3-10. Forschungsansatz Daten-Kreislauf-System

Von den Sinnen über’s Rechenzentrum an die Muskeln

Die Nonnenstudie und das Rush Memory and Aging Project sind langfristige Beobachtungsstudien: Man begleitet viele ältere Menschen über Jahre, testet regelmäßig Gedächtnis und Denken, erfasst Lebensstil-, Gesundheits- und Umweltfaktoren und untersucht später oft auch das Gehirn nach dem Tod. In solchen Studien wird nichts „verordnet“ oder gezielt verändert, die Forschenden beobachten nur, was im natürlichen Leben passiert, und schauen, welche Gewohnheiten, Risiken oder Schutzfaktoren mit mehr oder weniger Demenz zusammenhängen. Daraus entstehen wichtige Hinweise, zum Beispiel dass Bildung, geistige Aktivität, Bewegung, soziale Kontakte und Kontrolle von Herz-Kreislauf-Risiken vermutlich helfen können. Diese Ergebnisse beweisen aber noch nicht eindeutig Ursache und Wirkung. Genau hier setzen Interventionsstudien zur Alzheimerprävention an: Dort wird gezielt eingegriffen, zum Beispiel mit Programmen zu Ernährung, Bewegung, geistigem Training und medizinischer Risikokontrolle, und die Teilnehmenden werden per Zufall in Gruppen eingeteilt. So lässt sich viel klarer testen, ob solche Maßnahmen den geistigen Abbau wirklich verlangsamen. Kurz gesagt: Beobachtungsstudien wie die Nonnenstudie und das Memory and Aging Project liefern die Grundlagen und Hypothesen und die Interventionsstudien prüfen dann, ob diese Ideen tatsächlich funktionieren.

9.1. Bewegungskontrolle ist das Zusammenspiel zahlreicher Hirnregionen

Mit der Nonnenstudie und dem Memory of Age Project wurden zwei bahnbrechende Untersuchungen geschaffen, die wesentliche Grundlagen für nachfolgende Interventionsstudien zur Demenzprävention gelegt haben. Beide zeigen, dass geistige Gesundheit im Alter nicht allein vom Vorhandensein von Hirnschädigungen abhängt, sondern maßgeblich davon, wie das Gehirn über Jahre hinweg beansprucht, trainiert und unterstützt wird. An diesen Punkt könnte eine neue Forschungsrichtung anknüpfen: die systematische Erforschung eines sogenannten „Datenkreislaufsystems“ – also eines zweiten, den gesamten Körper organisierenden Regel- und Übertragungssystems neben dem bekannten Herz-Kreislauf-System.

Dieses Datenkreislaufsystem umfasst die Gesamtheit der neuronalen Verbindungen: von den Sinnesorganen über das „Rechenzentrum“ Gehirn bis hin zu den Muskeln. Unsere Sinne liefern nicht „fertige Wirklichkeit“, sondern Datenströme, die das Gehirn fortlaufend verarbeitet, bewertet und in Wahrnehmung, Entscheidungen und Handlungen übersetzt. So entsteht unsere erlebte Welt – Tag für Tag neu. Ob wir Musik als angenehm oder störend empfinden, wie wir Geschmack, Bewegung, Sicherheit oder Schönheit erleben, hängt davon ab, wie dieses neuronale Datenverarbeitungs- und Übertragungssystem organisiert und trainiert ist.

Während das Herz-Kreislauf-System dafür sorgt, dass der Körper dauerhaft leistungsfähig bleibt, entscheidet das Datenkreislaufsystem über die Qualität der Bewegung und die Leistungsfähigkeit des Geistes. Wie das Blut in Sekunden durch den Körper fließt, so bewegen sich Informationen im Millisekunden-Takt durch das Nervensystem. Und so wie jeder weiß, dass das Herz-Kreislauf-System im Alter trainiert werden muss, spricht vieles dafür, dass auch das neuronale Datennetz gezielt gepflegt und herausgefordert werden sollte – vor allem im Hinblick auf Demenzvorbeugung.

9.2. Bewegung nicht länger pauschal bewerten

Der wissenschaftliche Zugang hierzu findet sich eindrucksvoll in der Forschung zur Bewegungskontrolle. Sie zeigt, dass Bewegung nicht einfach eine reine Muskelaktivität ist, sondern ein hochkomplexer, lernfähiger Regelkreislauf zwischen Sinnesrückmeldung, Planung, Ausführung und Korrektur. Motorkortex, Kleinhirn, Basalganglien, sensorische Areale und Assoziationsfelder arbeiten in ständigem Austausch. Jede Bewegung ist ein fortlaufender Datenprozess, der das Gehirn fordert und verändert. Dabei wird deutlich: Nicht jede Bewegung fordert das Gehirn gleichermaßen. Monotone, gleichförmige Bewegungen – wie immer gleiche Laufstrecken oder routinierte Fitnessübungen – beanspruchen die höheren kognitiven Netzwerke kaum und werden schnell automatisiert. Sie sind gut für Herz, Muskeln und Ausdauer, aber nur begrenzt „Gehirntraining“.

Ganz anders sind Bewegungen, die Koordination, Variation und schnelle Anpassung erfordern – etwa Tanzen, Ballspiele, Tischtennis, Musizieren, Gleichgewichtstraining, Surfen oder anspruchsvolle Naturbewegungen. Hier muss das Gehirn ständig Situation bewerten, Gleichgewicht sichern, sensorische Informationen integrieren, Entscheidungen treffen, Fehler korrigieren und neue Lösungen entwickeln. Solche Bewegungen aktivieren genau jene Hirnregionen, die in frühen Demenzstadien besonders gefährdet sind. Sie machen verständlich, warum nicht „jede Bewegung“ gleichermaßen hirnschützend wirkt und warum Demenzprävention eher eine Frage der „richtigen“, qualitativ anspruchsvollen Bewegung ist als nur eine Frage von Dauer, Puls oder Schrittzahl.

Ein zukünftiger Forschungsansatz könnte dieses „Datenkreislaufsystem“ systematisch erfassen und messbar machen. Anstatt nur Trainingszeit, Herzfrequenz oder Schrittzahl zu zählen, könnten Studien untersuchen: Wie komplex ist eine Bewegung? Wie oft entstehen unvorhersehbare Situationen? Wie vielfältig ist das Bewegungsrepertoire eines älteren Menschen? Welche Muster hängen mit stabiler oder verbesserter geistiger Leistungsfähigkeit zusammen? Verbunden mit den Erkenntnissen der Nonnenstudie – dass geistige Stabilität trotz Hirnschädigung möglich sein kann – und den Perspektiven des Memory of Age Project – Altern als aktiven Anpassungsprozess zu verstehen – entsteht ein schlüssiges Gesamtbild: Nicht allein Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder Ausdauertraining bestimmen geistige Gesundheit, sondern vor allem die Qualität der neurologischen Beanspruchung im Alltag.

