Nach der Definition analysieren Beobachtungsstudien natürliche Zustände oder Entwicklungen ohne gezielte Intervention, in einer Interventionsstudie dagegen wird „gezielt in den Untersuchungsprozess eingegriffen, um die Auswirkungen dieser Maßnahme empirisch zu messen“. Beides zusammen, also analysieren und gezielt eingreifen ist ein neuer Ansatz, den das sogenannte „FIT4BRAIN-Projekt“ gewählt hat. Damit eröffnen sich ganz neue Perspektiven und hat das Potenzial eine neue Epoche in der Demenzforschung einzuläuten.
Die FIT4BRAIN-Studie ist ein deutsches Forschungsprojekt. Das interdisziplinäre Team stammt überwiegend von der Friedrich-Schiller-Universität Jena bzw. dem Universitätsklinikum Jena (Neurologie, Neurowissenschaften, Sportwissenschaft, Medizin und Psychologie) und arbeitete dort in enger klinischer und wissenschaftlicher Kooperation zusammen. Ihre Studie wurde am ersten Oktober 2025 veröffentlicht. Beteiligt waren erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich seit vielen Jahren mit gesundem Altern, Gehirnplastizität und den Effekten von Bewegung auf die geistige Leistungsfähigkeit beschäftigen. Die Studie wurde als hochwertige, randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie konzipiert und dabei wurden ältere Erwachsene zufällig entweder einer Bewegungsgruppe oder einer aktiven Kontrollgruppe zugeteilt. Alle Untersuchungen fanden vor und nach der achtwöchigen Trainingsphase statt; neben Fitness- und Gesundheitsmessungen kamen moderne MRT-Gehirnscans sowie computergestützte Auswertungsverfahren zum Einsatz. Besonders innovativ war, dass in dieser Studie nicht nur klassische Ausdauerbewegung, sondern bewusst auch koordinativ anspruchsvolle Übungen wie Yoga und Jonglieren untersucht wurden, die Körper und Gehirn gleichzeitig fordern.
Potenzial für eine Paradigmenwechsel?
Besonders spannend war die Auswertung der MRT-Daten mithilfe moderner Computermodelle, die das sogenannte „Gehirnalter“ bestimmen. Dabei wird berechnet, wie alt das Gehirn biologisch wirkt – unabhängig vom kalendarischen Alter. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Bei den Teilnehmenden, die das koordinativ anspruchsvolle Bewegungsprogramm absolvierten, wurde das Gehirn nach acht Wochen im Durchschnitt „jünger“. Ihr Gehirn zeigte also messbare Anzeichen dafür, dass es biologisch gesünder und leistungsfähiger erschien.
In der Kontrollgruppe blieb das Gehirnalter weitgehend gleich oder nahm sogar leicht zu. Damit zeigt diese aktuelle Studie, dass schon vergleichsweise kurze Zeiträume gezielter, vielseitiger Bewegung einen positiven Einfluss auf das Gehirn älterer Menschen haben können.
Bei genaueren Analysen zeigte sich zusätzlich ein weiterer wichtiger Befund: Besonders stark profitierten Menschen, die zu Beginn körperlich weniger fit waren. Bei ihnen konnte nicht nur eine Verbesserung des Gehirnalters festgestellt werden, sondern auch subtile strukturelle Veränderungen in bestimmten Hirnregionen, die mit Motivation, Belohnung und Steuerung von Verhalten zu tun haben. Das ist bedeutsam, weil genau diese Regionen dabei helfen können, gesunde Verhaltensweisen beizubehalten – also weiter aktiv zu bleiben.
Natürlich hat die Studie auch Grenzen. Sie lief über acht Wochen, umfasste eine begrenzte Teilnehmerzahl und untersuchte überwiegend gesunde und grundsätzlich aktive ältere Menschen. Zudem wurden von den Probanden „nur“ zwei koordinativ anregende Aktivitäten (Yoga und Jonglieren) gefordert, was für die Komplexität und Weiträumigkeit des Gehirns eher wenig erscheint. Dennoch sind die Ergebnisse in ihrer Aktualität und Aussagekraft sehr wichtig: Zum ersten Mal konnte in einer modernen, kontrollierten Interventionsstudie gezeigt werden, dass ein Bewegungsprogramm, das nicht nur Ausdauer fördert, sondern auch Koordination und geistige Flexibilität erfordert, messbar positive Effekte auf das biologische Altern des Gehirns hat.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Diese neue, zeitgemäße Studie liefert starke Hinweise darauf, dass Bewegung im Alter weit mehr ist als ein reines „Fitnessprogramm“. Sie ist Training für Körper und Gehirn zugleich. Besonders bewegungsarme ältere Menschen können offenbar deutlich profitieren. Zukünftige Studien sollten klären, wie lange diese Effekte anhalten, ob sie sich weiter verstärken und ob sie langfristig auch Gedächtnisleistungen und Alltagsfunktionen verbessern können. Damit zeigt diese Arbeit einen wichtigen Weg auf: Wer sich bewegt – besonders vielseitig
So kann Bewegung zur individuellen Gehirntherapie werden
Auch mit Blick auf die medizinische Praxis lassen sich aus diesen Ergebnissen wichtige Konsequenzen ableiten. Wenn moderne Bildgebung – wie die in FIT4BRAIN eingesetzte MRT-Diagnostik – strukturelle Veränderungen im Gehirn sichtbar macht, die möglicherweise auf ein erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen oder frühe neurodegenerative Prozesse hinweisen, eröffnet dies für behandelnde Neurologen neue, konkrete Handlungsmöglichkeiten. Ein Neurologe, der nicht nur die medizinischen Befunde, sondern auch die Bedeutung von Bewegung und Neuroplastizität versteht, könnte auf dieser Grundlage individuelle, sinnvoll zugeschnittene Empfehlungen geben. Dabei geht es nicht um starre „Einheitsprogramme“, sondern um gezielt ausgewählte Aktivitäten, die genau jene Funktionen ansprechen, die Unterstützung brauchen: beispielsweise Gleichgewichts- und Koordinationsübungen, wenn die Balance beeinträchtigt ist, jonglierähnliche Aufgaben zur Förderung komplexer Hand-Auge-Koordination, Musik- und Instrumentaltraining zur Aktivierung beider Gehirnhälften oder andere koordinativ anspruchsvolle Tätigkeiten, die das Gehirn aktiv fordern.
So kann körperliche Aktivität im besten Sinne „maßgeschneidert“ werden – nicht nur zur allgemeinen Gesundheitsförderung, sondern als gezielte, wissenschaftlich begründete Stimulation von Gehirnfunktion und Plastizität. Damit wird deutlich: Erkenntnisse wie aus FIT4BRAIN bilden nicht nur ein spannendes Forschungsfeld, sondern weisen zugleich in Richtung einer zukünftigen, modernen Präventions- und Behandlungsstrategie, in der Bewegung, mentale Aktivierung und medizinische Diagnostik sinnvoll zusammengedacht werden. Und genau darin liegt eine große, inspirierende Perspektive: Wir stehen erst am Anfang dessen, was durch klug eingesetzte, vielseitige Bewegung möglich ist – nämlich das Altern des Gehirns aktiv zu beeinflussen, Lebensqualität messbar zu verbessern und vielleicht sogar den Weg zu einer wirklich wirksamen Alzheimerprävention entscheidend mitzugestalten.
