gegensatz zum schwachen Fleisch.
Die Kirchenoberen beließen es aber nicht dabei, der Seele Unsterblichkeit zu verleihen, sich gingen noch einen Schritt weiter. Der Geist wurde in der Trinität als Heiliger Geist zur Gottheit erklärt. Diese Gleichstellung des Heiligen Geistes mit Vater und Sohn wurde auf der Synode zu Konstantinopel im Jahr 381 angebahnt und dann bald zur herrschenden katholischen Lehre erhoben. Mehr noch, wer anders dachte wurde zum Ketzer erklärt.
Von einer Religion zum Machtapparat
So konnten ab dem Beschluss auf dem Konzil von der Kirche alle Menschen verfolgt werden, die die sich ihr nicht beugten. Der christliche Kirche wandelte sich von einer Glaubensgemeinschaft zu einem Machtapparat über die Menschen und alle weltlichen Institutionen. ( Wikipedia: Erstes Konzil von Konstantinopel) und (Heiligenlexikon: Konzile von Konstantinopel)
Eine Lehre, die den menschlichen Körper zu einer vernachlässigbaren Größe macht, hat sich, wie wir heute wissen, als verhängnisvoll erwiesen. Schlimmste Verbrechen, angefangen von den Kinderkreuzzügen bis zum Kindesmissbrauch in heutiger Zeit haben ihre letzte Grundlage darin, den menschlichen Körper als des Teufels anzusehen und ihn für „vogelfrei“ zu erklären.
Leibfeindlichkeit des Christentums
Mit der Erhöhung von Geist und Seele ging eine folgenschwere Herabsetzung des Körpers einher. Das Fleisch ist schwach. Es wurde als sündiger Teil des Menschen regelrecht gegeißelt. Statt der Ertüchtigung des Körpers wurde dessen Vernachlässigung das Wort geredet
An Einfältigkeit nicht zu überbieten
Dass einzelne Priester, die Kinder sexuell missbrauchten, dabei nicht bedachten, dass sie auch deren Seelen zerstören, hat wohl auch seine tiefere Ursache in der Trennung von Leib und Seele. Allerdings, dass sie wirklich geglaubt haben, die von Gott geschaffene Seele bleibe als vom Körper unabhängiger Teil rein und unbefleckt, ist aus heutiger Sicht an Einfältigkeit nicht zu überbieten.
Wollte die Kirche sich wirklich reformieren, um sich für die Zukunft wieder als eine glaubwürdige Institution zu etablieren, müsste sie die dualistische Trennung und die 381 n. Chr. vollzogene Erhöhung der Seele zum Heiligen Geist revidieren. Für ihre zukünftige Arbeit müsste sie die Sorge um den menschlichen Körper der Seelsorge gleichstellen. Dass mit alledem die Unsterblichkeit der Seele gleich mit ins Wanken gerät, würde allerdings an den Grundfesten ihres Glaubens rütteln.
Solange die christlichen Kirchen die Seele des Menschen als göttlich betrachten, und seinen Leib als des Teufels verachten, sind in ihren Institutionen dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet
„Der Name der Rose“
Umberto Eco’s Roman „Der Name der Rose“ ist eine einzigartige Beschreibung, wie in einem Bendiktinerkloster noch im 14. Jhd. mit tödlicher Unerbitterlichkeit die Auseinandersetzungen zum Verhältnis von Leib und Seele geführt wurden. Der Autor lässt bei der Suche zur Aufklärung der Morde im Kloster Logik und Irrglaube, Wissenschaft und Offenbarung, Philosophie und Kirche aufeinanderprallen.
Damit Platons Philosophie von der unsterblichen Seele gewahrt bleibt, müssen die Erkenntnisse des Aristoteles von der Einheit von Körper und Seele dort im Kloster unbedingt unter Verschluss bleiben. Entweder man bekennt sich zum Heilgen Geist oder man ist ein Ketzer.
Der im Buch dargestellte William von Baskerville, der zur Aufklärung der Morde bei den Benediktinern verweilt, ist bei Eco der historisch belegte belegte Franziskanermönch Wilhelm von Ockham, der von der Kirche wegen seiner Thesen zum Ketzer erklärt wurde. Im Roman kann sein Synonym mit seiner logischen Vorgehensweise die Morde aufklären, musste aber vom Kloster fliehen. Der Roman gipfelt im Verbrennen der Bibliothek, damit niemand an die Schriften der Erkenntnis gelangt und so das Mittelalter erhalten bleiben kann. Was immerhin noch einige Zeit gelang, wie die Geschichte zeigte.
„Der Name der Rose“ kann demnach auch als Roman zur mittelalterlichen Auseinandersetzung zwischen der Philosophie der Logik eines Wilhelm von Ockham und der Offenbarungslehre der Papstkirche, die damals in Avignon ihr Zentrum hatte.
Bevor sich mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche Mitte des 19. Jahrhunderts die Einstellung zum Körper wieder ins Positive wandelte, hat René Descartes als Philosoph und Naturwissenschaftler im 16. Jahrhundert der Kirche noch einmal den Rücken gestärkt. Mit fatalen Folgen.