So wird deutlich, dass ein datenbasierter, neurowissenschaftlich fundierter Blick auf Bewegung weit mehr ist als Fitnessdenken. Er liefert einen theoretischen und praktisch überprüfbaren Ansatz für zukünftige Demenzpräventionsstudien: Wenn das Herz-Kreislauf-System für körperliche Leistungsfähigkeit zuständig ist, dann ist das Datenkreislaufsystem für geistige Vitalität verantwortlich – und beides lässt sich trainieren. Der Schlüssel liegt nicht in bloßer Bewegung, sondern in Bewegung, die das Gehirn fordert, überrascht und zu kontinuierlichem Lernen zwingt.

9. 3. Salto mit Schraube: zwei Sekunden Aktion im Rechenzentrum

Am Beispiel eines Turmspringers vom Zehn-Meter-Turm lässt sich gut erklären, wie das „Datenkreislaufsystem“ des Körpers in wenigen Sekunden arbeitet. Schon bevor der Springer abspringt, sammelt sein Körper ununterbrochen Informationen: Die Augen liefern Bilder von Beckenrand, Höhe und Wasseroberfläche, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr meldet die Lage im Raum, und Muskeln sowie Gelenke geben Rückmeldung über Spannung und Körperhaltung. All diese Daten strömen ins Gehirn und werden dort blitzschnell verarbeitet. Gleichzeitig ruft das Gehirn frühere Erfahrungen und Trainingsabläufe ab und plant, was gleich passieren soll: Anlauf, Absprung, die Drehungen in der Luft und schließlich das Eintauchen ins Wasser.

Mit dem Absprung beginnt dann ein permanenter Kreislauf aus „Handeln und Rückmelden“. Das Gehirn schickt Befehle an die Muskeln, die den Körper in Drehung und Schraube versetzen. Gleichzeitig fließen aus den Sinnen sofort wieder neue Informationen zurück: Wie schnell dreht sich der Körper? Wo befindet er sich im Raum? Stimmt die Richtung? Passt die Körperhaltung? Diese Rückmeldungen werden in Bruchteilen von Sekunden verarbeitet, und das Gehirn nimmt ständig kleine Korrekturen vor. So werden Drehgeschwindigkeit, Spannung, Gleichgewicht und Ausrichtung laufend angepasst, ohne dass der Sportler bewusst darüber nachdenken muss.

Kurz vor dem Eintauchen arbeitet das System noch einmal auf höchster Stufe. Der Springer fixiert die Wasseroberfläche, richtet den Körper exakt aus, spannt sich auf und bringt Arme und Kopf in die richtige Position. Erst mit dem Eintauchen ist dieser hochpräzise Steuerungsvorgang abgeschlossen.

Dieses Beispiel zeigt, dass Bewegung nicht einfach „Muskelarbeit“ ist, sondern ein hochkomplexer Datenprozess: Wahrnehmen, Verarbeiten, Entscheiden und Steuern greifen ständig ineinander. Besonders anspruchsvolle Bewegungen – wie beim Turmspringen – fordern das Gehirn intensiv, weil viele Hirnregionen gleichzeitig arbeiten müssen. Genau das macht das Beispiel so wertvoll: Es macht deutlich, dass Bewegung auch „Gehirntraining“ sein kann und dass komplexe, abwechslungsreiche Bewegungen die geistige Leistungsfähigkeit besonders stark beanspruchen und möglicherweise langfristig stabilisieren können


1 Der Wikipedia-Beitrag zur Bewegungskontrolle ist eine hervorragende wissenschaftliche Grundlage für die Frage, wie durch gezieltes Training “geplante und ungeplante Bewegungen so ablaufen, dass deren beabsichtigtes Ziel sicher erreicht wird”. Ein sehr zu empfehlende Abhandlung für jeden, der sich des Themas “Demenzvermeidung durch Bewegung” annehmen will.

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3-7. Das Fazit aus den Studien

Weltweit in die falsche Richtung?

Durch meine vielfältigen sportlichen Aktivitäten ist mir mehr und mehr bewusst geworden, dass die Forschung in ihren Studien die unterschiedliche Wirkung von Bewegung zu wenig berücksichtigt. Jede Bewegung wirkt im Körper anders: Kraftsport macht starke Muskeln und stabile Knochen, Ausdauersport ein gesundes Herz und ein ausgeglichenes Gemüt, Dehnungsübungen machen gelenkig, Faszienübungen das Bindegewebe geschmeidig und einzig alles koordinativ Anspruchsvolle einen gesunden Geist. Natürlich, jede auch noch so kleine Bewegung muss vom Gehirn koordiniert werden, aber der Koordinatiosbedarf variiert von sehr gering (Kraftsport) bis sehr hoch (Koordinations- und Balanceübungen).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt explizit Kraft- und Ausdauertraining. So fraglich das erscheint, es hat eine einfache Ursache: durchwegs alle Studien wurden mit Probanden durchgeführt, die bereit waren, regelmäßig Kraft und Ausdauer zu trainieren und so stehen der WHO nur solche Studienergebnisse als Grundlage für ihre Empfehlungen zur Verfügung, die wenig Aussagekraft haben.

Ein Zirkelschluss1 rund um den Erdball

Was die WHO empfiehlt2

Einer Empfehlung der WHO entsprechend, wird in allen Ländern den alten Menschen jeweils wöchentlich 150 Minuten moderater Ausdauersport und 75 Minuten Krafttraining mittlerer Intensität empfohlen. In der Folge dieser Empfehlung ergibt das einen Zirkelschluss1, der über fünf Stationen einmal um den Erdball herum verläuft:


1 Ein Zirkelschluss ist ein logischer Fehler, bei dem die Prämisse einer Argumentation ihre eigene Schlussfolgerung voraussetzt. Das bedeutet, dass die Aussage, die bewiesen werden soll, stillschweigend in den Prämissen enthalten ist, wodurch das Argument im Kreis läuft und keinen externen Beweis bietet.

Beweisführung im Kreis

1. Wissenschaftliche Studien werden weltweit generell mit Teilnehmern durchgeführt, die Kraft- und Ausdauersport betreiben. 2. Die Erkenntnisse daraus werden von der WHO im Ergebnis übernommen und dann allen Mitgliedsländern als Anregung für ihre Bürger empfohlen. 3. Die Gesundheitsresorts dieser Länder ermuntern ihre Senioren, sich gemäß den Vorgaben der WHO zu bewegen. 4. In vielen Ländern werden diese Vorgaben der WHO von den Menschen befolgt. 5. Zuletzt werden dann für weitere Studien in allen Ländern wieder Teilnehmer verpflichtet, die ihre Kraft- und Ausdauer trainieren und so beginnt der Kreislauf von Neuem.

Mit den heutigen Möglichkeiten der KI kann man die Probe auf’s Exempel machen. Auf die Frage, „was empfehlen die Gesundheitsbehörden zur Demenzvermeidung in Saudi-Arabien“ bekommt man zur Antwort:

„Die Gesundheitsbehörden weltweit, einschließlich Saudi-Arabien, empfehlen Maßnahmen zur Demenzprävention, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind einige der wichtigsten Schritte zur Reduzierung des Demenzrisikos: Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung, wie aerobes Training oder Krafttraining, kann die kognitiven Funktionen verbessern und das Demenzrisiko senken. Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung, wie die Mittelmeerdiät, wird empfohlen, da sie reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und gesunden Fetten ist. Blutdruck- und Blutzuckerkontrolle: Die Kontrolle von Hypertonie und Diabetes ist entscheidend, da diese Erkrankungen mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden sind. Tabakentzug und Alkoholreduktion: Der Verzicht auf Rauchen und ein moderater Alkoholkonsum können ebenfalls helfen. Kognitive Stimulation: Aktivitäten, die das Gehirn herausfordern, wie das Erlernen neuer Fähigkeiten oder das Lösen von Rätseln, sind hilfreich. Diese Empfehlungen sind allgemein gültig und können auch in Saudi-Arabien angewendet werden.“

Die Folge dieses logischen Fehlers in der Beweisführung sind weiter steigende Pflegefälle überall auf der Welt. Wollte man aus diesem fatalen Zirkelschluss ausbrechen, müsste wissenschaftliche Forschung von den vielen Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen, mehr als bisher alles koordinativ Anspruchsvolle in den Blick nehmen und die Erkenntnisse daraus der WHO empfehlen.

Der Lancet Report mit den Empfehlungen der WHO kann eingesehen werden unter: https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109X(24)00150-5/fulltext

Warum haben die Studien ihr erklärtes Ziel verfehlt?

Man weiß viel darüber, wie man Demenz vermeiden kann. Man weiß nur nicht, warum es trotzdem nicht gelingt, die Zunahme von Demenz bedingt Pflegebedürftigen zu stoppen. Um das zu ergründen, sollte man sich die Studien einmal genauer ansehen. Weltweit haben diese aus unterschiedlichen Gründen ihr erklärtes Ziel verfehlt. Drei Erklärungsversuche:

1. Für körperlich Eingeschränkte wertlos

Alle Studien zur Altersdemenz gehen an der Lebenswirklichkeit vorbei. Sie gehen davon aus, dass die Beweglichkeit bis zuletzt erhalten bleibt. Mit zunehmendem Alter nimmt sie aber naturgemäß ab. Weltweit haben alle Studien ihre Untersuchungen aber so angelegt, dass die Teilnehmer sich regelmäßig sportlich bewegen mussten. Die Ergebnisse daraus sind für körperlich eingeschränkte Menschen – und das sind mehr als 50 Prozent der über 70-jährigen – wertlos.

2. Ausdauertraining für’s Gehirn ungeeignet

Um körperlich und geistig gesund zu bleiben, wird von den Ärzten und allen Ratgebern empfohlen, moderat und altersgemäß die Ausdauer zu trainieren. Wie bereits dargestellt, sind Ausdauersport und Krafttraining aber denkbar ungeeignet, um geistig fit zu bleiben. So jedenfalls kann es nicht gelingen, der Demenz etwas entgegen zu setzen.

3. Einzelne Aktivitäten haben nur eine begrenzte Wirkung

Viele weitere Aktivitäten, darunter auch koordinativ anspruchsvolle, wurden auf ihre Wirksamkeit zur Demenzvermeidung untersucht und bei ihnen allen hat man festgestellt, dass sie zur Erhaltung geistiger Fitness Wirkung zeigen. Allerdings, sie wirken nur sehr eingeschränkt und mit einer allein ist nichts gewonnen. Weitere solcher Studien mit einzelnen Aktivitäten sind entbehrlich, da es sich beim Gehirn ähnlich verhält, wie bei der Muskulatur. Erst wenn alle Muskelgruppen, also die der Beine, des Beckenbodens, des Bauches, der Brust und des Rückens sowie der Arme stark sind, spricht man von einer starken Muskulatur.

Nachfolgend zwei mögliche Studienansätze, die eher als Ausdauerstudien Erfolg versprechen.

  • Multimodal mit Schwerpunkt auf koordinativ anspruchsvoller Bewegung

Die Forschung, wenn sie durch eine neue Studie das Zusammenwirken vielseitiger Bewegungsaktivitäten untersuchen wollte, müsste also einen neuen Ansatz wählen. Sie müsste ebenso wie die Finger- oder die Agewell-Studie einen multimodalen Ansatz wählen. Multimodal aber in Form von mehreren Bewegungsaktivitäten. Also statt sechs Module gesund leben und nur eines mit Bewegung sollte es umgekehrt sein: sechs Module Bewegung und eines mit gesund leben .


Jeder wählt für sich

Konkret könnten das bezüglich Bewegung sechs verschiedene, von den Teilnehmern selbst gewählte Arten von Aktivitäten sein, die im Wochenrhythmus ausgeübt werden. Möglichst sechs Aktivitäten, die das Gehirn auf ganz unterschiedliche Weise fordern: zum Beispiel Tanzen, Wassergymnastik, Balanceübungen, Waldspaziergänge, Musizieren und Tischtennis.

Die Forschung würde damit in den Blick nehmen, wie sich ein ganzer Reigen von komplex zu koordinierenden Bewegungsabläufen, die regelmäßig ausgeübt werden, in den neuronalen Schaltkreisen auswirkt.


  • Vergleichsstudie: Aerobic-Exercise vs. Brain-Exercise

Für die Frage, wie durch Bewegung Demenz zu vermeiden wäre, könnten die Ergebnisse einer Vergleichsstudie von großer Aussagekraft sein:

Zwei Gruppen

Die Teilnehmer würden in zwei Gruppen eingeteilt. Eine mit Ausdauersportlern (aerobic exercise) und ein zweite mit Koordinativsportlern (brain exercise). Die Ausdauersportler trainieren so wie es von der WHO empfohlen wird und die Koordinativsportler trainieren wie im Beispiel eins mit regelmäßig sechs verschiedenen koordinativ anspruchsvollen Aktivitäten.

Zu erwarten ist, wie schon der Name sagt, dass die Koordinativsportler (brain-exercise) besser abschneiden und diese Teilnehmer über den Studienzeitraum das Fortschreiten der Demenz spürbar verzögern oder gar stoppen können. Sollte sich das erweisen, wäre das für alte Menschen eine äußerst wichtige Information. Zumindest für jene, die bereit sind, für ihre geistige Gesundheit sportlich aktiv zu bleiben.

Die körperlichen Fähigkeiten alter Menschen: Sich koordinativ anspruchsvoll regelmäßig und vielseitig zu bewegen wird weltweit nirgendwo empfohlen. Allenfalls ambitionierte kognitive Herausforderungen werden angeraten, aber bezüglich Bewegung wird nur wenig Anspruchsvolles gefordert. Das mag den (vermeintlich geringen) körperlichen Fähigkeiten der Menschen im Alter geschuldet sein, nicht aber dem Anspruch, Demenz nachhaltig zu vermeiden.

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3-5. Ein Überblick zu den Studien

Was bisher bekannt ist und was noch fehlt

Die Ausdauerstudie der Deutschen Sporthochschule Köln, die FINGER-Study und die Agewell-Studie der Uni Leipzig sind nicht die einzigen Studien, die Bewegung als Möglichkeit für demenzfreies Altern untersucht hat. Weltweit wurden auch zuvor schon Studien zum selben Thema durchgeführt. Die Ergebnisse sind übereinstimmend und ernüchternd zugleich:

Bewegung “kann helfen, das Demenzrisiko zu senken”, hat “abschwächende Tendenzen”, und ist “möglicherweise krankheitsverlangsamend“. Das Fazit, wonach die Krankheit allenfalls gebremst wird, könnte also ernüchternder nicht sein.


Weltweit 29 Studien ausgewertet

J. Eric Ahlskog, Professor an der Mayo Klinik in Rochester, Minnesota, wertete im Jahr 2011 die bis dahin 29 wichtigsten Untersuchungen aus. Titel der Metastudie: „Körperliche Bewegung als vorbeugende oder krankheitsmodifizierende Behandlung von Demenz und Gehirnalterung“. (Gesamttext der Metastudie: J. Eric Ahlskog).


Bei allen untersuchten Studien fanden sich bei den Teilnehmern keine Hinweise auf eine nachhaltige Wirksamkeit von regelmäßigem Ausdauertraining. Eigentlich nicht anders zu erwarten, weil das Gehirn stets außen vor blieb. Keine der von den Probanden geforderten Übungseinheiten war für das Gehirn anspruchsvoll. Von den möglichen Aktivitäten hat man ausgerechnet jene genommen, die das Gehirn am wenigsten stimulieren.

Alle Studien setzen auf stupide Ausdauerübungen

Natürlich, die beste Methode zur Stärkung des Herz-Kreislaufsystems ist unbestritten Ausdauertraining. Warum aber gelten lockere Ausdauerübungen als ideale Möglichkeit, das Gehirn im Alter gesund zu erhalten? Eine andere Möglichkeit wären Übungen, für die es in der englischen Sprache einen passenden Ausdruck gibt: „Brain-Exercise“. Übersetzt könnte man sagen, Gehirntraining durch koordinativ fordernde Bewegung und dieses bietet sich zweifellos eher als Ausdauertraining an, wenn es darum geht, geistige Gesundheit zu gewährleisten!

Zur Geschichte der Studien:

Vor mehr als dreißig Jahren konnte mit Hilfe der Nonnenstudie der Zusammenhang von eiweißhaltigen Ablagerungen im Gehirn und der Altersdemenz erschüttert werden. Deshalb galten damals die Lebensgewohnheiten der Nonnen als zuverlässiger Garant gegen die Demenz. Die nachfolgenden Studien zu diesem Thema setzten nicht mehr auf die Lebensweise der Menschen, sondern auf Bewegung, insbesondere auf lockeres Ausdauertraining.

Ausdauertraining war dann für die nächsten 20 Jahre die Norm für die Forschung, um den Nachweis zu liefern, dass Bewegung geistige Gesundheit erhalten kann. Der Nachweis ist bis heute ausgeblieben und die negative Entwicklung bei Alzheimer ist ungebrochen. Dass Ausdauertraining trotzdem bis heute als idealer Ansatz gegen die Demenz gilt, hat zur Folge, dass sich alle zu Unrecht auf der sicheren Seite wähnen, wenn sie ein paar mal die Woche ihre Laufstrecke absolvieren, gelegentlich Radfahren und jeden Tag den Hund ausführen.

Untersuchung einzelner Aktivitäten

Zusätzlich zu den Ausdauerstudien gibt es unzählige weitere, die jeweils eine Aktivität (Tanzen, Yoga, Musizieren, Tischtennis und andere mehr) untersucht haben. Alle haben sie ergeben, dass sie – eher als Ausdauertraining – für die geistige Fitness erkennbar etwas bewirken können. Allerdings, mit nur einer dieser Aktivitäten ist nichts gewonnen. Wie viel und wie vielseitig man sich bewegen muss, damit die Netze lückenlos und intakt bleiben, ist bisher nicht erforscht, die Antwort darauf wäre aber von enormer Bedeutung für Menschen mit ersten Anzeichen der Alterskrankheit. Es zu erforschen wäre den „Schweiß der Götter“ wert.

Sicher ist, wenn man das Fortschreiten verhindern will, braucht es einen bunten Strauß an gehirnfordernden Aktivitäten und eben solchen sportlichen Anstrengungen. Vieles ist bekannt, was noch aussteht ist eine Forschung mit Probanden, die bereit sind, gleich eine Vielzahl von komplex zu koordinierenden Aktivitäten regelmäßig auszuüben. Demenzvermeidung ist nicht von Dauer, wenn sie lediglich als Einzeldisziplin ausgeübt wird. Demenzvermeidung ist ein Zehnkampf.

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3-3. Die FINGER-Study aus Helsinki

Die renommierte FINGER-Studie ist der Hoffnungsträger für die Demenzprävention und deren Ergebnisse werden allgemein als Empfehlungen ausgegeben, wie der Alterskrankheit beizukommen wäre. Die Studie, die eine Zusammenarbeit des Karolinska Institutet in Stockholm und des Finnish Institute for Health and Welfare in Helsinki ist, belegt erstmals, dass gesund leben, verbunden mit intensivem Sport und regelmäßigen Denkaufgaben dem geistigen Abbau entgegen wirken. Teilgenommen haben 1.260 ältere Menschen, sie waren zwischen 60 und 77 Jahre alt. Sie hatten zu Beginn der Studie ein leicht erhöhtes Demenzrisiko, waren in Kognitionstests eher “unterdurchschnittlich” und die Cholesterinwerte, Diabetes und Herzkrankheiten waren teilweise sogar ausgeprägt erhöht. Link zur Studie:

https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(15)60461-5/abstract


Gesund leben und trainieren!

Bei dieser Studie zwischen 2009 und 2011 haben die Forscher erstmals einen multimodalen Ansatz zur Demenzprävention gewählt, bei dem sich die Teilnehmer verpflichteten, sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen, auf die kardiovaskulären Risikofaktoren (Neigung zu Herzerkrankungen) zu achten und zuletzt auch noch Gedächtnisübungen zu machen.


“Mehr geht nicht”, könnte man sagen. Die Studienmacher haben ihre Probanden für zwei Jahre zu allem verpflichtet, was man bis dahin zur Demenzprophylaxe als wirksam erachtete. Und was die Studie besonders auszeichnet, es war eine sogenannte „randomisiert-kontrollierte Studie“ und nicht bloß eine epidemiologische (beobachtend) Untersuchung. Randomisiert ist ein Studie, bei der die Teilnehmer für eine bestimmte Zeit danach leben müssen, epidemiologisch ist eine Untersuchung, bei der sie im Prinzip nur befragt werden.

Wenn man die Studie liest und sich dabei die Frage stellt, welche Art der Bewegung von den Teilnehmern gefordert wurde, dann fällt, wie bei allen ähnlich gelagerten Studien, auf, dass das Fitness-Modul aus einem “individuell angepassten Training zur Stärkung der Muskulatur (ein- bis dreimal wöchentlich) sowie Ausdauerübungen im gemäßigten aeroben Bereich zwei- bis fünfmal pro Woche” bestand. Wiederum haben die Teilnehmer also “nur” ihre körperliche Fitness trainiert.

Was lässt sich nun aus diesem bisher einzigartigen Experiment schließen? Immerhin haben sich die kognitiven Leistungen “im Schnitt verbessert”. Die absoluten Veränderungen waren allerdings, wie nicht anders zu erwarten, recht gering und das erstaunlichste Ergebnis war, dass überhaupt messbare Unterschiede festgestellt wurden.

Erneut koordinativ anspruchsloser Ausdauersport!

Für die Frage der Demenzvermeidung im Alter hätte die Studie eine wichtige Unterscheidung treffen müssen: die Faktoren gesunde Ernährung, kognitives Training (Rätsel lösen etc.) und die Behandlung von vaskulären Risikofaktoren haben im Gehirn eine andere Wirkung als regelmäßige körperliche Betätigung. Während erstere „nur“ verhindern, dass das Gehirn geschädigt wird, können körperlich fordernde Aktivitäten Schäden reparieren. Leider haben die Macher der Studie den Teilnehmern für das Fitness-Modul Bewegung keine koordinativ anspruchsvollen sportlichen Aktivitäten abverlangt. Und so war auch das Ergebnis: ihre geistige Fitness blieb fast unverändert.

Quelle: https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Geistiger-Abbau-laesst-sich-bremsen-233724.html

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3-2. Ausdauerstudie der Sporthochschule Köln

Drei mal wöchentlich Laufen?

Die Schulschwestern von Notre Dame wurden nach ihrem Leben befragt, um Antwort darauf zu finden, warum sie trotz massenhafter Eiweißablagerungen im hohen Alter nicht dement waren. Einen Schritt weiter gehen neuere Studien. Sie untersuchen, ob Bewegung im Alter Demenz aufhalten kann.

Sie greifen damit genau die Frage auf, die für ältere Menschen heute enorm wichtig ist: was kann ich tun, um geistig gesund zu bleiben? Und ganz speziell: auf welche Art muss ich mich bewegen, um geistig fit zu bleiben? Studien, zuletzt 2019 von der Sporthochschule Köln, versuchen den Nachweis zu liefern, dass bei leichter kognitiver Beeinträchtigung im Alter durch regelmäßiges Ausdauertraining die Demenz verhindert bzw. verzögert werden kann.


Altersgemäß?

Die Studie unterscheidet zwischen sportlicher Betätigung im aeroben und im anaeroben Bereich. Von den Teilnehmern verlangen die Macher der Studie Ausdauertraining im moderaten Bereich, weil sich dabei der Körper stets ausreichend mit Sauerstoff (aerob) versorgt. Aerobes Training findet also in gemäßigtem Tempo statt und wurde für die Studie zur „Demenzvermeidung durch Bewegung“ ausgewählt, weil es als die für ältere Menschen gemäße Bewegungsform angesehen wird.1

1 Im anaeroben Bereich erfolgt die Energiegewinnung ohne Sauerstoff. Dabei wird Glukose durch einen Prozess namens Milchsäuregärung abgebaut, um Energie zu erzeugen. Dies geschieht, wenn die Sauerstoffzufuhr nicht ausreicht, um den Energiebedarf der Muskeln zu decken, wie es bei intensiven, kurzen Belastungen der Fall ist.


Warum Ausdauertraining?

Ausdauertraining wurde als die wahrscheinlich effektivste Form der Übung genommen, weil die Teilnehmer damit ihre körperliche Fitness und das seelische Wohlbefinden steigern und so auch für den geistigen Bereich langfristig die besten Ergebnisse erzielen würden. So zumindest die irrige Annahme der Studie. 180 Personen mit amnestischer MCI (Anzeichen beginnender Demenz) waren beteiligt und einem 12-monatigen Training unterworfen. Drei mal pro Woche mindestens 45 Minuten Ausdauertraining war vorgegeben. Für die Vergleichsgruppen wurden Dehn- und Muskelaufbauübungen bzw. eine Kontrollgruppe ohne körperliche Betätigung genommen.