Die Ausdauerstudie der Deutschen Sporthochschule Köln, die FINGER-Study und die Agewell-Studie der Uni Leipzig sind nicht die einzigen Studien, die Bewegung als Möglichkeit für demenzfreies Altern untersucht hat. Weltweit wurden auch zuvor schon Studien zum selben Thema durchgeführt. Die Ergebnisse sind übereinstimmend und ernüchternd zugleich:
Bewegung “kann helfen, das Demenzrisiko zu senken”, hat “abschwächende Tendenzen”, und ist “möglicherweise krankheitsverlangsamend“. Das Fazit, wonach die Krankheit allenfalls gebremst wird, könnte also ernüchternder nicht sein.
Weltweit 29 Studien ausgewertet
J. Eric Ahlskog, Professor an der Mayo Klinik in Rochester, Minnesota, wertete im Jahr 2011 die bis dahin 29 wichtigsten Untersuchungen aus. Titel der Metastudie: „Körperliche Bewegung als vorbeugende oder krankheitsmodifizierende Behandlung von Demenz und Gehirnalterung“. (Gesamttext der Metastudie: J. Eric Ahlskog).
Bei allen untersuchten Studien fanden sich bei den Teilnehmern keine Hinweise auf eine nachhaltige Wirksamkeit von regelmäßigem Ausdauertraining. Eigentlich nicht anders zu erwarten, weil das Gehirn stets außen vor blieb. Keine der von den Probanden geforderten Übungseinheiten war für das Gehirn anspruchsvoll. Von den möglichen Aktivitäten hat man ausgerechnet jene genommen, die das Gehirn am wenigsten stimulieren.
Alle Studien setzen auf stupide Ausdauerübungen
Natürlich, die beste Methode zur Stärkung des Herz-Kreislaufsystems ist unbestritten Ausdauertraining. Warum aber gelten lockere Ausdauerübungen als ideale Möglichkeit, das Gehirn im Alter gesund zu erhalten? Eine andere Möglichkeit wären Übungen, für die es in der englischen Sprache einen passenden Ausdruck gibt: „Brain-Exercise“. Übersetzt könnte man sagen, Gehirntraining durch koordinativ fordernde Bewegung und dieses bietet sich zweifellos eher als Ausdauertraining an, wenn es darum geht, geistige Gesundheit zu gewährleisten!
Zur Geschichte der Studien:
Vor mehr als dreißig Jahren konnte mit Hilfe der Nonnenstudie der Zusammenhang von eiweißhaltigen Ablagerungen im Gehirn und der Altersdemenz erschüttert werden. Deshalb galten damals die Lebensgewohnheiten der Nonnen als zuverlässiger Garant gegen die Demenz. Die nachfolgenden Studien zu diesem Thema setzten nicht mehr auf die Lebensweise der Menschen, sondern auf Bewegung, insbesondere auf lockeres Ausdauertraining.
Ausdauertraining war dann für die nächsten 20 Jahre die Norm für die Forschung, um den Nachweis zu liefern, dass Bewegung geistige Gesundheit erhalten kann. Der Nachweis ist bis heute ausgeblieben und die negative Entwicklung bei Alzheimer ist ungebrochen. Dass Ausdauertraining trotzdem bis heute als idealer Ansatz gegen die Demenz gilt, hat zur Folge, dass sich alle zu Unrecht auf der sicheren Seite wähnen, wenn sie ein paar mal die Woche ihre Laufstrecke absolvieren, gelegentlich Radfahren und jeden Tag den Hund ausführen.
Untersuchung einzelner Aktivitäten
Zusätzlich zu den Ausdauerstudien gibt es unzählige weitere, die jeweils eine Aktivität (Tanzen, Yoga, Musizieren, Tischtennis und andere mehr) untersucht haben. Alle haben sie ergeben, dass sie – eher als Ausdauertraining – für die geistige Fitness erkennbar etwas bewirken können. Allerdings, mit nur einer dieser Aktivitäten ist nichts gewonnen. Wie viel und wie vielseitig man sich bewegen muss, damit die Netze lückenlos und intakt bleiben, ist bisher nicht erforscht, die Antwort darauf wäre aber von enormer Bedeutung für Menschen mit ersten Anzeichen der Alterskrankheit. Es zu erforschen wäre den „Schweiß der Götter“ wert.
Sicher ist, wenn man das Fortschreiten verhindern will, braucht es einen bunten Strauß an gehirnfordernden Aktivitäten und eben solchen sportlichen Anstrengungen. Vieles ist bekannt, was noch aussteht ist eine Forschung mit Probanden, die bereit sind, gleich eine Vielzahl von komplex zu koordinierenden Aktivitäten regelmäßig auszuüben. Demenzvermeidung ist nicht von Dauer, wenn sie lediglich als Einzeldisziplin ausgeübt wird. Demenzvermeidung ist ein Zehnkampf.
Die Finger-Studie hat in der Demenzforschung neue Maßstäbe gesetzt. Die Macher der Studie wählten einen „multimodalen Ansatz“ (gesünder ernähren, mehr bewegen, Gedächtnisübungen). Die Uni Leipzig orientierte sich in der 2018 begonnenen „Agewell-Studie“ daran und verpflichtete die Teilnehmer zu ebenso vielseitiger Intervention.Im Einzelnen wurde den Teilnehmern nicht weniger als sechs gesundheitsfördernde Maßnahmen aufgegeben:
Die Probandinnen und Probanden hatten, basierend auf Vorerkrankungen und Lebensstil-Faktoren, ein erhöhtes Risiko für eine spätere Demenz, aber noch keine ersten Anzeichen der Alterskrankheit. Es wurden gegenüber der Finger-Studie zusätzliche Komponenten des sozialen Lebensstils und Empfehlungen zu Über- und Untergebrauch von Medikamenten aufgenommen und die Teilnehmer zu sozialer Aktivität zu ermutigt, da ein aktiver Lebensstil auch im Alter vor Demenz schützen würde. Ebenso wurde von den jeweiligen Hausärzten den Studienteilnehmern bei Bedarf spezifische Empfehlungen zu deren Medikamenteneinnahme geben. Auf das Ergebnis der Studie konnte man gespannt sein.