Widerspruch zur Philosophie der Trennung von Leib und Seele
Für Aristoteles gehörte es „zum Schwierigsten“, zuverlässiges Wissen über die Seele zu erlangen, doch es wäre ein sehr lohnendes Ziel. Der Mensch sollte wissen, ob die Seele ein Einzelding ist, ob sie also eine Ausdehnung hat, oder “nur” eine Eigenschaft ist. Und vor allen Dingen, ob sie eigenständig existieren und ewig leben kann. Für Aristoteles war Platons Trennung von Leib und Seele eine Herausforderung zum Widerspruch und so verfasste er “De-anima” (Über die Seele).
Definition der Seele bei Aristoteles
Im Buch De-anima erläutert Aristoteles seine eigene Theorie über die Seele. Er definiert sie als “eine im Organismus liegende Kraft, die seine Entwicklung und Vollendung bewirkt”. Mit der Aussage, dass der Körper potenziell Leben hat, ist gemeint, dass er zum Belebtsein geeignet ist und die Seele kann diese Belebung verwirklichen. Die Seele ist für ihn also kein eigenständiges Wesen, das unabhängig vom Körper existiert, sondern dessen “Form” und daher vom Körper nicht trennbar.
“Form” im Sinne von Aristoteles bedeutet, dass sie dem einzelnen Menschen sowohl seine körperliche Gestalt als auch sein individuelles geistiges Vermögen verleiht. Sie verhält sich zu ihm wie das Augenlicht zum Auge oder die Kerze zum Wachs. Das eine ist demnach vom anderen nicht zu trennen und damit widerspricht der Schüler Platons der Auffassung seines Lehrers fundamental.
Aristoteles unterscheidet verschiedene Seelenvermögen. Die Seele ist erst einmal das Lebensprinzip aller Lebewesen – Pflanzen, Tiere, Menschen. Unterschiedliche Lebewesen besitzen unterschiedliche Seelenvermögen und danach klassifiziert er die Lebewesen:
Pflanzen besitzen das vegetative Seelenvermögen, das für das Wachstum und den Stoffwechsel verantwortlich ist.
Alle Tiere verfügen darüber hinaus über das sensitive Vermögen, die Fähigkeit zur Sinneswahrnehmung, wenn auch manche nur den Tastsinn besitzen, den einzigen Sinn, den jedes Tier hat. Bereits aus dem Tastsinn ergibt sich die Unterscheidung von Angenehmem und Unangenehmem und damit das Begehren, also ein Gefühlsleben.
Allein die Seele des Menschen besitzt über das vegetative und sensitive Vermögen hinaus intellektuelles Vermögen, also die Fähigkeit zur Vernunft. Diese hat sich somit erst in der letzten von drei Phasen der seelischen Entwicklung, der menschlichen Phase, entfaltet. Die erste nennt Aristoteles also die vegetative (wachsende), die zweite die animalische (durchsetzungsfähige) Phase und die dritte Phase die der menschlichen Vernunft.
Ist die Vernunft des Menschen unsterblich?
Damit die Vernunft Erkenntnisse gewinnen kann, ist das Vorstellungsvermögen (phantasía) von Nöten. Dieses Vorstellungsvermögen definiert Aristoteles als eine Bewegung, die durch den Vollzug einer Sinneswahrnehmung erzeugt wird. Zu diesem Vorstellungsvermögen kommt das „Strebevermögen“, Erkenntnisse auch gewinnen zu wollen, hinzu. Damit im Menschen die Vernunft wirklich und nicht nur möglich ist, bedarf es eines aktiven und eines passiven Prinzips. Die aktive (oder tätige, wirkende) Vernunft ist in der Lage, zu abstrahieren, Schlüsse zu ziehen und Meinungen zu bilden. Die passive Vernunft wird biologisch vererbt, die aktive dagegen kommt „von außen“ in den Menschen hinein und ist damit unvergänglich, wie Aristoteles meint.
Unsterblichkeit der Seele durch die Hintertür?
Dass Aristoteles die „aktive Vernunft“ als von außen hinzukommend und unvergänglich bezeichnet, überrascht und scheint Platons Dualismus und seiner göttlichen Seele sehr nahe zu kommen.
Im Unterschied zu Platon und beispielsweise zur christlichen Seelenlehre proklamiert Aristoteles aber keine Unsterblichkeit der einzelnen Personen bzw. Individuen. Für Aristoteles bleibt es also dabei: auch wenn er die Vernunft des Menschen als eine universelle unvergängliche Eigenschaft definiert, gehen die individuelle Vernunft und die Seele zuletzt mit dem Tod des Körpers unter.
Wenn Platon also die Menschen mit einer unsterblichen Seele ausstattet, die bei der Geburt von außen hinzugefügt wird, dann entgegnet Aristoteles, dass der menschliche Körper bei der Geburt nur das Potenzial zu vernunftgesteuerten Erkenntnissen mitgeliefert bekommt. Daher vollzieht sich das Denken, so Aristoteles, nur durch Vorstellungen, die aus der Sinneswahrnehmung abgeleitet sind und nicht durch eine Seele, die in ihrem früheren Dasein die Welt der Ideen geschaut habe.