Warum von den Probanden Ausdauer- statt geistig anspruchsvollem Koordinativsport verlangt wurde, bleibt das Geheimnis der Sporthochschule. Allerdings befinden sich die Macher der Studie damit im Einklang mit allen weltweit zu diesem Thema durchgeführten Forschungsstudien. Das Ergebnis nach Ablauf der Studie war ernüchternd: Sport ist gut für Herz-Kreislauf, für die Seele und regt an, sich mehr am allgemeinen Leben zu beteiligen. Ob es aber etwas für’s Gehirn gebracht hat, darüber hat die Studie keine nennenswerten Ergebnisse liefern können.

Ausdauersport für die Hirngesundheit zu empfehlen, ist so abwegig wie regelmäßiges Hände waschen für die Zahngesundheit

Kritik: Geistige Fitness ist nicht auf die leichte Art zu erhalten

Wenn man bedenkt, wie viel die Menschen in Deutschland rauchen und Alkohol trinken, was sie essen, wie wenig sie sich bewegen und welchem Stress sie im Arbeitsleben ausgesetzt sind, dann kann man nur den Schluss ziehen, dass in Deutschland heute das ungesunde Leben und folglich entsprechende Schädigungen in den Netzen älterer Menschen das Normale ist. Und so ist es geradezu eine fahrlässige Irreführung, wenn aus berufenem Munde geraten wird, drei Mal die Woche mit Stöcken zu walken oder auf geebneten Wegen zu laufen. Geistige Fitness nach einem ungesund geführten Leben ist eben nicht auf die leichte Art zu erhalten. So muss man sich nicht wundern, wenn zuletzt die Hälfte der 90-Jährigen in Deutschland unter Alzheimer leidet.

Zur Übungsinterventionsstudie der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS): National Library of Medicin

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3-1. Die Nonnenstudie

Meilenstein in der Demenzforschung

Die sogenannte Nonnenstudie, die 1986 von dem Epidemiologen David Snowdon ins Leben gerufen wurde, gilt bis heute als einer der bedeutendsten Meilensteine in der Erforschung der Alzheimer-Krankheit. Sie stützt sich auf 678 katholische Schwestern des Ordens der School Sisters of Notre Dame in den USA, deren Lebensweise in vielerlei Hinsicht ideale Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Untersuchung bot. Die Nonnen lebten unter weitgehend vergleichbaren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, teilten denselben Lebensrhythmus, verfügten über ähnlich hohe Bildungsniveaus und ernährten sich nach nahezu identischen Grundsätzen. Diese Homogenität reduzierte äußere Einflussfaktoren auf ein Minimum und ermöglichte es den Forschenden, Zusammenhänge zwischen Lebensführung, kognitiver Entwicklung und Alzheimer-Erkrankung besonders klar zu erkennen. Hinzu kam, dass die Schwestern ihr Leben über Jahrzehnte hinweg schriftlich dokumentierten, sodass ein ungewöhnlich reichhaltiges Datenmaterial für wissenschaftliche Auswertungen zur Verfügung stand. Besonders wertvoll wurde die Studie durch die Bereitschaft vieler Nonnen, nach ihrem Tod ihr Gehirn zur Forschung zu spenden, wodurch sich klinische Beobachtungen im Leben mit biologischen Befunden aus dem Gehirn direkt verknüpfen ließen.

Wikipedia: Nonnenstudie


Spektakulär: Der Fall von Schwester Bernadette

Ein scheinbar stabiles Fundament gerät ins Wanken

Vor der Nonnenstudie folgte die Alzheimerforschung einer scheinbar klaren Logik: Fand man im Gehirn eines verstorbenen Menschen viele Amyloid-Plaques und neurofibrilläre Tangles, ging man selbstverständlich davon aus, dass diese Person zu Lebzeiten dement gewesen sein musste. Die Diagnose „Alzheimer“ war im Kern eine neuropathologische Diagnose, die erst nach dem Tod als gesichert galt, und man erwartete einen direkten Zusammenhang zwischen Gewebeschädigung und klinischem Bild.

Genau dieses Grundverständnis stellte die Nonnenstudie infrage. Die Forscher um David Snowdon verfügten über einen besonderen Vorteil: Sie hatten bei den teilnehmenden Nonnen über viele Jahre hinweg systematisch kognitive Tests durchgeführt und ihre geistige Leistungsfähigkeit genau dokumentiert. Nach dem Tod konnten diese klinischen Daten direkt mit den neuropathologischen Befunden verglichen werden.

Besonders bekannt wurde der Fall einer hochbetagten Nonne, die bis ins sehr hohe Alter geistig klar, orientiert und leistungsfähig geblieben war und in kognitiven Tests außergewöhnlich gute Ergebnisse erzielte. Die Überraschung folgte nach ihrem Tod: Ihr Gehirn wies eine ausgeprägte Alzheimer-Pathologie auf, wie man sie sonst bei schwerer Demenz erwartet hätte. Klinisch jedoch hatte sie keinerlei Anzeichen einer entsprechenden Erkrankung gezeigt.

Zunächst hielten die Forscher diesen Befund für eine Ausnahme. Doch im weiteren Verlauf der Studie zeigte sich, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelte. Immer wieder fanden sie deutlich veränderte Gehirne bei Nonnen, die zu Lebzeiten geistig unauffällig geblieben waren. Ein erheblicher Teil der untersuchten Frauen zeigte Alzheimer-typische Veränderungen, ohne jemals eine Demenzdiagnose erhalten zu haben. Damit wurde deutlich, dass es eine relevante Gruppe von Menschen mit „klinisch stillem“ Alzheimer gibt.

Diese Ergebnisse erschütterten das bis dahin vorherrschende, vereinfachende Krankheitsmodell. Plaques und Tangles erwiesen sich zwar weiterhin als wichtige Marker, aber nicht als alleinige Erklärung für den klinischen Verlauf. Die Nonnenstudie trug entscheidend zur Entwicklung des Konzepts der „kognitiven Reserve“ bei: der Fähigkeit des Gehirns, strukturelle Schäden über lange Zeit zu kompensieren, sodass Symptome verzögert auftreten oder ganz ausbleiben können.

In der Folge setzte sich ein differenzierteres Verständnis der Alzheimerkrankheit durch. Neben den Eiweißablagerungen beeinflussen weitere Faktoren, ob und wann Demenz entsteht – etwa Bildung, lebenslange geistige Aktivität, vaskuläre Schäden, Entzündungsprozesse und genetische Risiken. Die Nonnenstudie zeigte damit, dass Alzheimer nicht allein eine Frage der Ablagerungsmenge ist, sondern das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von Pathologie und individueller Widerstandsfähigkeit des Gehirns.