2023 wurde das Ergebnis veröffentlicht und es zeigt, man kann etwas tun: „Gelänge es, die beeinflussbaren Risikofaktoren um 15 Prozent zu reduzieren, könnten nach den Modellrechnungen von den erwarteten zwei Millionen Krankheitsfällen im Jahr 2033 theoretisch 138 000 verzögert oder vermieden werden. Bei 30 Prozent wären es sogar 265 000 Fälle.“
Die Ergebnisse im Einzelnen:
Die Intervention umfasste die Optimierung von Ernährung und Medikation, sowie die Steigerung der körperlichen, sozialen und kognitiven Aktivität. Insgesamt wurde kein Effekt der Intervention auf die globale Kognition festgestellt, allerdings fand sich ein signifikant positiver Effekt bei Teilnehmenden mit geringer Bildung. In der gesamten Stichprobe verbesserte sich außerdem die soziale Kognition. Außerdem konnte ein positiver Effekt der Intervention auf die gesundheitliche Lebensqualität bei allen Teilnehmenden der Interventionsgruppe feststellen, bei Frauen konnte die Intervention zudem depressive Symptome reduzieren.
Es bleibt dabei: die einzige wirksame Möglichkeit, um im Alter von 60 und mehr Jahren im Stadium beginnender Demenz (MCI) diese noch in Schach halten zu können, sind koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten und regelmäßiger Sport. Diese Behauptung geht davon aus, dass neuronale Schaltkreise nur durch Bewegung gebildet, gestärkt und (falls geschädigt) erneuert werden können. Ausgeschlossen ist demnach, dass man die geschädigten Netze im Alter durch koordinativ anspruchslose Aktivitäten “reparieren” könnte.
Untermauert wird diese Behauptung damit, dass man ja auch in den Therapieräumen von Reha-Kliniken für Schlaganfallpatienten im wesentlichen nur Geräte und Stationen findet, die den Patienten koordinativ anspruchsvolle Aufgaben abverlangen. Da im Unterschied zum Schlaganfall bei der Demenz aber nicht einzelne Bereiche des Gehirns betroffen sind, sondern das gesamte neuronale Netz in Mitleidenschaft gezogen ist, ist es erforderlich, nicht eine oder zwei koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten auszuüben, sondern eine Vielzahl davon. Je mehr, desto besser, weil mit jedem Bewegungsablauf ein anderer Bereich im neuronalen Netz aktiviert wird.
Wenn bei der Agewell-Studie neben all den allgemeinen gesundheitsfördernden Maßnahmen, die den Geist nur wenig fordern, nur zwei mal pro Woche 20 bis 30 Minuten Gleichgewichtstraining abverlangt wird, dann ist das zu wenig. Leider stellen die Menschen im Alter gerade jene sportlichen Aktivitäten ein, bei denen sie koordinativ herausgefordert werden. Diese betreiben sie von Jahr zu Jahr weniger und zuletzt sieht man sie, wenn überhaupt, nur (koordinativ anspruchslos) Walken, Radfahren oder Laufen im Park.
Wenn man sich von der Agewell-Studie erhoffte, dass alte Menschen, speziell wenn sie erste Anzeichen von Demenz verspüren, zu Tanzen, Gleichgewichtsübungen, Tischtennis und zu Koordinativsportarten animiert würden, wird man leider enttäuscht. Die Macher der Studie legten den Schwerpunkt auf gesundes Leben, das für geistige Gesundheit wichtig ist, aber im Alter als Ratschlag zu spät kommt, weil die neuronalen Schäden längst weit fortgeschritten sind.
Die renommierte FINGER-Studie ist der Hoffnungsträger für die Demenzprävention und deren Ergebnisse werden allgemein als Empfehlungen ausgegeben, wie der Alterskrankheit beizukommen wäre. Die Studie, die eine Zusammenarbeit des Karolinska Institutet in Stockholm und des Finnish Institute for Health and Welfare in Helsinki ist, belegt erstmals, dass gesund leben, verbunden mit intensivem Sport und regelmäßigen Denkaufgaben dem geistigen Abbau entgegen wirken. Teilgenommen haben 1.260 ältere Menschen, sie waren zwischen 60 und 77 Jahre alt. Sie hatten zu Beginn der Studie ein leicht erhöhtes Demenzrisiko, waren in Kognitionstests eher “unterdurchschnittlich” und die Cholesterinwerte, Diabetes und Herzkrankheiten waren teilweise sogar ausgeprägt erhöht. Link zur Studie:
Bei dieser Studie zwischen 2009 und 2011 haben die Forscher erstmals einen multimodalen Ansatz zur Demenzprävention gewählt, bei dem sich die Teilnehmer verpflichteten, sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen, auf die kardiovaskulären Risikofaktoren (Neigung zu Herzerkrankungen) zu achten und zuletzt auch noch Gedächtnisübungen zu machen.
“Mehr geht nicht”, könnte man sagen. Die Studienmacher haben ihre Probanden für zwei Jahre zu allem verpflichtet, was man bis dahin zur Demenzprophylaxe als wirksam erachtete. Und was die Studie besonders auszeichnet, es war eine sogenannte „randomisiert-kontrollierte Studie“ und nicht bloß eine epidemiologische (beobachtend) Untersuchung. Randomisiert ist ein Studie, bei der die Teilnehmer für eine bestimmte Zeit danach leben müssen, epidemiologisch ist eine Untersuchung, bei der sie im Prinzip nur befragt werden.
Wenn man die Studie liest und sich dabei die Frage stellt, welche Art der Bewegung von den Teilnehmern gefordert wurde, dann fällt, wie bei allen ähnlich gelagerten Studien, auf, dass das Fitness-Modul aus einem “individuell angepassten Training zur Stärkung der Muskulatur (ein- bis dreimal wöchentlich) sowie Ausdauerübungen im gemäßigten aeroben Bereich zwei- bis fünfmal pro Woche” bestand. Wiederum haben die Teilnehmer also “nur” ihre körperliche Fitness trainiert.
Was lässt sich nun aus diesem bisher einzigartigen Experiment schließen? Immerhin haben sich die kognitiven Leistungen “im Schnitt verbessert”. Die absoluten Veränderungen waren allerdings, wie nicht anders zu erwarten, recht gering und das erstaunlichste Ergebnis war, dass überhaupt messbare Unterschiede festgestellt wurden.
Erneut koordinativ anspruchsloser Ausdauersport!
Für die Frage der Demenzvermeidung im Alter hätte die Studie eine wichtige Unterscheidung treffen müssen: die Faktoren gesunde Ernährung, kognitives Training (Rätsel lösen etc.) und die Behandlung von vaskulären Risikofaktoren haben im Gehirn eine andere Wirkung als regelmäßige körperliche Betätigung. Während erstere „nur“ verhindern, dass das Gehirn geschädigt wird, können körperlich fordernde Aktivitäten Schäden reparieren. Leider haben die Macher der Studie den Teilnehmern für das Fitness-Modul Bewegung keine koordinativ anspruchsvollen sportlichen Aktivitäten abverlangt. Und so war auch das Ergebnis: ihre geistige Fitness blieb fast unverändert.
Die Schulschwestern von Notre Dame wurden nach ihrem Leben befragt, um Antwort darauf zu finden, warum sie trotz massenhafter Eiweißablagerungen im hohen Alter nicht dement waren. Einen Schritt weiter gehen neuere Studien. Sie untersuchen, ob Bewegung im Alter Demenz aufhalten kann.