Tabula Rasa
Diese Aussage von Aristoteles, wonach der menschliche Geist über keine angeborenen Kenntnisse verfügt, sondern zu Beginn des Lebens einer unbeschriebenen Tafel gleicht, negiert Platons Thesen über die Seele als Ursprung unserer Erkenntnisse. Dass der menschliche Intellekt, so Aristoteles, von der Seele Wahrheiten erlangen kann, hält er für unhaltbar. Der Intellekt ist seiner Ansicht nach bei der Geburt ein „Tabula rasa“ und er erlangt Wissen nur durch „Anschauung“ aus den Sinnen, keinesfalls jedoch von der Seele.
Weichenstellung für die Zukunft des Menschen
Eigentlich, so könnte man sagen, haben Platon und sein Schüler Aristoteles die gegensätzlichen Positionen zum Thema Leib und Seele vollständig ausgearbeitet und „nur“ zur Diskussion gestellt. In der Folge wurde aber klar, dass beide Positionen auch das Zeug hatten, die Welt zu verändern. Es dauerte drei Jahrhunderte, als die Kirche den Dualismus Platons und die Unsterblich der Seele als Grundlage ihres Glaubens wählte, und damit das Leben der Menschen vollständig verändert.
Engültig gekippt hat die ganzheitlichen Denkweise des Hippokrates schließlich Platon, der große Philosoph der Antike. Er wollte, ganz in der Tradition der Orphiker, von der Einheit des Körpers und der Seele nichts wissen und gilt seither als der Philosoph des Dualismus. Durch seine Trennung von Leib und Seele wurde er für den Apostel Paulus und die frühen Kirchenväter zum Vordenker. Besonders für das Christentums waren seine Ideen wegweisend.
Sokrates’ Tod war für Platon nur zu ertragen, wenn dessen Seele nach dem Ableben sich als unsterblicher Teil vom Körper scheidet und unabhängig fortlebt. In seiner Lehre für die Unsterblichkeit der Seele wird der Dualismus philosophisch geadelt. Und weil eine göttliche Seele natürlich auch moralisch gut sein muss, hat Platon mit seiner Philosophie gleich eine Begründung für eine asketische Moral und eine von Gott gegebene Lebensweise mitgeliefert. (Wikipedia: Phaidros)
Die göttliche Seele
Solange die Seele mit dem Körper auf Erden verbunden ist, so Platon, greifen die körperlichen Übel auf sie über und so kann die Sehnsucht des Menschen nach endgültiger Wahrheit nicht befriedigt werden. In der „Schule von Athen“ (Bild) werden jene philosophischen Fragen, wie das Leib-Seele-Problem diskutiert und für die Nachwelt formuliert.
Basis für 2000 Jahre christliches Abendland
Wenn „reine Erkenntnis“ wegen dieser unheilvollen Verbindung von Leib und Seele nicht möglich ist, dann können wir nur eines von beidem: entweder wir gelangen als Mensch niemals zum Verständnis oder mit Hilfe einer unsterblichen Seele. Und Platon entschied sich dafür, dass es eine unsterbliche Seele geben sollte und lieferte dafür in seinem berühmten Werk „Phaidros“ eine ausführliche philosophische Begründung: was Wissen, was Gerechtigkeit, was das Schöne und Gute ist, was Größe, Gesundheit, Stärke und mit einem Wort, was das Wesentliche von allen irdischen Dingen ist, kann nur durch ein Sich-Erinnern erlangt werden.
Daher müsse die Seele vor der Geburt existiert und dabei auch die Götter jenseits des Irdischen geschaut haben. Wie man sich dieses jenseitige Schauen vorstellen könnte, beschreibt Platon so: „die geflügelte Seele lenkt ihren Seelenwagen durch das Himmelsgewölbe“ und „sofern die Seele nicht abstürzt oder anderweitig scheitert, kann sie einen „überhimmlischen Ort“ erreichen, wo sie die „platonischen Ideen“ wahrnimmt, darunter die Idee des Schönen, das heißt das Urbild alles Schönen.
So einfach! Die Unsterblichkeit der Seele nahm damit jedenfalls ihren Lauf. Der Monismus hat sich in der antiken Geistesgeschichte also nicht durchgesetzt. Der Dualismus entwickelte sich zur herrschenden Strömung des abendländischen Denkens. Dass Platon damit die philosophische Basis des christlichen Abendlandes und aller späteren Religionen des Eingott-glaubens geschaffen hat, konnte er nicht ahnen.
1Platons Unsterblichkeitslehre im Dialog des Phaidros ist entnommen aus: Betrand Russel: Philosophie des Abendlandes.
Das ganzheitliche Denken des Hippokrates hatte in Griechenland keinen Bestand. Angefangen hat die Trennung von Leib und Seele in der griechischen Mythologie. Orpheus selbst ist wohl nur eine Phantasiegestalt, aber die Lehre der Orphiker ist bekannt, sie glaubten an die Seelenwanderung. Im menschlichen und tierischen Dasein gibt es ein belebendes Prinzip, das den Tod des Körpers überdauere. Beim Ableben trennt sich diese Instanz, die „Seele“, vom Körper und begibt sich als dessen schattenhaftes Abbild in die Unterwelt.
Dadurch erhielt die Seele eine zuvor unbekannte Autonomie. Ihre Verbindung mit einem Körper ist bloß eine Episode in ihrem Dasein. Sie galt nun nicht nur als unsterblich, sondern wurde auf eine vom vergänglichen Körper unabhängige und gottähnliche Basis gestellt. Diese Trennung hatte auch zur Folge, dass der Mensch zu einem der Moral verpflichteten Wesen wurde. Wer gut lebt, wird seelisch belohnt, wer schlecht lebt, dessen Seele wird bestraft. Zuvor galt in der griechischen Antike der menschliche Körper und die Menschen selbst der moralischen Gleichgültigkeit der Natur unterworfen.
Wer schlecht lebt, wird bestraft
Eine Moral, wie wir sie kennen war den alten Griechen so fremd wie ihren Göttern im Olymp. In Fragen wie Treue, Fairness, Gerechtigkeit, Raub und Totschlag herrschten die Naturgesetze. Mit dem Mythos der Orphiker wurde die Seele zur Instanz über Gut und Böse und damit zum Grundstein der Religionen.
Die Heimat der Seele
Wer schlecht lebt muss büßen, die Seele wird gezwungen, im Naturkreislauf zu verbleiben und kann sich auch in einem Tier wiederfinden. Endgültig kann sie die Körperwelt verlassen, wenn sie einen bestimmten Erlösungsweg beschreitet. Das Ziel ist dauerhaftes glückseliges Dasein im Jenseits, ihrer Heimat.
Mit dem Mythos der Befreiung der Seele vom vergänglichen Körperwollten die Orphiker dem Menschen etwas Gutes tun.Doch sie haben damit auch das ganzheitliche Denken ins Wanken gebrachtund so dem Körper eine unheilvolle Zukunft beschieden.
1 Der Eintrag über die Orphiker bei Wikipedia zählt zu den Exzellenztexten in diesem Web-Lexikon.
Gibt es eine Seele? Ein vom Körper unabhängiges Etwas, das von Gott geschaffen wurde, unsterblich ist und unser irdisches Dasein überdauert? Oder gibt es dieses etwas gar nicht und es gibt in Wirklichkeit nur einen Körper, der ganzheitlich zu betrachten ist, wie Hippokrates meint. So oder so, auf unsere Art zu leben hat die Antwort auf diese Frage einen entscheidenden Einfluss, hängt davon doch ab, ob wir uns im Leben mehr um die (unsterbliche) Seele oder um den (vergänglichen) Körper kümmern sollten. (Hippokrates: Urvater der Medizin. Wissen.de)
Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Körper und Geist ist eine zentrale Frage seit der Antike und wird gewälzt seid Philosophen über Gott und die Welt nachdenken. Bei dem sogenannten „Leib-Seele-Problem“ stehen sich zwei gegensätzliche Ansätze gegenüber: die Monisten und die Dualisten. Die Monisten sehen Leib und Seele als Einheit, für die Dualisten sind Leib und Seele zwei voneinander getrennte Phänomene in einem Körper.
Der Mensch, ein beseelter Leib?
Als einen der frühen Monisten kann man den Arzt und Philosophen Hippokrates im 5. Jahrhundert vor Christus bezeichnen. Für viele Mediziner gilt er als derjenige Arzt der Antike, mit dessen Namen sich der Schritt von der Mythologie zur Logik im medizinischen Denken verbindet. Der Mensch erschien Hippokrates als ein Ganzes, als beseelter Leib. Körper und Seele sind untrennbar miteinander verbunden, beeinflussen sich gegenseitig und gehen im Tod gemeinsam unter.
Das Neue an Hippokrates:
Hippokrates hat den Menschen und seine Krankheit stets als Einheit gesehen und kann deshalb als erster Ganzheitsmediziner bezeichnet werden. Er fragte bei seinen Behandlungen seine Patienten immer auch nach deren Umfeld und nach ihrer Lebensweise! Er glaubte zudem an die Selbstheilungskräfte des Körpers und ging mit allzu radikalen Behandlungsmethoden eher vorsichtig um. »Unsere Körper sind die Ärzte unserer Krankheiten«. Worte, die heute wieder viel Zustimmung finden.
Keine Mühen scheuen
So wie Hippokrates Körper und Geist als eine Einheit betrachtete, gilt er für die Medizinhistoriker als der Begründer der Psychosomatik. Bekannt wurde Hippokrates auch, weil er von seinen Patienten etwas bis dahin einmaliges verlangte: wenig essen, viel bewegen und keine Mühen und Beschwerlichkeiten auslassen.1 Hippokrates war überzeugt, wenn der Mensch etwas für seine Seele tun wollte, für den Geist und die psychische Gesundheit, dann muss er den Körper gesund erhalten, sich bewegen und sportlich aktiv sein.