Die kognitive Reserve – das kompensierende Gehirn

Der Umkehrschluss, dass Plaques plötzlich bedeutungslos wären, ist allerdings ebenso unzutreffend. Vielmehr wurde deutlich, dass sie zwar ein Teil des Problems sind, aber nicht der ganze Schlüssel. Sie sind weder eine hinreichende noch eine notwendige Erklärung für den demenziellen Verlauf bei jedem einzelnen Menschen. Tatsächlich weisen diese Beobachtungen darauf hin, dass das Gehirn aktiv versucht, auf strukturelle Schäden zu reagieren, und dass diese Anpassung bei manchen Menschen sehr effektiv zu sein scheint.

Die Nonnenstudie wurde damit zu einem zentralen Baustein für das Konzept der „kognitiven Reserve“. Mit diesem Begriff beschreibt man die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren, sodass klinische Symptome, etwa Gedächtnisverlust, Orientierungslosigkeit oder Sprachstörungen deutlich später auftreten oder sogar ganz ausbleiben können, obwohl das Gehirn unter dem Mikroskop bereits als „krank“ erscheint. In Übersichtsarbeiten zur Nonnenstudie wird hervorgehoben, dass vor allem frühe Bildung, komplexe Sprachfähigkeiten in jungen Jahren und anhaltende geistige und soziale Aktivität im späteren Leben dazu beitragen können, eine solche Reserve aufzubauen. Die Studie machte damit sichtbar, dass der Lebensverlauf – wie viel geistige Anregung, Bildung, soziale Einbindung und eventuell auch körperliche Aktivität ein Mensch erfährt – einen erheblichen Einfluss darauf hat, ob sich Alzheimer-Pathologie in klinische Symptome übersetzt oder nicht.

Was die Erschütterung des Plaque-Demenz-Dogmas noch verstärkte, war der Vergleich mit anderen Daten außerhalb der Nonnenstudie. So zeigten etwa epidemiologische Untersuchungen, dass ein beträchtlicher Anteil älterer Menschen in der Allgemeinbevölkerung im Gehirn Alzheimer-typische Plaques aufweist, ohne dass sie klinisch dement sind. Die Nonnenstudie lieferte hierzu eine besonders saubere, methodisch gut kontrollierte Bestätigung: In einem homogenen Kollektiv, in dem Einflussfaktoren wie Bildung, Ernährung und sozioökonomischer Status weitgehend vergleichbar sind, findet man dennoch eine Gruppe von Frauen, die trotz auffälliger neuropathologischer Befunde kognitiv intakt bleiben. Damit war klar, dass man den mechanistischen Zusammenhang neu denken musste.

Die Konsequenz für die Forschung war tiefgreifend. Alzheimer erschien nicht länger als Erkrankung, die sich allein über die Menge der Eiweißablagerungen erklären lässt. Stattdessen setzte sich zunehmend ein mehrdimensionales Verständnis durch: Plaques und Tangles sind wichtige Marker, aber die klinische Ausprägung hängt außerdem von anderen Faktoren ab – von der kognitiven Reserve, von zusätzlichen Schädigungen wie kleinen Schlaganfällen oder vaskulären Veränderungen, von Entzündungsprozessen, genetischen Risikofaktoren wie APOE-ε4 (eine bestimmte Variante des APOE-Gens) und womöglich noch weiteren, bisher wenig verstandenen Mechanismen. Die Nonnenstudie zeigte beispielsweise, dass die Kombination von Alzheimer-Pathologie mit Gefäßschäden das Demenzrisiko deutlich erhöht, während Alzheimer-typische Ablagerungen allein nicht immer ausreichen, um Demenz auszulösen.

Der Nachweis steht noch aus!

Als kognitive Reserve bezeichnet man die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren. Die Nonnenstudie hat gezeigt, dass es diese Reserve gibt, aber nicht wie diese sich bildet.

Alzheimerforschung war damit vor die Aufgabe gestellte, herauszufinden, auf welche Weise diese für die geistige Vitalität im Alter so wichtige Reserve gebildet werden kann. Der Nachweis, was im Einzelnen dazu nötig ist, steht trotz aller Bemühungen bis heute aus.

Kritik: Auf halbem Weg stehen geblieben

In der Rückschau lässt sich sagen: Die Nonnenstudie hat den alten, scheinbar festen Zusammenhang zwischen Plaques im Gehirn und Demenz im Verhalten nicht einfach ein wenig relativiert, sondern grundlegend erschüttert. Sie hat gezeigt, dass die Beziehung zwischen Gehirnveränderung und klinischem Bild viel komplexer ist, als man angenommen hatte. Damit zwang sie die Forschung, ihr Modell von Alzheimer als unvermeidliche Folge von Plaqueablagerungen zu überdenken und den Blick auf Schutzfaktoren, Widerstandskraft und Kompensationsmechanismen des Gehirns zu lenken. Genau darin liegt ihre große, bis heute anhaltende Bedeutung: Nicht die Plaques allein bestimmen unser Schicksal, sondern auch das, was wir im Laufe unseres Lebens an geistiger, sozialer und möglicherweise körperlicher Reserve aufbauen.

Die Bedeutung dieser Entdeckung kann kaum überschätzt werden. Sie machte erstmals deutlich, dass Alzheimer nicht zwangsläufig entsteht, nur weil entsprechende Veränderungen im Gehirn auftreten. Sie rückte die Lebensweise, die geistige Aktivität und die sozialen Gegebenheiten eines Menschen in ein neues Licht und zeigte, dass das Gehirn, ähnlich wie ein Muskel, durch Nutzung und Anregung offenbar in die Lage versetzt wird, degenerative Prozesse zu kompensieren. Somit wurde verständlich, warum einige Menschen trotz objektiv schwerer Hirnschädigungen lange Zeit ein völlig normales Leben führen können, während andere bereits bei geringeren Veränderungen erste Symptome entwickeln. Die Nonnenstudie war daher nicht nur wissenschaftlich von Bedeutung, sondern weckte auch große gesellschaftliche Hoffnung, weil sie implizierte, dass Demenz kein unabänderliches Schicksal sein muss.

Dass die Nonnen aus dem Orden der Schwestern von Notre Dame in den USA für eine Studie ihre Gehirne zu Forschungszwecken zur Verfügung stellten, ist ungewöhnlich genug. Dass die Studie dabei den bis dahin geltenden Zusammenhang von Plaques und seniler Demenz erschütterte, war eine Sensation. Das Forschungsteam, hatte etwas Entscheidendes entdeckt: selbst eine Unzahl von Eiweißablagerungen und ein schrumpfendes Gehirn bedingen nicht zwingend Alzheimer. Eine Meldung also, die noch heute und für jeden einzelnen von uns von großer Bedeutung ist.

Dennoch blieb die Studie in einem entscheidenden Punkt unvollständig. Obwohl die Forscher eine Vielzahl von Aspekten im Leben der Nonnen akribisch dokumentierten, vernachlässigten sie eine systematische Untersuchung der körperlichen Aktivität der Schwestern im höheren Lebensalter. Man wusste, was die Nonnen in ihrem Leben grundsätzlich getan hatten, aber nicht, wie intensiv sie sich im Alter bewegten, wie oft sie körperliche Tätigkeiten ausübten und welche geistigen Anforderungen ihre täglichen Aufgaben tatsächlich stellten. Man erfasste nicht detailliert, ob sie regelmäßig zu Fuß gingen, ob sie körperlich fordernde Arbeiten verrichteten oder ob sie im Alltag Routinen hatten, die Konzentration, Koordination oder Ausdauer erforderten. Gerade diese Informationen hätten es ermöglicht, Zusammenhänge zwischen der täglichen Aktivität einer Nonne und dem Zustand ihres Gehirns nach ihrem Tod herzustellen. Eine solche Auswertung hätte wertvolle Hinweise darüber geben können, welche Formen von Bewegung oder geistiger Herausforderung das Gehirn besonders wirksam vor Degeneration schützen.

Stattdessen konzentrierte sich das Forschungsteam auf allgemein gehaltene Lebensaspekte wie Gartenarbeit, gemeinschaftliches Leben, gesunde Ernährung, spirituelle Rituale, Lehr- und Pflegeberufe sowie gesellige und kulturelle Aktivitäten. Diese Faktoren sind zweifellos interessant und potenziell gesundheitsfördernd, doch sie blieben zu unspezifisch, um konkrete Präventionsstrategien für die Allgemeinbevölkerung daraus abzuleiten. Denn das Leben der Nonnen war in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich und lässt sich nur schwer auf das moderne Alltagsleben übertragen, das von Stress, beruflichen Zwängen, sozialer Isolation und unregelmäßigen Tagesabläufen geprägt sein kann. Die Nonnenstudie zeigte zwar, dass Lebensstil und geistige Aktivität eine wichtige Rolle spielen, erklärte aber nicht ausreichend, wie genau diese Faktoren zusammenwirken oder welche davon den größten Einfluss auf die Bildung einer kognitiven Reserve haben.

Damit blieb eine wesentliche Frage unbeantwortet: Was genau hatte es den Nonnen ermöglicht, trotz teils schwer geschädigter Gehirne geistig gesund zu bleiben? Hätte die Studie ihre körperliche und geistige Aktivität im Alter präzise dokumentiert, hätte sie möglicherweise den Grundstein für ein umfassendes Modell der Demenzprävention legen können. So aber wurden viele potenziell wertvolle Hinweise nicht weiterverfolgt, und das Forschungsvorhaben kam hinsichtlich seiner praktischen Schlussfolgerungen nicht über einen ersten, wenn auch bedeutenden, Erkenntnisschritt hinaus. Zwar wurde gezeigt, dass kognitive Reserve existiert, doch die Frage, wie man sie gezielt aufbaut, blieb weitgehend offen.

Die Nonnenstudie bleibt daher zugleich ein Meilenstein und eine verpasste Gelegenheit. Sie hat die Demenzforschung revolutioniert, indem sie das vorherrschende Verständnis der Alzheimer-Krankheit grundlegend infrage stellte und den Blick für die Bedeutung von Bildung, sozialer Einbindung und geistiger Anregung schärfte. Zugleich ließ sie aber eine zentrale Chance ungenutzt: die systematische Erforschung der Rolle von körperlicher und mentaler Aktivität im Alter als möglicher Schlüssel zum Schutz des Gehirns. Die Antwort auf diese Frage wäre für die Prävention von Demenz von unschätzbarem Wert gewesen und könnte es auch heute noch sein.


Leben wie die Nonnen?

Gartenarbeit, Gemeinschaft, gesundes Essen, der Glaube und das tägliche Gebet, ihre Lehrtätigkeit, die Pflege kranker Mitschwestern, Gespräche, Singen und anderes mehr. Da ist vieles dabei, was nicht zu schaden vermag, wirklich geholfen hat es aber niemandem, denn die Lebenswirklichkeit der Menschen ist eine andere.

https://www.i-rm.org/die-nonnenstudie/ (Ruth Mischnik Institut)

1David Snowdon (Leiter der Nonnenstudie) : Lieber alt und gesund – Dem Altern seinen Schrecken nehmen (Blessing-Verlag)

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3. Die Forschung: Was die Studien sagen und was noch offen ist


Inhalt 3. Abschnitt

In diesem Abschnitt wird aufgezeigt, was bisherige wissenschaftlichen Studien ergeben haben und was noch fehlt. Obwohl im Alter viele bereit sind, sich für ihre geistige Gesundheit zu verausgaben, gibt es keine Studien mit Teilnehmern, die statt ihre Ausdauer regelmäßig ihre koordinativen Fähigkeiten trainieren. Im abschließenden Fazit wird beschrieben, wie zukünftige Studien aussehen könnten.


1. Die Nonnenstudie

Eine der faszinierendsten Studien zur Alzheimer-Krankheit ist die Nonnenstudie. Sie öffnete die Tür zu einem besseren Verstehen der Krankheit.

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2. Die Ausdauerstudie der Sporthochschule Köln

Einen Schritt weiter als die Nonnenstudie gehen neuere Forschungen. Sie untersuchen, ob Bewegung Demenz aufhalten kann.

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3. Die FINGER-Study aus Helsinki

Eine sehr renommierte Studie aus Finnland weckt Hoffnung, kann sie aber nicht erfüllen

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4. Die Agewell-Studie der Uni Leipzig

Gesund leben und anspruchsvoll bewegen

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5. Ein Überblick zu den Studien.

Weltweit wurden zwischenzeitlich viele Studien durchgeführt. Ein Überblick

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6. Die FIT4Brain-Studie der Uni Jena

Im Jahr 2025 wurden erstmals geistig anspruchsvolle Aktivitäten erforscht.

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7. Das Fazit aus den Studien:

Weltweit in die falsche Richtung?

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9. Warum es neue Forschung braucht

Hirngesundheit: Viele sind körperlich aktiv, sind aber falsch beraten

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10. Das Datenkreislaufsystem

Von den Sinnen über’s Rechenzentrum an die Muskeln

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