Sie greifen damit genau die Frage auf, die für ältere Menschen heute enorm wichtig ist: was kann ich tun, um geistig gesund zu bleiben? Und ganz speziell: auf welche Art muss ich mich bewegen, um geistig fit zu bleiben? Studien, zuletzt 2019 von der Sporthochschule Köln, versuchen den Nachweis zu liefern, dass bei leichter kognitiver Beeinträchtigung im Alter durch regelmäßiges Ausdauertraining die Demenz verhindert bzw. verzögert werden kann.
Altersgemäß?
Die Studie unterscheidet zwischen sportlicher Betätigung im aeroben und im anaeroben Bereich. Von den Teilnehmern verlangen die Macher der Studie Ausdauertraining im moderaten Bereich, weil sich dabei der Körper stets ausreichend mit Sauerstoff (aerob) versorgt. Aerobes Training findet also in gemäßigtem Tempo statt und wurde für die Studie zur „Demenzvermeidung durch Bewegung“ ausgewählt, weil es als die für ältere Menschen gemäße Bewegungsform angesehen wird.1
1 Im anaeroben Bereich erfolgt die Energiegewinnung ohne Sauerstoff. Dabei wird Glukose durch einen Prozess namens Milchsäuregärung abgebaut, um Energie zu erzeugen. Dies geschieht, wenn die Sauerstoffzufuhr nicht ausreicht, um den Energiebedarf der Muskeln zu decken, wie es bei intensiven, kurzen Belastungen der Fall ist.
Warum Ausdauertraining?
Ausdauertraining wurde als die wahrscheinlich effektivste Form der Übung genommen, weil die Teilnehmer damit ihre körperliche Fitness und das seelische Wohlbefinden steigern und so auch für den geistigen Bereich langfristig die besten Ergebnisse erzielen würden. So zumindest die irrige Annahme der Studie. 180 Personen mit amnestischer MCI (Anzeichen beginnender Demenz) waren beteiligt und einem 12-monatigen Training unterworfen. Drei mal pro Woche mindestens 45 Minuten Ausdauertraining war vorgegeben. Für die Vergleichsgruppen wurden Dehn- und Muskelaufbauübungen bzw. eine Kontrollgruppe ohne körperliche Betätigung genommen.
Warum von den Probanden Ausdauer- statt geistig anspruchsvollem Koordinativsport verlangt wurde, bleibt das Geheimnis der Sporthochschule. Allerdings befinden sich die Macher der Studie damit im Einklang mit allen weltweit zu diesem Thema durchgeführten Forschungsstudien. Das Ergebnis nach Ablauf der Studie war ernüchternd: Sport ist gut für Herz-Kreislauf, für die Seele und regt an, sich mehr am allgemeinen Leben zu beteiligen. Ob es aber etwas für’s Gehirn gebracht hat, darüber hat die Studie keine nennenswerten Ergebnisse liefern können.
Ausdauersport für die Hirngesundheit zu empfehlen, ist so abwegig wie regelmäßiges Hände waschen für die Zahngesundheit
Kritik: Geistige Fitness ist nicht auf die leichte Art zu erhalten
Wenn man bedenkt, wie viel die Menschen in Deutschland rauchen und Alkohol trinken, was sie essen, wie wenig sie sich bewegen und welchem Stress sie im Arbeitsleben ausgesetzt sind, dann kann man nur den Schluss ziehen, dass in Deutschland heute das ungesunde Leben und folglich entsprechende Schädigungen in den Netzen älterer Menschen das Normale ist. Und so ist es geradezu eine fahrlässige Irreführung, wenn aus berufenem Munde geraten wird, drei Mal die Woche mit Stöcken zu walken oder auf geebneten Wegen zu laufen. Geistige Fitness nach einem ungesund geführten Leben ist eben nicht auf die leichte Art zu erhalten. So muss man sich nicht wundern, wenn zuletzt die Hälfte der 90-Jährigen in Deutschland unter Alzheimer leidet.
Die sogenannte Nonnenstudie, die 1986 von dem Epidemiologen David Snowdon ins Leben gerufen wurde, gilt bis heute als einer der bedeutendsten Meilensteine in der Erforschung der Alzheimer-Krankheit. Sie stützt sich auf 678 katholische Schwestern des Ordens der School Sisters of Notre Dame in den USA, deren Lebensweise in vielerlei Hinsicht ideale Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Untersuchung bot. Die Nonnen lebten unter weitgehend vergleichbaren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, teilten denselben Lebensrhythmus, verfügten über ähnlich hohe Bildungsniveaus und ernährten sich nach nahezu identischen Grundsätzen. Diese Homogenität reduzierte äußere Einflussfaktoren auf ein Minimum und ermöglichte es den Forschenden, Zusammenhänge zwischen Lebensführung, kognitiver Entwicklung und Alzheimer-Erkrankung besonders klar zu erkennen. Hinzu kam, dass die Schwestern ihr Leben über Jahrzehnte hinweg schriftlich dokumentierten, sodass ein ungewöhnlich reichhaltiges Datenmaterial für wissenschaftliche Auswertungen zur Verfügung stand. Besonders wertvoll wurde die Studie durch die Bereitschaft vieler Nonnen, nach ihrem Tod ihr Gehirn zur Forschung zu spenden, wodurch sich klinische Beobachtungen im Leben mit biologischen Befunden aus dem Gehirn direkt verknüpfen ließen.
Vor der Nonnenstudie folgte die Alzheimerforschung einer scheinbar klaren Logik: Fand man im Gehirn eines verstorbenen Menschen viele Amyloid-Plaques und neurofibrilläre Tangles, ging man selbstverständlich davon aus, dass diese Person zu Lebzeiten dement gewesen sein musste. Die Diagnose „Alzheimer“ war im Kern eine neuropathologische Diagnose, die erst nach dem Tod als gesichert galt, und man erwartete einen direkten Zusammenhang zwischen Gewebeschädigung und klinischem Bild.
Genau dieses Grundverständnis stellte die Nonnenstudie infrage. Die Forscher um David Snowdon verfügten über einen besonderen Vorteil: Sie hatten bei den teilnehmenden Nonnen über viele Jahre hinweg systematisch kognitive Tests durchgeführt und ihre geistige Leistungsfähigkeit genau dokumentiert. Nach dem Tod konnten diese klinischen Daten direkt mit den neuropathologischen Befunden verglichen werden.
Besonders bekannt wurde der Fall einer hochbetagten Nonne, die bis ins sehr hohe Alter geistig klar, orientiert und leistungsfähig geblieben war und in kognitiven Tests außergewöhnlich gute Ergebnisse erzielte. Die Überraschung folgte nach ihrem Tod: Ihr Gehirn wies eine ausgeprägte Alzheimer-Pathologie auf, wie man sie sonst bei schwerer Demenz erwartet hätte. Klinisch jedoch hatte sie keinerlei Anzeichen einer entsprechenden Erkrankung gezeigt.
Zunächst hielten die Forscher diesen Befund für eine Ausnahme. Doch im weiteren Verlauf der Studie zeigte sich, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte. Immer wieder fanden sie deutlich veränderte Gehirne bei Nonnen, die zu Lebzeiten geistig unauffällig geblieben waren. Ein erheblicher Teil der untersuchten Frauen zeigte Alzheimer-typische Veränderungen, ohne jemals eine Demenzdiagnose erhalten zu haben. Damit wurde deutlich, dass es eine relevante Gruppe von Menschen mit „klinisch stillem“ Alzheimer gibt.
Diese Ergebnisse erschütterten das bis dahin vorherrschende, vereinfachende Krankheitsmodell. Plaques und Tangles erwiesen sich zwar weiterhin als wichtige Marker, aber nicht als alleinige Erklärung für den klinischen Verlauf. Die Nonnenstudie trug entscheidend zur Entwicklung des Konzepts der „kognitiven Reserve“ bei: der Fähigkeit des Gehirns, strukturelle Schäden über lange Zeit zu kompensieren, sodass Symptome verzögert auftreten oder ganz ausbleiben können.
In der Folge setzte sich ein differenzierteres Verständnis der Alzheimerkrankheit durch. Neben den Eiweißablagerungen beeinflussen weitere Faktoren, ob und wann Demenz entsteht – etwa Bildung, lebenslange geistige Aktivität, vaskuläre Schäden, Entzündungsprozesse und genetische Risiken. Die Nonnenstudie zeigte damit, dass Alzheimer nicht allein eine Frage der Ablagerungsmenge ist, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Pathologie und individueller Widerstandsfähigkeit des Gehirns.
Die kognitive Reserve – das kompensierende Gehirn
Der Umkehrschluss, dass Plaques plötzlich bedeutungslos wären, ist allerdings ebenso unzutreffend. Vielmehr wurde deutlich, dass sie zwar ein Teil des Problems sind, aber nicht der ganze Schlüssel. Sie sind weder eine hinreichende noch eine notwendige Erklärung für den demenziellen Verlauf bei jedem einzelnen Menschen. Tatsächlich weisen diese Beobachtungen darauf hin, dass das Gehirn aktiv versucht, auf strukturelle Schäden zu reagieren, und dass diese Anpassung bei manchen Menschen sehr effektiv zu sein scheint.
Die Nonnenstudie wurde damit zu einem zentralen Baustein für das Konzept der „kognitiven Reserve“. Mit diesem Begriff beschreibt man die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren, sodass klinische Symptome, etwa Gedächtnisverlust, Orientierungslosigkeit oder Sprachstörungen deutlich später auftreten oder sogar ganz ausbleiben können, obwohl das Gehirn unter dem Mikroskop bereits als „krank“ erscheint. In Übersichtsarbeiten zur Nonnenstudie wird hervorgehoben, dass vor allem frühe Bildung, komplexe Sprachfähigkeiten in jungen Jahren und anhaltende geistige und soziale Aktivität im späteren Leben dazu beitragen können, eine solche Reserve aufzubauen. Die Studie machte damit sichtbar, dass der Lebensverlauf – wie viel geistige Anregung, Bildung, soziale Einbindung und eventuell auch körperliche Aktivität ein Mensch erfährt – einen erheblichen Einfluss darauf hat, ob sich Alzheimer-Pathologie in klinische Symptome übersetzt oder nicht.
Was die Erschütterung des Plaque-Demenz-Dogmas noch verstärkte, war der Vergleich mit anderen Daten außerhalb der Nonnenstudie. So zeigten etwa epidemiologische Untersuchungen, dass ein beträchtlicher Anteil älterer Menschen in der Allgemeinbevölkerung im Gehirn Alzheimer-typische Plaques aufweist, ohne dass sie klinisch dement sind. Die Nonnenstudie lieferte hierzu eine besonders saubere, methodisch gut kontrollierte Bestätigung: In einem homogenen Kollektiv, in dem Einflussfaktoren wie Bildung, Ernährung und sozioökonomischer Status weitgehend vergleichbar sind, findet man dennoch eine Gruppe von Frauen, die trotz auffälliger neuropathologischer Befunde kognitiv intakt bleiben. Damit war klar, dass man den mechanistischen Zusammenhang neu denken musste.
Die Konsequenz für die Forschung war tiefgreifend. Alzheimer erschien nicht länger als Erkrankung, die sich allein über die Menge der Eiweißablagerungen erklären lässt. Stattdessen setzte sich zunehmend ein mehrdimensionales Verständnis durch: Plaques und Tangles sind wichtige Marker, aber die klinische Ausprägung hängt außerdem von anderen Faktoren ab – von der kognitiven Reserve, von zusätzlichen Schädigungen wie kleinen Schlaganfällen oder vaskulären Veränderungen, von Entzündungsprozessen, genetischen Risikofaktoren wie APOE-ε4 (eine bestimmte Variante des APOE-Gens) und womöglich noch weiteren, bisher wenig verstandenen Mechanismen. Die Nonnenstudie zeigte beispielsweise, dass die Kombination von Alzheimer-Pathologie mit Gefäßschäden das Demenzrisiko deutlich erhöht, während Alzheimer-typische Ablagerungen allein nicht immer ausreichen, um Demenz auszulösen.
Der Nachweis steht noch aus!
Als kognitive Reserve bezeichnet man die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren. Die Nonnenstudie hat gezeigt, dass es diese Reserve gibt, aber nicht wie diese sich bildet.
Alzheimerforschung war damit vor die Aufgabe gestellte, herauszufinden, auf welche Weise diese für die geistige Vitalität im Alter so wichtige Reserve gebildet werden kann. Der Nachweis, was im Einzelnen dazu nötig ist, steht trotz aller Bemühungen bis heute aus.
Kritik: Auf halbem Weg stehen geblieben
In der Rückschau lässt sich sagen: Die Nonnenstudie hat den alten, scheinbar festen Zusammenhang zwischen Plaques im Gehirn und Demenz im Verhalten nicht einfach ein wenig relativiert, sondern grundlegend erschüttert. Sie hat gezeigt, dass die Beziehung zwischen Gehirnveränderung und klinischem Bild viel komplexer ist, als man angenommen hatte. Damit zwang sie die Forschung, ihr Modell von Alzheimer als unvermeidliche Folge von Plaqueablagerungen zu überdenken und den Blick auf Schutzfaktoren, Widerstandskraft und Kompensationsmechanismen des Gehirns zu lenken. Genau darin liegt ihre große, bis heute anhaltende Bedeutung: Nicht die Plaques allein bestimmen unser Schicksal, sondern auch das, was wir im Laufe unseres Lebens an geistiger, sozialer und möglicherweise körperlicher Reserve aufbauen.
Die Bedeutung dieser Entdeckung kann kaum überschätzt werden. Sie machte erstmals deutlich, dass Alzheimer nicht zwangsläufig entsteht, nur weil entsprechende Veränderungen im Gehirn auftreten. Sie rückte die Lebensweise, die geistige Aktivität und die sozialen Gegebenheiten eines Menschen in ein neues Licht und zeigte, dass das Gehirn, ähnlich wie ein Muskel, durch Nutzung und Anregung offenbar in die Lage versetzt wird, degenerative Prozesse zu kompensieren. Somit wurde verständlich, warum einige Menschen trotz objektiv schwerer Hirnschädigungen lange Zeit ein völlig normales Leben führen können, während andere bereits bei geringeren Veränderungen erste Symptome entwickeln. Die Nonnenstudie war daher nicht nur wissenschaftlich von Bedeutung, sondern weckte auch große gesellschaftliche Hoffnung, weil sie implizierte, dass Demenz kein unabänderliches Schicksal sein muss.
Dass die Nonnen aus dem Orden der Schwestern von Notre Dame in den USA für eine Studie ihre Gehirne zu Forschungszwecken zur Verfügung stellten, ist ungewöhnlich genug. Dass die Studie dabei den bis dahin geltenden Zusammenhang von Plaques und seniler Demenz erschütterte, war eine Sensation. Das Forschungsteam, hatte etwas Entscheidendes entdeckt: selbst eine Unzahl von Eiweißablagerungen und ein schrumpfendes Gehirn bedingen nicht zwingend Alzheimer. Eine Meldung also, die noch heute und für jeden einzelnen von uns von großer Bedeutung ist.
Dennoch blieb die Studie in einem entscheidenden Punkt unvollständig. Obwohl die Forscher eine Vielzahl von Aspekten im Leben der Nonnen akribisch dokumentierten, vernachlässigten sie eine systematische Untersuchung der körperlichen Aktivität der Schwestern im höheren Lebensalter. Man wusste, was die Nonnen in ihrem Leben grundsätzlich getan hatten, aber nicht, wie intensiv sie sich im Alter bewegten, wie oft sie körperliche Tätigkeiten ausübten und welche geistigen Anforderungen ihre täglichen Aufgaben tatsächlich stellten. Man erfasste nicht detailliert, ob sie regelmäßig zu Fuß gingen, ob sie körperlich fordernde Arbeiten verrichteten oder ob sie im Alltag Routinen hatten, die Konzentration, Koordination oder Ausdauer erforderten. Gerade diese Informationen hätten es ermöglicht, Zusammenhänge zwischen der täglichen Aktivität einer Nonne und dem Zustand ihres Gehirns nach ihrem Tod herzustellen. Eine solche Auswertung hätte wertvolle Hinweise darüber geben können, welche Formen von Bewegung oder geistiger Herausforderung das Gehirn besonders wirksam vor Degeneration schützen.
Stattdessen konzentrierte sich das Forschungsteam auf allgemein gehaltene Lebensaspekte wie Gartenarbeit, gemeinschaftliches Leben, gesunde Ernährung, spirituelle Rituale, Lehr- und Pflegeberufe sowie gesellige und kulturelle Aktivitäten. Diese Faktoren sind zweifellos interessant und potenziell gesundheitsfördernd, doch sie blieben zu unspezifisch, um konkrete Präventionsstrategien für die Allgemeinbevölkerung daraus abzuleiten. Denn das Leben der Nonnen war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich und lässt sich nur schwer auf das moderne Alltagsleben übertragen, das von Stress, beruflichen Zwängen, sozialer Isolation und unregelmäßigen Tagesabläufen geprägt sein kann. Die Nonnenstudie zeigte zwar, dass Lebensstil und geistige Aktivität eine wichtige Rolle spielen, erklärte aber nicht ausreichend, wie genau diese Faktoren zusammenwirken oder welche davon den größten Einfluss auf die Bildung einer kognitiven Reserve haben.
Damit blieb eine wesentliche Frage unbeantwortet: Was genau hatte es den Nonnen ermöglicht, trotz teils schwer geschädigter Gehirne geistig gesund zu bleiben? Hätte die Studie ihre körperliche und geistige Aktivität im Alter präzise dokumentiert, hätte sie möglicherweise den Grundstein für ein umfassendes Modell der Demenzprävention legen können. So aber wurden viele potenziell wertvolle Hinweise nicht weiterverfolgt, und das Forschungsvorhaben kam hinsichtlich seiner praktischen Schlussfolgerungen nicht über einen ersten, wenn auch bedeutenden, Erkenntnisschritt hinaus. Zwar wurde gezeigt, dass kognitive Reserve existiert, doch die Frage, wie man sie gezielt aufbaut, blieb weitgehend offen.
Die Nonnenstudie bleibt daher zugleich ein Meilenstein und eine verpasste Gelegenheit. Sie hat die Demenzforschung revolutioniert, indem sie das vorherrschende Verständnis der Alzheimer-Krankheit grundlegend infrage stellte und den Blick für die Bedeutung von Bildung, sozialer Einbindung und geistiger Anregung schärfte. Zugleich ließ sie aber eine zentrale Chance ungenutzt: die systematische Erforschung der Rolle von körperlicher und mentaler Aktivität im Alter als möglicher Schlüssel zum Schutz des Gehirns. Die Antwort auf diese Frage wäre für die Prävention von Demenz von unschätzbarem Wert gewesen und könnte es auch heute noch sein.
Leben wie die Nonnen?
Gartenarbeit, Gemeinschaft, gesundes Essen, der Glaube und das tägliche Gebet, ihre Lehrtätigkeit, die Pflege kranker Mitschwestern, Gespräche, Singen und anderes mehr. Da ist vieles dabei, was nicht zu schaden vermag, wirklich geholfen hat es aber niemandem, denn die Lebenswirklichkeit der Menschen ist eine andere.
In diesem Abschnitt wird aufgezeigt, was bisherige wissenschaftlichen Studien ergeben haben und was noch fehlt. Obwohl im Alter viele bereit sind, sich für ihre geistige Gesundheit zu verausgaben, gibt es keine Studien mit Teilnehmern, die statt ihre Ausdauer regelmäßig ihre koordinativen Fähigkeiten trainieren. Im abschließenden Fazit wird beschrieben, wie zukünftige Studien aussehen könnten.
Beispiele von Menschen, die sich wenig bis gar nicht bewegten, kennt jeder. Besonders zu nennen wäre der Astrophysiker Stephen Hawking. Bei ihm hat es die Natur auf die Spitze getrieben. Jahrzehnte lang war er vollkommen bewegungsunfähig, aber seine Geistesgröße war schier unvorstellbar. Ist damit die eingangs genannte Hypothese, wonach die körperliche Bewegung die Quelle des Geistes ist, hinfällig? Gibt es zwischen Körperkoordination und der kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen also doch keinen Zusammenhang?
Als Kind kein Stubenhocker
Stephen Hawking wurde im Januar 1942 geboren. Kurz vor seinem einundzwanzigsten Geburtstag stellten die Ärzte bei ihm eine unheilbare Erkrankung des Zentralnervensystems fest. Es kam zu der von den Ärzten erwarteten Degeneration der Muskulatur. Falsch lagen die Ärzte mit ihrer Prognose, dass die Krankheit schon nach wenigen Jahren tödlich enden würde.
Als Jugendlicher war Stephen Hawking sportlich sehr aktiv. In der renommierten St. Albans School brachte er es zum Steuermann des Achters. Erst mit Anfang zwanzig zeigten sich erste Lähmungserscheinungen. Ab dem sechsundzwanzigsten Lebensjahr war er an den Rollstuhl gefesselt. Warum Stephen Hawking geistig fit geblieben ist, bleibt eine Spekulation: Als Erklärung bietet sich an, dass er gesund gelebt hat oder er zu den Menschen gehörte, die nicht zur Plaquesbildung neigen. Dass er dann nach fast fünfzig Jahren ohne Bewegung immer noch klar denken konnte beweist, geistige Fitness im hohen Alter ist auch ohne Sport möglich.
Das Beispiel Stephen Hawking zeigt allen und besonders jenen, die körperlich eingeschränkt sind, sich im Leben möglichst gesund zu ernähren, nicht über die Stränge zu schlagen, sich geistig zu fordern und Kontakte zu pflegen.
2. Dement trotz Bewegung
Zu glauben, mit viel Bewegung gegen Demenz gefeit zu sein, ist ein Irrglaube. Oft wird berichtet, dass ein guter Bekannter doch täglich mit dem Hund spazieren gegangen ist. Und im Sommer ist er Rad gefahren und hat durchaus auch koordinativ anspruchsvollen Sport getrieben. Trotzdem sei er dement geworden. Ist demnach die Bewegung doch kein Garant, die Demenz zu verhindern?
Bei der Frage „dement trotz Bewegung“ sind zwei Einflussfaktoren zu beachten:
1. Wie stark ist die individuelle Plaquesbildung?
2. Wie viel und welche Art der Bewegung wurde der Demenz im Alter entgegen gesetzt?
Wollte man untersuchen, warum beim genannten Beispiel der Betroffene dement geworden ist, müsste man diesen Fall im Detail untersuchen: welche Schäden sind im Gehirn in dessen Leben eingetreten und was hat er diesen Schäden entgegengesetzt. Eventuell ist er ein Beispiel dafür, dass der Plaquesbefall sehr groß war und im Verhältnis dazu die koordinativen Aktivitäten zu wenig vielfältig waren. Jedenfalls ist jeder Fall anders und das Gehirn ist zu komplex organisiert, um mit Einzelbeispielen etwas beweisen zu können.
Drei Arten sich zu bewegen, sind zu unterscheiden:
1. Stressfrei: Sport und Bewegung im stressfreien Bereich: Diese Art, sich zu bewegen ist für ältere Menschen geeignet, die von senilen Plaques wenig oder nicht betroffen sind. Spazieren gehen und leichte sportliche Aktivitäten sind natürlich für die körperliche Gesundheit immer zu empfehlen. Aber, wer nicht zu Plaques neigt, bleibt geistig fit auch ohne Sport.
2. Mäßiger Stress: Das sind sportliche Aktivitäten, die sowohl dem Körper als auch dem Geist mäßige Anstrengungen abverlangen. Diese Art ist für alle geeignet, die gesund gelebt haben, aber “zur Vorsicht” etwas tun wollen. Regelmäßig aktiv sein, gehen oder laufen im unwegsamen Gelände, leichte Bergwanderungen oder Skilanglauf im Winter sind zu empfehlen. Dazu noch Übungen, die auch die Balance fordern.
3. Stress betont: Sport und aktive Bewegungseinheiten mit Bewegungsstress, der insbesondere das Hirn fordert, ist für all jene zu empfehlen, die bereits Symptome von Demenz spüren oder eine Diagnose der Krankheit im Frühstadium erhalten haben. Stress betonte Übungen, die heilsam die Neuroplatizität des Gehirns anregen sind individuell, möglichst von geeigneten Therapeuten zu erarbeiten. Beispiele sind: Balancieren, Klettern, Tanzen oder fordernde Bergtouren.
3. Geistige Fitness auch durch geistige Anstrengungen?
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Neben diesen Gegenbeispielen gibt es auch noch den generellen Einwand, dass es zu einseitig ist, Bewegung als einzige Möglichkeit zum Erhalt der geistigen Gesundheit im Alter anzusehen. Die Behauptung, ohne Bewegung sei die Demenz vorprogrammiert, löst viel Widerspruch aus: “Netzbau gibt es auch durch geistige Anstrengungen”.
Untermauert wird der Einwand stets damit, dass auch geistige Herausforderungen positive Wirkungen auf den Erhalt der neuronalen Netze haben können: Memory, Sudoku, eine Sprache lernen, Puzzles machen, seine Biographie schreiben, Gedichte lernen, Musik komponieren, Schach spielen und, und, und.
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Durch kognitive Herausforderungen der Demenz begegnen zu können, ist ein allgemeiner Irrglaube. Sich geistig auch noch so zu fordern kann niemals den Schaden auch nur eines senilen Plaques beheben.
Der Ausdruck „Denksport“ ist irreführend. Denken und Sport treiben sind für das Hirn zwei vollkommen unterschiedliche Vorgänge: der Sport schafft die Netzverbindungen, das Denken dagegen nutzt sie (nur). Wer also gesund gelebt hat und keine schadhaften Stellen im Hirn zu befürchten hat, dem reicht es allemal, die bestehenden Netze durch geistige Herausforderungen stabil zu halten.
Der endgültige wissenschaftliche Beweis, dass nur Bewegung Demenz verhindern kann, steht noch aus. Aber wie die Kindern in ihren ersten Jahre die Netze für das Gehen, Radfahren, Schwimmen etc. bauen und erweitern, beweist, wie neuronale Schaltkreise entstehen: erst durch die Bewegung selbst. Und dass man schadhaften Stellen im Gehirn nur durch Bewegung begegnen kann, zeigt die Behandlung von Schlaganfallpatienten. Sie können bestätigen, dass sie niemals durch kognitive Herausforderungen, sondern nur durch Bewegung und ständigem Wiederholen wenigstens einen Teil ihrer Gesundheit wieder erlangt haben.
Beides, Sport treiben und sich kognitiv fordern, das ist der Königsweg für körperliche und geistige Fitness bis ins hohe Alter.
Adenosin-Triphosphat (ATP), braucht der Mensch zum Bäume ausreißen und damit der Geist sprudelt. ATP, das ist die energiereichste Substanz, die der Körper hat und er produziert es aus dem, was wir essen. Ein kräftiges Frühstück wandelt er in diese Substanz um und stellt sie den Muskeln und dem Gehirn über den Tag für ihre Aktivitäten zur Verfügung.
Adenosin (A), das ist die Substanz für den süßen Schlummer. Und für einen Schlaf, der uns in der Früh wieder körperlich fit sein lässt und das Gehirn so aufräumt, dass es wieder leistungsfähig ist. Mehr noch: alles was das Hirn am Vortag an Eindrücken, Informationen und körperlichen Herausforderungen bewältigen musste, wird so verarbeitet, dass es zukünftig zur Problemlösung zur Verfügung steht. Und dabei gilt: Neues Wissen wird zu Beginn der Nacht verankert. Das Lernen neuer Bewegungsabläufe hingegen findet eher in der zweiten Nachthälfte statt.1
Der Schlaf ist also das Mittel, den Tag zu bestehen. Bloß, um den erholsamen und ausreichenden Schlaf ist es bei vielen schlecht bestellt. Ein Grund dafür könnte sein, dass abends dem Körper Adenosin fehlt. Dabei ist es ganz einfach: im Laufe des Tages muss er bloß das Adenosin-Triphosphat (ATP) in Adenosin (A) umwandeln, indem er das Triphosphat (TP) abbaut. Und abgebaut wird es – wie könnte es anders sein – durch Bewegung und die Aktivitäten des Tages.
„Adenosin fällt als Abbauprodukt des energiereichen Adenosintriphosphats (ATP) an, das von den Körperzellen für die unterschiedlichen biologischen Prozesse verbraucht wird. Je höher dadurch die Adenosin-Konzentration steigt – je mehr Energie die Zellen also verbrauchen – desto mehr nimmt der Schlafdruck zu. Beim Schlafen wird Adenosin wieder ab- und ATP aufgebaut. Der Schlafdruck sinkt wieder. Dieser Kreislauf beginnt am Folgetag von neuem.“ (Gesunder Schlaf Wikipedia: Adenosin)
So einfach macht sich das der Körper:Das Frühstück verwandelt er morgens in Energie unddiese verwandelt er tagsüber mittels Bewegung in ein Schlafmittel
Noch vieles könnte genannt werden, besser schlafen zu können: am Abend wenig essen und statt vor dem Fernseher zu liegen noch einen kleinen Spaziergang machen. Schon das Sprichwort weiß es, wie das Essen über den Tag verteilt werden sollte: morgens wie ein König und abends wie ein Bettelmann. Und vor allen Dingen sollte man beim Einschlafen an etwas Schönes denken. Etwas, das der Tag gebracht hat oder etwas, das der nächste Tag bringen wird.
Die schönen Seiten des Schlafes entdecken: sich wohlig einkuscheln und mit einer schönen Erinnerung des Tages loslassen.
1 Ratgeber für einen guten Schlaf gibt es viele. Zu empfehlen ist das Buch „Erfolgsfaktor Schlaf“ von Dr. Martin Schlott. (Ariston Verlag).
Müll wird entsorgt und die Werkstatt erneuert das Netz
Unser Gehirn, einmal wohlwollend betrachtet, hat doch sehr viel Geduld mit unserem liederlichen Lebenswandel. Viele, leider viel zu viele haben „normal“, also ungesund gelebt. Mit fortgeschrittenem Alter haben sich im Gehirn unzählige Plaques gebildet und in der Folge führt dies zum beginnenden Gehirnschwund. Doch das Gehirn gibt nicht auf, es gibt uns noch Jahre Zeit, die es zu nutzen gilt. Erst nach Millionen weiterer Plaques macht es schlapp und gibt sich der Demenz hin.
Statt durch Bewegung Material für die Werkstatt, liefern wir dem Hirn wertlose Fernsehbilder für die Müllabfuhr
Wenn wir schlafen und das aktive Bewusstsein ausgeschaltet ist, macht sich das Hirn an seine heilsame Aufgabe. Für seine nächtliche Arbeit stehen dem Hirn zwei betriebliche Einrichtungen zur Verfügung: die Werkstatt und die Müllabfuhr. In der Werkstatt werden alle Bewegungen des vorangegangenen Tages gebraucht, um die Arbeiten zur Erneuerung, Erweiterung und Stärkung der Netze auszuführen. Alles was am Tag an Bewegung koordiniert werden musste, verwendet das Gehirn, sich selbst immer gebrauchsfähig zu halten.
Bei dieser heilsamen Arbeit an sich selbst, unterscheidet das Gehirn drei Arten der Bewegung. Die regelmäßigen Bewegung, wie das Gehen, werden zur bloßen Stärkung des vorhandenen, möglchst intakten Netzes verwendet. Die koordinativ fordernden Bewegungen verwendet es zur Erneuerung des da und dort schon lückenhaften Netzes. Und ganz neue Arten der Bewegung, also wenn man im Alter noch auf ein Skateboard steigen würde, werden zur Bildung neuer Netze genutzt. Und das alles in der Nacht, ohne dass wir es merken.
Alles wird gebraucht
Die Werkstatt des Gehirns ist sehr daran interessiert, möglichst viel Material an allen der drei Bewegungsarten zu bekommen. Besonders aber solche Bewegungen, die komplex zu koordinieren waren.
Und noch eines, die „Werkstatt“ im Hirn arbeitet just in time. Ohne Bewegung am Tag, bleibt in der Nacht die Werkstatt zu.
Im Tiefschlaf kommt die Müllabfuhr
In der Müllabfuhr dagegen landet alles, was zur Gehirnerneuerung nicht benötigt wird. Vor allen Dingen sind das Nacht für Nacht die unzähligen Bilder und Eindrücke des Tages. Hierzu gehören auch Stoffwechselprodukte, die im Laufe eines Tages sich anhäufen. Ohne Schlaf würde es mit viel Energieaufwand auch das Nutzlose speichern und zuletzt würde es wegen Überfütterung förmlich platzen. Allenfalls solche Bilder und Erinnerungen des Tages, die sehr eindrucksvoll oder mit starken Emotionen verbunden waren, werden abgespeichert. Die hierfür von der Evolution entwickelte Müllabfuhr wird glymphatisches System genannt. Man muss sich das als eine Art Förderband vorstellen, auf der die Stoffwechselschlacken abgeladen und dann aus dem Gehirn transportiert werden. Es funktioniert besonders effektiv in der Tiefschlafphase.
Nutzloses wird entsorgt
Wenn wir in Rente gehen, freuen wir uns erst mal darüber, endlich viel Zeit für uns selbst zu haben. Doch leider machen wir viel zu wenig daraus. Von den wenigen Stunden, die wir wach und nicht mit Essen und Besorgungen beschäftigt sind, verbringen wir im Schnitt die Hälfte untätig vor dem Bildschirm: statt durch Bewegung Arbeitsmaterial für die Werkstatt zu liefern, liegen Rentner am Sofa und beliefern ihre graue Hirnmasse mit unzähligen nutzlosen Bildern.
Schlafen können!
„Zur Stärkung der neugebildeten Nervenverbindungen und für die Nachhaltigkeit der Gehirnerneuerung ist erholsamer Schlaf essentiell.In der Behandlung von Schlaganfallpatienten stehen deshalb Stressreduktion, effektive Schmerz- und Depressionsbehandlungen sowie Entspannungs- und Achtsamkeitstraining zur Verbesserung der Schlafqualität im Zentrum des Behandlungskonzepts.“ (Zitat: Medical Park Loipl)