Hätte sich Hippokrates mit seiner ganzheitlichen Denkweise in der Antike durchgesetzt und in der Philosophie Bestand gehabt, wäre die Geschichte Europas anders verlaufen. Wer, wie bei der ganzheitlichen Denkweise, Geist und Seele im Tod mit dem Körper untergehen lässt, tut sich schwer mit Heilsversprechen und wird wenig Bereitschaft für Religionskriege finden.
Menschliche Hybris:
Wenn der Mensch behauptet,seine Seele sei ihm bei der Zeugung von Gott hinzugefügt worden,dann ist das so, als wollte der Apfelbaum erklären, der Geschmackseiner Äpfel werde seinen Früchten bei der Baumblüte vom „Gott des Apfels“ beigemischt.
Diese Hybris aber, wonach die Seele gottgegeben sei, führt geistesgeschichtlich in einer Linie zu Orpheus, dem Mystiker der Seele über Platon, den philosophischen Begründer ihrer Unsterblichkeit hin zu den christlichen Kirchenvätern, die schließlich die Seele als heilig und den Leib des Menschen als „des Teufels“ der Verbannung preisgegeben haben. Dazu die nachfolgenden Beiträge.
1Anmerkung: Die Ausdrücke Geist und Seele werden im Text nicht unterschieden. Im Sprachgebrauch unterscheiden sie sich dadurch, dass man dem Geist den Bereich des rationalen Überlegens und Handelns zuordnet, der Seele dagegen den Bereich der Gefühle und der Intuition.
Das Verhältnis von Leib und Seele zueinander ist seit fast dreitausend Jahren Gegenstand der Auseinandersetzung in der abendländischen Philosophie. Stets drehte es sich um die Frage, ob der Mensch sich mehr um sein Seelenheil oder mehr um die Gesundheit des Körpers bemühen soll.
Von den Sinnen über’s Rechenzentrum an die Muskeln
Die Nonnenstudie und das Rush Memory and Aging Project sind langfristige Beobachtungsstudien: Man begleitet viele ältere Menschen über Jahre, testet regelmäßig Gedächtnis und Denken, erfasst Lebensstil-, Gesundheits- und Umweltfaktoren und untersucht später oft auch das Gehirn nach dem Tod. In solchen Studien wird nichts „verordnet“ oder gezielt verändert, die Forschenden beobachten nur, was im natürlichen Leben passiert, und schauen, welche Gewohnheiten, Risiken oder Schutzfaktoren mit mehr oder weniger Demenz zusammenhängen. Daraus entstehen wichtige Hinweise, zum Beispiel dass Bildung, geistige Aktivität, Bewegung, soziale Kontakte und Kontrolle von Herz-Kreislauf-Risiken vermutlich helfen können. Diese Ergebnisse beweisen aber noch nicht eindeutig Ursache und Wirkung. Genau hier setzen Interventionsstudien zur Alzheimerprävention an: Dort wird gezielt eingegriffen, zum Beispiel mit Programmen zu Ernährung, Bewegung, geistigem Training und medizinischer Risikokontrolle, und die Teilnehmenden werden per Zufall in Gruppen eingeteilt. So lässt sich viel klarer testen, ob solche Maßnahmen den geistigen Abbau wirklich verlangsamen. Kurz gesagt: Beobachtungsstudien wie die Nonnenstudie und das Memory and Aging Project liefern die Grundlagen und Hypothesen und die Interventionsstudien prüfen dann, ob diese Ideen tatsächlich funktionieren.
9.1. Bewegungskontrolle ist das Zusammenspiel zahlreicher Hirnregionen
Mit der Nonnenstudie und dem Memory of Age Project wurden zwei bahnbrechende Untersuchungen geschaffen, die wesentliche Grundlagen für nachfolgende Interventionsstudien zur Demenzprävention gelegt haben. Beide zeigen, dass geistige Gesundheit im Alter nicht allein vom Vorhandensein von Hirnschädigungen abhängt, sondern maßgeblich davon, wie das Gehirn über Jahre hinweg beansprucht, trainiert und unterstützt wird. An diesen Punkt könnte eine neue Forschungsrichtung anknüpfen: die systematische Erforschung eines sogenannten „Datenkreislaufsystems“ – also eines zweiten, den gesamten Körper organisierenden Regel- und Übertragungssystems neben dem bekannten Herz-Kreislauf-System.
Dieses Datenkreislaufsystem umfasst die Gesamtheit der neuronalen Verbindungen: von den Sinnesorganen über das „Rechenzentrum“ Gehirn bis hin zu den Muskeln. Unsere Sinne liefern nicht „fertige Wirklichkeit“, sondern Datenströme, die das Gehirn fortlaufend verarbeitet, bewertet und in Wahrnehmung, Entscheidungen und Handlungen übersetzt. So entsteht unsere erlebte Welt – Tag für Tag neu. Ob wir Musik als angenehm oder störend empfinden, wie wir Geschmack, Bewegung, Sicherheit oder Schönheit erleben, hängt davon ab, wie dieses neuronale Datenverarbeitungs- und Übertragungssystem organisiert und trainiert ist.
Während das Herz-Kreislauf-System dafür sorgt, dass der Körper dauerhaft leistungsfähig bleibt, entscheidet das Datenkreislaufsystem über die Qualität der Bewegung und die Leistungsfähigkeit des Geistes. Wie das Blut in Sekunden durch den Körper fließt, so bewegen sich Informationen im Millisekunden-Takt durch das Nervensystem. Und so wie jeder weiß, dass das Herz-Kreislauf-System im Alter trainiert werden muss, spricht vieles dafür, dass auch das neuronale Datennetz gezielt gepflegt und herausgefordert werden sollte – vor allem im Hinblick auf Demenzvorbeugung.
9.2. Bewegung nicht länger pauschal bewerten
Der wissenschaftliche Zugang hierzu findet sich eindrucksvoll in der Forschung zur Bewegungskontrolle. Sie zeigt, dass Bewegung nicht einfach eine reine Muskelaktivität ist, sondern ein hochkomplexer, lernfähiger Regelkreislauf zwischen Sinnesrückmeldung, Planung, Ausführung und Korrektur. Motorkortex, Kleinhirn, Basalganglien, sensorische Areale und Assoziationsfelder arbeiten in ständigem Austausch. Jede Bewegung ist ein fortlaufender Datenprozess, der das Gehirn fordert und verändert. Dabei wird deutlich: Nicht jede Bewegung fordert das Gehirn gleichermaßen. Monotone, gleichförmige Bewegungen – wie immer gleiche Laufstrecken oder routinierte Fitnessübungen – beanspruchen die höheren kognitiven Netzwerke kaum und werden schnell automatisiert. Sie sind gut für Herz, Muskeln und Ausdauer, aber nur begrenzt „Gehirntraining“.
Ganz anders sind Bewegungen, die Koordination, Variation und schnelle Anpassung erfordern – etwa Tanzen, Ballspiele, Tischtennis, Musizieren, Gleichgewichtstraining, Surfen oder anspruchsvolle Naturbewegungen. Hier muss das Gehirn ständig Situation bewerten, Gleichgewicht sichern, sensorische Informationen integrieren, Entscheidungen treffen, Fehler korrigieren und neue Lösungen entwickeln. Solche Bewegungen aktivieren genau jene Hirnregionen, die in frühen Demenzstadien besonders gefährdet sind. Sie machen verständlich, warum nicht „jede Bewegung“ gleichermaßen hirnschützend wirkt und warum Demenzprävention eher eine Frage der „richtigen“, qualitativ anspruchsvollen Bewegung ist als nur eine Frage von Dauer, Puls oder Schrittzahl.
Ein zukünftiger Forschungsansatz könnte dieses „Datenkreislaufsystem“ systematisch erfassen und messbar machen. Anstatt nur Trainingszeit, Herzfrequenz oder Schrittzahl zu zählen, könnten Studien untersuchen: Wie komplex ist eine Bewegung? Wie oft entstehen unvorhersehbare Situationen? Wie vielfältig ist das Bewegungsrepertoire eines älteren Menschen? Welche Muster hängen mit stabiler oder verbesserter geistiger Leistungsfähigkeit zusammen? Verbunden mit den Erkenntnissen der Nonnenstudie – dass geistige Stabilität trotz Hirnschädigung möglich sein kann – und den Perspektiven des Memory of Age Project – Altern als aktiven Anpassungsprozess zu verstehen – entsteht ein schlüssiges Gesamtbild: Nicht allein Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder Ausdauertraining bestimmen geistige Gesundheit, sondern vor allem die Qualität der neurologischen Beanspruchung im Alltag.
So wird deutlich, dass ein datenbasierter, neurowissenschaftlich fundierter Blick auf Bewegung weit mehr ist als Fitnessdenken. Er liefert einen theoretischen und praktisch überprüfbaren Ansatz für zukünftige Demenzpräventionsstudien: Wenn das Herz-Kreislauf-System für körperliche Leistungsfähigkeit zuständig ist, dann ist das Datenkreislaufsystem für geistige Vitalität verantwortlich – und beides lässt sich trainieren. Der Schlüssel liegt nicht in bloßer Bewegung, sondern in Bewegung, die das Gehirn fordert, überrascht und zu kontinuierlichem Lernen zwingt.
9. 3. Salto mit Schraube: zwei Sekunden Aktion im Rechenzentrum
Am Beispiel eines Turmspringers vom Zehn-Meter-Turm lässt sich gut erklären, wie das „Datenkreislaufsystem“ des Körpers in wenigen Sekunden arbeitet. Schon bevor der Springer abspringt, sammelt sein Körper ununterbrochen Informationen: Die Augen liefern Bilder von Beckenrand, Höhe und Wasseroberfläche, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet die Lage im Raum, und Muskeln sowie Gelenke geben Rückmeldung über Spannung und Körperhaltung. All diese Daten strömen ins Gehirn und werden dort blitzschnell verarbeitet. Gleichzeitig ruft das Gehirn frühere Erfahrungen und Trainingsabläufe ab und plant, was gleich passieren soll: Anlauf, Absprung, die Drehungen in der Luft und schließlich das Eintauchen ins Wasser.
Mit dem Absprung beginnt dann ein permanenter Kreislauf aus „Handeln und Rückmelden“. Das Gehirn schickt Befehle an die Muskeln, die den Körper in Drehung und Schraube versetzen. Gleichzeitig fließen aus den Sinnen sofort wieder neue Informationen zurück: Wie schnell dreht sich der Körper? Wo befindet er sich im Raum? Stimmt die Richtung? Passt die Körperhaltung? Diese Rückmeldungen werden in Bruchteilen von Sekunden verarbeitet, und das Gehirn nimmt ständig kleine Korrekturen vor. So werden Drehgeschwindigkeit, Spannung, Gleichgewicht und Ausrichtung laufend angepasst, ohne dass der Sportler bewusst darüber nachdenken muss.
Kurz vor dem Eintauchen arbeitet das System noch einmal auf höchster Stufe. Der Springer fixiert die Wasseroberfläche, richtet den Körper exakt aus, spannt sich auf und bringt Arme und Kopf in die richtige Position. Erst mit dem Eintauchen ist dieser hochpräzise Steuerungsvorgang abgeschlossen.
Dieses Beispiel zeigt, dass Bewegung nicht einfach „Muskelarbeit“ ist, sondern ein hochkomplexer Datenprozess: Wahrnehmen, Verarbeiten, Entscheiden und Steuern greifen ständig ineinander. Besonders anspruchsvolle Bewegungen – wie beim Turmspringen – fordern das Gehirn intensiv, weil viele Hirnregionen gleichzeitig arbeiten müssen. Genau das macht das Beispiel so wertvoll: Es macht deutlich, dass Bewegung auch „Gehirntraining“ sein kann und dass komplexe, abwechslungsreiche Bewegungen die geistige Leistungsfähigkeit besonders stark beanspruchen und möglicherweise langfristig stabilisieren können
1 Der Wikipedia-Beitrag zur Bewegungskontrolle ist eine hervorragende wissenschaftliche Grundlage für die Frage, wie durch gezieltes Training “geplante und ungeplante Bewegungen so ablaufen, dass deren beabsichtigtes Ziel sicher erreicht wird”. Ein sehr zu empfehlende Abhandlung für jeden, der sich des Themas “Demenzvermeidung durch Bewegung” annehmen will.
Hirngesundheit: Viele sind körperlich aktiv, aber falsch beraten
Im Zusammenhang mit der Frage, ob es neue Forschungsstudien zur „Demenzvermeidung durch vielseitig ausgeführte, koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten“ braucht, wird häufig angeführt, dass es zur Vermeidung von Alzheimer kein Erkenntnis-, sondern lediglich ein Umsetzungsproblem gebe. Dieser Sichtweise ist zu widersprechen. Das Gegenteil ist richtig: Wir haben ein Erkenntnis-, aber kein Umsetzungsproblem.
Diese Einschätzung stützt sich zum einen auf alltäglichen Beobachtungen in den Parkanlagen und auf den Fußwegen. Dort sieht man viele ältere Menschen, die joggen oder mit Stöcken ihre Runde drehen. Und zum anderen haben Studien bei älteren Erwachsenen ab 65 Jahren ergeben, dass immerhin 43 % im Alter zwischen 65 und 79 Jahren und 25 % der über 80-Jährigen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezüglich Ausdaueraktivität erfüllen. Kurz gesagt: Viele tun genau das, was ihnen zur Prävention von Alzheimer von den Fachleuten empfohlen wird. Und dennoch steigen in Deutschland auch bei diesen die Zahlen mit diagnostizierter, manifester Alzheimer-Demenz.
Die WHO unterscheidet nicht – und das ist ein Problem
In ihren Empfehlungen macht die Weltgesundheitsorganisation keinen differenzierten Vorschlag für verschiedene Altersgruppen oder für Menschen, die sich bereits in einer Vorstufe der Demenz befinden. Für 50-Jährige mit noch intakten neuronalen Netzwerken mag ein „gesundes Leben“ kombiniert mit dreimal wöchentlichem Ausdauersport völlig ausreichend sein. Für 70-Jährige jedoch, bei denen sich bereits erste kognitive Veränderungen zeigen und die aktiv gegensteuern wollen, reichen monotone (geistlose) Bewegungsformen nicht mehr aus.
Dass eine weltweit anerkannte Gesundheitsinstitution für alle Menschen – unabhängig von Alter und Risikokonstellation – dieselben, weitgehend wenig anspruchsvollen Bewegungsarten empfiehlt, ist zumindest fragwürdig. Wirklich hilfreich wären vielmehr multidimensionale, koordinative Reize, die neuronale Netzwerke herausfordern, aktivieren und neu strukturieren.
Nebenbei bemerkt
Die Lancet-Kommission der WHO nennt selbstverständlich zahlreiche weitere Faktoren zur Demenzprävention, wie Diabetes, zu hoher Blutdruck, ungesunde Ernährung und andere Lebensstilmaßnahmen. Für Menschen im Alter von über 70 Jahren, deren Lebensführung sich über Jahrzehnte gefestigt hat, spielen diese Faktoren jedoch nur noch eine untergeordnete, real kaum noch veränderbare Rolle.
Was jetzt nötig ist
Forschungsinstitute sind aufgefordert, durch geeignete Studien jene Erkenntnisse zu ergründen, die Menschen mit MCI dazu befähigen, ihre geistige Gesundheit möglichst lange zu erhalten. In Deutschland gibt einen immensen Bedarf bei den rund drei Millionen Menschen, die sich bereits in einer Vorstufe der Demenz befinden. Sie wollen wissen, wie sie die Krankheit noch vermeiden können.
Diese Menschen haben ein großes Interesse an wirksamen, alltagsnahen und selbstbestimmten Möglichkeiten, ihre kognitiven Fähigkeiten zu stabilisieren oder sogar zu verbessern. Und die heutige wissenschaftliche Forschung ist es ihnen schuldig.
Kraft- und Ausdauersport, Dehnungs- und Faszienübungen sei allen empfohlen, die körperlich gesund bleiben wollen. Bei Empfehlungen dagegen, wie geistige Gesundheit zu erhalten ist, sollte sich Grundlegendes ändern. Statt weltweit die gleichen Rezepte zu empfehlen ist eine Differenzierung von Land zu Land nötig. Dies lässt sich einfach erklären: bei koordinativ anspruchsvollen Aktivitäten gibt es große regionale Unterschiede. In jedem Land treibt man aus historisch gewachsener Tradition heraus Sport auf eine andere Weise. Kraft und Ausdauer werden überall gleich trainiert, aber alles koordinativ Anspruchsvolle überall anders.
Länderspezifisch gibt es viele interessante Beispiele: In Frankreich spielen alte Männer stundenlang Boule. Da für braucht es eine gute Auge-Hand-Koordination. In Deutschland geht man dafür gerne Kegeln und Stockschießen.
In China wird traditionell Tai Chi gepflegt, was Balance, Flexibilität und Koordination erfordert.
In Japan ist Kalligraphie, also die Kunst des schönen Schreibens mit Pinsel und Tinte, eine beliebte Beschäftigung. Sie erfordert Präzision, Konzentration, eine gut geschultes Auge und eine ruhige Hand.
Länderübergreifend sind die meisten aller Ballsportarten wie Tischtennis, Fußball, Volleyball, Baseball und Basketball verbreitet. Ihnen allen ist eigen, dass sie hohe Konzentration, Koordination, Rhythmus, Beweglichkeit und Teamarbeit erfordern.
In Indien hat Yoga eine Jahrtausende alte Tradition, wird aber auch länderübergreifend ausgeübt. So ist es auch überliefert in Nepal, Tibet, Thailand und Bali. Gefordert und gefördert werden dabei eine Vielzahl von koordinativen Fähigkeiten: Körperwahrnehmung, Gleichgewicht, Koordination, Flexibilität, Konzentration und Atmungskontrolle.
Als länderübergreifend in den westlichen Industrieländern kann beispielhaft das Golfspiel genannt werden. Es wird oft noch im Alter ausgeübt und fordert Gleichgewicht, eine Auge-Hand-Koordination, Rhythmusgefühl, Raumorientierung, Reaktionsfähigkeit und Körperwahrnehmung, um den Schwung korrekt zu steuern.
Weltweit überall, bis hinein in jedes Dorf, bei allen Festen, in Hinterhöfen und Ballsälen, gibt es, wenn Freude aufkommen soll, nur eines: Tanzen. Volkstänze, ob in Reihen oder im Kreis erfordern Beweglichkeit Konzentration, Rhythmusgefühl und Körperbeherrschung.
Das Ziel ist ein hehres
Die wissenschaftliche Forschung, will sie zu Ergebnissen kommen, wie weltweit der Demenz etwas entgegengesetzt werden kann, muss sich also differenzieren. Es braucht Studien in allen Regionen, die sich auf die länderspezifischen körperlich anspruchsvollen Aktivitäten konzentrieren, um daraus jene Erkenntnisse zu gewinnen, wie die Menschen eines jeden Landes im Alter geistig fit bleiben können. Die daraus gewonnen Ergebnisse werden dann der Weltgesundheitsorganisation übermittelt, die daraus ein Gesamtbild für alle Länder mit Vorschlägen erstellen könnte, wie sich die Menschen im Alter im jeweiligen Land vielseitig und koordinativ anspruchsvoll bewegen könnten.
Nur einmal angenommen …
… wenn es stimmt, dass Ausdauertraining dem Gehirn wenig bringt, alles koordinativ Anspruchsvolle es dagegen gesund erhält, dann schmeißt das alles um. Dann müssen Fachleute ihre Empfehlungen überdenken, Alzheimerforschung muss sich neu orientieren und alle Demenzstrategien, angefangen von jener der WHO bis hin zu der eines jedes Einzelnen auf den Prüfstand.