Demenzforschung – Eine Phantasie
Vorangestelltes Wort
Dem Leser wird empfohlen, die folgende Geschichte weder allzu schnell zu glauben noch allzu schnell zu verwerfen.
Denn manche Erzählungen verlieren ihren Wert, sobald man sie für wahr hält.
Andere verlieren ihn, sobald man sie für erfunden erklärt.
Die vorliegende Geschichte gehört möglicherweise zu beiden Arten zugleich.
Von den handelnden Personen
Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, erscheint es notwendig, einige Worte über diejenigen zu verlieren, die in ihr auftreten.
Der Erzähler, der sich selbst meist nur „Ich“ nennt, ist ein Mann, dessen Alter für die Geschichte von geringerer Bedeutung ist als seine Gewohnheit, über Dinge nachzudenken, die andere Menschen längst für erledigt halten. Er besitzt weder die Strenge eines Wissenschaftlers noch die Gelassenheit eines Philosophen. Dafür verfügt er über jene seltene Mischung aus Beharrlichkeit und Unruhe, die Menschen dazu bringt, jahrelang dieselbe Frage zu verfolgen.
Thomas, sein Nachbar, ist von ganz anderer Art.
Er gehört zu den praktisch veranlagten Menschen, ohne die keine Gesellschaft bestehen könnte. Während andere Theorien entwickeln, pflanzt Thomas Tomaten. Während andere über die Zukunft der Menschheit diskutieren, repariert er Gartenzäune. Er misstraut allem, was sich nicht beobachten oder messen lässt, und begegnet philosophischen Spekulationen mit derselben Vorsicht wie unbekannten Pilzen.
Gerade deshalb wird er im Verlauf dieser Geschichte eine wichtige Rolle spielen. Denn der Zweifel ist oft der ehrlichste Zuhörer.
Das Gehirn selbst: Über seine Herkunft lässt sich wenig Sicheres sagen. Es erschien eines Sommerabends im Garten des Erzählers. Es war etwa hundertzwanzig Zentimeter groß. Sein Kopf war unverhältnismäßig groß, seine Beine dagegen dünn, krumm und auffallend schwach. Auf den ersten Blick wirkte es eher bemitleidenswert als beeindruckend.
Wer ihm jedoch länger zuhörte, gewann einen anderen Eindruck. Es sprach mit der Ruhe eines alten Lehrers, der denselben Fehler schon unzählige Male beobachtet hat.
Und vielleicht war genau das sein Problem.
Ort und Zeit der Handlung
Die Handlung spielt in unserer Gegenwart.
Genauer gesagt in jener merkwürdigen Epoche, in der die Menschheit immer genauere Bilder des Gehirns erzeugen kann und gleichzeitig immer unsicherer wird, was diese Bilder eigentlich bedeuten.
Der Ort der Handlung ist ein gewöhnlicher Garten am Rand einer kleinen deutschen Stadt.
Dort stehen ein alter Holztisch und zwei Gartenstühle. Ein Apfelbaum wirft seinen Schatten auf den Rasen. An einer Mauer lehnt ein Fahrrad, das später eine größere Bedeutung gewinnen wird, als sein Besitzer zunächst vermutet.
Hinter dem Grundstück beginnt ein kleiner Wald.
Die meisten Menschen benutzen dort die breiten Wege.
Einige wenige bevorzugen die schmalen Pfade zwischen Wurzeln und Farnen.
Wie sich zeigen wird, unterscheiden sich diese Wege nicht nur im Gelände.
Bericht des Herausgebers
Die Aufzeichnungen, die hier veröffentlicht werden, gelangten vor einigen Jahren in meine Hände. Der Verfasser bat mich damals um zwei Dinge. Erstens solle ich seinen Namen nicht nennen. Zweitens solle ich möglichst lange zögern, bevor ich das Manuskript lese. Dem ersten Wunsch bin ich ohne Schwierigkeiten nachgekommen.
Dem zweiten nicht.
Der Grund dafür lag weniger in meiner Neugier als in dem Umstand, dass das Manuskript bereits auf den ersten Seiten eine Behauptung enthielt, die geeignet war, selbst einen geduldigen Leser zu irritieren. Der Verfasser berichtete nämlich, eines Sommerabends Besuch von seinem eigenen Gehirn erhalten zu haben. Wer jemals Gelegenheit hatte, ein Gehirn zu betrachten, wird verstehen, weshalb mich diese Mitteilung zunächst nicht überzeugte.
Gehirne besitzen bekanntlich weder Beine noch die Gewohnheit, durch Gartentore zu spazieren. Sie nehmen gewöhnlich keine Gartenstühle in Anspruch, führen keine Gespräche und äußern sich nur selten zur internationalen Demenzforschung. Aus diesem Grund legte ich das Manuskript zunächst beiseite.
Einige Tage später nahm ich es wieder zur Hand. Wenige Wochen danach begann ich mich zu fragen, ob die eigentliche Merkwürdigkeit vielleicht gar nicht darin bestand, dass ein Gehirn sprechen konnte.
Sondern darin, was es sagte.
Der Verfasser ist kein Arzt. Auch kein Philosoph. Er gehört zu jener schwer einzuordnenden Gruppe von Menschen, die ihr Leben damit verbringen, Fragen nachzugehen, die niemand ausdrücklich gestellt hat. Über viele Jahre beschäftigte ihn die Frage, warum die moderne Demenzforschung trotz ihrer beeindruckenden Fortschritte noch immer Schwierigkeiten hat, die entscheidenden Rätsel des Alterns zu lösen. Dabei stieß er auf Beobachtungen, die ihn zunehmend beunruhigten.
Je mehr die Wissenschaft über das Gehirn herauszufinden schien, desto häufiger begegnete sie Tatsachen, die sich ihren einfachen Erklärungen entzogen. Menschen mit schwer geschädigten Gehirnen blieben geistig erstaunlich wach. Andere verloren ihre geistigen Fähigkeiten, obwohl die sichtbaren Veränderungen vergleichsweise gering waren. Die Forschung reagierte darauf mit neuen Begriffen, neuen Studien und neuen Hypothesen.
Der Verfasser hingegen reagierte mit einer Geschichte. Ob diese Geschichte eine Erfindung, eine Vision oder eine Erinnerung ist, vermag ich nicht zu entscheiden. Ich weiß lediglich, dass ich nach ihrer Lektüre nicht mehr ganz sicher war, ob wir tatsächlich so gut verstehen, was ein Gehirn ist, wie wir gern glauben. Der Leser möge nun selbst urteilen.
Ich habe meine Entscheidung bis heute vertagt.
Inhaltsverzeichnis
Prolog mit Thomas
- Der Sommerabend
- Der Besucher auf dem Gartenstuhl
- Ich bin dein Gehirn
- Warum ich gekommen bin
- Die Nonnen, die Forscher und das große Missverständnis
- Vom Gespräch der Milliarden
- Die Religion der Schrittzähler
- Warum das Gehirn krumme Beine bekam
- Die Freiheit des Stolperns
- Der Wald und das Laufband
Zweiter Teil – Der Ungläubige
- Der Ungläubige spricht
- Sind die Forscher wirklich blind?
- Die Verteidigung der Wissenschaft
Dritter Teil – Die Antwort des Gehirns
- Das vergessene Wesen
- Warum das Gehirn kein Muskel ist
- Die letzte Warnung
Vierter Teil – Die Wirkung einer Frage
(oder „Drei Jahre später“)
- Der Waldweg
- Thomas beginnt zu zweifeln
- Was aus dem Gehirn wurde
Epilog
Über Menschen, die ihr Gehirn suchen
Prolog mit Thomas
Drei Jahre lang erzählte ich niemandem von meinem Gehirn. Nicht deshalb, weil ich Angst hatte, man würde mich für verrückt halten. Vielmehr hatte ich selbst noch keine endgültige Meinung über die Angelegenheit. Es gibt Ereignisse, die man nicht sofort verstehen kann. Sie gleichen einem Licht, das zu hell ist. Wer direkt hineinsieht, erkennt zunächst nichts. Erst mit der Zeit treten Konturen hervor. So verhielt es sich auch mit jener Begegnung.
Drei Jahre lang dachte ich beinahe täglich an den Besucher, der an jenem Sommerabend durch mein Gartentor gekommen war. Manchmal erschien mir die ganze Geschichte vollkommen unmöglich. An anderen Tagen war ich überzeugt, nie etwas Wirklicheres erlebt zu haben. Während dieser drei Jahre sprach ich mit niemandem darüber. Bis Thomas erschien.
Es war ein Nachmittag im Frühjahr. Die Obstbäume standen in Blüte, und die Bienen verrichteten ihre Arbeit mit einer Ernsthaftigkeit, die ich an Menschen nur selten beobachtet habe. Thomas lehnte am Gartenzaun und sprach über Tomaten. Dies war nichts Ungewöhnliches. Thomas sprach häufig über Tomaten. Ich habe gelegentlich vermutet, dass er selbst während eines Weltuntergangs zunächst die Auswirkungen auf seine Ernte berechnen würde. „Dieses Jahr wird ausgezeichnet“, sagte er.
„Das behauptest du jedes Jahr“, erwiderte ich.
„Und meistens habe ich recht.“
„Nicht immer.“
„Doch“, sagte Thomas nach kurzem Nachdenken. „Nur die Tomaten irren sich gelegentlich.“
Wir schwiegen. Die Bienen arbeiteten weiter. Irgendwo schlug eine Tür. Der Wind bewegte die Zweige des Apfelbaums. Dann sah Thomas mich plötzlich an. „Du denkst nach.“
„Das tue ich ständig.“
„Nein“, sagte er. „Manchmal schaust du nur. Heute denkst du.“
„Und woran erkennst du den Unterschied?“
„Beim Nachdenken wirst du still.“
Ich lachte. „Dann müsste die Menschheit ausgesprochen klug sein.“
„Ist sie aber nicht.“
„Eben.“
Thomas nickte zufrieden. „Deshalb rede ich ja mit dir.“
Nach einer Weile fragte er: „Worüber denkst du nach?“
Ich hätte ausweichen können. Stattdessen hörte ich mich sagen: „Über mein Gehirn.“
Thomas runzelte die Stirn. „Gesundheitliche Probleme?“
„Nein.“
„Gedächtnis?“
„Nicht mehr als gewöhnlich.“
„Dann verstehe ich nicht.“
Ich sah ihn an. „Es hat mich besucht.“
Thomas schwieg. „Wer?“
„Mein Gehirn.“
Lange sagte keiner von uns etwas. Schließlich erklärte Thomas: „Das ist der dümmste Satz, den ich in diesem Jahr gehört habe.“
„Das Jahr ist noch jung.“
„Trotzdem wird er schwer zu überbieten sein.“
Ich nickte. „Das dachte ich damals auch.“
Thomas verschränkte die Arme. Dann setzte er sich langsam auf die alte Steinmauer unter dem Kirschbaum. „Also gut“, sagte er.
„Also gut?“
„Erzähl.“
„Du glaubst mir doch gar nicht.“
„Natürlich nicht.“
„Warum hörst du dann zu?“
Thomas lächelte. „Weil die besten Geschichten gewöhnlich mit einem unmöglichen Satz beginnen.“
Und genau dort beginnt unsere Geschichte.
1. Der Sommerabend
Wenn ich heute an jenen Abend zurückdenke, fällt mir zunächst nichts Außergewöhnliches ein. Gerade das erscheint mir rückblickend bemerkenswert.
Die meisten Menschen stellen sich vor, ungewöhnliche Ereignisse würden sich durch besondere Vorzeichen ankündigen. Sie erwarten Gewitter am Horizont, unruhige Träume, unerklärliche Geräusche oder wenigstens einen auffälligen Sonnenuntergang. In Romanen geschieht so etwas häufig. Das Schicksal liebt dort dramatische Auftritte. Das wirkliche Leben verhält sich anders.
Es kündigt seine Wendepunkte oft mit geradezu beleidigender Gleichgültigkeit an.
Der Tag war warm gewesen. Nicht heiß. Nicht einer jener Sommertage, die den Menschen ermüden und jedes Denken in Schweiß auflösen. Es war vielmehr eine angenehme Wärme gewesen, die den Garten den ganzen Nachmittag über ruhig und freundlich erscheinen ließ.
Gegen Abend hatte sich ein leichter Wind erhoben. Die Blätter des Apfelbaums bewegten sich kaum sichtbar. Von irgendwoher drang der Geruch frisch gemähten Grases herüber.
Ich saß allein an meinem Gartentisch. Vor mir lagen mehrere Ausdrucke wissenschaftlicher Studien. Damals beschäftigte mich seit Monaten dieselbe Frage. Eigentlich war es sogar dieselbe Frage, die mich bereits seit Jahren beschäftigte. Warum gelang es der Demenzforschung trotz aller Fortschritte nicht, den entscheidenden Durchbruch zu erreichen?
Natürlich wusste ich, dass diese Formulierung ungerecht war. Die Forschung hatte viel erreicht. Mehr vielleicht, als man ihr zugestand. Sie hatte gezeigt, dass das Gehirn weit anpassungsfähiger war, als frühere Generationen angenommen hatten. Sie hatte den Begriff der kognitiven Reserve geprägt. Sie hatte erkannt, dass manche Menschen trotz erheblicher Veränderungen im Gehirn erstaunlich lange geistig stabil bleiben konnten.
Sie hatte Begriffe gefunden. Modelle entwickelt. Zusammenhänge entdeckt. Und doch blieb etwas zurück. Ein Gefühl, als fehle in einem großen Gebäude ein entscheidender Raum. Oder als sei ein wichtiges Kapitel aus einem Buch herausgerissen worden. Je mehr ich las, desto stärker wurde dieser Eindruck.
Die Wissenschaft sprach ständig vom Gehirn. Aber manchmal hatte ich das Gefühl, sie rede über das Gehirn, ohne mit ihm zu reden. Natürlich wusste ich selbst, wie unsinnig dieser Gedanke war. Mit Gehirnen spricht man nicht. Sie antworten nicht. Sie veröffentlichen keine Stellungnahmen. Sie nehmen nicht an Kongressen teil. Und doch ließ mich die Vorstellung nicht los.
Ich erinnere mich, dass ich damals einen Absatz in einer Studie mehrmals hintereinander las, ohne seinen Inhalt wirklich aufzunehmen. Meine Gedanken waren längst woanders. Sie kreisten immer um dieselben Fragen:
Wenn das Gehirn tatsächlich über Reserven verfügte …
Wenn es tatsächlich Wege fand, Schäden auszugleichen …
Wenn manche Menschen trotz deutlicher Veränderungen erstaunlich lange geistig stabil blieben …
Warum schienen dann so viele Präventionsprogramme am Ende schwächer zu wirken als erhofft?
Ich legte die Papiere zur Seite. Vor mir stand eine Tasse Kaffee. Der Kaffee war längst kalt geworden. Ich trank trotzdem einen Schluck. Er schmeckte entsprechend. In diesem Augenblick flog eine Amsel über den Garten. Sie landete auf dem Zaun, betrachtete mich kurz und schien zu dem Schluss zu kommen, dass von mir keine unmittelbare Gefahr ausging. Danach widmete sie sich wichtigeren Angelegenheiten.
Ich beneide Vögel gelegentlich um diese Fähigkeit. Sie verschwenden erstaunlich wenig Zeit auf Fragen, die keine Würmer enthalten. Die Sonne stand inzwischen tief. Das Licht wurde weicher. Die Schatten der Bäume verlängerten sich. Der Garten schien sich langsam von den Verpflichtungen des Tages zu verabschieden.
Und genau in diesem friedlichen Augenblick geschah etwas, das jede vernünftige Beschreibung erschwert.
Zunächst hörte ich nur ein Geräusch. Ein Scharren. Dann ein weiteres. Es klang nicht wie ein Schritt. Eher wie die unbeholfene Bewegung eines Menschen, der einen zu schweren Gegenstand hinter sich herzieht.
Ich blickte auf. Das Geräusch verstummte. Der Garten war wieder still. Vielleicht, dachte ich, war irgendwo ein Ast heruntergefallen. Vielleicht ein Igel. Vielleicht gar nichts.
Nach einigen Sekunden wandte ich mich wieder meinen Papieren zu. Da hörte ich das Geräusch erneut. Diesmal näher. Langsamer. Deutlicher. Scharr. Pause. Scharr. Pause. Es kam von der Seite des Gartentores.
Nun richtete ich mich auf. Etwas in mir sagte mir, dass ich nachsehen sollte. Etwas anderes erklärte gleichzeitig, dass dies vollkommen lächerlich sei. Dennoch blickte ich hinüber. Das Tor stand halb offen. Dahinter lag der schmale Weg, der am Grundstück entlangführte.
Zunächst erkannte ich nichts Besonderes. Dann bemerkte ich eine Bewegung. Jemand schien dort zu stehen. Oder vielmehr: Etwas.
Die Gestalt war klein. Deutlich kleiner als ein Erwachsener. Vielleicht so groß wie ein Kind. Sie blieb hinter dem Torpfosten stehen, als wolle sie sich zunächst vergewissern, ob sie willkommen war.
Ich kniff die Augen zusammen. Das Abendlicht erschwerte das Erkennen. Die Gestalt machte einen Schritt nach vorn. Und noch einen. Jetzt konnte ich sie deutlicher sehen. Was ich sah, ergab keinen Sinn. Deshalb versuchte mein Verstand zunächst, etwas anderes daraus zu machen. Ein Kind? Nein. Dafür war der Kopf zu groß. Ein alter Mensch? Unmöglich. Dafür war die Gestalt zu klein. Eine optische Täuschung? Vielleicht.
Ich stand auf. Die Gestalt blieb stehen. Zwischen uns lagen nur wenige Meter. Zum ersten Mal konnte ich erkennen, dass sie offenbar Mühe hatte zu gehen. Die Beine waren dünn und leicht gekrümmt. Jeder Schritt schien Anstrengung zu kosten. Gleichzeitig wirkte der Kopf unverhältnismäßig schwer. Fast so, als hätte die Natur beim Bau dieser Kreatur ihre Maßstäbe verloren.
Ich erinnere mich noch genau an den Gedanken, der mir damals durch den Kopf ging. Es war kein besonders intelligenter Gedanke. Aber vermutlich ein sehr menschlicher. Ich dachte: Das kann nicht sein. Die Gestalt machte noch einen Schritt. Dann blieb sie stehen. Sie betrachtete mich. Ich betrachtete sie.
Der Wind bewegte die Zweige des Apfelbaums. Irgendwo bellte ein Hund. Die Welt ging ihren gewohnten Geschäften nach. Nur in meinem Garten schien plötzlich etwas aus der Ordnung geraten zu sein. Erst viel später wurde mir klar, dass dieser Augenblick die eigentliche Schwelle der Geschichte darstellte.
Nicht das Gespräch. Nicht die große Rede, die folgen sollte. Nicht die Gedanken über Demenz, Bewegung oder Wissenschaft. Sondern dieser eine Moment. Der Moment, in dem ein Mensch erkennt, dass die Wirklichkeit möglicherweise größer ist als die Vorstellungen, mit denen er ihr begegnet.
Die Gestalt hob langsam eine Hand. Es war keine drohende Bewegung. Eher eine vorsichtige Begrüßung. Fast schüchtern. Und dann geschah etwas, das noch merkwürdiger war als ihr Erscheinen. Sie lächelte. Nicht spöttisch. Nicht freundlich. Sondern auf jene traurige Weise, mit der jemand lächelt, der schon lange weiß, dass ihm nicht geglaubt werden wird.
In diesem Augenblick wusste ich noch nicht, wer mein Besucher war. Aber ich wusste bereits, dass er gekommen war, um etwas zu sagen. Und ich ahnte plötzlich, dass ich ihm zuhören würde.
2. Der Besucher auf dem Gartenstuhl
Es gibt Augenblicke, in denen der Mensch die Wahl hat. Nicht zwischen richtig und falsch oder zwischen Mut und Feigheit, sondern zwischen zwei Arten von Wirklichkeit. Die erste besteht darin, dem zu vertrauen, was man bereits kennt. Die zweite darin, für einen Moment zuzulassen, dass etwas existieren könnte, das nicht in die gewohnte Ordnung passt. Die meisten vernünftigen Menschen entscheiden sich für die erste Möglichkeit. Und meistens tun sie gut daran. Würde man jede Merkwürdigkeit ernst nehmen, wäre ein geordnetes Leben kaum möglich.
Dennoch gibt es seltene Situationen, in denen die zweite Möglichkeit die interessantere ist.
Ich stand also neben meinem Tisch und betrachtete die kleine Gestalt. Sie betrachtete mich ebenfalls. Keiner von uns schien entschlossen, den ersten Schritt zu machen. Im Nachhinein muss ich gestehen, dass mir diese gegenseitige Vorsicht ausgesprochen menschlich vorkam.
Damals hielt ich die Erscheinung für alles Mögliche: einen Irrtum meiner Augen, einen ungewöhnlich geformten Menschen, eine Halluzination oder die Folge zu vieler wissenschaftlicher Aufsätze. Nur an die Wahrheit dachte ich nicht. Die Wahrheit gehört meist zu den Dingen, die uns zuletzt einfallen. Der Besucher machte einen weiteren Schritt. Dann noch einen. Nun befand er sich vollständig im Garten. Sein Gang war eigentümlich. Er erinnerte mich an alte Menschen, die ihre Schwäche nicht anerkennen wollen und deshalb jeden Schritt mit einer Mischung aus Stolz und Anstrengung ausführen.
Dabei wirkte die Gestalt keineswegs gebrechlich. Eher überlastet. Als hätte man ihr eine Aufgabe übertragen, die sie seit langer Zeit erfüllte und die inzwischen schwerer geworden war als ursprünglich vorgesehen. Der Kopf schien dabei die Hauptursache der Schwierigkeiten zu sein. Er war unverhältnismäßig groß. Nicht grotesk oder missgebildet, aber groß genug, dass man sich fragte, wie diese dünnen Beine ihn überhaupt tragen konnten.
Die Gestalt erreichte die Terrasse und blieb stehen. Sie atmete schwer. Oder jedenfalls glaubte ich damals, sie atme schwer. Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Vielleicht war es nur meine eigene Nervosität. Vielleicht auch die Erwartung, dass ein Wesen, das sich so mühsam bewegte, erschöpft sein müsse. Jedenfalls hatte ich plötzlich das Gefühl, etwas sagen zu müssen.
„Kann ich Ihnen helfen?“
Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, erschien mir die Frage absurd. Wer war dieses Wesen überhaupt? Und weshalb sprach ich es an, als hätte es sich lediglich im Weg geirrt? Die Gestalt hob langsam den Kopf. Ihre Augen waren weder besonders groß noch auffällig. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass sie mehr wahrnahmen als gewöhnliche Augen. Es waren die Augen eines Wesens, das gewohnt war zu beobachten. Sehr lange zu beobachten.
Vielleicht sogar ein ganzes Leben lang.
„Das ist freundlich“, sagte die Gestalt.
Ihre Stimme überraschte mich. Sie war weder geheimnisvoll noch feierlich. Eher klang sie wie die eines älteren Lehrers, der schon viele Schüler erlebt hat und deshalb nur selten noch überrascht wird. „Das ist freundlich“, wiederholte sie, „aber Hilfe ist nicht das, was ich brauche.“ Dann blickte sie auf den zweiten Gartenstuhl. „Darf ich?“ Ich nickte automatisch. Erst danach fiel mir auf, dass ich gerade einem vollkommen unbekannten Wesen die Erlaubnis erteilt hatte, sich in meinen Garten zu setzen.
Der Besucher schien dies als Zustimmung zu verstehen. Langsam näherte er sich dem Stuhl. Dabei wurde sein Gang noch vorsichtiger. Jeder Schritt wirkte überlegt. Fast berechnet. Mehrmals hatte ich den Eindruck, er könne das Gleichgewicht verlieren. Doch jedes Mal fing er sich im letzten Moment wieder. Endlich erreichte er sein Ziel. Bevor er sich setzte, betrachtete er den Stuhl aufmerksam. Er prüfte ihn von allen Seiten, drückte vorsichtig gegen die Lehne und anschließend gegen die Sitzfläche. Dabei wirkte er wie jemand, der einem Gegenstand nicht vollständig vertraut.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte ich.
„Doch.“
„Warum schauen Sie dann so?“
„Weil ich selten auf Stühlen sitze.“
Er dachte kurz nach. „Nein. Eigentlich nie.“
Dann ließ er sich vorsichtig nieder. Die Hände auf den Knien, den großen Kopf leicht nach vorn geneigt, saß er schließlich da und blickte schweigend in den Garten. Für einige Sekunden sagte keiner von uns ein Wort. Es war ein eigentümliches Schweigen. Nicht unangenehm, eher erwartungsvoll. Als hielte die Welt selbst kurz den Atem an.
Die Abendsonne war inzwischen fast hinter den Bäumen verschwunden. Ihr Licht lag nur noch auf den oberen Zweigen. Der Rest des Gartens befand sich bereits im Schatten. „Ein schöner Ort“, sagte die Gestalt schließlich.
„Danke.“
„Sie verbringen viel Zeit hier.“ Es war keine Frage.
„Ja.“
„Zum Nachdenken.“
„Unter anderem.“
Die Gestalt nickte. „Sie denken oft dieselben Gedanken.“
Ich musste lachen. „Das tun vermutlich die meisten Menschen.“
„Ja“, sagte sie. „Aber nicht alle bemerken es.“
Wieder entstand eine Pause. Je länger sie dauerte, desto mehr fiel mir auf, wie sonderbar die Situation war. Ein unbekanntes Wesen saß auf meinem Gartenstuhl und sprach mit mir. Merkwürdigerweise begann ich mich allmählich daran zu gewöhnen. Vielleicht ist das die größte Stärke des Menschen. Oder seine größte Schwäche. Er gewöhnt sich an fast alles. Selbst an das Unmögliche. Die Gestalt blickte auf die Studienblätter, die noch immer auf dem Tisch lagen. Der Wind bewegte einzelne Seiten. „Sie suchen etwas“, sagte sie.
„Möglich.“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Sicher.“ Dann zeigte sie auf die Papiere. Ich verspürte plötzlich den Wunsch, die Unterlagen zusammenzuschieben. Nicht weil sie geheim waren, sondern weil ich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Genauer gesagt: verstanden zu werden. Und das ist oft unangenehmer.
„Wonach suche ich?“
Die Gestalt antwortete nicht sofort. Sie betrachtete die Studien, Tabellen, Anmerkungen und Randnotizen. Dann sah sie wieder zu mir. Zum ersten Mal bemerkte ich etwas Trauriges in ihrem Blick. Keine persönliche Traurigkeit, sondern die Müdigkeit eines Wesens, das dieselbe Frage schon sehr oft gehört hatte. „Sie suchen mich.“ Der Satz war einfach. Fast banal. Dennoch lief mir ein leichter Schauer über den Rücken.
„Sie kennen mich nicht einmal.“
Die Gestalt lächelte schwach. „Doch.“
„Nein.“
„Doch. Sie kennen mich besser als die meisten Menschen.“
„Dann verraten Sie mir Ihren Namen.“
Der Besucher lehnte sich zurück. Zum ersten Mal schien ihn etwas zu amüsieren. „Geduld“, sagte er. „Namen sind merkwürdige Dinge.“
„Inwiefern?“
„Die Menschen glauben gewöhnlich, etwas verstanden zu haben, sobald sie etwas benennen können.“ Er blickte wieder zum Apfelbaum hinauf. „Dabei beginnt das Verstehen meistens erst danach.“
Der Wind fuhr durch die Zweige. Eine Amsel erhob sich vom Zaun und verschwand über den Nachbargrundstücken. Die Dämmerung wurde dichter.
Während ich dem kleinen Besucher gegenübersaß, begann ich zu ahnen, dass die eigentliche Merkwürdigkeit dieses Abends nicht in seiner Erscheinung lag. Sondern darin, dass er offenbar schon lange wusste, weshalb er gekommen war, während ich es noch immer nicht wusste. Doch das sollte sich bald ändern. Denn wenige Minuten später sprach er jene Worte aus, die mein Leben verändern sollten. Und die so unwahrscheinlich klangen, dass ich sie zunächst für einen Scherz hielt.
3. Ich bin dein Gehirn
Wenn ich heute darüber nachdenke, erscheint mir der folgende Augenblick beinahe komischer als erstaunlich. Damals allerdings empfand ich ihn keineswegs als komisch.
Man muss sich die Situation vergegenwärtigen. Ein kleines Wesen mit einem unverhältnismäßig großen Kopf saß auf meinem Gartenstuhl. Die Dämmerung war inzwischen weit fortgeschritten. Der Garten lag bereits größtenteils im Schatten. Auf dem Tisch zwischen uns lagen wissenschaftliche Studien über Demenz, kognitive Reserve und Prävention. Und der Besucher hatte soeben erklärt, ich würde nach ihm suchen.
Natürlich wollte ich wissen, wen er meinte. Noch immer hielt ich die ganze Angelegenheit für irgendeine Art von Missverständnis. Vielleicht war der Besucher verrückt. Vielleicht war ich es. Vielleicht sogar wir beide. Jedenfalls erschien mir diese Erklärung wahrscheinlicher als alles andere. „Nun?“, fragte ich.
„Nun was?“
„Sie wollten mir Ihren Namen sagen.“
Der Besucher dachte kurz nach. „Eigentlich nicht. Ich sagte lediglich, dass Menschen glauben, etwas verstanden zu haben, sobald sie einen Namen kennen. Dabei irren sie sich meistens.“
„Und trotzdem haben die meisten Dinge einen Namen.“
„Natürlich. Sonst könnte man kaum über sie sprechen.“
Er seufzte. Nicht genervt. Eher resigniert. Wie ein Lehrer, der weiß, dass eine bestimmte Lektion unvermeidlich ist. „Also gut. Sie werden ohnehin nicht eher Ruhe geben.“
„Vermutlich nicht.“
„Das dachte ich mir.“
Er richtete sich etwas auf. Die Augen ruhten auf mir. „Ich bin dein Gehirn.“
Es folgte Schweigen. Ein langes Schweigen jener Art, die entsteht, wenn ein Satz so unsinnig erscheint, dass der Verstand zunächst nicht weiß, an welcher Stelle er widersprechen soll. Ich betrachtete den Besucher. Der Besucher betrachtete mich. „Das ist unmöglich“, sagte ich schließlich.
„Das sagen Menschen erstaunlich häufig“, erwiderte er ruhig. „Weil sie ungewohnt und unmöglich gerne miteinander verwechseln.“
Ich schüttelte den Kopf. „Sie erwarten doch nicht ernsthaft, dass ich Ihnen das glaube.“
„Nicht sofort. Widerstand gehört gewöhnlich zum Ablauf. Manchmal sogar Empörung.“
„Dann verläuft alles wie erwartet.“
„Ganz offensichtlich.“
Ich musste lachen. Weniger aus Heiterkeit als aus Verzweiflung. „Sie behaupten also allen Ernstes, mein Gehirn zu sein?“
„Ja.“
„Und Sie halten das für plausibel?“
Der Besucher lehnte sich zurück. „Du versuchst bereits, dir die Sache räumlich vorzustellen. Das ist ein typischer Fehler. Menschen können die kompliziertesten Dinge verstehen. Der Irrtum beginnt meistens erst danach, wenn sie versuchen, sich alles bildlich vorzustellen.“
Ich rieb mir die Stirn. „Das hilft mir nicht besonders.“
„Dann versuchen wir es anders. Nehmen wir für einen Augenblick an, ich wäre tatsächlich dein Gehirn. Würdest du erwarten, dass ich als eineinhalb Kilogramm Nervengewebe auf deinem Gartenstuhl erscheine?“
„Nein.“
„Siehst du. Das beweist nichts. Aber es zeigt, dass du bereits begonnen hast, die falschen Fragen zu stellen.“
„Und welche wären die richtigen?“
Zum ersten Mal lächelte der Besucher wirklich. „Zum Beispiel diese: Warum komme ich gerade heute?“ Ich wollte antworten. Doch plötzlich merkte ich, dass ich darüber tatsächlich noch nicht nachgedacht hatte. Die Frage war so offensichtlich, dass ich sie übersehen hatte. „Warum kommst du heute?“
„Jetzt beginnst du zuzuhören.“
Der Wind wurde stärker. Mehrere Blätter fielen vom Apfelbaum auf den Tisch. Der Besucher nahm eines davon auf und betrachtete es aufmerksam. „Ihr Menschen seid merkwürdig“, sagte er. „Ihr sprecht ständig über mich. Über Demenz. Alzheimer. Gedächtnis. Lernen. Persönlichkeit. Bewusstsein. Alles wichtige Themen. Ihr beschäftigt Tausende Forscher, veröffentlicht Zehntausende Studien und investiert Milliarden. Und trotzdem habt ihr mich vergessen.“
Ich musste lachen. Diesmal ehrlich. „Das ist Unsinn.“
„Ist es das?“ Er legte das Blatt zurück auf den Tisch. „Es gibt eine besondere Form des Vergessens. Man spricht ununterbrochen über etwas und hört gleichzeitig auf, ihm zuzuhören.“
Der Satz traf mich stärker, als ich erwartet hatte. Vielleicht weil er nicht nur für die Wissenschaft galt. Vielleicht weil er auch für Menschen galt. Für Ehen. Freundschaften. Familien. Ganze Gesellschaften. Der Besucher schien meine Gedanken zu erraten. „Genau deshalb bin ich gekommen.“
„Um mir Vorwürfe zu machen?“
„Nein. Vorwürfe verändern selten etwas. Geschichten dagegen manchmal schon.“
„Welche Geschichte?“
Er blickte auf die Studienblätter. Dann auf das Fahrrad an der Mauer. „Die Geschichte eines großen Missverständnisses. Die Geschichte davon, wie die Menschen begannen, das Gehirn retten zu wollen und dabei immer häufiger am Gehirn vorbeigingen.“
In diesem Augenblick verstand ich noch nicht, was er meinte. Vielleicht nicht einmal ein Viertel dessen, was er sagte. Aber ich spürte, dass er auf etwas hinauswollte. Etwas, das ihn seit langer Zeit beschäftigte. Er legte die Hände auf die Knie. Der große Kopf senkte sich leicht nach vorn
Nun wirkte er plötzlich sehr alt. Nicht körperlich. Sondern auf jene schwer erklärbare Weise, auf die Gedanken alt werden können. „Bevor ich beginne, musst du mir etwas versprechen.“
„Was denn?“
„Höre zunächst zu. Fragen und Widerspruch sind ausdrücklich erlaubt. Aber erst danach.“
„Das wird schwierig.“
Er lächelte schwach. „Ich weiß. Deshalb bitte ich darum.“
„Und wenn ich glaube, dass du Unrecht hast?“
„Dann erst recht.“ Er blickte zum Himmel hinauf. Die ersten Sterne wurden sichtbar. Der Garten war inzwischen fast vollständig dunkel. „Höre zuerst zu. Danach kannst du widersprechen, so viel du willst. Menschen stellen oft Fragen, bevor sie verstanden haben, worüber gesprochen wird. Das macht Gespräche länger, aber selten besser.“
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass der Besucher sich auf das eigentliche Gespräch freute. Vielleicht war das der wahre Grund seines Erscheinens. Nicht um mich zu belehren. Sondern um endlich einmal gehört zu werden.
Und so saßen wir dort. Zwei Gestalten im Dunkel eines gewöhnlichen Gartens. Der eine voller Zweifel. Der andere voller Geschichten. Keiner von beiden ahnte damals, wie lange die Nacht noch werden würde.
4. Warum ich gekommen bin
Nachdem mein Besucher erklärt hatte, er sei mein Gehirn, und nachdem ich erklärt hatte, dass dies unmöglich sei, trat für einige Minuten eine Art Waffenstillstand ein. Ich weiß nicht, ob der Leser jemals erlebt hat, wie sich zwei Menschen gegenübersitzen, von denen der eine etwas völlig Absurdes behauptet und der andere nicht weiß, ob er lachen, widersprechen oder zuhören soll.
Falls nicht, möge er mir glauben: Es ist eine anstrengende Situation. Der Besucher schien allerdings keinerlei Schwierigkeiten damit zu haben. Er saß ruhig auf seinem Gartenstuhl, als hätte er sein ganzes Leben lang nichts anderes getan. Nur gelegentlich bewegten sich seine Finger. Es war eine merkwürdige Bewegung. Fast so, als würde er unsichtbare Fäden ordnen. Oder Gedanken.
Vielleicht sind Gedanken und Fäden ohnehin nicht so verschieden, wie wir glauben. Der Himmel über dem Garten war inzwischen dunkel geworden. Die letzten Lichtreste lagen über den Baumwipfeln. Aus den Nachbargärten drangen vereinzelte Stimmen herüber. Irgendwo klapperte Geschirr. Ein Hund bellte in der Ferne. Alles wirkte vollkommen gewöhnlich. Nur mein Gesprächspartner war es nicht.
„Nun gut“, sagte ich schließlich. „Nehmen wir an, du seist tatsächlich mein Gehirn.“
„Also gut, nehmen wir es mal an“, sagte er schließlich mit einer herausfordernden Pose.
„Dann beantworte mir eine Frage.“
„Dafür bin ich gekommen.“
„Warum?“
Er schwieg. Nicht lange. Aber lange genug, um mir zu zeigen, dass er die Frage ernst nahm. „Weil ich müde geworden bin.“ Die Antwort überraschte mich. Ich hatte vieles erwartet. Aber nicht das. „Müde?“
„Ja.“
„Wovon?“
„Vom Übersehenwerden.“
Ich musste unwillkürlich lachen. „Das erscheint mir etwas ungerecht.“
„Findest du?“
„Natürlich.“ Ich zeigte auf die Studienblätter. „Die ganze moderne Forschung beschäftigt sich mit dem Gehirn.“
„Das behauptet sie.“
„Nicht nur sie. Aber es stimmt doch?“
„Nein.“ Die Antwort kam so ruhig, dass sie beinahe höflich wirkte. Gerade deshalb ärgerte sie mich. „Wie kannst du das behaupten?“
„Weil ich dabei war.“ Er lehnte sich zurück. „Ich war bei jeder Studie dabei.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Doch.“
„Wie denn?“
„Ohne mich hätte keine einzige stattgefunden.“
Ich wollte widersprechen. Dann bemerkte ich, dass er recht hatte. Das schien ihm zu gefallen. Nicht aus Eitelkeit. Eher weil er wusste, dass die Wahrheit gelegentlich auf sehr einfache Weise gewinnt. „Versteh mich nicht falsch“, sagte er. „Ich bin der Forschung nicht böse.“
„Das klingt beruhigend.“
„Sie hat Großes geleistet.“ Seine Stimme wurde nun ernster. „Sie hat Dinge entdeckt, die frühere Generationen nicht einmal vermutet hätten. Sie hat gezeigt, dass ich anpassungsfähiger bin, als man lange glaubte. Sie hat erkannt, dass manche Menschen trotz erheblicher Schäden erstaunlich lange geistig stabil bleiben können. Sie hat Begriffe gefunden, die wichtig sind.“
„Zum Beispiel?“
„Kognitive Reserve.“ Er nickte langsam. „Ein guter Begriff.“
„Du magst ihn?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil er entstanden ist, nachdem die Wirklichkeit sich geweigert hatte, den Erwartungen zu folgen.“ Dieser Satz gefiel mir. Vielleicht weil er wahr war. Vielleicht auch, weil ich ähnliche Gedanken selbst oft gehabt hatte.
„Die Nonnen haben euch überrascht“, fuhr er fort.
„Die Nonnen?“
„Natürlich.“
„Du meinst die Nonnenstudie?“
„Ja.“ Seine Augen wurden plötzlich lebendig. „Stell dir vor, du glaubst jahrzehntelang, die Sache verstanden zu haben. Du glaubst, viel Schaden müsse viel Demenz bedeuten. Wenig Schaden wenig Demenz. Eine schöne Ordnung. Eine saubere Gleichung. Wissenschaftler lieben solche Gleichungen.“
„Und dann?“
„Dann öffnest du ein Gehirn.“ Er machte eine kurze Pause. „Und die Gleichung funktioniert nicht mehr.“ Der Wind bewegte die Papiere auf dem Tisch. Der Besucher blickte ihnen nach. „Das war ein großer Augenblick.“
„Für die Forschung?“
„Für die Demut.“
Ich musste lächeln. „Das klingt beinahe religiös.“
„Nein.“
Er schüttelte den Kopf. „Es ist viel schwieriger.“
„Was?“
„Wirklich neugierig zu bleiben.“ Wieder entstand eine Pause. Dann fuhr er fort. „Die Nonnen zeigten euch etwas Wichtiges.“
„Was denn?“
„Dass zwischen Schädigung und Schicksal noch etwas liegt.“ Seine Stimme war nun sehr leise geworden. „Etwas, das sich nicht so leicht zählen lässt.“
„Die Reserve.“
„Ja.“
„Und die Resilienz?“
„Die kam später.“
„Sind sie verschieden?“
„Natürlich.“
„Worin?“
Er zeigte auf den Wald hinter meinem Grundstück. Im Dunkeln konnte ich ihn kaum noch erkennen. Nur die schwarze Kontur der Bäume war sichtbar. „Stell dir einen Wald vor.“
„Schon wieder ein Gleichnis?“
„Menschen verstehen Gleichnisse besser als Definitionen.“
„Leider wahr.“
„Die Reserve“, sagte er, „ist das Wegenetz des Waldes.“
„Und die Resilienz?“
„Die Fähigkeit, trotz umgestürzter Bäume den Weg nach Hause zu finden.“ Ich sagte nichts. Manchmal gibt es Bilder, die mehr erklären als lange Vorträge. Dies war eines davon.
„Und trotzdem“, fuhr er fort, „begann genau an dieser Stelle ein neues Missverständnis.“
„Welches?“
Er sah mich an. Lange. Fast prüfend. „Ihr habt verstanden, dass ich widerstandsfähiger werden kann.“
„Ja.“
„Aber ihr habt zu schnell geglaubt, bereits zu wissen, wie.“ Ich erinnerte mich an die vielen Programme. Bewegung. Ernährung. Lebensstil. Kognitives Training. Risikofaktoren. Alles erschien plötzlich vor meinem inneren Auge. Der Besucher schien meine Gedanken zu lesen. „Versteh mich nicht falsch“, sagte er erneut. „Vieles davon ist sinnvoll.“
„Aber?“
„Aber manchmal hat man mich behandelt wie einen entfernten Verwandten, dem man regelmäßig Obst schickt, ohne jemals mit ihm zu sprechen.“
„Das ist ein merkwürdiges Bild.“
„Ja.“
„Aber ich glaube, ich verstehe es.“
„Dann bist du weiter als viele andere.“ Ich wollte etwas erwidern. Doch er hob die Hand. Zum ersten Mal wirkte er beinahe streng. „Nein.“
„Was nein?“
„Jetzt nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil ihr Menschen eine schlechte Angewohnheit habt.“
„Welche?“
„Sobald ihr glaubt, etwas verstanden zu haben, fangt ihr an zu antworten.“
„Ist das nicht normal?“
„Leider.“ Er lächelte schwach. „Aber die interessantesten Gedanken entstehen oft kurz davor.“ Wieder blickte er auf das Fahrrad, das an der Mauer lehnte. Lange. Aufmerksam. Fast nachdenklich. Damals verstand ich diesen Blick nicht. Später sollte mir klar werden, dass er bereits beim eigentlichen Thema angekommen war. Bei jenem Thema, das ihn überhaupt erst aus meinem Kopf und auf meinen Gartenstuhl gebracht hatte. Er bemerkte meinen Blick. „Du fragst dich, weshalb ich das Fahrrad ansehe.“
„Ja.“
„Weil dort das Missverständnis beginnt.“
„Welches Missverständnis?“
Seine Augen ruhten weiterhin auf dem Fahrrad. Dann sagte er langsam: „Das Missverständnis der Bewegung.“ Er schwieg. Und obwohl ich sofort weiterfragen wollte, tat ich es diesmal nicht. Vielleicht begann ich tatsächlich zuzuhören. Vielleicht hatte ich auch einfach gelernt, dass mein Besucher seine Gedanken in einer bestimmten Reihenfolge erzählte. Jedenfalls wartete ich. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die eigentliche Rede meines Gehirns nun wirklich begann.
5. Die Nonnen, die Forscher und das große Missverständnis
Nachdem mein Besucher das Wort „Bewegung“ ausgesprochen hatte, schwieg er. Es war kein zufälliges Schweigen. Nicht die Pause eines Menschen, der nach Worten sucht. Sondern die Pause eines Menschen, der möchte, dass ein Wort zunächst seine eigene Wirkung entfaltet.
Bewegung. Es war ein harmloses Wort. Ein freundliches Wort. Niemand fürchtet die Bewegung. Kein Politiker. Kein Arzt. Kein Gesundheitsberater. Bewegung besitzt etwas Beruhigendes. Wer Bewegung empfiehlt, kann kaum etwas falsch machen. Bewegung gilt als vernünftig. Fast so vernünftig wie Gemüse. Vielleicht sogar vernünftiger. Mein Besucher blickte noch immer auf das Fahrrad. Dann sagte er: „Weißt du, was mich an euch Menschen manchmal erstaunt?“
„Vermutlich vieles.“
„Ja.“ Zum ersten Mal lachte er. Es war ein kurzes, trockenes Lachen. „Aber besonders erstaunt mich eure Fähigkeit, eine Entdeckung zu machen und sie anschließend in ein Missverständnis zu verwandeln.“
„Das klingt ungerecht.“
„Mag sein.“
„Und worauf beziehst du dich?“
„Auf die Bewegung.“ Er zeigte erneut auf die Papiere. „Viele Jahre lang habt ihr Menschen beobachtet.“
„Das nennt man Wissenschaft.“
„Natürlich.“
„Was ist daran auszusetzen?“
„Nichts.“ Er schüttelte den Kopf. „Beobachtung ist oft der Anfang der Wahrheit.“ Dann fügte er hinzu: „Manchmal aber auch der Anfang eines Irrtums.“ Der Wind bewegte die obersten Seiten der Studien. Eine Ecke hob sich. Fiel zurück. Hob sich erneut. Der Besucher betrachtete das Schauspiel aufmerksam. „Die großen Beobachtungsstudien haben etwas Wichtiges entdeckt.“
„Die Schutzwirkung von Bewegung?“
„Unter anderem.“
„Unter anderem?“
„Ja.“ Sein Blick wurde ernst. „Sie haben entdeckt, dass das Leben komplizierter ist als eure Theorien.“
Ich musste lächeln. „Das entdecken Wissenschaftler regelmäßig.“
„Und vergessen es erstaunlich schnell.“ Er faltete die Hände. „Die Nonnen waren ein gutes Beispiel.“ Wieder sprach er von den Nonnen. Und wieder hatte ich das Gefühl, dass ihm dieses Thema besonders wichtig war. „Warum gerade die Nonnen?“
„Weil sie euch überrascht haben.“
„Das hast du bereits gesagt.“
„Ja.“
„Aber noch nicht erklärt.“
Er nickte. „Dann hör zu.“ Für einen Moment erinnerte er mich tatsächlich an einen alten Lehrer. Nicht an jene Lehrer, die ihre Schüler beeindrucken wollen. Sondern an jene seltenen Lehrer, die längst aufgehört haben, sich selbst wichtig zu nehmen. „Ihr habt Gehirne untersucht.“
„Ja.“
„Viele Gehirne.“
„Ja.“
„Und ihr habt erwartet, bestimmte Zusammenhänge zu finden.“
„Natürlich.“
„Viel Schaden. Viel Demenz.“
„Vereinfacht gesagt.“
„Sehr vereinfacht.“ Er nickte zufrieden. „Aber die Wirklichkeit hatte andere Pläne.“
Die Nacht war inzwischen vollständig hereingebrochen. Nur die kleine Gartenlampe neben der Terrasse spendete noch etwas Licht. Ihr gelblicher Schein fiel auf den Tisch. Auf die Studienblätter. Auf das Gesicht meines Besuchers. Und plötzlich erschien mir sein großer Kopf noch größer als zuvor. „Manche der Nonnen“, fuhr er fort, „trugen in ihrem Kopf Veränderungen, die euch erschreckt hätten, wenn ihr sie zu Lebzeiten gesehen hättet.“
„Und trotzdem blieben sie geistig leistungsfähig.“
„Genau.“
Er lächelte. „Die Wirklichkeit hatte wieder einmal beschlossen, nicht mit euren Erwartungen zusammenzuarbeiten.“
„Das kommt vor.“
„Häufiger, als euch lieb ist.“ Dann wurde er still. Sehr still. Schließlich sagte er: „Weißt du, was mich daran am meisten beeindruckt hat?“
„Nein.“
„Dass die Forscher nicht weggeschaut haben.“
Diese Antwort überraschte mich. „Du lobst die Forschung?“
„Warum sollte ich sie nicht loben?“
„Bisher klangst du eher kritisch.“
„Kritik ist keine Feindschaft.“
Er schüttelte langsam den Kopf. „Die guten Forscher taten etwas Seltenes.“
„Was?“
„Sie akzeptierten die Überraschung.“ Er blickte zum Himmel. „Die Wirklichkeit hatte ihnen widersprochen. Und statt sie zu ignorieren, hörten sie zu.“ Wieder entstand eine Pause. Dann sprach er langsam weiter. „So entstanden Begriffe wie die kognitive Reserve.“
„Die du magst.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil sie ein Eingeständnis enthalten.“
„Welches?“
„Dass der Mensch mehr ist als seine Schäden.“ Dieser Satz gefiel mir. Und offenbar bemerkte er das. „Ja“, sagte er. „Das gefällt den Menschen.“
„Warum?“
„Weil sie hoffen.“
„Ist Hoffnung etwas Schlechtes?“
„Nein.“ Seine Stimme wurde weich. „Ohne Hoffnung würdet ihr keine einzige Studie durchführen.“ Wieder schwieg er. Dann änderte sich sein Ton. Fast unmerklich. Aber deutlich genug. „Und genau dort begann das große Missverständnis.“
„Schon wieder dieses Missverständnis.“
„Ja.“
„Welches denn?“ Er zeigte auf das Fahrrad. Zum dritten Mal an diesem Abend. „Ihr habt etwas Wahres entdeckt.“
„Und?“
„Dann habt ihr versucht, daraus Rezepte zu machen.“
„Das klingt nicht besonders schlimm.“
„Nein.“
„Sondern?“
„Menschlich.“
Er lehnte sich zurück. „Der Mensch liebt Rezepte.“
„Warum?“
„Weil sie einfacher sind als Fragen.“ Ich konnte nicht widersprechen.
„Die Beobachtungsstudien hatten gezeigt, dass aktive Menschen häufig bessere Chancen besitzen.“
„Ja.“
„Menschen, die sich bewegen.“
„Ja.“
„Menschen, die sozial eingebunden sind.“
„Ja.“
„Menschen, die Neues lernen.“
„Ja.“
„Menschen, die geistig und körperlich lebendig bleiben.“
„Ja.“ Er nickte. „Alles richtig.“
„Also wo liegt das Problem?“ Der Besucher sah mich an. Diesmal lange. Sehr lange. Dann sagte er: „Ihr habt begonnen, die Begleiter mit den Ursachen zu verwechseln.“ Der Satz blieb zwischen uns hängen. „Ich verstehe nicht.“
„Das dachte ich mir.“
Er lächelte. „Nimm zwei Menschen.“
„Gut.“
„Der eine lernt ständig Neues. Er begegnet anderen Menschen. Er löst Probleme. Er passt sich an neue Situationen an. Er bewegt sich durch eine komplizierte Welt.“
„Und der andere?“
„Der andere tut das nicht.“
„Gut.“
„Nun beobachtest du, dass der erste häufiger geistig stabil bleibt.“
„Das erscheint plausibel.“
„Ja.“
„Und dann?“
„Dann fragst du dich, warum.“
„Natürlich.“
„Und plötzlich bemerkst du, dass dieser Mensch auch viel geht. Viel Rad fährt. Viel körperlich aktiv ist.“
„Ja.“
„Und nun beginnt die Gefahr.“
„Welche Gefahr?“
Der Besucher beugte sich vor. Zum ersten Mal wirkte er beinahe aufgeregt. „Die Gefahr, dass du glaubst, die Bewegung sei die ganze Geschichte.“ Der Wind fuhr durch die Bäume. Ein Ast knarrte. Irgendwo in der Dunkelheit rief ein Nachtvogel.
„Aber Bewegung ist doch wichtig.“
„Natürlich.“
„Also?“
„Wichtig bedeutet nicht ausreichend.“ Wieder zeigte er auf das Fahrrad. Diesmal verstand ich langsam. Noch nicht vollständig. Aber ein wenig. „Du meinst …“
„Ja.“
„… dass man die Bewegung vielleicht zu einfach verstanden hat?“
„Sehr gut.“
„Und dass körperliche Aktivität nicht automatisch Gehirnaktivität bedeutet?“ Nun lächelte er. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er zufrieden.
„Jetzt kommen wir der Sache näher.“ Er stand auf. Langsam. Mühsam. Wie ein alter Mann nach einer langen Reise. Dann ging er einige Schritte über den Rasen. Nicht weit. Nur bis zu jener Stelle, an der das Licht der Lampe endete. Dort blieb er stehen. Sein Schatten war kaum noch zu erkennen. „Die Forscher haben etwas Wichtiges entdeckt“, sagte er.
„Aber danach haben viele Menschen begonnen, den einfachsten Teil der Entdeckung für den wichtigsten zu halten.“
„Und welcher war das?“
Er drehte sich um. „Die Bewegung.“
„Und welcher wäre der wichtigere Teil?“
Die Antwort kam sofort. Als hätte er sein ganzes Leben darauf gewartet. „Die Herausforderung.“ Dann schwieg er. Und in diesem Augenblick wusste ich, dass wir endlich den Kern seiner Geschichte erreicht hatten.
6. Vom Vom Gespräch der Nervenzellen
Nachdem mein Besucher das Wort „Herausforderung“ ausgesprochen hatte, schien er zufriedener zu sein. Nicht glücklich. Dazu wirkte er zu ernst. Aber doch erleichtert. Wie ein Wanderer, der endlich den Weg erreicht hat, auf dem er von Anfang an gehen wollte.
Ich selbst hingegen war weniger erleichtert. Je länger ich ihm zuhörte, desto deutlicher spürte ich, dass er auf etwas hinauswollte, das meine bisherigen Vorstellungen nicht nur ergänzen, sondern verändern würde. „Herausforderung“, wiederholte ich.
„Ja.“
„Das klingt zunächst nicht besonders spektakulär.“
„Die wichtigsten Dinge tun das selten.“ Er setzte sich wieder. Langsam. Vorsichtig. Offenbar hatte ihn der kurze Gang mehr Kraft gekostet, als er zugeben wollte.
„Erklär es mir.“
„Gern.“ Er blickte auf seine dünnen Beine hinab. „Siehst du diese Beine?“
„Natürlich.“
„Was fällt dir auf?“
„Sie sind schwach. Krumm. Und offenbar nicht besonders belastbar.“
„Ausgezeichnet. Diese Beine sind ein Denkfehler.“
„Ein Denkfehler?“
„Ja.“ Er schwieg einen Augenblick und blickte in die Dunkelheit hinaus. „Stell dir vor, jemand möchte einen großen Musiker fördern. Er beobachtet ihn viele Jahre und stellt fest, dass gute Musiker häufig kräftige Arme besitzen.“
„Das erscheint möglich.“
„Nun zieht er daraus einen Schluss: Er beginnt, Arme zu trainieren.“
„Nur die Arme?“
„Ja.“
„Das wäre unsinnig.“
„Natürlich.“
„Warum?“
„Weil Musikalität nicht in den Armen entsteht.“
„Eben.“ Er zeigte auf mich. „Die Arme sind beteiligt“, sagte er. „Aber sie sind nicht die Musik.“ Der Wind hatte inzwischen nachgelassen. Die Nacht lag ruhig über dem Garten. „Und genau dort beginnt das Problem.“
„Welches?“
„Viele Menschen sprechen über Bewegung, als wäre jede Bewegung gleich.“
„Ist sie das denn nicht?“
„Für eure Muskeln vielleicht häufiger als für mich.“
Ich runzelte die Stirn. „Aber jede Bewegung wird doch von dir gesteuert.“
„Natürlich.“
„Also trainiert doch jede Bewegung auch dich.“
Der Besucher lächelte. Es war jenes geduldige Lächeln, das ich inzwischen kannte. Nicht spöttisch. Eher das Lächeln eines Lehrers, der ahnt, an welcher Stelle sein Schüler gleich falsch abbiegen wird. „Darf ich dir eine Frage stellen?“
„Natürlich.“
„Warst du schon einmal in einem großen Konzertsaal?“
„Ja.“
„Gut. Stell dir vor, dort spielt ein Orchester und den ganzen Abend spielen nur die Pauken“.
Ich musste lachen. „Das wäre ein ziemlich seltsames Konzert.“
„Eben.“
Er nickte zufrieden. „Nun spielen nur die Geigen.“
„Auch nicht besser.“
„Jetzt kommen die Hörner dazu.“
„Es wird interessanter.“
„Dann die Klarinetten.“
„Ja.“
„Dann die Flöten.“
„Natürlich.“
„Dann der Chor.“
Ich begann zu verstehen. „Du willst sagen …“
„… dass die Musik nicht von einem Instrument entsteht.“
„Sondern?“
„Vom Zusammenspiel.“ Er sprach das letzte Wort langsam aus. „Ein Orchester lebt nicht davon, dass ein Musiker besonders laut spielt. Es lebt davon, dass viele verschiedene Instrumente gleichzeitig etwas Unterschiedliches tun und dennoch zusammenpassen.“ Er schwieg einen Augenblick. „Und genau so arbeite ich.“
Ich sah ihn fragend an. Er legte beide Hände auf seinen übergroßen Kopf. „Ihr Menschen stellt mich euch oft wie einen Muskel vor.“
„Ist das falsch?“
„Völlig.“
„Warum?“
„Weil ich kein Muskel bin.“
Er lächelte. „Ich bin ein Gespräch.“
„Ein Gespräch?“
„Ja.“
„Zwischen wem?“
„Zwischen Milliarden Nervenzellen.“ Der Satz blieb einen Augenblick zwischen uns stehen. „Jeder Gedanke“, fuhr er fort, „jede Erinnerung, jede Bewegung, jede Entscheidung entsteht dadurch, dass unzählige kleine Gruppen von Nervenzellen miteinander sprechen. Manche übernehmen das Gleichgewicht. Andere kümmern sich um das Gedächtnis. Wieder andere um die Orientierung, die Aufmerksamkeit, die Hände, die Augen oder den Rhythmus.“
„Und die arbeiten zusammen?“
„Ununterbrochen.“ Er nahm einen kleinen Ast vom Boden. Mit der Spitze zeichnete er mehrere Kreise in den Sand. „Siehst du diese Kreise?“
„Ja.“
„Stell dir vor, jeder Kreis ist eine Gruppe meiner Nervenzellen.“ Er zog einige Linien zwischen ihnen. „Wenn du jeden Tag denselben ebenen Weg gehst, arbeiten vielleicht diese hier.“
Er zeigte auf drei Kreise.
„Nicht mehr?“
„Doch. Ein paar weitere helfen natürlich mit. Aber vieles läuft inzwischen automatisch. Ich muss kaum noch nachdenken.“ Er zog weitere Linien.
„Wenn du dagegen tanzt, verändert sich alles. Plötzlich muss ich mich an Musik erinnern. Ich muss den Rhythmus erkennen. Ich muss dein Gleichgewicht halten. Ich muss auf deinen Tanzpartner achten. Ich muss Bewegungen vorausplanen und Fehler sofort korrigieren.“ Während er sprach, verband er immer mehr Kreise miteinander. Schließlich war das ganze kleine Bild von Linien durchzogen.
„Siehst du den Unterschied?“
Ich nickte langsam. „Beim Tanzen arbeiten viel mehr Bereiche gleichzeitig zusammen.“
„Genau.“
„Und beim Tischtennis?“
Er lachte. „Da wird es noch schlimmer.“
„Für dich?“
„Im besten Sinne.“ Er zeichnete noch mehr Linien.
„Der Ball fliegt. Seine Geschwindigkeit verändert sich. Seine Richtung ebenfalls. Gleichzeitig musst du deinen Körper bewegen, Entfernungen abschätzen, Entscheidungen treffen und schon den nächsten Schlag vorbereiten, während der vorige noch gar nicht beendet ist.“
„Das klingt anstrengend.“
„Das ist es.“
„Für dich?“
„Vor allem für mich.“
Ich dachte an all die Studien, die wir den ganzen Abend besprochen hatten. „Dann trainiert also gar nicht die Bewegung dein Gehirn.“
„Nicht allein.“
„Sondern …“ Er wartete. Ich suchte nach den richtigen Worten. „… das Zusammenspiel möglichst vieler Teile von dir.“
Zum ersten Mal an diesem Abend stand er auf, ohne sich am Gartenstuhl festzuhalten. Nur einen Augenblick. Dann nickte er. „Jetzt hast du verstanden.“
Er blickte zum Fahrrad hinüber. „Deshalb habe ich mich immer gewundert.“
„Worüber?“
„Dass ihr Menschen so oft zählt, wie lange ihr euch bewegt.“
„Und das genügt nicht?“
„Nein.“
„Was wäre wichtiger?“
Er lächelte. „Mich in möglichst viele Gespräche gleichzeitig zu verwickeln.“
„Gespräche?“
„Zwischen meinen eigenen Nervenzellen.“
Er sah hinauf zu den Sternen.
„Je mehr verschiedene Teile von mir gleichzeitig miteinander sprechen müssen, desto lebendiger bleibe ich.“
Der Garten war still geworden. Ich blickte auf die Linien im Sand. Sie sahen nicht mehr aus wie eine Zeichnung. Sie sahen aus wie ein Netz. Und plötzlich hatte ich das merkwürdige Gefühl, zum ersten Mal nicht über Bewegung nachzudenken.
Sondern über ein Gehirn.
„Weißt du“, sagte der Besucher leise, „genau deshalb wundere ich mich seit Jahren über eure Forschung.“
„Warum?“
„Weil ihr meistens fragt, wie viel sich Menschen bewegen.“
„Ist das falsch?“
„Nein.“
„Aber?“
„Es ist nur nicht die wichtigste Frage.“
Ich wartete.
„Die wichtigere lautet: Wie viele Teile von mir mussten während dieser Bewegung gleichzeitig zusammenarbeiten?“ Er ließ den Ast fallen. „Vielleicht werdet ihr eines Tages nicht mehr Bewegungsprogramme miteinander vergleichen.“
„Sondern?“
„Sondern die Gespräche.“
„Gespräche?“
„Ja.“
„Zwischen meinen eigenen Nervenzellen.“
Mit diesem Satz verstummte er. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass dies der eigentliche Grund seines Besuches gewesen war. Alles andere hatte er nur erzählen müssen, damit ich diesen einen Satz verstehen konnte.
In dieser Nacht begriff ich zum ersten Mal, dass Bewegung nicht deshalb wertvoll ist, weil sie den Körper beschäftigt. Sondern weil sie ein Gespräch zwischen den Milliarden Nervenzellen meines Besuchers in Gang setzt.
7. Die Religion der Schrittzähler
„Weißt du“, sagte mein Besucher nach einer längeren Pause, „es gibt etwas, das mich an den Menschen immer wieder erstaunt.“
„Nur etwas?“
„Für heute genügt das.“
„Und was wäre es?“
„Ihre Sehnsucht nach einfachen Zahlen.“ Ich dachte an die Studien auf dem Tisch. An Grenzwerte. An Risikofaktoren. An Statistiken. „Zahlen sind nützlich.“
„Natürlich.“
„Die Wissenschaft könnte ohne sie nicht arbeiten.“
„Auch das stimmt.“ Er nickte. „Trotzdem werden Zahlen gelegentlich überschätzt.“
„Von wem?“
„Von fast allen.“ Die Antwort kam so schnell, dass ich lachen musste. Der Besucher hingegen lachte nicht. „Der Mensch liebt Zahlen“, fuhr er fort. „Sie geben ihm das Gefühl von Sicherheit. Eine Zahl ist eindeutig. Sie widerspricht nicht. Sie verlangt keine Interpretation. Oder jedenfalls glauben die Menschen das.“
„Und was ist daran falsch?“
„Nichts.“ Er hob die Schultern. „Solange man sich daran erinnert, dass Zahlen Landkarten sind und keine Landschaften.“
Der Satz gefiel mir. „Das klingt beinahe poetisch.“
„Dann ist Vorsicht geboten.“
„Warum?“
„Weil Menschen poetische Sätze häufig für wahr halten.“
„Und sind sie das nicht?“
Er lächelte schwach. „Manchmal. Aber nicht deshalb, weil sie poetisch sind.“ Die Nacht war inzwischen vollkommen still geworden. Selbst die Nachbarn hatten ihre Gespräche beendet. Nur das Zirpen einzelner Grillen war noch zu hören. „Früher“, sagte der Besucher, „zählten die Menschen ihre Schafe.“
„Das erscheint vernünftig.“
„Später zählten sie ihr Geld.“
„Auch nicht unvernünftig.“
„Heute zählen sie ihre Schritte.“
Ich musste lachen. „Du hast etwas gegen Schrittzähler.“
„Nein.“
„Nicht?“
„Überhaupt nicht.“
„Das überrascht mich.“
„Warum?“
„Weil du ständig auf mein Fahrrad schaust.“
„Das Fahrrad ist unschuldig.“
„Und die Schrittzähler?“
„Ebenfalls.“ Er dachte kurz nach. „Das Problem beginnt stets an einer anderen Stelle.“
„Wo?“
„Im Menschen.“
Inzwischen hatte ich gelernt, dass mein Besucher selten auswich. „Erklär es mir.“
„Gern.“ Er verschränkte die Arme. „Stell dir vor, ein Arzt sagt zu einem Menschen: Bewegung ist wichtig.“
„Das klingt vernünftig.“
„Ja. Und dann fragt der Mensch: Wie viel?“
„Natürlich.“
„Der Arzt antwortet: Zehntausend Schritte.“
„Eine bekannte Zahl.“
„Sehr bekannt.“ Der Besucher beugte sich vor. „Und nun geschieht etwas Merkwürdiges.“
„Was denn?“
„Die Zahl beginnt, die Idee zu verdrängen.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Am Anfang wollte der Mensch sich bewegen“, sagte er. „Jetzt will er die Zahl erreichen.“
Ich schwieg. Plötzlich erinnerte ich mich an Menschen, die auf Parkplätzen auf und ab gingen, weil ihnen am Abend noch dreihundert Schritte fehlten. An andere, die beim Spaziergang ständig auf ihre Uhr blickten. An wieder andere, die stolz ihre täglichen Zahlen verkündeten, als handele es sich um besondere Leistungen. „Die Zahl wird zum Ziel“, sagte ich.
„Ja.“
„Und das ursprüngliche Ziel verschwindet.“
„Sehr gut.“
Er nickte zufrieden. „Nun stell dir vor, jemand geht jeden Tag dieselben zehntausend Schritte. Dieselbe Strecke. Dieselbe Geschwindigkeit. Dieselben Bewegungen.“
„Und nun frage ich dich: Was genau lerne ich dabei?“
„Du meinst das Gehirn.“
„Natürlich.“
Ich dachte nach. „Wahrscheinlich wenig Neues.“
„Eben.“ Seine Augen wurden lebhaft. „Verstehst du jetzt, warum ich von Religion spreche?“
„Noch nicht ganz.“
„Weil Rituale Sicherheit geben. Sie vermitteln das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Und manchmal beginnt man zu glauben, dass das Befolgen der Regel bereits das Ziel erfüllt.“
Ich musste lachen. „Du behauptest also, der Schrittzähler sei eine Art Rosenkranz?“
Zum ersten Mal an diesem Abend lachte der Besucher laut. „Nein“, sagte er. „Das wäre unfair gegenüber dem Rosenkranz.“
Nun musste auch ich lachen. „Du bist erstaunlich respektlos.“
„Nein.“
„Nicht?“
„Ich bin nur vorsichtig mit Ersatzreligionen.“ Dann wurde er wieder ernst. „Versteh mich nicht falsch. Bewegung ist wichtig. Sehr wichtig. Viele Menschen würden ohne sie schlechter altern. Viele Krankheiten würden häufiger auftreten. Viele Gehirne wären schlechter versorgt.“
„Aber?“
„Aber Versorgung ist nicht dasselbe wie Entwicklung.“ Dieser Satz traf mich. Vielleicht weil er weit über die Demenzforschung hinausging.
„Ein Kind entwickelt sich nicht, weil man es ernährt.“
„Natürlich nicht.“
„Ein Musiker entwickelt sich nicht, weil man ihm Sauerstoff zuführt.“
„Nein.“
„Ein Gehirn entwickelt sich nicht allein dadurch, dass Blut durch seine Gefäße fließt.“
„Sondern?“
Der Besucher blickte in die Dunkelheit. „Es entwickelt sich, weil die Welt von ihm etwas verlangt.“ Wieder entstand eine Pause. Diesmal eine lange. Dann sagte er leise: „Die eigentliche Frage lautet nicht: Wie viele Schritte bist du gegangen?“
„Sondern?“
„Als wer musstest du unterwegs sein?“
Ich wusste nicht sofort, was er meinte. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto mehr verstand ich. Musstest du aufmerksam sein? Entscheidungen treffen? Dich anpassen? Etwas Neues lernen? Fehler korrigieren? Reagieren? Vorhersagen? Vielleicht lag dort tatsächlich etwas verborgen, das keine Schrittzahl erfassen konnte.
Der Besucher sah mich aufmerksam an. „Jetzt beginnst du, die richtige Frage zu stellen.“
„Welche?“ Er lächelte. „Nicht wie viel Bewegung.“ Er machte eine kurze Pause. „Sondern welche.“
Dann lehnte er sich zurück. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die eigentliche Kritik meines Besuchers nicht der Forschung galt. Sondern einer sehr menschlichen Versuchung: Der Versuchung, schwierige Wahrheiten in einfache Zahlen zu verwandeln.
8. Warum das Gehirn krumme Beine bekam
Nachdem mein Besucher von Schrittzählern, Zahlen und Ersatzreligionen gesprochen hatte, entstand eine längere Pause. Er wirkte müde. Nicht erschöpft. Eher nachdenklich. Wie jemand, der sich einem Thema nähert, das ihn persönlich betrifft. Bisher hatte er über Forscher gesprochen. Über Studien. Über Menschen. Über Gewohnheiten. Nun schien es um ihn selbst zu gehen. Er betrachtete seine Beine. Lange. Fast betrübt. Die dünnen, leicht gekrümmten Beine, die schon bei seiner Ankunft meine Aufmerksamkeit erregt hatten. Schließlich sagte er: „Du fragst dich immer noch, warum sie so aussehen.“
„Ja.“
„Das dachte ich mir.“
„Sie sehen nicht gesund aus.“
„Das sind sie auch nicht.“
„Kann man etwas dagegen tun?“
Er lächelte. „Darum geht es nicht.“ Dann klopfte er mit einer Hand auf sein rechtes Knie. „Diese Beine sind ein Gleichnis.“
„Wofür?“
„Für eine sehr alte menschliche Gewohnheit.“
„Welche?“
„Für die Gewohnheit, einen Teil zu trainieren und anschließend zu glauben, man habe das Ganze verstanden.“
Ich dachte darüber nach. „Ich verstehe noch nicht.“
„Natürlich nicht.“
„Warum natürlich?“
„Weil ihr Menschen das Gleiche seit Jahrhunderten tut.“ Er lehnte sich zurück. „Stell dir ein Orchester vor.“
„Gut.“
„Wenn die Musiker jeden Tag dieselbe einfache Tonleiter spielen – werden sie dadurch zu großen Musikern?“
„Wahrscheinlich nicht.“
„Wenn sie dieselben Stellen immer wieder wiederholen, die sie längst beherrschen?“
„Auch nicht.“
„Was brauchen sie dann?“
„Ein schwieriges Stück.“
„Eben.“ Er lächelte. „Ein Konzert, das Aufmerksamkeit verlangt. Neue Einsätze. Schwierige Übergänge. Unerwartete Tempi. Fehler, aus denen man sich wieder herausfinden muss.“
„Also Herausforderung.“
„Ja. Nicht weil das Orchester schlecht wäre. Sondern weil es nur dann wirklich zusammenspielen muss.“ Er sah auf seine krummen Beine hinab. „Und trotzdem behandeln viele Menschen ihr Gehirn, als würde es genügen, täglich dieselben Tonleitern zu spielen.“
Der Wind bewegte einige trockene Blätter über den Rasen. „Viele Menschen glauben, sie hätten etwas für mich getan, wenn sie ihren Körper bewegt haben.“
„Das haben sie doch auch.“
„Ja“, sagte er. „Die Frage lautet nur: Wie viel von mir wurde dabei wirklich gebraucht?“ Wieder diese Formulierung. Gebraucht. Nicht beteiligt. Nicht aktiviert. Gebraucht. „Du möchtest gebraucht werden?“
Er sah mich überrascht an. „Was glaubst du denn, wofür ich gemacht wurde?“
„Zum Denken.“
„Auch.“
„Zum Erinnern.“
„Auch.“
„Zum Lernen.“
„Auch.“
Er hob einen Finger. „Aber vor allem wurde ich gemacht, um mich anzupassen.“
„An die Umwelt?“
„An alles.“ Seine Stimme wurde lebendiger. „An neue Situationen. An Überraschungen. An Schwierigkeiten. An Fehler. An Chancen. An Gefahren.“ Er breitete die Arme aus. „An die Welt.“
Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, warum Kinder lernen?“
„Weil ihr Gehirn besonders plastisch ist?“
„Das ist die Antwort eines Wissenschaftlers.“
„Und die andere?“
Er lächelte. „Weil die Welt sie ständig überfordert.“
Ich musste lachen. „Das klingt weniger freundlich.“
„Aber wahrer.“ Er lachte ebenfalls. „Kinder stolpern. Fallen hin. Verlieren das Gleichgewicht. Verwechseln Wörter. Scheitern ununterbrochen.“
„Das stimmt.“
„Und genau deshalb entwickeln sie sich.“ Sein Blick wurde ernst. „Das Scheitern ist oft der heimliche Lehrer.“
Ich schwieg.
„Später“, fuhr er fort, „verbringen Menschen erstaunlich viel Energie damit, genau diese Situationen zu vermeiden.“
„Das ist verständlich.“
„Natürlich. Niemand scheitert gern.“
„Eben.“
Er zeigte auf seine Beine. „Und genau dort beginnt mein Problem.“
„Dein Problem?“
„Diese Beine entstanden nicht durch zu wenig Bewegung.“
„Nicht?“
„Nein.“
„Wodurch dann?“
Er lächelte traurig. „Durch zu wenig Herausforderung.“
Dieser Satz traf mich stärker als die meisten seiner bisherigen Bemerkungen. Vielleicht weil er nicht nur auf ein Gehirn zutraf. Vielleicht auch auf ein Leben. „Erklär es mir.“
Der Besucher dachte kurz nach. „Stell dir einen Menschen vor, der jahrelang dieselben Wege geht, denselben Routinen folgt und immer wieder dieselben Probleme löst.“
„Wird er dabei schlechter?“
„Nicht unbedingt.“
„Aber?“
„Er wird auch nicht gezwungen, neue Wege zu finden.“ Er zeigte auf den Wald. „Dort draußen genügt manchmal ein umgestürzter Baum, und der Wanderer muss seine Route ändern. Eine Wurzel zwingt ihn zum Reagieren. Die Dunkelheit zum genaueren Hinsehen. Ein Hund, ein Kind, eine Überraschung verlangen Entscheidungen.“
„Du meinst, die Herausforderung entsteht aus der Unvorhersagbarkeit.“
„Sehr gut.“ Er nickte zufrieden. „Und die Unvorhersagbarkeit zwingt mich zur eigentlichen Arbeit.“
„Zur Anpassung.“
„Genau.“
Eine Weile schwiegen wir. Dann sagte er: „Die Menschen sprechen oft über Fitness. Über Kraft. Über Ausdauer. Über Herzfrequenz. Über Schritte.“
„Ja.“
„Aber nur selten über Anpassungsfähigkeit.“
„Warum?“
„Weil sie schwer zu messen ist.“ Die Antwort kam sofort. „Und Menschen lieben Dinge, die sich messen lassen.“
„Das hast du schon einmal gesagt.“
„Weil es leider stimmt.“ Er lächelte. „Ein Schrittzähler ist einfach. Ein Anpassungszähler wäre deutlich komplizierter.“
„Den gibt es nicht.“
„Eben.“ Wieder blickte er auf seine Beine. Lange sagte er nichts. Dann sprach er sehr leise: „Weißt du, was das Tragische ist?“
„Nein.“
„Viele Menschen glauben, sie würden mich trainieren.“
„Und tun es nicht?“
„Doch.“
„Aber?“
„Oft trainieren sie nur den Teil von mir, der längst gelernt hat.“ Die Worte blieben zwischen uns stehen. Ich dachte an Gewohnheiten. An Routinen. An Tätigkeiten, die einmal schwierig gewesen waren und später keine Aufmerksamkeit mehr verlangten. Der Besucher bemerkte meinen Blick. „Jetzt verstehst du langsam, warum ich krumme Beine habe.“
„Weil man dich zu wenig gefordert hat?“
„Nicht mich allein.“
„Wen dann?“
Er sah mich an. Zum ersten Mal klang seine Stimme beinahe traurig. „Euch alle.“ Der Wind strich durch die Baumkronen. Irgendwo in der Dunkelheit knackte ein Ast. Der Besucher zog die Schultern hoch, als fröre ihn plötzlich. Dann erschien ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht. „Die gute Nachricht ist“, sagte er schließlich, „dass sich krumme Beine manchmal wieder stärken lassen.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Wie?“
„Indem man wieder lernt zu stolpern.“
Ich wollte sofort widersprechen. Doch sein Blick hielt mich zurück. Denn ich ahnte bereits, dass er das Wort nicht wörtlich meinte. Und dass das nächste Kapitel genau davon handeln würde.
9. Die Freiheit des Stolperns
„Indem man wieder lernt zu stolpern.“ Nachdem mein Besucher diesen Satz ausgesprochen hatte, schwieg er. Ich hingegen schwieg nicht. „Das ist einer der gefährlichsten Ratschläge, die ich je gehört habe.“ Zum ersten Mal an diesem Abend lachte er so herzlich, dass sein ganzer Körper erschüttert wurde. „Das dachte ich mir.“
„Kein Arzt der Welt würde alten Menschen empfehlen zu stolpern.“
„Natürlich nicht.“
„Und du offenbar auch nicht.“
„Nein.“ Er wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Obwohl ich zugeben muss, dass die Vorstellung gewisse komische Möglichkeiten enthält.“
„Sehr beruhigend.“
„Danke.“ Wir schwiegen kurz. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst. „Du weißt genau, was ich meine.“
„Vermutlich.“
„Dann sag es.“
„Du meinst nicht das körperliche Stolpern.“
„Nein.“
„Sondern Situationen, in denen man aus gewohnten Mustern herausgerissen wird.“
„Sehr gut.“ Er nickte zufrieden. „Wir machen Fortschritte.“ Der Garten lag inzwischen vollkommen in der Nacht. Nur die kleine Lampe auf dem Tisch schuf noch einen Kreis aus Licht. Jenseits davon begann bereits die Dunkelheit. Es hatte etwas Merkwürdiges. Fast so, als säßen wir an der Grenze zwischen zwei Welten. Einer bekannten und einer unbekannten. Vielleicht war genau das die passende Umgebung für unser Gespräch. „Weißt du“, sagte der Besucher, „Menschen verwenden das Wort Freiheit häufig auf eine seltsame Weise.“
„Inwiefern?“
„Sie verstehen darunter meist die Abwesenheit von Hindernissen.“
„Ist das falsch?“
„Nicht ganz.“
Er dachte kurz nach. „Aber unvollständig.“
„Warum?“
„Weil die interessantesten Freiheiten oft dort entstehen, wo Hindernisse vorhanden sind.“ Ich musste lächeln. „Das klingt verdächtig philosophisch.“
„Leider.“
„Leider?“
„Philosophen haben die unangenehme Angewohnheit, gelegentlich recht zu haben.“ Ich ließ ihm diesen Satz durchgehen. Der Besucher fuhr fort. „Stell dir ein Kind vor.“
„Schon wieder ein Kind?“
„Kinder sind ausgezeichnete Lehrer.“
„Sie wissen nur nichts davon.“
„Gerade deshalb.“
Er lächelte. „Ein kleines Kind betritt einen Raum.“
„Ja.“
„Alles ist neu.“
„Ja.“
„Jeder Gegenstand unbekannt.“
„Ja.“
„Jede Bewegung ein Experiment.“
„Ja.“
„Jeder Fehler eine Information.“
„Ja.“
„Und jede Überraschung eine Lektion.“ Er breitete die Hände aus. „Das Kind stolpert ununterbrochen.“
„Im übertragenen Sinn.“
„Natürlich.“
„Und deshalb lernt es.“
„Genau.“ Ich dachte darüber nach. Je länger ich darüber nachdachte, desto einfacher erschien der Gedanke. Und gleichzeitig fragte ich mich, weshalb wir so selten darüber sprechen.
„Später“, sagte der Besucher, „geschieht etwas Merkwürdiges.“
„Was?“
„Die Menschen beginnen Erfolg mit Fehlervermeidung zu verwechseln.“
„Das klingt nicht völlig falsch.“
„Ist es auch nicht.“
„Also?“
„Es wird erst problematisch, wenn Fehler vollständig verschwinden.“
Ich runzelte die Stirn. „Warum sollte das problematisch sein?“
Der Besucher sah mich an. „Weil dann meist auch das Lernen verschwindet.“ Wieder diese unangenehme Einfachheit. Je länger ich ihm zuhörte, desto häufiger bemerkte ich, dass seine Gedanken gar nicht kompliziert waren. Kompliziert war lediglich ihre Konsequenz. „Du glaubst also, dass Lernen und Irrtum zusammengehören.“
„Nicht nur glauben.“
„Sondern?“
„Ich weiß es.“
Er klopfte sich gegen die Stirn. „Ich bin gewissermaßen die zuständige Behörde.“ Diesmal musste ich lachen. „Das ist die erste wirklich überzeugende Qualifikation, die du heute vorgebracht hast.“
„Danke.“
„Keine Ursache.“
„Und dennoch hört ihr selten auf mich.“
„Wir hören auf unser Gehirn.“
„Nein.“
„Nicht?“
„Ihr hört auf das Bild, das ihr euch von eurem Gehirn gemacht habt.“ Dieser Satz beschäftigte mich. Vielleicht mehr als manche seiner längeren Ausführungen. „Wo liegt der Unterschied?“
„Der Unterschied ist gewaltig.“ Seine Stimme wurde plötzlich leise. „Ihr stellt euch mich oft als Archiv vor.“
„Ein Archiv?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil ihr Erinnerungen liebt.“
„Das stimmt.“
„Ihr stellt euch vor, meine wichtigste Aufgabe bestehe darin, Informationen zu speichern.“
„Und das stimmt nicht?“
„Nur teilweise.“
Er schüttelte langsam den Kopf. „Ein Archiv bewahrt die Vergangenheit.“
„Ja.“
„Ich hingegen diene der Zukunft.“ Ich erinnerte mich an das vorige Kapitel. An seine Bemerkung über Vorhersagen. Plötzlich begann alles zusammenzupassen. „Deshalb magst du Herausforderungen.“
„Natürlich.“
„Weil sie Vorhersagen verlangen.“
„Ja.“
„Und Korrekturen.“
„Ja.“
„Und Anpassungen.“
„Ja.“
„Und neue Lösungen.“
„Ja.“
„Genau deshalb.“
Er lächelte. „Langsam wird das Gespräch angenehm.“ Ich beschloss, diese Bemerkung als Kompliment aufzufassen. „Aber was hat das mit Freiheit zu tun?“
Der Besucher sah zum Wald. Lange. Als könne er die Wege selbst im Dunkeln erkennen. „Dort draußen verlaufen zahlreiche Pfade.“
„Ja.“
„Einige sind breit.“
„Ja.“
„Andere schmal.“
„Ja.“
„Einige kennst du.“
„Ja.“
„Andere nicht.“
„Ja.“
„Welcher Weg ist der sicherste?“
„Der bekannte.“
„Richtig.“
„Welcher fordert dich mehr?“
„Der unbekannte.“
„Richtig.“
„Welcher zwingt dich zur Aufmerksamkeit?“
„Ebenfalls der unbekannte.“
„Welcher verlangt Entscheidungen?“
„Auch der unbekannte.“
„Siehst du?“ Ich nickte. „Die Freiheit des Stolperns besteht darin, gelegentlich einen Weg zu wählen, dessen Verlauf nicht vollständig bekannt ist.“
„Das klingt weniger dramatisch als erwartet.“
„Die Wahrheit ist häufig enttäuschend unheroisch.“
Dann lächelte er. „Aber äußerst wirksam.“ Eine Weile saßen wir schweigend da. Der Wind war fast eingeschlafen. Der Garten wirkte, als lausche er selbst unserem Gespräch. „Weißt du“, sagte der Besucher schließlich, „viele Menschen glauben, Altern bedeute vor allem Verlust.“
„Und stimmt das nicht?“
„Teilweise.“
„Wieder teilweise.“
„Das Leben ist voller Teilwahrheiten.“ Er seufzte. „Natürlich gehen Fähigkeiten verloren.“
„Ja.“
„Natürlich werden manche Dinge schwerer.“
„Ja.“
„Natürlich werden Reserven kleiner.“
„Ja.“
„Aber genau deshalb wird Anpassungsfähigkeit wichtiger.“ Er hob einen Finger. „Nicht weniger wichtig.“
„Sondern wichtiger.“
„Ja.“ Seine Augen glänzten im Licht der kleinen Lampe. „Wenn Ressourcen abnehmen, steigt der Wert guter Entscheidungen.“
Ich sagte nichts. Denn plötzlich hatte ich den Eindruck, dass er nicht mehr nur über das Gehirn sprach. Sondern über das ganze Leben. Vielleicht war beides ohnehin nie zu trennen gewesen. Der Besucher erhob sich langsam. Diesmal etwas mühsamer als zuvor. Für einen Moment hielt er sich an der Rückenlehne des Stuhls fest. Dann ging er einige Schritte über den Rasen. Nicht weit. Nur bis zum Rand des Lichtkreises. Dort blieb er stehen. Seine Gestalt war nun fast nur noch als Schatten zu erkennen. „Weißt du, was das Merkwürdigste ist?“
„Nein.“
„Die meisten Menschen fürchten das Stolpern.“
„Ja.“
„Dabei verdanken sie ihm fast alles, was sie geworden sind.“ Damit schwieg er. Und ich hatte das Gefühl, dass dieser Satz noch lange nicht zu Ende gedacht war.
10. Der Wald und das Laufband
Nachdem mein Besucher erklärt hatte, die Menschen verdankten dem Stolpern fast alles, was sie geworden seien, entstand eine jener Pausen, die nicht durch Schweigen, sondern durch Denken gefüllt werden.
Ich dachte an meine Kindheit. An das Fahrradfahren. An das Schwimmen. An das Schreiben. An all die Dinge, die zunächst schwierig gewesen waren. Und die später selbstverständlich wurden. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht waren wir tatsächlich das Ergebnis zahlloser kleiner Irrtümer. Der Besucher stand noch immer am Rand des Lichtkreises. Seine Gestalt war kaum zu erkennen. Nur der große Kopf hob sich dunkel gegen den Nachthimmel ab. „Komm“, sagte er plötzlich.
„Wohin?“
„Zum Wald.“
Ich blickte auf meine Uhr. „Jetzt?“
„Warum nicht?“
„Es ist Nacht.“
„Der Wald weiß das bereits.“
„Und ich nicht?“
„Offenbar nicht.“ Ich seufzte. Es gehört zu den merkwürdigen Eigenschaften ungewöhnlicher Ereignisse, dass sie nach einiger Zeit selbstverständlich werden. Vor wenigen Stunden hätte ich mich geweigert, nachts mit einer unbekannten Gestalt in den Wald zu gehen. Nun zog ich meine Jacke an. Der Besucher wartete geduldig. Wenige Minuten später gingen wir den schmalen Weg hinter dem Grundstück entlang. Sein Gang war im Dunkeln sogar noch merkwürdiger als zuvor. Trotz seiner krummen Beine bewegte er sich erstaunlich sicher. Fast so, als kenne er jeden Stein. Jede Wurzel. Jede Unebenheit.
Ich dagegen stolperte bereits nach wenigen Metern. „Pass auf“, sagte er.
„Das wollte ich gerade dir sagen.“
„Das ist der Unterschied zwischen uns.“
„Welcher?“
„Du schaust.“
Er blieb stehen. „Ich sehe.“ Das war eine jener Bemerkungen, die mich gleichzeitig ärgerten und beschäftigten. Also schwieg ich. Der Wald empfing uns mit jener besonderen Dunkelheit, die nur Wälder besitzen. Es war keine vollständige Finsternis. Vielmehr ein Geflecht aus Schatten, Geräuschen und Vermutungen. Der Wind bewegte die Kronen der Bäume. Irgendwo knackte ein Ast. Ein Nachtvogel rief. Der Besucher schien all dies wahrzunehmen. Nicht einzeln. Sondern als Ganzes. „Hör zu“, sagte er.
„Ich höre.“
„Nein.“
„Nicht?“
„Du wartest auf Worte.“ Ich musste zugeben, dass er recht hatte. „Dann hör anders.“
Wir gingen weiter. Mehrere Minuten lang sprach niemand. Langsam begann ich wahrzunehmen, was er meinte. Die unterschiedlichen Geräusche. Den weichen Waldboden. Den Geruch feuchter Erde. Das Rascheln kleiner Tiere. Die wechselnden Lichtverhältnisse zwischen den Bäumen. Jeder Schritt war anders. Jeder Meter ebenfalls. „Nun stell dir vor“, sagte der Besucher schließlich, „du befindest dich stattdessen auf einem Laufband.“
„Schon wieder das Laufband.“
„Ja.“
„Du magst es wirklich nicht.“
„Ich habe nichts gegen Laufbänder.“
„Das behauptest du ständig.“
„Weil es stimmt.“
Er blieb stehen. „Das Problem ist nicht das Laufband.“
„Sondern?“
„Die Vorstellung, der Wald und das Laufband seien dasselbe.“ Wir gingen weiter. Der Weg wurde schmaler. Mehrmals musste ich über Wurzeln steigen. Der Besucher schien dies kaum zu bemerken. „Betrachte einmal, was gerade geschieht“, sagte er.
„Ich gehe.“
„Ja.“
„Du gehst.“
„Auch richtig.“
„Aber das ist nur die Oberfläche.“
„Was geschieht darunter?“
Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er fast begeistert. „Endlich.“ Er blieb stehen. „Unter der Oberfläche schätze ich Entfernungen.“
„Ja.“
„Ich korrigiere Gleichgewichte.“
„Ja.“
„Ich vergleiche Erwartungen mit Wirklichkeit.“
„Ja.“
„Ich berechne Bewegungen.“
„Ja.“
„Ich entscheide ununterbrochen.“
„Ja.“
„Ich lerne.“
„Wirklich?“
„Natürlich.“
Er zeigte auf den Boden. „Selbst jetzt.“
„Aber wir gehen doch nur.“
„Genau das ist euer Problem.“
Er lächelte. „Ihr sagt: Wir gehen nur.“ Dann breitete er die Arme aus. „Dabei ist Gehen eine der kompliziertesten Leistungen, die ihr beherrscht.“ Ich dachte an kleine Kinder. An ihre ersten Schritte. An die unglaubliche Anstrengung, die dahinter steckt. Und plötzlich erschien mir seine Behauptung weniger übertrieben. „Auf dem Laufband hingegen“, fuhr er fort, „verändert sich die Welt kaum.“
„Das stimmt.“
„Der Boden bleibt gleich.“
„Ja.“
„Die Richtung bleibt gleich.“
„Ja.“
„Die Probleme bleiben gleich.“
„Ja.“
„Und damit bleiben auch viele meiner Aufgaben gleich.“ Wir erreichten eine kleine Lichtung. Dort blieb der Besucher stehen. Der Mond war inzwischen aufgegangen. Sein Licht fiel durch die Bäume. Zum ersten Mal konnte ich die Gestalt wieder deutlich erkennen. Die krummen Beine. Die schmalen Schultern. Den unverhältnismäßig großen Kopf. Und plötzlich verstand ich etwas. „Deshalb hast du das Fahrrad die ganze Zeit angesehen.“
Er nickte. „Ja.“
„Nicht weil du etwas gegen Fahrräder hast.“
„Nein.“
„Sondern weil sie für eine bestimmte Denkweise stehen.“
„Sehr gut.“
„Für welche?“
Der Besucher lächelte. „Für die Hoffnung, dass Wiederholung und Herausforderung dasselbe seien.“ Der Satz blieb in der kühlen Nachtluft stehen. „Aber manchmal sind sie das doch.“
„Natürlich.“
„Wann?“
„Wenn die Wiederholung neue Probleme enthält.“
„Aha.“
„Wenn Anpassung nötig bleibt.“
„Aha.“
„Wenn Aufmerksamkeit gefordert wird.“
„Aha.“
„Wenn Unsicherheit vorhanden ist.“
„Aha.“
Er lachte. „Du klingst inzwischen wie ein Schüler.“
„Und du wie ein Lehrer.“
„Das war schon vor Beginn unseres Gesprächs so.“ Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Wir gingen weiter. Schweigend. Der Weg führte nun leicht bergauf. Mein Atem wurde schneller. Der Besucher schien davon unberührt. „Weißt du“, sagte er schließlich, „die Menschen haben lange geglaubt, meine größte Stärke sei das Erinnern.“
„Und ist sie das nicht?“
„Nein.“
„Was dann?“
Er blieb stehen. Drehte sich zu mir um. Und in seinem Gesicht lag plötzlich ein Ausdruck, den ich bisher nicht gesehen hatte. Stolz. Nicht Eitelkeit. Nicht Überheblichkeit. Sondern Stolz.
„Meine größte Stärke ist die Anpassung.“ Der Wind fuhr durch die Baumkronen. „Und genau deshalb“, sagte er leise, „werde ich krank, wenn man mich zu lange vor einer Welt schützt, die mich eigentlich herausfordern sollte.“ Wir gingen weiter. Und ich hatte das Gefühl, dass wir uns nun dem eigentlichen Zentrum seiner Botschaft näherten. Nicht der Bewegung. Nicht der Demenz. Nicht einmal der Forschung. Sondern einer viel allgemeineren Frage: Was geschieht mit einem Organ, dessen wichtigste Fähigkeit die Anpassung ist, wenn die Welt aufhört, Anpassung zu verlangen?
Zweiter Teil – Der Ungläubige
11. Der Ungläubige spricht
Es wäre jedoch falsch, an dieser Stelle anzunehmen, ich hätte den Ausführungen meines Besuchers einfach zugestimmt. Der Leser erinnert sich vielleicht daran, dass ich diese Geschichte drei Jahre später Thomas erzählte. Bisher habe ich verschwiegen, dass Thomas mich während der Erzählung keineswegs geduldig ausreden ließ. Ganz im Gegenteil. Je länger die Geschichte dauerte, desto unruhiger wurde er. Und schließlich kam der Augenblick, an dem seine Geduld erschöpft war.
Er sprang förmlich von der Steinmauer auf, auf der er bisher gesessen hatte.
„Nein!“
„Nein was?“
„Das glaube ich nicht.“
„Welchen Teil?“
„Fast alles.“
Ich musste lachen. „Das überrascht mich nicht.“
„Mich schon.“
„Warum?“
„Weil ich inzwischen sogar bereit war, dir den Besuch eines Gehirns zuzugestehen.“
„Das ist großzügig.“
„Aber nun übertreibst du.“
„Womit?“
Thomas begann im Garten auf und ab zu gehen. Eine Angewohnheit, die er immer dann entwickelte, wenn er sich aufregte. „Mit den Forschern.“
„Aha.“
„Du stellst sie dar, als hätten sie etwas Wesentliches übersehen.“
„Nicht ich.“
„Dein Gehirn.“
„Richtig.“
„Dasselbe.“
Ich beschloss, diesen Punkt nicht zu diskutieren. Thomas bemerkte es. „Hör zu“, sagte er. „Die Menschen, von denen du sprichst, haben ihr ganzes Leben der Forschung gewidmet.“
„Ja.“
„Sie haben Daten gesammelt.“
„Ja.“
„Studien durchgeführt.“
„Ja.“
„Ergebnisse überprüft.“
„Ja.“
„Und nun kommt ein krummbeiniges Gehirn aus dem Wald und erklärt ihnen, sie hätten die wichtigste Sache vergessen?“
„So ungefähr.“
„Das ist lächerlich.“
„Möglicherweise.“
Thomas blieb stehen. „Möglicherweise?“
„Ja.“
„Das ist deine Antwort?“
„Vorläufig.“
Er starrte mich an. Dann schüttelte er den Kopf. „Du wirst unerträglich.“
„Das hat mein Gehirn ebenfalls angedeutet.“
„Siehst du? Genau das meine ich!“
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Thomas bemerkte es sofort. „Nimm die Sache nicht auf die leichte Schulter.“
„Das tue ich nicht.“
„Doch.“
„Nein.“
„Doch.“
„Du klingst inzwischen wie ich selbst.“
„Leider.“ Er setzte sich wieder. Diesmal allerdings nicht auf die Steinmauer. Er nahm den zweiten Gartenstuhl. Genau jenen Stuhl, auf dem drei Jahre zuvor mein Besucher gesessen hatte. Als er bemerkte, wo er Platz genommen hatte, wurde er für einen Moment still. Dann sagte er: „Gut.“
„Gut?“
„Nehmen wir einmal an, dein Gehirn hätte recht.“
„Das wird ihm gefallen.“
„Unterbrich mich nicht.“
„Entschuldige.“
Thomas verschränkte die Arme. „Also gut. Nehmen wir an, die Herausforderung sei tatsächlich wichtiger, als viele Menschen glauben.“
„Ja.“
„Dann bleibt trotzdem eine Frage.“
„Welche?“
„Warum zeigen die Studien überhaupt positive Effekte?“
Diese Frage überraschte mich. Nicht weil sie unvernünftig gewesen wäre. Sondern weil sie genau jene Frage war, die auch mir damals durch den Kopf gegangen war. „Eine gute Frage.“
„Natürlich ist sie gut.“
„Warum natürlich?“
„Weil sie von mir kommt.“
Ich musste lachen. Thomas blieb ernst. „Antworte.“
„Ich kann nicht.“
„Warum?“
„Weil ich damals dieselbe Frage gestellt habe.“
„Und?“
„Mein Gehirn hat geantwortet.“
Thomas seufzte. „Natürlich hat es das.“
„Möchtest du die Antwort hören?“
„Dafür sitze ich hier.“
Der Wind bewegte die Zweige des Kirschbaums. Die Nachmittagssonne war inzwischen etwas tiefer gesunken. Für einen Moment erinnerte mich die Szene so sehr an jenen Sommerabend, dass ich beinahe glaubte, den kleinen Besucher erneut auf dem Weg erscheinen zu sehen. Natürlich erschien niemand. Stattdessen wartete Thomas. Ungeduldig. Skeptisch. Aufmerksam. Genau so, wie mein Gehirn es vorhergesagt hatte. Der Ungläubige war tatsächlich der wichtigste Zuhörer.
„Also gut“, sagte ich schließlich.
„Was antwortete dein Gehirn?“
„Es sagte: Die Forscher haben nicht das Falsche entdeckt.“
„Aha.“
„Sie haben nur manchmal das Richtige zu einfach erklärt.“
Thomas dachte nach. „Das klingt verdächtig vernünftig.“
„Das fand ich damals auch.“
„Und weiter?“
„Weiter sagte es, dass Bewegung selbstverständlich wichtig sei.“
„Das wissen wir bereits.“
„Ja.“
„Und?“
„Aber dass manche Menschen so tun, als sei damit die Frage bereits beantwortet.“
Thomas runzelte die Stirn. „Vielleicht ist sie das doch.“
„Das sagte ich ebenfalls.“
„Und?“
„Mein Gehirn widersprach.“
„Natürlich.“
„Natürlich.“ Wir mussten beide lachen. Doch als unser Lachen verklungen war, bemerkte ich etwas. Thomas hatte seine Haltung verändert. Die Arme waren nicht mehr verschränkt. Sein Blick war weniger abwehrend. Und zum ersten Mal fragte ich mich, ob der eigentliche Zweck dieses Gespräches vielleicht gar nicht darin bestand, Thomas zu überzeugen. Sondern ihn zum Nachdenken zu bringen. Dasselbe hatte mein Gehirn mit mir getan. Und möglicherweise war das die einzige Form von Überzeugung, die wirklich etwas bewirkt. „Gut“, sagte Thomas schließlich. „Nehmen wir an, ich höre weiter zu.“
„Eine weise Entscheidung.“
„Übertreibe nicht.“
„Entschuldige.“
„Was sagte dein Gehirn dann?“
Ich lehnte mich zurück. Denn nun begann jener Teil des Gesprächs, der Thomas mehr beschäftigen sollte, als er selbst ahnte. „Es begann von den Forschern zu sprechen.“
„Schon wieder?“
„Ja.“
„Und diesmal?“
„Diesmal verteidigte es sie.“
Thomas blinzelte. „Wie bitte?“
„Genau das dachte ich damals auch.“
12. Sind die Forscher wirklich blind?
„Diesmal verteidigte es sie.“ Thomas sah mich an, als hätte ich gerade erklärt, mein Gehirn sei heimlich Mitglied einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft. „Das ergibt keinen Sinn.“
„Das sagte ich ebenfalls.“
„Und?“
„Mein Gehirn erklärte mir, dass Kritik und Verteidigung keine Gegensätze seien.“
Thomas schnaubte. „Das klingt nach Philosophie.“
„Ja.“
„Dann wird es gefährlich.“
„Wahrscheinlich.“ Wir schwiegen kurz. Dann fuhr ich fort. „Damals im Wald fragte ich es fast dasselbe wie du.“
„Nämlich?“
„Ob die Forscher blind seien.“
„Eine berechtigte Frage.“
„Das fand ich auch.“
„Und?“
Ich erinnerte mich an die Lichtung. An den Mond zwischen den Bäumen. An die eigentümliche Gestalt meines Besuchers. Vor allem aber erinnerte ich mich an die Antwort. Denn sie hatte mich überrascht. „Es sagte: Nein.“
Thomas runzelte die Stirn. „Einfach nein?“
„Fast.“
„Was bedeutet fast?“
„Es sagte: Die meisten Forscher sehen mehr als die meisten Menschen.“
Thomas schwieg. Offenbar hatte er mit vielem gerechnet. Aber nicht damit. „Das klingt vernünftig.“
„Ja.“
„Und warum kritisiert es sie dann?“
„Weil Sehen und Verstehen nicht dasselbe sind.“
Thomas dachte darüber nach. Dann nickte er langsam. „Da könnte etwas dran sein.“
„Genau das dachte ich ebenfalls.“ Der Wind strich durch die Äste des Kirschbaums. Einige Blütenblätter lösten sich und trieben über den Rasen. Für einen Moment beobachteten wir sie schweigend. Dann sprach ich weiter. „Damals im Wald sagte mein Gehirn etwas Merkwürdiges.“
„Noch merkwürdiger als sonst?“
„Ja.“
„Das macht mir Sorgen.“
„Mir damals ebenfalls.“
Thomas winkte ungeduldig. „Nun sag schon.“
„Es sagte: Wissenschaft beginnt mit Überraschungen.“
„Das ist nicht merkwürdig.“
„Warte.“
„Ich warte.“
„Und sie endet manchmal mit Gewohnheiten.“
Thomas schwieg. Länger als zuvor. Dann sagte er: „Das ist unangenehm.“
„Ja.“
„Weil es stimmen könnte.“
„Genau.“ Ich erinnerte mich, wie mein Besucher damals zwischen den Bäumen stehen geblieben war. Sein Gesicht lag halb im Mondlicht. „Weißt du“, hatte er gesagt, „die meisten großen Entdeckungen beginnen damit, dass jemand über etwas stolpert.“
„Schon wieder das Stolpern“, hatte ich geantwortet.
„Natürlich.“ Dann hatte er gelächelt.
„Die Wissenschaft verdankt dem Stolpern mehr als dem Gehen.“
Thomas lachte. „Das gefällt mir.“
„Mir damals auch.“
„Und dann?“
„Dann erklärte es mir, warum es die Forscher nicht für blind hielt.“
„Nun bin ich gespannt.“
Ich lehnte mich zurück. „Es sagte: Die Forscher sehen oft sehr gut.“
„Ja.“
„Manchmal sogar besser als alle anderen.“
„Ja.“
„Aber sie sehen durch Instrumente.“
„Natürlich.“
„Und Instrumente haben Eigenschaften.“
„Das ist unvermeidlich.“
„Genau.“
Thomas nickte. „Ein Mikroskop zeigt anderes als ein Teleskop.“
„Sehr gut.“
„Ein Thermometer zeigt anderes als eine Kamera.“
„Sehr gut.“
„Und?“
„Ein Test zeigt anderes als ein Leben.“
Thomas wurde still. Diesmal deutlich länger. „Das ist ein schwieriger Satz.“
„Ja.“
„Weil er wahr sein könnte.“
„Genau das dachte ich.“ Ich erinnerte mich noch gut an die nächsten Worte meines Besuchers. Vielleicht weil sie mich damals mehr beschäftigten als alles andere. „Stell dir vor“, hatte er gesagt, „du möchtest einen Menschen verstehen.“
„Gut.“
„Du misst seine Reaktionszeit.“
„Ja.“
„Sein Gedächtnis.“
„Ja.“
„Seine Aufmerksamkeit.“
„Ja.“
„Seine Sprachfähigkeit.“
„Ja.“
„Und nun glaubst du, du kennst ihn.“
„Das wäre tatsächlich gewagt.“
„Natürlich.“
Mein Besucher hatte damals gelächelt. „Denn du kennst Leistungen.“ „Nicht den Menschen.“
„Genau.“
Thomas blickte zum Apfelbaum. „Das gefällt mir nicht.“
„Warum?“
„Weil ich mein ganzes Leben damit verbracht habe, Dinge zu messen.“
„Und?“
„Nun klingt es plötzlich so, als sei das nicht genug.“
„Vielleicht ist es das auch nicht.“ Wieder entstand eine Pause. Diesmal eine lange. Schließlich sagte Thomas: „Aber messen bleibt notwendig.“
„Natürlich.“
„Ohne Messen keine Wissenschaft.“
„Ja.“
„Ohne Wissenschaft keine Erkenntnis.“
„Ja.“
„Also wo liegt das Problem?“ Ich musste lächeln. Denn genau diese Frage hatte ich meinem Besucher gestellt. Wort für Wort. „Es antwortete: Das Problem beginnt dort, wo man die Messung mit der Wirklichkeit verwechselt.“
Thomas schloss für einen Moment die Augen. „Das ist ein gefährlicher Satz.“
„Warum?“
„Weil er nicht nur für die Forschung gilt.“
„Genau.“
„Er gilt für Schulen.“
„Ja.“
„Für Politik.“
„Ja.“
„Für Unternehmen.“
„Ja.“
„Für das ganze Leben.“
„Ja.“
Ich bemerkte, dass Thomas inzwischen nicht mehr mit mir sprach. Er sprach mit sich selbst. Oder genauer: Er sprach mit Gedanken, die ihm nicht gefielen. Mein Gehirn hätte sich darüber vermutlich gefreut. „Und dann?“
„Dann wurde es noch unangenehmer.“
„Wunderbar.“
„Es sagte: Die besten Forscher wissen das längst.“
Thomas öffnete die Augen. „Wie bitte?“
„Genau das sagte ich auch.“
„Und?“
„Es antwortete: Die guten Forscher sind nicht die Gefangenen ihrer Messungen.“
„Sondern?“
„Ihre kritischsten Beobachter.“
Thomas schwieg. Diesmal sehr lange. Dann nickte er langsam. „Das ist fair.“
„Ja.“
„Vielleicht sogar sehr fair.“ Ich erinnerte mich an den Ausdruck meines Besuchers. An die Ruhe seiner Stimme. An den Respekt, mit dem er über die Menschen gesprochen hatte, die ihr Leben der Forschung widmeten.
„Weißt du“, hatte er damals gesagt, „die meisten Irrtümer entstehen nicht durch Dummheit.“
„Sondern?“
„Durch Vereinfachung.“
Thomas sah mich an. „Das gefällt mir nicht.“
„Warum?“
„Weil Vereinfachung unvermeidlich ist.“
„Ja.“
„Man kann die Welt nicht vollständig beschreiben.“
„Nein.“
„Man muss vereinfachen.“
„Ja.“
„Also?“
Ich lächelte. „Genau das fragte ich damals auch.“
„Und?“
„Mein Gehirn antwortete: Natürlich müsst ihr vereinfachen.“
„Na also.“
„Aber ihr dürft nie vergessen, dass ihr vereinfacht habt.“ Thomas lehnte sich zurück. Lange sagte er nichts. Dann betrachtete er den leeren Gartenstuhl neben sich. Jenen Stuhl, auf dem mein Besucher vor drei Jahren gesessen hatte. „Weißt du“, sagte er schließlich.
„Was?“
„Langsam beginne ich zu verstehen, warum du diese Geschichte nicht vergessen konntest.“
Ich antwortete nicht. Denn zum ersten Mal hatte Thomas aufgehört zu fragen, ob die Geschichte wahr sei. Und begonnen zu fragen, ob sie etwas Wahres enthielt. Das war ein wichtiger Unterschied.
Vielleicht sogar der wichtigste.
13. Die Verteidigung der Wissenschaft
Nachdem Thomas gesagt hatte, er beginne zu verstehen, weshalb mich diese Geschichte nicht losgelassen habe, schwiegen wir eine Weile. Es war ein angenehmes Schweigen. Nicht jenes Schweigen, das entsteht, wenn Menschen nichts mehr zu sagen haben. Sondern jenes seltenere Schweigen, das entsteht, wenn etwas gesagt wurde, das zunächst seinen Platz finden muss.
Die Nachmittagssonne stand inzwischen tief. Die Schatten der Bäume waren länger geworden. Ein leichter Wind bewegte die Zweige des Apfelbaums. Thomas blickte noch immer auf den leeren Gartenstuhl. „Und dann?“
„Dann widersprach ich ihm.“
„Endlich.“
„Das freut dich?“
„Außerordentlich.“
Ich musste lachen. „Warum?“
„Weil dein Gehirn bisher fast immer recht hatte.“
„Das ist kein Beweis.“
„Nein.“
Thomas nickte. „Aber es macht mich nervös.“
Wieder musste ich lachen. Dann erinnerte ich mich an jene Nacht im Wald. An die Lichtung. An die Dunkelheit zwischen den Bäumen. Und an den Augenblick, in dem ich tatsächlich ärgerlich geworden war. Nicht über seine Kritik. Sondern über etwas anderes. „Ich sagte damals zu ihm: Du verlangst Unmögliches.“
„Aha.“
„Genau.“
Thomas lehnte sich vor. „Und warum?“
„Weil ich das Gefühl hatte, er kritisiere die Wissenschaft dafür, wissenschaftlich zu sein.“
„Das wäre tatsächlich unfair.“
„Das fand ich auch.“ Ich erinnerte mich noch genau. Mein Besucher war damals stehen geblieben. Es hatte mich aufmerksam angesehen. Fast überrascht. „Unmögliches?“, hatte er gefragt.
„Ja.“
„Wie meinst du das?“
„Du verlangst von Forschern, das ganze Leben zu erfassen.“
„Und?“
„Das können sie nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil Wissenschaft vereinfachen muss.“ Der Besucher hatte geschwiegen. Und ich hatte weitergesprochen. Vielleicht energischer, als nötig gewesen wäre. „Jede Untersuchung braucht Grenzen.“
„Ja.“
„Jedes Experiment braucht Bedingungen.“
„Ja.“
„Jede Studie braucht Messgrößen.“
„Ja.“
„Sonst entsteht Chaos.“ Damals hatte ich geglaubt, es widerlegt zu haben. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Doch zunächst hatte ich tatsächlich das Gefühl, einen wichtigen Punkt getroffen zu haben. „Du kannst doch nicht verlangen, dass jede Studie die ganze Wirklichkeit beschreibt.“
Der Besucher hatte lange nichts gesagt. Dann hatte er genickt. Einfach genickt. „Natürlich nicht.“
Diese Antwort hatte mich überrascht. „Natürlich nicht?“
„Nein.“
„Aber genau das klingt die ganze Zeit so.“
„Dann habe ich mich schlecht ausgedrückt.“
„Wirklich?“
„Ja.“
Er hatte gelächelt. „Das kommt vor.“
„Bei Gehirnen?“
„Besonders bei Gehirnen.“
Thomas lachte. „Das gefällt mir.“
„Mir damals ebenfalls.“ Ich erinnerte mich daran, wie wir auf der Lichtung standen. Der Mond war inzwischen höher gestiegen. Zwischen den Baumstämmen lag silbernes Licht. Und plötzlich sprach mein Besucher mit einer Wärme, die ich bis dahin nicht von ihm kannte. „Weißt du“, sagte er, „die Wissenschaft ist eine meiner schönsten Erfindungen.“
„Deine Erfindung?“
„Natürlich.“
„Du meinst die Erfindung der Menschen.“
„Das ist dasselbe.“ Damals hatte ich darüber nachdenken müssen. Und auch heute war ich mir nicht sicher, ob der Satz größenwahnsinnig oder tiefgründig war. Wahrscheinlich beides. „Die Wissenschaft“, hatte er fortgefahren, „ist der Versuch, sich weniger zu irren.“
„Das ist eine schöne Definition.“
„Ja.“
„Und sehr bescheiden.“
„Deshalb mag ich sie.“
Dann war er wieder ernst geworden. „Die Wissenschaft ist nicht das Problem.“
„Sondern?“
„Die Menschen vergessen manchmal, wie sie funktioniert.“
Thomas nickte langsam. „Das kenne ich.“
„Ich inzwischen auch.“
„Wie meinte dein Gehirn das?“
Ich erinnerte mich. Sehr deutlich sogar. „Es sagte: Wissenschaft ist kein Gebäude.“
„Nicht?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Ein Gespräch.“
Thomas dachte nach. „Ein Gespräch?“
„Ja.“
„Zwischen wem?“
„Zwischen Menschen und Wirklichkeit.“ Diese Formulierung hatte mich damals beeindruckt. Und heute noch mehr. „Die Wissenschaft“, hatte mein Besucher gesagt, „ist groß, solange sie fragt.“
„Und klein, sobald sie glaubt, fertig zu sein.“
Thomas schwieg. Dann nickte er. „Das ist nicht schlecht.“
„Nein.“
„Überhaupt nicht.“
Der Wind bewegte die Blätter über uns. Einige fielen langsam auf den Rasen. Für einen Moment betrachteten wir sie schweigend. Dann sprach ich weiter. „Weißt du, was mich damals am meisten überrascht hat?“
„Nein.“
„Der Respekt.“
„Welcher Respekt?“
„Der Respekt meines Gehirns vor den Forschern.“
Thomas sah mich erstaunt an. „Wirklich?“
„Ja.“
„Obwohl es sie kritisiert hat?“
„Gerade deshalb.“
„Das verstehe ich nicht.“
Ich lächelte. „Das verstand ich damals ebenfalls nicht.“
„Und heute?“
„Heute etwas besser.“
Thomas wartete. „Mein Gehirn sagte: Die meisten Forscher sind keine Feinde der Wahrheit.“
„Natürlich nicht.“
„Nein.“
„Und weiter?“
„Sie sind Suchende.“
„Das klingt beinahe romantisch.“
„Vielleicht.“
„Und?“
„Aber Suchende können sich verlaufen.“
Thomas nickte langsam. „Wie Wanderer im Wald.“
„Genau.“
„Deshalb die vielen Waldgeschichten.“
„Ja.“ Ich erinnerte mich an den Ausdruck meines Besuchers. An seine Müdigkeit. An seine Geduld. Und plötzlich verstand ich etwas, das mir damals entgangen war. Er war nie zornig gewesen. Nicht wirklich. Enttäuscht vielleicht. Besorgt. Manchmal ironisch. Aber nie zornig. „Weißt du“, hatte er damals gesagt, „die größten Irrtümer entstehen oft nicht dort, wo Menschen nichts wissen.“
„Sondern?“
„Dort, wo sie glauben, bereits genug zu wissen.“
Thomas schloss die Augen. „Das ist unangenehm.“
„Ja.“
„Weil es auf jeden von uns zutrifft.“
„Genau.“
Wieder entstand eine Pause. Diesmal eine lange. Dann sagte Thomas leise: „Vielleicht sogar auf dein Gehirn.“
Ich musste lachen. „Das sagte ich damals auch.“
„Und?“
„Es lachte ebenfalls.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Was antwortete es?“
Ich erinnerte mich an sein Lächeln. An den Mond. An die Lichtung. Und an seine Antwort. „Es sagte: Deshalb denke ich noch immer.“
Thomas schwieg. Lange. Sehr lange. Dann nickte er. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass der Abstand zwischen dem Ungläubigen und meinem Besucher etwas kleiner geworden war. Nicht weil Thomas überzeugt worden wäre. Sondern weil er begonnen hatte, dieselben Fragen zu stellen.
Und vielleicht ist das der eigentliche Anfang jedes Verstehens.
Dritter Teil: Die Antwort des Gehirns
14. Das vergessene Wesen
Nachdem mein Besucher erklärt hatte, die Wissenschaft sei eines seiner schönsten Werke, und nachdem er die Forscher zugleich verteidigt und kritisiert hatte, gingen wir noch eine Weile schweigend durch den Wald. Der Weg führte nun leicht bergab. Zwischen den Bäumen schimmerte das Mondlicht. Die Luft war kühl geworden. Irgendwo rauschte Wasser. Vielleicht ein kleiner Bach. Vielleicht nur der Wind. In der Nacht ist der Unterschied manchmal schwer zu erkennen. Mein Besucher schien nachzudenken. Seine Schritte waren langsamer geworden. Nicht unsicher. Eher vorsichtig. Als nähere er sich einem Thema, das ihm besonders wichtig war. Schließlich blieb er stehen.
Wir befanden uns an einer Weggabelung. Drei Pfade führten in unterschiedliche Richtungen. Der breite Hauptweg. Ein schmalerer Seitenweg. Und ein kaum sichtbarer Pfad zwischen Farnen und Wurzeln. Der Besucher betrachtete die Kreuzung lange. Dann sagte er: „Hier.“
„Hier was?“
„Hier beginnt das eigentliche Problem.“
Ich blickte mich um. „Ich sehe nur drei Wege.“
„Genau.“ Er lächelte schwach. „Und trotzdem sehen wir nicht dasselbe.“
Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann fragte ich: „Wovon sprichst du?“
Der Besucher antwortete nicht sofort. Stattdessen hob er einen kleinen Ast vom Boden auf. Er drehte ihn zwischen den Fingern. „Weißt du, woran mich die moderne Diskussion über Demenz manchmal erinnert?“
„Woran?“
„An einen Mann, der sein Haus verloren hat.“
„Das klingt nicht gut.“
„Nein.“
„Und?“
„Der Mann untersucht nun die Ziegelsteine.“
„Die Ziegelsteine?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil sein Haus daraus gebaut wurde.“
Ich dachte nach. „Das erscheint nicht völlig unvernünftig.“
„Natürlich nicht.“
Der Besucher nickte. „Die Ziegel sind wichtig.“
„Ja.“
„Sehr wichtig.“
„Ja.“
„Aber irgendwann muss man auch über das Haus sprechen.“ Der Satz blieb zwischen uns stehen. Und plötzlich ahnte ich, worauf er hinauswollte. „Du meinst die Nervenzellen.“
„Unter anderem.“
„Und das Haus?“
„Das Leben.“ Der Wind bewegte die Baumkronen. Für einen Augenblick rauschte der ganze Wald. Dann wurde es wieder still. „Versteh mich nicht falsch“, sagte der Besucher.
„Das sagst du oft.“
„Weil es nötig ist.“
„Vermutlich.“
Er lächelte. „Natürlich müssen die Zellen untersucht werden.“
„Ja.“
„Natürlich die Eiweiße.“
„Ja.“
„Die Synapsen.“
„Ja.“
„Die Entzündungen.“
„Ja.“
„Die Ablagerungen.“
„Ja.“
„Alles wichtig.“
„Also wo liegt das Problem?“
Der Besucher warf den Ast fort. „Das Problem beginnt, wenn der Mensch glaubt, das Haus verstanden zu haben, weil er die Ziegel gezählt hat.“ Wir gingen weiter. Langsam. Der schmale Weg führte nun zwischen hohen Buchen hindurch. Der Mond verschwand hinter den Kronen. Die Dunkelheit wurde dichter. „Weißt du“, sagte der Besucher schließlich, „es gibt eine merkwürdige Eigenschaft der Menschen.“
„Nur eine?“
„Für heute genügt das.“
„Gut.“
„Ihr verwechselt oft das Messbare mit dem Bedeutenden.“ Ich schwieg. Denn der Satz erinnerte mich an unser früheres Gespräch über die Wissenschaft. Der Besucher bemerkte es. „Ja“, sagte er.
„Es hängt zusammen.“
„Wie?“
„Die wichtigsten Dinge hinterlassen häufig die schlechtesten Messwerte.“
„Das musst du erklären.“
„Gern.“
Er blieb stehen. „Was ist Freundschaft wert?“
„Das kommt darauf an.“
„Worauf?“
„Auf die Freundschaft.“
„Siehst du.“
„Was sehe ich?“
„Du kannst sie nicht zählen.“
„Nein.“
„Nicht wie Schritte.“
„Nein.“
„Nicht wie Kalorien.“
„Nein.“
„Nicht wie Blutdruckwerte.“
„Nein.“
„Und trotzdem kann sie über ein Leben entscheiden.“ Ich dachte an Menschen, die im Alter geistig wach geblieben waren. An andere, die sich immer weiter zurückgezogen hatten. An Einsamkeit. An Gespräche. An Neugier. An Beziehungen. Langsam begann ich zu verstehen. „Du meinst, wir sprechen oft über das Gehirn, als wäre es eine Maschine.“
„Ja.“
„Aber es lebt in einer Welt.“
„Genau.“
„Und diese Welt gehört dazu.“
„Mehr als viele glauben.“ Der Besucher wirkte nun ernster als zuvor. Fast traurig. „Weißt du, was mich an der Demenz besonders beschäftigt?“
„Du bist die Demenz?“
„Natürlich nicht.“
„Entschuldige.“
„Ich bin das Gehirn.“
„Richtig.“
„Nicht jede schlechte Nachricht gehört automatisch zu mir.“
Ich musste lachen. Dann wurde auch ich wieder ernst. „Also?“
Der Besucher blickte in die Dunkelheit. „Die Menschen sprechen oft über das, was verloren geht.“
„Das ist verständlich.“
„Ja.“
„Erinnerungen.“
„Ja.“
„Orientierung.“
„Ja.“
„Sprache.“
„Ja.“
„Selbstständigkeit.“
„Ja.“
Er nickte langsam. „Alles richtig.“ Dann fügte er hinzu: „Aber viel seltener sprechen sie über das, was vorher vorhanden gewesen sein muss.“
Dieser Satz traf mich unerwartet. „Wie meinst du das?“
„Ganz einfach.“ Er sah mich an. „Man kann nur verlieren, was man besitzt.“ Der Wind strich durch die Bäume. Wieder entstand eine Pause. Eine längere. „Wenn ein Mensch sein Gedächtnis verliert“, sagte der Besucher, „dann bedeutet das, dass zuvor ein Gedächtnis da war.“
„Natürlich.“
„Wenn Orientierung verloren geht, war zuvor Orientierung vorhanden.“
„Ja.“
„Wenn Anpassungsfähigkeit verloren geht, war zuvor Anpassungsfähigkeit vorhanden.“
„Ja.“
„Siehst du?“
Langsam nickte ich. „Du meinst, wir betrachten ständig den Verlust.“
„Und vergessen das Wesen.“
„Welches Wesen?“
Der Besucher lächelte. Traurig. Fast müde. „Mich.“
Wir gingen weiter. Lange sagte keiner von uns etwas. Dann sprach er erneut. Leiser als zuvor. „Die Menschen reden oft über Krankheiten des Gehirns.“
„Ja.“
„Aber viel seltener darüber, was ein Gehirn eigentlich ist.“
Der Weg wurde schmaler. Wir mussten hintereinander gehen. Der Besucher vor mir. Ich hinter ihm. Seine krummen Beine bewegten sich langsam durch das Mondlicht. Und plötzlich verstand ich, dass er die ganze Zeit nicht nur über Forschung gesprochen hatte. Nicht nur über Bewegung. Nicht nur über Demenz. Sondern über eine viel grundlegendere Frage. Die Frage, ob wir das Gehirn überhaupt als lebendiges Wesen betrachten. Oder lediglich als Objekt. Als Organ. Als Untersuchungsgegenstand. Als Summe von Messwerten. „Weißt du“, sagte er schließlich, ohne sich umzudrehen, „vielleicht bin ich das am meisten vergessene Wesen der modernen Welt.“
„Das Gehirn?“
„Ja.“
„Aber ständig wird über dich gesprochen.“
„Eben.“ Seine Stimme klang nun fast heiter. „Und genau das macht die Sache so bemerkenswert.“ Dann schwieg er. Und während wir weiter durch den Wald gingen, begann ich langsam zu ahnen, dass wir nun den eigentlichen Mittelpunkt seiner Geschichte erreicht hatten.
15. Warum das Gehirn kein Muskel ist
Nachdem mein Besucher erklärt hatte, er sei vielleicht das am meisten vergessene Wesen der modernen Welt, gingen wir eine Zeit lang schweigend weiter. Der Wald war inzwischen vollkommen in die Nacht eingetaucht. Nur gelegentlich fiel Mondlicht durch die Kronen der Bäume und zeichnete helle Flecken auf den Weg.
Mein Besucher bewegte sich langsam vor mir her. Seine krummen Beine schienen ihn stärker zu belasten als noch zu Beginn unseres Gesprächs. Dennoch wirkte er seltsam zufrieden. Fast so, als sei eine Last von ihm abgefallen. Vielleicht deshalb, weil er endlich sagen konnte, was ihn seit langer Zeit beschäftigte.
Schließlich erreichten wir eine kleine Bank am Wegesrand. Sie stand dort vermutlich seit Jahrzehnten. Das Holz war verwittert. Moos hatte sich in den Ritzen angesammelt. Niemand hätte sich gewundert, wenn die Bank selbst begonnen hätte, Geschichten zu erzählen. Der Besucher setzte sich. Diesmal mit sichtbarer Anstrengung. Ich nahm neben ihm Platz. Eine Weile betrachteten wir schweigend den Wald. Dann sagte er: „Weißt du, was mich in den letzten Jahren besonders beschäftigt hat?“
„Nein.“
„Ein Satz.“
„Nur ein Satz?“
„Manchmal genügt einer.“
„Welcher Satz?“
Er lächelte. „Das Gehirn ist wie ein Muskel.“
Ich musste lachen. „Das hört man tatsächlich oft.“
„Zu oft.“
„Warum?“
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen hob er ein Blatt vom Boden auf. Er betrachtete die feinen Adern. Die Struktur. Die Form. Dann ließ er es wieder fallen. „Weil Vergleiche gefährlich sind.“
„Wirklich?“
„Natürlich.“
„Aber ohne Vergleiche können wir vieles gar nicht verstehen.“
„Das stimmt.“
Er nickte. „Vergleiche sind wunderbare Diener.“
„Und schlechte Herren?“
Sein Gesicht hellte sich auf. „Ganz ausgezeichnet.“
„Danke.“
„Keine Ursache.“
Dann wurde er wieder ernst. „Der Satz ist nicht falsch.“
„Aha.“
„Aber er ist unvollständig.“
„Und deshalb gefährlich?“
„Genau.“ Der Wind rauschte leise durch die Bäume. Einige Blätter lösten sich und tanzten über den Weg. „Muskeln werden stärker, wenn man sie belastet.“
„Ja.“
„Das ist richtig.“
„Natürlich.“
„Und viele Menschen schließen daraus, dass mit mir dasselbe geschieht.“
„Ist das denn falsch?“
„Teilweise.“
Ich musste lachen. „Deine Lieblingsantwort.“
„Weil die Wirklichkeit meine Lieblingsantwort ist.“
Er lehnte sich zurück. „Ein Muskel fragt nicht nach dem Sinn seiner Belastung.“
„Nein.“
„Er hebt Gewichte.“
„Ja.“
„Er zieht.“
„Ja.“
„Er drückt.“
„Ja.“
„Und wird stärker.“
„So ungefähr.“
Der Besucher nickte. „Ich hingegen bin deutlich komplizierter.“
„Das überrascht mich nicht.“
„Das sollte es auch nicht.“ Zum ersten Mal wirkte er beinahe stolz. „Ich reagiere nicht einfach auf Belastung.“
„Nicht?“
„Nein.“
„Worauf dann?“
„Auf Bedeutung.“
Der Satz überraschte mich. „Bedeutung?“
„Ja.“
„Was soll das heißen?“
„Ganz einfach.“
Er sah mich an. „Ein Muskel interessiert sich nicht dafür, warum er arbeitet.“
„Das stimmt.“
„Ich schon.“
Ich dachte nach. Je länger ich darüber nachdachte, desto merkwürdiger erschien mir der Gedanke. Und gleichzeitig desto plausibler. „Ein Beispiel.“
„Gern.“
Der Besucher lächelte. Offenbar hatte er darauf gewartet. „Stell dir vor, du lernst zehn bedeutungslose Silben.“
„Gut.“
„Tag für Tag.“
„Ja.“
„Monatelang.“
„Das klingt unerquicklich.“
„Ist es auch.“
„Und nun?“
„Nun stell dir vor, du lernst stattdessen eine neue Sprache.“
„Das erscheint interessanter.“
„Warum?“
„Weil sie Bedeutung hat.“
„Eben.“ Er nickte zufrieden. „Die Belastung allein erklärt nicht alles.“
„Sondern?“
„Der Zusammenhang.“
„Die Relevanz?“
„Ja.“
„Die Einbettung?“
„Ja.“
„Die Bedeutung?“
„Ja.“
Er lächelte. „Du lernst schnell.“
„Vorsicht.“
„Warum?“
„Sonst bekomme ich noch das Gefühl, du seist wirklich mein Gehirn.“ Diesmal lachte er so laut, dass ein Vogel erschrocken aus einem Baum aufflog. „Das wäre ein Fortschritt.“
„Nicht unbedingt.“
Wir schwiegen kurz. Dann wurde er wieder ernst. „Weißt du, warum ich so ungern als Muskel beschrieben werde?“
„Nein.“
„Weil Menschen dann glauben, mehr sei immer besser.“
„Ist das nicht häufig der Fall?“
„Bei Muskeln oft.“
„Und bei Gehirnen?“
„Nicht unbedingt.“ Seine Stimme war nun leiser geworden. Nachdenklicher. „Ein Muskel wird durch Wiederholung stärker – ich hingegen werde oft durch Vielfalt stärker.“ Der Satz erinnerte mich an vieles, worüber wir bereits gesprochen hatten. Den Wald. Die Herausforderungen. Das Stolpern. Die Anpassung. Plötzlich ergab alles einen Zusammenhang. „Deshalb magst du den Wald.“
„Ja.“
„Und misstraust dem Laufband.“
„Nicht dem Laufband.“
„Der Vorstellung dahinter.“
„Genau.“
Er nickte. „Der Wald zwingt mich ständig zu neuen Vorhersagen.“
„Ja.“
„Neue Informationen.“
„Ja.“
„Neue Entscheidungen.“
„Ja.“
„Neue Fehler.“
„Ja.“
„Neue Lösungen.“
„Ja.“
Sein Gesicht wirkte plötzlich lebendig. Fast jung. „Dort draußen arbeite ich als Ganzes.“ Der Wind fuhr durch die Baumkronen. Über uns bewegten sich die Schatten. „Und genau deshalb“, sagte er leise, „solltet ihr vorsichtig sein, wenn jemand behauptet, man könne mich wie einen Muskel trainieren.“
„Weil?“
Er sah mich an. Lange. Sehr lange. Dann sagte er: „Weil ich kein Muskel bin.“ Wieder entstand eine Pause. Eine jener Pausen, die wichtiger sind als manche Antworten. Schließlich fragte ich: „Was bist du dann?“
Der Besucher lächelte. Es war ein seltsames Lächeln. Freundlich. Traurig. Und ein wenig geheimnisvoll. „Das“, sagte er, „ist die eigentliche Frage.“ Dann erhob er sich langsam von der Bank. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass wir uns dem Ende unseres nächtlichen Gesprächs näherten. Nicht weil alles gesagt war. Sondern weil wir nun bei der schwierigsten Frage angekommen waren.
Der Frage nach seinem Wesen.
16. Die letzte Warnung
Als mein Besucher von der Bank aufstand, hatte ich das merkwürdige Gefühl, dass sich etwas verändert hatte. Nicht im Wald. Nicht in der Nacht. Nicht einmal in unserem Gespräch. Sondern in ihm. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft wirkte er nicht wie ein Lehrer. Nicht wie ein Kritiker. Nicht wie ein geduldiger Beobachter menschlicher Irrtümer. Sondern wie jemand, der spürt, dass seine Zeit begrenzt ist. Wir gingen schweigend weiter.
Der Weg führte nun wieder in Richtung meines Gartens. Zwischen den Bäumen erschien gelegentlich ein Streifen Mondlicht. Dann verschwand er wieder. Es war, als würde der Wald selbst langsam hinter uns zurücktreten. Der Besucher ging etwas langsamer als zuvor. Seine krummen Beine schienen ihn nun deutlich mehr anzustrengen. Mehrmals blieb er kurz stehen. Nicht lange. Nur für einige Sekunden. Dann setzte er seinen Weg fort. Schließlich fragte ich: „Bist du müde?“
Er lächelte. „Natürlich.“
„Von unserem Gespräch?“
„Nein.“
„Wovon dann?“
Er dachte nach. Lange. „Vom Tragen.“
„Was trägst du denn?“ Nun blieb er stehen. Er drehte sich zu mir um. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass seine Augen nicht nur mich betrachteten. Sondern die ganze Menschheit. „Euch.“
Der Wind bewegte die Baumkronen. Keiner von uns sprach. „Das klingt pathetisch.“
„Ja.“
„Und trotzdem meinst du es ernst.“
„Sehr ernst.“ Wir gingen weiter. Langsam. Dann begann er erneut zu sprechen. „Weißt du, was mich am meisten überrascht?“
„Nein.“
„Dass ihr Menschen euch selbst für vernünftiger haltet, als ihr seid.“
„Das ist keine besonders schmeichelhafte Bemerkung.“
„Sie ist auch nicht als solche gedacht.“
„Und warum überrascht dich das?“
Er lächelte traurig. „Weil ich bei jeder Entscheidung dabei bin.“
Ich musste lachen. „Das ist ein unfairer Vorteil.“
„Natürlich.“
„Du kennst alle Geheimnisse.“
„Mehr als mir lieb ist.“ Eine Weile schwiegen wir. Dann wurde seine Stimme wieder ernst. „Ihr lebt in einer merkwürdigen Zeit.“
„Das behauptet jede Generation.“
„Ja.“
„Und?“
„Diesmal stimmt es.“
Ich wollte widersprechen. Doch er hob die Hand. „Hör erst zu.“ Also hörte ich. „Noch nie in eurer Geschichte wusstet ihr so viel.“
„Das stimmt vermutlich.“
„Noch nie konntet ihr so viel messen.“
„Ja.“
„Noch nie konntet ihr so viel speichern.“
„Ja.“
„Noch nie konntet ihr so viele Informationen bewegen.“
„Ja.“
„Und trotzdem.“ Er blieb stehen.
„Und trotzdem?“
Seine Antwort kam leise. Fast traurig. „Verwechselt ihr Wissen immer häufiger mit Verstehen.“ Der Satz traf mich. Vielleicht weil ich ihn nicht zum ersten Mal hörte. Vielleicht weil ich ihn selbst schon gedacht hatte. „Ist das neu?“
„Nein.“
„Also?“
„Das Ausmaß.“ Wir erreichten den Waldrand. Vor uns lag nun wieder der Weg zu meinem Garten. In der Ferne erkannte ich bereits die Umrisse meines Hauses. „Früher“, sagte der Besucher, „war Wissen selten.“
„Ja.“
„Heute ist Aufmerksamkeit selten.“ Ich blieb stehen. Nicht absichtlich. Der Satz hatte mich einfach aufgehalten. Der Besucher bemerkte es. „Ja“, sagte er. „Genau deshalb wiederhole ich ihn nicht.“
Wir gingen weiter. „Die Menschen sammeln Informationen wie andere Briefmarken sammeln.“
„Das ist etwas ungerecht.“
„Vielleicht.“
„Und doch?“
„Und doch vergessen sie häufig die entscheidende Frage.“
„Welche?“
Der Besucher lächelte. „Was verändert mich?“ Der Wind strich über die Wiesen hinter dem Wald. Die Nacht war inzwischen kühl geworden. „Viele Menschen beschäftigen mich.“
„Das klingt positiv.“
„Ist es auch.“
„Aber?“
„Nur wenige fordern mich.“
Wieder diese Unterscheidung. Beschäftigung. Herausforderung. Verstehen. Anpassung. Langsam begann ich zu erkennen, wie oft sie in seinen Gedanken wiederkehrte. „Du glaubst also, dass wir Gefahr laufen, oberflächlich zu werden?“
„Nein.“
„Nicht?“
„Die Gefahr ist größer.“
„Welche?“
Seine Antwort kam ohne Zögern. „Dass ihr eure Geschäftigkeit mit Tiefe verwechselt.“ Wir erreichten mein Gartentor. Der Besucher blieb stehen. Zum ersten Mal wirkte er sehr alt. Nicht alt an Jahren. Sondern alt an Erfahrungen. Wie ein Wesen, das dieselben Fehler schon zu oft beobachtet hat. „Deshalb bin ich gekommen.“
„Um mich zu warnen?“
„Nicht nur dich.“
„Wen dann?“
„Jeden, der zuhören möchte.“ Wir betraten den Garten. Der Tisch stand noch immer dort. Die Studien lagen noch immer darauf. Fast schien es, als sei keine Zeit vergangen. Und doch war ich nicht mehr derselbe Mensch, der einige Stunden zuvor dort gesessen hatte. Der Besucher setzte sich noch einmal auf seinen Gartenstuhl. Langsam. Mühsam. Dann blickte er auf die Papiere. Lange. Sehr lange.
„Weißt du, was meine größte Sorge ist?“
„Nein.“
„Dass ihr irgendwann glaubt, mich vollständig verstanden zu haben.“
Ich musste lachen. „Das erscheint unwahrscheinlich.“
„Hoffentlich.“
Er nickte. „Sehr hoffentlich.“ Dann wurde er still. Die Nacht lag über dem Garten. Kein Wind bewegte die Blätter. Selbst die Amsel schien längst zu schlafen.
„Denn in dem Augenblick“, sagte er schließlich, „in dem ein Gehirn glaubt, keine Fragen mehr stellen zu müssen, beginnt es bereits, etwas von sich selbst zu verlieren.“
Seine Stimme war kaum noch lauter als ein Flüstern. „Und dasselbe gilt für Menschen.“ Wieder entstand Schweigen. Ein langes. Fast feierliches Schweigen. Schließlich fragte ich: „War das deine Warnung?“
Der Besucher lächelte. Ein letztes Mal. „Nein.“
„Nicht?“
„Das war nur die Einleitung.“
Ich starrte ihn an. „Die Einleitung?“
„Ja.“
„Nach all den Stunden?“
„Natürlich.“ Zum ersten Mal lachte er wieder. Und in seinem Lachen lag plötzlich etwas Leichtes. Fast Kindliches. „Die wirklich schwierige Frage kommt erst noch.“
„Welche?“
Der Besucher sah mich an. Lange. Sehr lange. Dann sagte er: „Was wirst du nun damit anfangen?“ Und obwohl die Nacht noch nicht zu Ende war, wusste ich plötzlich, dass sich diese Frage nicht nur an mich richtete. Sondern an jeden Menschen, der seine Geschichte hören würde.
Vierter Teil – Die Wirkung einer Frage
(oder „Drei Jahre später“)
17. Der Waldweg
Drei Jahre waren vergangen. Drei Jahre, seit mein Gehirn auf jenem Gartenstuhl gesessen hatte.
Drei Jahre, seit wir gemeinsam durch den nächtlichen Wald gegangen waren. Drei Jahre, seit es mich gefragt hatte: „Was wirst du nun damit anfangen?“
Damals hatte ich keine Antwort gewusst. Heute bin ich mir nicht sicher, ob ich inzwischen eine besitze. Der Mensch überschätzt gelegentlich die Geschwindigkeit, mit der Gedanken reifen. Manche Einsichten benötigen Jahre. Andere Jahrzehnte. Und einige sind offenbar entschlossen, überhaupt nicht zu reifen, sondern uns ein Leben lang zu begleiten. Die Frage meines Besuchers gehörte zur letzten Sorte. An manchen Tagen glaubte ich, sie verstanden zu haben. An anderen war ich überzeugt, noch immer am Anfang zu stehen.
In diesen drei Jahren hatte sich vieles verändert. Und gleichzeitig fast nichts. Die Forschung war weitergegangen. Neue Studien waren erschienen. Neue Hypothesen. Neue Modelle. Neue Hoffnungen. Neue Enttäuschungen. Die Wissenschaft hatte getan, was Wissenschaft immer tut: Sie hatte weitergefragt. Mein Gehirn hätte das vermutlich gutgeheißen.
Auch ich selbst war älter geworden. Nicht dramatisch älter. Aber doch alt genug, um zu bemerken, dass die Jahre keine abstrakte Größe sind. Sie hinterlassen Spuren. Im Gesicht. Im Gang. In den Gewohnheiten. Vor allem jedoch in der Art, wie man über die Zukunft denkt.
Früher erschien mir die Zukunft wie eine Landschaft. Heute ähnelt sie eher einem Weg. Und je älter man wird, desto genauer beginnt man auf diesen Weg zu achten. Vielleicht deshalb zog es mich immer häufiger in den Wald. Nicht auf die großen Wege. Nicht auf die breiten Forststraßen. Sondern auf jene schmalen Pfade, von denen mein Besucher so oft gesprochen hatte. Manchmal fragte ich mich, ob ich sie wirklich deshalb bevorzugte. Oder ob ich lediglich hoffte, ihm dort noch einmal zu begegnen.
Denn so vernünftig ich mich selbst auch nennen mochte: Ganz vergessen hatte ich ihn nie. Wie sollte ich auch? Es gibt Begegnungen, die sich nicht in Erinnerungen verwandeln. Sie werden zu Bestandteilen des eigenen Denkens. Man trägt sie mit sich herum wie einen zusätzlichen Sinn. Oder wie eine Frage, die nie vollständig beantwortet wird.
An einem Herbstmorgen geschah etwas Merkwürdiges. Nicht so merkwürdig wie der Besuch meines Gehirns. Aber doch bemerkenswert. Ich war früh aufgebrochen. Die Luft war kühl. Über den Wiesen lag Nebel. Die Bäume hatten bereits begonnen, ihre Blätter zu verlieren. Der Wald wirkte größer als im Sommer. Vielleicht weil das Licht tiefer zwischen die Stämme fiel. Vielleicht auch, weil Einsamkeit im Herbst deutlicher sichtbar wird.
Ich ging langsam. Nicht aus Müdigkeit. Sondern weil ich mir angewöhnt hatte, langsamer zu gehen. Früher war Spazierengehen für mich eine Form der Fortbewegung gewesen. Heute war es eine Form des Zuhörens. Ein Unterschied, den ich meinem Besucher verdankte. Nach etwa einer halben Stunde erreichte ich eine Stelle, die ich gut kannte.
Dort teilte sich der Weg. Der breite Hauptweg führte geradeaus. Ein schmalerer Pfad bog nach links ab. Genau jene Weggabelung, an der mein Gehirn vor drei Jahren vom Haus und den Ziegelsteinen gesprochen hatte. Ich blieb stehen. Nicht absichtlich.
Der Ort hatte mich einfach angehalten. Es war merkwürdig. Ich erinnerte mich an jedes Wort. An die Dunkelheit. An den Mond. An die krummen Beine. An die ruhige Stimme. Und plötzlich fragte ich mich etwas, das mir bisher nie eingefallen war. Was, wenn mein Besucher damals nicht über das Gehirn gesprochen hatte? Oder zumindest nicht nur? Was, wenn er die ganze Zeit vom Menschen gesprochen hatte? Ich setzte mich auf einen umgestürzten Baumstamm. Der Nebel hing zwischen den Buchen. Irgendwo klopfte ein Specht.
Und während ich dort saß, begann sich eine andere Erinnerung in den Vordergrund zu drängen. Nicht die Erinnerung an mein Gehirn. Sondern die Erinnerung an Thomas. Denn in den vergangenen drei Jahren hatte sich auch bei ihm etwas verändert. Zunächst nur wenig. Fast unmerklich. Dann immer deutlicher.
Der Ungläubige hatte begonnen, Fragen zu stellen. Nicht viele. Aber andere als früher. Und genau deshalb sollte er bald wieder in dieser Geschichte auftauchen. Denn manche Menschen hören eine Geschichte. Andere beginnen nach ihr zu suchen. Thomas gehörte zur zweiten Sorte.
Damals wusste ich das noch nicht. Doch während ich an jenem Herbstmorgen auf dem Baumstamm saß und auf die Weggabelung blickte, ahnte ich bereits, dass unsere Gespräche noch nicht beendet waren. Im Gegenteil. Vielleicht hatten sie gerade erst begonnen.
Denn die eigentliche Wirkung einer Idee zeigt sich selten in dem Augenblick, in dem man sie hört. Sie zeigt sich Jahre später. Dann, wenn man plötzlich bemerkt, dass man anders auf die Welt blickt.
Der Wind fuhr durch die kahlen Kronen der Bäume. Ein Blatt löste sich. Tanzte durch die Luft. Und landete genau auf dem schmalen Pfad. Jenem Pfad, den mein Besucher wahrscheinlich gewählt hätte.
Ich musste lächeln. Dann stand ich auf. Und ging weiter.
18. Thomas beginnt zu zweifeln
Es wäre allerdings falsch zu behaupten, Thomas habe meine Geschichte sofort ernst genommen. Das Gegenteil war der Fall. Noch Monate nach unserem ersten Gespräch behandelte er die Angelegenheit mit jener Mischung aus Skepsis und Humor, die zu seinen liebenswertesten Eigenschaften gehörte.
Immer wieder fragte er:
„Und wie geht es deinem Gehirn?“
Oder:
„Hat es sich inzwischen eine Wohnung gesucht?“
Oder:
„Falls es wieder auftaucht, frag bitte, warum meine Tomaten dieses Jahr kleiner ausfallen.“
Solche Bemerkungen waren typisch für Thomas.
Sie dienten nicht dazu, etwas lächerlich zu machen.
Sie dienten dazu, Abstand zu gewinnen.
Manche Menschen schützen sich durch Schweigen.
Thomas schützte sich durch Witze.
Doch irgendwann bemerkte ich eine Veränderung.
Sie kam nicht plötzlich.
Sie kam langsam.
Fast unmerklich.
Wie die ersten Anzeichen eines Jahreszeitenwechsels.
Zunächst stellte er andere Fragen.
Nicht mehr:
„Ist das wirklich passiert?“
Sondern:
„Was genau hat dein Gehirn damals gemeint?“
Das war ein wichtiger Unterschied.
Der erste Satz betrifft die Vergangenheit.
Der zweite die Bedeutung.
Und Bedeutung interessierte Thomas normalerweise nur dann, wenn sie ihn persönlich betraf.
Eines Nachmittags saßen wir wieder im Garten. Der Frühling war inzwischen weit fortgeschritten. Die Obstbäume standen in voller Blüte.
Thomas betrachtete seine Hände. Etwas, das er nur tat, wenn ihn etwas beschäftigte.
Schließlich sagte er: „Vielleicht hatte dein Gehirn in einem Punkt recht.“
Ich sah ihn überrascht an. „Nur in einem?“
„Sei nicht übermütig.“
„Entschuldige.“
Er schwieg. Dann fuhr er fort. „Mit den Wegen.“
„Den Wegen?“
„Ja.“
„Im Wald?“
„Und außerhalb des Waldes.“
Nun wurde ich aufmerksam. Thomas sprach selten in Gleichnissen. Wenn er damit begann, bedeutete das meist, dass ihn etwas wirklich beschäftigte. „Erklär es mir.“
Er lehnte sich zurück. „Weißt du, was mir in letzter Zeit aufgefallen ist?“
„Nein.“
„Ich mache vieles automatisch.“
„Das tun wir alle.“
„Ja.“
„Und?“
„Früher hielt ich das für eine Stärke.“
„Ist es das nicht?“
Thomas dachte nach. „Teilweise.“
Ich musste lachen. „Du klingst inzwischen wie mein Gehirn.“
„Das macht mir Sorgen.“
„Mir auch.“
Wir schwiegen kurz. Dann fuhr er fort. „Nimm meinen Weg zum Supermarkt.“
„Gut.“
„Seit Jahren gehe ich dieselbe Strecke.“
„Ja.“
„Ich könnte sie mit geschlossenen Augen finden.“
„Das erscheint mir unklug.“
„Das ist nicht der Punkt.“
„Entschuldige.“
Thomas lächelte. „Vor einigen Wochen war die Straße gesperrt.“
„Und?“
„Ich musste einen Umweg nehmen.“
„Das kommt vor.“
„Ja.“
Er blickte zum Apfelbaum. „Und plötzlich bemerkte ich Dinge, die ich noch nie gesehen hatte.“
„Auf dem Umweg?“
„Ja.“
„Welche?“
„Einen kleinen Park.“
„Aha.“
„Ein altes Haus.“
„Aha.“
„Eine Buchhandlung.“
„Aha.“
„Und eine Bäckerei.“
„Das klingt gefährlich.“
„Für mein Gewicht auf jeden Fall.“
Wir lachten. Dann wurde Thomas wieder ernst. „Weißt du, was mich daran beschäftigt?“
„Nein.“
„Diese Dinge waren die ganze Zeit dort.“
„Natürlich.“
„Jahrelang.“
„Ja.“
„Und ich habe sie nie wahrgenommen.“
Der Wind bewegte die Zweige über uns. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. Dann fragte ich: „Und was hat das mit meinem Gehirn zu tun?“
Thomas antwortete nicht sofort. „Vielleicht mehr, als mir lieb ist.“
„Wie meinst du das?“
Er seufzte. „Dein Besucher hat ständig von Anpassung gesprochen.“
„Ja.“
„Von Herausforderungen.“
„Ja.“
„Von Aufmerksamkeit.“
„Ja.“
„Und von Gewohnheiten.“
„Ja.“
Thomas nickte. „Vielleicht hatte er recht.“
„Das klingt fast wie ein Geständnis.“
„Vielleicht ist es eines.“ Er stand auf. Langsam. Nachdenklich. Dann begann er, durch den Garten zu gehen. Nicht nervös. Eher suchend. „Weißt du, was mir noch aufgefallen ist?“
„Nein.“
„Ich habe aufgehört, neue Dinge zu lernen.“
Der Satz überraschte mich. Nicht weil er falsch war. Sondern weil Thomas ihn ausgesprochen hatte.
„Ganz aufgehört?“
„Natürlich nicht.“
„Also?“
„Aber viel weniger als früher.“
Er blieb stehen. „Früher musste ich ständig Probleme lösen.“
„Und heute?“
„Heute löse ich meist dieselben Probleme.“
Ich erinnerte mich an die Worte meines Besuchers. Oft trainieren sie nur den Teil von mir, der längst gelernt hat. Zum ersten Mal verstand ich, weshalb diese Bemerkung Thomas nun beschäftigte.
„Du glaubst, dein Gehirn wird bequem?“
„Nein.“ Er lächelte schwach. „Ich glaube, ich werde bequem.“ Wieder entstand Schweigen. Diesmal ein nachdenkliches. Dann sagte Thomas etwas, das mich völlig überraschte. „Ich habe angefangen, einen anderen Weg durch den Wald zu gehen.“
„Wirklich?“
„Ja.“
„Warum?“
„Um herauszufinden, ob dein Gehirn recht hatte.“
Ich musste lachen. „Und?“
„Es ist unerquicklich.“
„Unangenehm?“
„Sehr.“
„Warum?“
„Weil ich mich verlaufe.“
„Aha.“
„Weil ich aufpassen muss.“
„Aha.“
„Weil ich Entscheidungen treffen muss.“
„Aha.“
„Und weil ich dabei bemerke, wie bequem ich geworden bin.“
Nun konnte ich mein Lachen nicht mehr zurückhalten. