Gymnastik ist die Nr. 1 der sportlichen Aktivitäten um den Körper fit zu halten. Wenn bei den gymnastischen Übungen auch die Balancefähigkeiten trainiert und so der Gleichgewichtssinn gestärkt wird, dann werden dadurch die Grundlagen für körperliche undgeistige Gesundheit geschaffen und im Alter dauerhaft erhalten.
Sitzgymnastik sind Übungen, die auf einem Stuhl oder auf dem Hocker durchgeführt werden. Sie sind sehr effektiv und speziell für Menschen mit körperlichen Einschränkungen geeignet. Sitzgymnastik hilft, die Koordination zu fördern und die Grob- und Feinmotorik auszubauen und da sie auch gut in der Gruppe durchgeführt werden kann, wird das Sozialverhalten positiv beeinflusst: Die Kommunikation und der Gemeinschaftssinn verbessern sich und die kognitiven Fähigkeiten werden zusätzlich gestärkt. Im folgenden Link werden Übungsbeispiele gezeigt.
Senioren mit Demenz (MCI) profitieren von denselben positiven Effekten der Bewegung wie Senioren ohne Demenz. Der Körper wird gestärkt, die Alltagsfähigkeiten bleiben länger erhalten und das Sturzrisiko sinkt. Wissenschaftliche Studien haben die positive Wirkung von Sport auf die Hirnfunktion bei Menschen mit Demenz belegt und durch regelmäßige Sitzgymnastik können auch Menschen mit Behinderung profitieren. Selbst dann noch wenn sie neben der körperlichen Einschränkungen zur Gruppe der von MCI Betroffenen gehören.
Gestaltung der Übungen:
Als Angehöriger oder Pflegekraft von Demenzerkrankten mit körperlichen Beeinträchtigungen sollte man darauf achten, nicht zu viel von den Erkrankten zu verlangen, um sie nicht zu überfordern. Viele Senioren mit Demenz entwickeln erst mit der Zeit und wachsender Routine ein Gefühl für die Übungen und den Spaß.
Mit Balance
Wenn die Sitzgymnastik zusätzlich das Gehirn fordern soll, ist es erforderlich, dass einzelne Übungen statt auf einem festen Stuhl auf einem wackligen Ball versucht werden. Sitzgymnastik hat dann einen besonders guten Effekt für das Gehirn, wenn zur Übung noch eine Form des Balancetrainings hinzu kommt.
Nur komplex zu koordinierende Bewegungen sind geeignet, der Altersdemenz wirksam etwas entgegen zu setzen. So jedenfalls die Behauptung dieser Ausarbeitung. Für die Praxis der Demenzvermeidung durch Bewegung stellt sich damit die Frage, was ist mit jenen Menschen, denen Bewegung wegen eines körperlichen Gebrechens schwer fällt. Bleiben die Älteren mit körperlichen Einschränkungen außen vor oder finden sich Antworten, wie es trotzdem gelingen kann?
Leider ist das Thema, wie man Alzheimer trotz Behinderung durch sportliche Aktivitäten abwenden kann, vollkommen unterbelichtet. Bei den Studien, die gemacht werden, müssen die Teilnehmer mehrmals die Woche Ausdauersport absolvieren. Die Ergebnisse führen dann stets dazu, dass alle Fachleute eben jenes Ausdauertraining empfehlen.
Allein gelassen
Dass viele Menschen im Alter das Training aus unterschiedlichen Gründen gar nicht machen können, bleibt unberücksichtigt und Menschen mit Einschränkungen sehen sich deshalb bei der Frage, wie sie sich betätigen sollten, alleingelassen.
Die Frage „Demenzvermeidung bei körperlichen Einschränkungen“ ist also offen und die Schlussfolgerung, dass es die Behinderung ist, die es unmöglich macht, bietet sich an, ist aber unzutreffend. Richtig ist, es gibt viele Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung, geistig fit zu bleiben.
Jeder zweite ist im Alter körperlich eingeschränkt
Behinderungen bestehen vergleichsweise selten seit der Geburt oder dem Kindesalter, sondern entstehen meist erst im fortgeschrittenen Alter. So war rund ein Drittel (34 % oder 2,6 Millionen) der schwerbehinderten Menschen zum Jahresende 2021 im Alter ab 75 Jahren. Etwas weniger als die Hälfte (45 % oder 3,5 Millionen) der Schwerbehinderten gehörte der Altersgruppe von 55 bis 74 Jahren an. Also gerade im Alter, wenn man sich zum Erhalt der geistigen Fitness intensiv bewegen sollte, wird Behinderung zunehmend ein Problem.
Weil natürlich auch körperlich Eingeschränkte geistig fit bleiben wollen, ist das Thema für die Gesellschaft und die Betroffenen virulent. Auf die Frage, welche Arten von Aktivitäten das sein könnten, findet man die Antwort wieder bei Bewegungsarten, die im Gehirn das neuronale Netz stärken und Schäden in den Schaltkreisen reparieren können. Vieles, was sportliche Senioren machen können, ist für die körperlich Eingeschränkten nicht möglich. Vorschläge für diese Personengruppe finden sich in den nachfolgenden Beiträgen.
Hirngesundheit: Viele sind körperlich aktiv, aber falsch beraten
Im Zusammenhang mit der Frage, ob es neue Forschungsstudien zur „Demenzvermeidung durch vielseitig ausgeführte, koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten“ braucht, wird häufig angeführt, dass es zur Vermeidung von Alzheimer kein Erkenntnis-, sondern lediglich ein Umsetzungsproblem gebe. Dieser Sichtweise ist zu widersprechen. Das Gegenteil ist richtig: Wir haben ein Erkenntnis-, aber kein Umsetzungsproblem.
Diese Einschätzung stützt sich zum einen auf alltäglichen Beobachtungen in den Parkanlagen und auf den Fußwegen. Dort sieht man viele ältere Menschen, die joggen oder mit Stöcken ihre Runde drehen. Und zum anderen haben Studien bei älteren Erwachsenen ab 65 Jahren ergeben, dass immerhin 43 % im Alter zwischen 65 und 79 Jahren und 25 % der über 80-Jährigen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezüglich Ausdaueraktivität erfüllen. Kurz gesagt: Viele tun genau das, was ihnen zur Prävention von Alzheimer von den Fachleuten empfohlen wird. Und dennoch steigen in Deutschland auch bei diesen die Zahlen mit diagnostizierter, manifester Alzheimer-Demenz.
Die WHO unterscheidet nicht – und das ist ein Problem
In ihren Empfehlungen macht die Weltgesundheitsorganisation keinen differenzierten Vorschlag für verschiedene Altersgruppen oder für Menschen, die sich bereits in einer Vorstufe der Demenz befinden. Für 50-Jährige mit noch intakten neuronalen Netzwerken mag ein „gesundes Leben“ kombiniert mit dreimal wöchentlichem Ausdauersport völlig ausreichend sein. Für 70-Jährige jedoch, bei denen sich bereits erste kognitive Veränderungen zeigen und die aktiv gegensteuern wollen, reichen monotone (geistlose) Bewegungsformen nicht mehr aus.
Dass eine weltweit anerkannte Gesundheitsinstitution für alle Menschen – unabhängig von Alter und Risikokonstellation – dieselben, weitgehend wenig anspruchsvollen Bewegungsarten empfiehlt, ist zumindest fragwürdig. Wirklich hilfreich wären vielmehr multidimensionale, koordinative Reize, die neuronale Netzwerke herausfordern, aktivieren und neu strukturieren.
Nebenbei bemerkt
Die Lancet-Kommission der WHO nennt selbstverständlich zahlreiche weitere Faktoren zur Demenzprävention, wie Diabetes, zu hoher Blutdruck, ungesunde Ernährung und andere Lebensstilmaßnahmen. Für Menschen im Alter von über 70 Jahren, deren Lebensführung sich über Jahrzehnte gefestigt hat, spielen diese Faktoren jedoch nur noch eine untergeordnete, real kaum noch veränderbare Rolle.
Was jetzt nötig ist
Forschungsinstitute sind aufgefordert, durch geeignete Studien jene Erkenntnisse zu ergründen, die Menschen mit MCI dazu befähigen, ihre geistige Gesundheit möglichst lange zu erhalten. In Deutschland gibt einen immensen Bedarf bei den rund drei Millionen Menschen, die sich bereits in einer Vorstufe der Demenz befinden. Sie wollen wissen, wie sie die Krankheit noch vermeiden können.
Diese Menschen haben ein großes Interesse an wirksamen, alltagsnahen und selbstbestimmten Möglichkeiten, ihre kognitiven Fähigkeiten zu stabilisieren oder sogar zu verbessern. Und die heutige wissenschaftliche Forschung ist es ihnen schuldig.
Kraft- und Ausdauersport, Dehnungs- und Faszienübungen sei allen empfohlen, die körperlich gesund bleiben wollen. Bei Empfehlungen dagegen, wie geistige Gesundheit zu erhalten ist, sollte sich Grundlegendes ändern. Statt weltweit die gleichen Rezepte zu empfehlen ist eine Differenzierung von Land zu Land nötig. Dies lässt sich einfach erklären: bei koordinativ anspruchsvollen Aktivitäten gibt es große regionale Unterschiede. In jedem Land treibt man aus historisch gewachsener Tradition heraus Sport auf eine andere Weise. Kraft und Ausdauer werden überall gleich trainiert, aber alles koordinativ Anspruchsvolle überall anders.
Länderspezifisch gibt es viele interessante Beispiele: In Frankreich spielen alte Männer stundenlang Boule. Da für braucht es eine gute Auge-Hand-Koordination. In Deutschland geht man dafür gerne Kegeln und Stockschießen.
In China wird traditionell Tai Chi gepflegt, was Balance, Flexibilität und Koordination erfordert.
In Japan ist Kalligraphie, also die Kunst des schönen Schreibens mit Pinsel und Tinte, eine beliebte Beschäftigung. Sie erfordert Präzision, Konzentration, eine gut geschultes Auge und eine ruhige Hand.
Länderübergreifend sind die meisten aller Ballsportarten wie Tischtennis, Fußball, Volleyball, Baseball und Basketball verbreitet. Ihnen allen ist eigen, dass sie hohe Konzentration, Koordination, Rhythmus, Beweglichkeit und Teamarbeit erfordern.
In Indien hat Yoga eine Jahrtausende alte Tradition, wird aber auch länderübergreifend ausgeübt. So ist es auch überliefert in Nepal, Tibet, Thailand und Bali. Gefordert und gefördert werden dabei eine Vielzahl von koordinativen Fähigkeiten: Körperwahrnehmung, Gleichgewicht, Koordination, Flexibilität, Konzentration und Atmungskontrolle.
Als länderübergreifend in den westlichen Industrieländern kann beispielhaft das Golfspiel genannt werden. Es wird oft noch im Alter ausgeübt und fordert Gleichgewicht, eine Auge-Hand-Koordination, Rhythmusgefühl, Raumorientierung, Reaktionsfähigkeit und Körperwahrnehmung, um den Schwung korrekt zu steuern.
Weltweit überall, bis hinein in jedes Dorf, bei allen Festen, in Hinterhöfen und Ballsälen, gibt es, wenn Freude aufkommen soll, nur eines: Tanzen. Volkstänze, ob in Reihen oder im Kreis erfordern Beweglichkeit Konzentration, Rhythmusgefühl und Körperbeherrschung.
Das Ziel ist ein hehres
Die wissenschaftliche Forschung, will sie zu Ergebnissen kommen, wie weltweit der Demenz etwas entgegengesetzt werden kann, muss sich also differenzieren. Es braucht Studien in allen Regionen, die sich auf die länderspezifischen körperlich anspruchsvollen Aktivitäten konzentrieren, um daraus jene Erkenntnisse zu gewinnen, wie die Menschen eines jeden Landes im Alter geistig fit bleiben können. Die daraus gewonnen Ergebnisse werden dann der Weltgesundheitsorganisation übermittelt, die daraus ein Gesamtbild für alle Länder mit Vorschlägen erstellen könnte, wie sich die Menschen im Alter im jeweiligen Land vielseitig und koordinativ anspruchsvoll bewegen könnten.
Nur einmal angenommen …
… wenn es stimmt, dass Ausdauertraining dem Gehirn wenig bringt, alles koordinativ Anspruchsvolle es dagegen gesund erhält, dann schmeißt das alles um. Dann müssen Fachleute ihre Empfehlungen überdenken, Alzheimerforschung muss sich neu orientieren und alle Demenzstrategien, angefangen von jener der WHO bis hin zu der eines jedes Einzelnen auf den Prüfstand.
Nach der Definition analysieren Beobachtungsstudien natürliche Zustände oder Entwicklungen ohne gezielte Intervention, in einer Interventionsstudie dagegen wird „gezielt in den Untersuchungsprozess eingegriffen, um die Auswirkungen dieser Maßnahme empirisch zu messen“. Beides zusammen, also analysieren und gezielt eingreifen ist ein neuer Ansatz, den das sogenannte „FIT4BRAIN-Projekt“ gewählt hat. Damit eröffnen sich ganz neue Perspektiven und hat das Potenzial eine neue Epoche in der Demenzforschung einzuläuten.
Die FIT4BRAIN-Studie ist ein deutsches Forschungsprojekt. Das interdisziplinäre Team stammt überwiegend von der Friedrich-Schiller-Universität Jena bzw. dem Universitätsklinikum Jena (Neurologie, Neurowissenschaften, Sportwissenschaft, Medizin und Psychologie) und arbeitete dort in enger klinischer und wissenschaftlicher Kooperation zusammen. Ihre Studie wurde am ersten Oktober 2025 veröffentlicht. Beteiligt waren erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich seit vielen Jahren mit gesundem Altern, Gehirnplastizität und den Effekten von Bewegung auf die geistige Leistungsfähigkeit beschäftigen. Die Studie wurde als hochwertige, randomisiert-kontrollierte Interventionsstudie konzipiert und dabei wurden ältere Erwachsene zufällig entweder einer Bewegungsgruppe oder einer aktiven Kontrollgruppe zugeteilt. Alle Untersuchungen fanden vor und nach der achtwöchigen Trainingsphase statt; neben Fitness- und Gesundheitsmessungen kamen moderne MRT-Gehirnscans sowie computergestützte Auswertungsverfahren zum Einsatz. Besonders innovativ war, dass in dieser Studie nicht nur klassische Ausdauerbewegung, sondern bewusst auch koordinativ anspruchsvolle Übungen wie Yoga und Jonglieren untersucht wurden, die Körper und Gehirn gleichzeitig fordern.
Potenzial für eine Paradigmenwechsel?
Besonders spannend war die Auswertung der MRT-Daten mithilfe moderner Computermodelle, die das sogenannte „Gehirnalter“ bestimmen. Dabei wird berechnet, wie alt das Gehirn biologisch wirkt – unabhängig vom kalendarischen Alter. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Bei den Teilnehmenden, die das koordinativ anspruchsvolle Bewegungsprogramm absolvierten, wurde das Gehirn nach acht Wochen im Durchschnitt „jünger“. Ihr Gehirn zeigte also messbare Anzeichen dafür, dass es biologisch gesünder und leistungsfähiger erschien.
In der Kontrollgruppe blieb das Gehirnalter weitgehend gleich oder nahm sogar leicht zu. Damit zeigt diese aktuelle Studie, dass schon vergleichsweise kurze Zeiträume gezielter, vielseitiger Bewegung einen positiven Einfluss auf das Gehirn älterer Menschen haben können.
Bei genaueren Analysen zeigte sich zusätzlich ein weiterer wichtiger Befund: Besonders stark profitierten Menschen, die zu Beginn körperlich weniger fit waren. Bei ihnen konnte nicht nur eine Verbesserung des Gehirnalters festgestellt werden, sondern auch subtile strukturelle Veränderungen in bestimmten Hirnregionen, die mit Motivation, Belohnung und Steuerung von Verhalten zu tun haben. Das ist bedeutsam, weil genau diese Regionen dabei helfen können, gesunde Verhaltensweisen beizubehalten – also weiter aktiv zu bleiben.
Natürlich hat die Studie auch Grenzen. Sie lief über acht Wochen, umfasste eine begrenzte Teilnehmerzahl und untersuchte überwiegend gesunde und grundsätzlich aktive ältere Menschen. Zudem wurden von den Probanden „nur“ zwei koordinativ anregende Aktivitäten (Yoga und Jonglieren) gefordert, was für die Komplexität und Weiträumigkeit des Gehirns eher wenig erscheint. Dennoch sind die Ergebnisse in ihrer Aktualität und Aussagekraft sehr wichtig: Zum ersten Mal konnte in einer modernen, kontrollierten Interventionsstudie gezeigt werden, dass ein Bewegungsprogramm, das nicht nur Ausdauer fördert, sondern auch Koordination und geistige Flexibilität erfordert, messbar positive Effekte auf das biologische Altern des Gehirns hat.
Zusammengefasst lässt sich sagen: Diese neue, zeitgemäße Studie liefert starke Hinweise darauf, dass Bewegung im Alter weit mehr ist als ein reines „Fitnessprogramm“. Sie ist Training für Körper und Gehirn zugleich. Besonders bewegungsarme ältere Menschen können offenbar deutlich profitieren. Zukünftige Studien sollten klären, wie lange diese Effekte anhalten, ob sie sich weiter verstärken und ob sie langfristig auch Gedächtnisleistungen und Alltagsfunktionen verbessern können. Damit zeigt diese Arbeit einen wichtigen Weg auf: Wer sich bewegt – besonders vielseitig
So kann Bewegung zur individuellen Gehirntherapie werden
Auch mit Blick auf die medizinische Praxis lassen sich aus diesen Ergebnissen wichtige Konsequenzen ableiten. Wenn moderne Bildgebung – wie die in FIT4BRAIN eingesetzte MRT-Diagnostik – strukturelle Veränderungen im Gehirn sichtbar macht, die möglicherweise auf ein erhöhtes Risiko für kognitive Beeinträchtigungen oder frühe neurodegenerative Prozesse hinweisen, eröffnet dies für behandelnde Neurologen neue, konkrete Handlungsmöglichkeiten. Ein Neurologe, der nicht nur die medizinischen Befunde, sondern auch die Bedeutung von Bewegung und Neuroplastizität versteht, könnte auf dieser Grundlage individuelle, sinnvoll zugeschnittene Empfehlungen geben. Dabei geht es nicht um starre „Einheitsprogramme“, sondern um gezielt ausgewählte Aktivitäten, die genau jene Funktionen ansprechen, die Unterstützung brauchen: beispielsweise Gleichgewichts- und Koordinationsübungen, wenn die Balance beeinträchtigt ist, jonglierähnliche Aufgaben zur Förderung komplexer Hand-Auge-Koordination, Musik- und Instrumentaltraining zur Aktivierung beider Gehirnhälften oder andere koordinativ anspruchsvolle Tätigkeiten, die das Gehirn aktiv fordern.
So kann körperliche Aktivität im besten Sinne „maßgeschneidert“ werden – nicht nur zur allgemeinen Gesundheitsförderung, sondern als gezielte, wissenschaftlich begründete Stimulation von Gehirnfunktion und Plastizität. Damit wird deutlich: Erkenntnisse wie aus FIT4BRAIN bilden nicht nur ein spannendes Forschungsfeld, sondern weisen zugleich in Richtung einer zukünftigen, modernen Präventions- und Behandlungsstrategie, in der Bewegung, mentale Aktivierung und medizinische Diagnostik sinnvoll zusammengedacht werden. Und genau darin liegt eine große, inspirierende Perspektive: Wir stehen erst am Anfang dessen, was durch klug eingesetzte, vielseitige Bewegung möglich ist – nämlich das Altern des Gehirns aktiv zu beeinflussen, Lebensqualität messbar zu verbessern und vielleicht sogar den Weg zu einer wirklich wirksamen Alzheimerprävention entscheidend mitzugestalten.
Die Finger-Studie hat in der Demenzforschung neue Maßstäbe gesetzt. Die Macher der Studie wählten einen „multimodalen Ansatz“ (gesünder ernähren, mehr bewegen, Gedächtnisübungen). Die Uni Leipzig orientierte sich in der 2018 begonnenen „Agewell-Studie“ daran und verpflichtete die Teilnehmer zu ebenso vielseitiger Intervention.Im Einzelnen wurde den Teilnehmern nicht weniger als sechs gesundheitsfördernde Maßnahmen aufgegeben:
Die Probandinnen und Probanden hatten, basierend auf Vorerkrankungen und Lebensstil-Faktoren, ein erhöhtes Risiko für eine spätere Demenz, aber noch keine ersten Anzeichen der Alterskrankheit. Es wurden gegenüber der Finger-Studie zusätzliche Komponenten des sozialen Lebensstils und Empfehlungen zu Über- und Untergebrauch von Medikamenten aufgenommen und die Teilnehmer zu sozialer Aktivität zu ermutigt, da ein aktiver Lebensstil auch im Alter vor Demenz schützen würde. Ebenso wurde von den jeweiligen Hausärzten den Studienteilnehmern bei Bedarf spezifische Empfehlungen zu deren Medikamenteneinnahme geben. Auf das Ergebnis der Studie konnte man gespannt sein.
2023 wurde das Ergebnis veröffentlicht und es zeigt, man kann etwas tun: „Gelänge es, die beeinflussbaren Risikofaktoren um 15 Prozent zu reduzieren, könnten nach den Modellrechnungen von den erwarteten zwei Millionen Krankheitsfällen im Jahr 2033 theoretisch 138 000 verzögert oder vermieden werden. Bei 30 Prozent wären es sogar 265 000 Fälle.“
Die Ergebnisse im Einzelnen:
Die Intervention umfasste die Optimierung von Ernährung und Medikation, sowie die Steigerung der körperlichen, sozialen und kognitiven Aktivität. Insgesamt wurde kein Effekt der Intervention auf die globale Kognition festgestellt, allerdings fand sich ein signifikant positiver Effekt bei Teilnehmenden mit geringer Bildung. In der gesamten Stichprobe verbesserte sich außerdem die soziale Kognition. Außerdem konnte ein positiver Effekt der Intervention auf die gesundheitliche Lebensqualität bei allen Teilnehmenden der Interventionsgruppe feststellen, bei Frauen konnte die Intervention zudem depressive Symptome reduzieren.
Es bleibt dabei: die einzige wirksame Möglichkeit, um im Alter von 60 und mehr Jahren im Stadium beginnender Demenz (MCI) diese noch in Schach halten zu können, sind koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten und regelmäßiger Sport. Diese Behauptung geht davon aus, dass neuronale Schaltkreise nur durch Bewegung gebildet, gestärkt und (falls geschädigt) erneuert werden können. Ausgeschlossen ist demnach, dass man die geschädigten Netze im Alter durch koordinativ anspruchslose Aktivitäten “reparieren” könnte.
Untermauert wird diese Behauptung damit, dass man ja auch in den Therapieräumen von Reha-Kliniken für Schlaganfallpatienten im wesentlichen nur Geräte und Stationen findet, die den Patienten koordinativ anspruchsvolle Aufgaben abverlangen. Da im Unterschied zum Schlaganfall bei der Demenz aber nicht einzelne Bereiche des Gehirns betroffen sind, sondern das gesamte neuronale Netz in Mitleidenschaft gezogen ist, ist es erforderlich, nicht eine oder zwei koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten auszuüben, sondern eine Vielzahl davon. Je mehr, desto besser, weil mit jedem Bewegungsablauf ein anderer Bereich im neuronalen Netz aktiviert wird.
Wenn bei der Agewell-Studie neben all den allgemeinen gesundheitsfördernden Maßnahmen, die den Geist nur wenig fordern, nur zwei mal pro Woche 20 bis 30 Minuten Gleichgewichtstraining abverlangt wird, dann ist das zu wenig. Leider stellen die Menschen im Alter gerade jene sportlichen Aktivitäten ein, bei denen sie koordinativ herausgefordert werden. Diese betreiben sie von Jahr zu Jahr weniger und zuletzt sieht man sie, wenn überhaupt, nur (koordinativ anspruchslos) Walken, Radfahren oder Laufen im Park.
Wenn man sich von der Agewell-Studie erhoffte, dass alte Menschen, speziell wenn sie erste Anzeichen von Demenz verspüren, zu Tanzen, Gleichgewichtsübungen, Tischtennis und zu Koordinativsportarten animiert würden, wird man leider enttäuscht. Die Macher der Studie legten den Schwerpunkt auf gesundes Leben, das für geistige Gesundheit wichtig ist, aber im Alter als Ratschlag zu spät kommt, weil die neuronalen Schäden längst weit fortgeschritten sind.
Die Frage, wann Bewegung koordinativ anspruchsvoll ist, ist einfach zu beantworten: je nach dem! Erst einmal, jede Bewegung ist vom Gehirn zu koordinieren, aber in der Regel macht es das automatisch. So wird das Gehen, Schritt für Schritt, ein Leben lang vom Gehirn koordiniert ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Wenn das Kleinkind aber zum ersten mal ein paar Schritte hin zu Mutter gehen will, ist das eine sehr anspruchsvolle Herausforderung und für die ganze Familie ein Ereignis.
Definition
Allgemein formuliert kann man sagen: Bewegung ist anspruchsvoll, wenn sie Koordination erfordert, für die es im Gehirn kein oder kein gut ausgebildetes neuronales Netz gibt. Im Kindesalter ist erst einmal jeder Bewegungsablauf herausfordernd, aber einmal gelernt, dann für Jahrzehnte wenig anspruchsvoll. Wenn nach einem langen Leben die für das Alter typischen Schädigungen im Gehirn eintreten, dann werden, Jahr für Jahr mehr, diese einmal gelernten Abläufe erneut koordinativ anspruchsvoll.
Gleichzeitig
Grundsätzlich gilt auch, je mehr Bewegungselemente gleichzeitig ausgeübt werden sollen, erfordert dies eine gute Abstimmung zwischen den verschiedenen Bewegungselementen und der Anspruch für das Gehirn potenziert sich mit jeder jedem weiteren. Auf dem linken Bein stehen und mit dem rechten Knie im Uhrzeigersinn kreisen, ist machbar. Noch leichter fällt es, rhythmisch mit dem linken Arm gegen den Uhrzeigersinn kreisen. Wenn aber gleichzeitig das rechte Knie und der linke Arm gegengleich kreisen sollen, wird es für das Koordinationsvermögen anspruchsvoll. Ein gutes Beispiel für unterschiedlich und gleichzeitig ist das Spielen auf dem Klavier, wenn die Finger der rechten und die der linken Hand zusammen agieren.
Sonderfall Schlaganfall
Im besonderen Fall eines Schlaganfalls kann es bereits höchst anspruchsvoll sein, den betroffenen Arm auf der vom Schlag betroffenen Seite wieder zu heben. Dazu bedarf es erfahrener Therapeuten, viel Ausdauer je nach Schwere der Schädigung im Gehirn gelingt es, wie ehedem den Arm wieder in der gewohnten Form zu benutzen. Beim Schlaganfall stellen sich demnach wieder jene Herausforderungen wie beim Kleinkind ein, nur dass es im Alter sehr viel schwieriger ist, sich neue bzw. sich erneut einst gekonnte Bewegungsabläufe anzueignen.
Tanzen: Das Musterbeispiel koordinativer Bewegung
Aus der Perspektive des Gehirns stellt sich jede Bewegung stets so dar, dass sie entweder automatisch ausgeführt werden kann, oder sich eine Stresssituation unterschiedlichen Grades einstellt. Und Stress stellt sich immer dann ein, wenn das neuronale Netz nicht genügt, eine Bewegung in der vom Körper gewünschten Form auszuüben. Besonders ist das beim Gemeinschaftstanz mit komplexen Tanzschritten zu spüren.
Wenn im Rhythmus nach dem Takt der Musik und nach den von der Tanzlehrerin angesagten Schrittfolgen diese im Gleichklang mit den Mittänzern umgesetzt werden sollen ist das für das Gehirn eine besonders koordinative Herausforderung. Stress pur aber heilsam allemal.
In Anbetracht einer schwerwiegenden Krankheit allein gelassen.
Die epidemiologische Datenlage unterstreicht die gesundheitspolitische Relevanz der Demenzprävention: Aktuellen Erhebungen zufolge beläuft sich die Einwohnerzahl Deutschlands auf etwa 83,5 Millionen, wobei der Anteil der über 65-Jährigen bei rund 19 Millionen liegt. Innerhalb dieser Altersgruppe sind etwa 1,8 Millionen Menschen von einer Demenzerkrankung betroffen, davon 1,2 Millionen mit der Diagnose Alzheimer-Demenz.
Von besonderer Bedeutung ist die Gruppe der Patientinnen und Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (Mild Cognitive Impairment, MCI), deren Zahl in Deutschland auf etwa 2,85 Millionen geschätzt wird.
MCI gilt als klinisch relevante Vorstufe einer Demenzerkrankung, wobei ein erheblicher Anteil der Betroffenen im Verlauf eine Alzheimer-Demenz entwickelt. Trotz dieses nachgewiesenen Risikoprofils und der potenziellen Progression zur Demenz – also im prodromalen Stadium – erhält diese Patientengruppe im deutschen Gesundheitssystem bislang jedoch nur geringe Aufmerksamkeit. Fast drei Millionen Menschen in Anbetracht einer schwerwiegenden Krankheit sehen sich allein gelassen.
Evidenzbasierte Präventionsmaßnahmen, eine frühzeitige Diagnostik sowie interdisziplinäre Betreuungskonzepte wären hier von zentraler Bedeutung, um die Krankheitslast zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Bisher mangelt es jedoch an strukturierten Ansätzen, die dieser Herausforderung gerecht werden.
Einen hoffnungsvollen Ansatz zur Prävention neurodegenerativer Prozesse gibt es
Prognosen des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) gehen davon aus, dass die Zahl der Alzheimerpatienten per Saldo bis zum Jahr 2030 von 1,2 Millionen auf bis zu 1,5 Millionen steigen wird. Eine besorgniserregende Entwicklungen, der aber die neurowissen-schaftliche Forschung eindeutige Hinweise auf wirksame Interventionsmöglichkeiten entgegen-setzen kann. Pharmakologische Therapien können den neurodegenerativen Prozess verlangsamen, jedoch nicht die strukturellen Grundlagen kognitiver Leistungsfähigkeit wiederherstellen. Diese hängen wesentlich von synaptischer Dichte, dendritischer Vernetzung und neurovaskulärer Gesundheit ab – Faktoren, die in besonderem Maße durch komplexe körperliche Aktivität beeinflusst werden.
Studien belegen, dass koordinativ anspruchsvolle Bewegungsformen – etwa Tanz, Tischtennis, Wandern im Gelände, Sportarten mit wechselnden Bewegungsfolgen oder Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts – zahlreiche Hirnareale gleichzeitig aktivieren. Diese multimodale Stimulation fördert die Synaptogenese, verbessert die zerebrale Durchblutung und unterstützt den Aufbau neuer neuronaler Netzwerke. Selbst bei bestehender Neurodegeneration kann das Gehirn durch diese Reize neue Verbindungen ausbilden. Entscheidend ist daher nicht primär die Anzahl der Nervenzellen, sondern die Qualität und Plastizität ihrer Vernetzung.
Frühe Diagnostik, pharmakologische Therapie und eine Lebensweise, die das Gehirn fordert
Die zentrale Botschaft lautet: Der effektivste Ansatz zur Prävention und Verlangsamung neurodegenerativer Prozesse liegt in einer konsequenten Kombination aus früher Diagnostik, pharmakologischer Therapie – wo angezeigt – und einer Lebensweise, die das Gehirn dauerhaft fordert. Bewegung, Schlaf, Ernährung, geistige und soziale Aktivität sind keine additive Ergänzung zur medikamentösen Behandlung, sondern integrale Bestandteile eines wirksamen Präventions- und Therapieansatzes.
Demenz entsteht nicht von heute auf morgen. Sie entwickelt sich über Jahre, häufig unbemerkt oder verdrängt. Doch wissenschaftlich ist klar: Menschen haben mehr Einfluss auf diesen Verlauf, als lange angenommen wurde. Wer frühzeitig beginnt, körperlich und kognitiv vielfältige Reize zu setzen, stärkt die neuronale Reserve und damit die Wahrscheinlichkeit, auch im hohen Alter geistig leistungsfähig zu bleiben.
Pharmakologische Innovationen wie Lecanemab sind wertvolle Bausteine – aber sie können dasjenige nicht ersetzen, was das Gehirn in jedem Lebensalter benötigt: systematisch gesetzte, anspruchsvolle Bewegung als Motor neuronaler Gesundheit.
Die kognitiven Fähigkeiten sind von Mensch zu Mensch verschieden. Das liegt weniger an den unterschiedlichen Leistungsfähigkeiten des Gehirns, sondern am individuellen Charakter und der Einstellung zum Leben. Wenn man im Leben genügend motiviert ist, kann man durch die folgenden sechs Hilfsfunktionen, wenn sie geschult sind und bewusst angewandt werden, seine geistigen Fähigkeiten in optimaler Weise nutzen:
1. Aufmerksamkeit: Allgemein stellt Aufmerksamkeit die Konzentration der Wahrnehmung auf bestimmte Stimuli unserer Umwelt dar. Ein wesentlicher Bestandteil von Aufmerksamkeit ist die Auswahl von Informationen (Selektion), um sie dem Bewusstsein zugänglich zu machen und das Denken und Handeln zu steuern. Aufmerksam Leben ist Bedingung für einen leistungsfähigen Geist.
2.Wahrnehmung: Sie kann als Fähigkeit definiert werden, Information über die Sinne aktiv aufzunehmen, zu verarbeiten und ihr Sinn zu verleihen. Dies gelingt natürlich nur, wenn unsere Sinne optimal funktionieren bzw. adäquat genutzt werden. Leider nimmt der für die menschliche Kommunikation so wichtige Hörsinn im Alter rapide ab und wird nur selten rechtzeitig durch entsprechende Hörgeräte verbessert. Doch dazu später mehr.
3. Gedächtnis bezeichnet die Fähigkeit, aufgenommene Informationen umzuwandeln, zu speichern und wieder abzurufen. Unterschieden wird es in das Ultrakurzzeitgedächtnis, das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis, welche an verschiedenen Orten im Gehirn in sehr komplexen Netzwerken lokalisiert sind. (Zitat: Nature Arbeit 2024)
4. Die Sprache: Sprache ist die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle durch gesprochene Worte auszudrücken. Sie ist ein Instrument der Kognition, die uns ermöglicht, zu kommunizieren und Informationen über uns selbst oder die Welt zu organisieren und Dritten zu übermitteln. Die Kunst der Rede (Rhetorik) gilt seit der Antike als wichtige Disziplin, die insbesondere in den meinungsbildenden Prozessen eine Rolle spielt. Nicht zu unterschätzen ist hierbei die Stimmgebung oder Sprachmelodie (Prosodie), die eine hoch komplexe koordinative Leistung darstellt und eine wichtige Verbindung zur Musik darstellt.
5. Das Lernen: Lernen ist ein Prozess, bei dem Informationen in den Verstand aufgenommen und dabei verändert werden. Diese Informationen wiederum werden dazu verwendet, sie in unser früheres Wissen zu integrieren und es zu erweitern. Und natürlich sollte das Lernen nicht auf die Kindheit beschränkt sein. Im Alter lässt die Bereitschaft, Neues zu lernen gerne mal nach.
6. Denken und Reflektieren ist für alle kognitiven Prozesse grundlegend. Es erlaubt uns, alle Informationen, die wir erhalten, zu integrieren und Beziehungen zwischen Ereignissen und Wissen herzustellen. Dafür werden logisches Denken, Synthese und Problemlösung (exekutive Funktionen) benötigt. Der Wahlspruch der Aufklärung, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ wird bis heute sehr oft vernachlässigt, obwohl in unserer Zeit der schier unendlichen Informationsflut, gerade dieser Fähigkeit für die Evolution des Menschen eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Im Alter bedeutet Reflektieren auch die Bereitschaft, seine eigenen Überzeugungen („das war schon immer so“) zu hinterfragen. Wer möchte schon gerne seine liebgewordenen Überzeugungen erschüttern und im Alter fällt das besonders schwer.
Eigentlich sollte es nicht schwer sein, sich die Hilfsfunktionen der Kognition zu bewahren. Aufmerksam durchs Leben gehen macht es überhaupt erst interessant und zur Aufmerksamkeit gehört, die Menschen um sich herum und die Geschehnisse in der Welt bewusst wahrzunehmen. Neugier und Interesse am Leben sind ein hohes Gut. Sie sollten kein Privileg der Jugend sein und dazu gehören die Bereitschaft, neues lernen zu wollen und alle Dinge zu reflektieren, für die es sich lohnt, zu leben.
Bei der Geburt verfügen Kinder über eine große Anzahl an Nervenzellen (Neuronen), aber die Verbindungen zwischen diesen Zellen (Synapsen) sind noch wenig ausgebildet. Durch Bewegung und die sinnlichen Erfahrungen bilden sich diese Verbindungen im Gehirn. Dieser Prozess, bekannt als Synaptogenese und Neuroplastizität, ist entscheidend für die kognitive und motorische Entwicklung.
Erst einmal nutzlos
Schon bei der Geburt sind die 80 Milliarden Nervenzellen im Gehirn angelegt. Allerdings sind sie nicht verbunden und erst einmal nutzlos für die Wahrnehmung, das Nachdenken oder die Bewegung des Neugeborenen. Aber jedes unverbundene Neuron hat den inneren Drang sich zu verbinden und dieser Drang, mit 80 Mrd. multipliziert, signalisiert dem Kind „beweg dich“.
Genannt wird dieses Phänomen als „natürlicher Bewegungsdrang des Kindes“. Er ist nichts anderes als das, was die Neuronen, wenn sie noch unverbunden sind, benötigen: Bewegung. Erst die Bewegung ist es, die das Kind später befähigt, sportlich aktiv zu sein und geistige Leistungen zu vollbringen.
Lassen wir sie toben, klettern, raufen
Als Babys noch gänzlich unbeholfen, wollen sie es schon bald instinktiv den anderen Kindern gleichtun. Wenn man aufzählt, was sie sich in der Krabbelgruppe und später auf den Spielplätzen alles aneignen, kommt man schnell auf viele, typische Aktivitäten:
Aufstehen, Gehen, Fallen, Aufstehen, Laufen, Steigen, Rutschen, Schaukeln, Trampolin springen, Klettern, Balancieren, Radeln, Skaten, Hula Hoop, Fußball, Purzelbaum schlagen und was noch alles mehr. Alles wollen sie unbedingt können und machen es so lange, bis sie es beherrschen.
Kinder haben einen angeborenen Drang, sich zu bewegen, um ihre Umwelt zu erkunden und ihre motorischen Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Bewegungen fördern die Synaptogenese, indem sie neue neuronale Verbindungen schaffen.
B. Die Vorsicht des geschädigten neuronalen Netzes vor komplexer Bewegung
Im Alter lässt der Bewegungsdrang bekanntlich nach und es stellt sich die Frage, gibt es neben dem Bewegungsdrang des Kindes auch einen Drang zur Vermeidung von Bewegung bei den Alten? Wenn also aus dem inneren Gehirns nicht jene Signale ausgesandt werden, die das Kind zur Aktivität antreibt, sondern solche zur Vermeidung von Bewegung.
Vorstellbar ist, dass im Alter von geschädigten neuronalen Netzen, verbunden mit dem nachlassenden Gleichgewichtssinn und schwindenden Muskeln dem Körper aufgegeben wird, Bewegung im Allgemeine und komplex zu koordinierende Bewegungen im Besonderen tunlichst zu vermeiden. Geschädigte Netze melden demnach dem Körper instinktiv, jene Aktivitäten zu meiden, die es nicht mehr sicher auszuführen vermag.
Rein bewegungstechnisch gesehen ist das Leben nichts weiter, als eine stetige Transformation, ausgehend vom Bewegungsdrang des Kindes hin zum inneren Schweinehund im Alter.
Das Unterbewusstsein im Konflikt
Im Alter ist es jedes mal eine Überwindung, sich sportlich zu betätigen und es stellt sich die Frage, warum das eigentlich so ist. Eine Begründung auf diese Frage kann man im Unterbewusstsein finden, denn ob und wie wir uns bewegen, hängt sehr von ihm ab. Und für das Unterbewusstsein wiederum hat jede einzelne Nervenzelle einen Einfluss je nach dem in welchem Zustand sich das Neuron befindet: Wenn die Nervenzelle heil und unverbunden ist, dann signalisiert sie dem Unterbewusstsein, „beweg’ dich“, wenn sie heil und im neuronalen Netz eingebunden ist, signalisiert sie „ich wäre bereit zur Bewegung“. Wenn Nervenzelle aber durch Plaques zerstört sind, dann signalisieren sie „halt’ still“.
Im Zweifel für den Körper
Das Unterbewusstsein ist sozusagen im Konflikt zwischen dem Erhalt körperlicher und dem Erhalt geistiger Gesundheit und in der Regel entscheidet man sich im Alter für den Körper (Sturzvermeidung) und gegen den Geist. Die Folgen sind bekannt: nur wenige alte Menschen betätigen sich körperlich anspruchsvoll und die steigenden Zahlen pflegebedürftiger alter Menschen sprechen Bände.
Um geistige Gesundheit im Alter zu erhalten, bedarf es also nichts weniger als sich täglich entgegen seinem Unterbewusstsein aufzuraffen und sportlich aktiv zu werden. Für den inneren Schweinehund gilt nämlich auch umgekehrt, dass durch Bewegung die Muskeln so gestärkt werden und der Gleichgewichtssinn so erhalten bleibt, dass im Alter viele noch gerne Sport treiben. Schweinehund hin oder her.
So wie man Kinder anhalten muss, auch einmal still zu sitzen, muss man sich im Alter aufraffen, sich zu bewegen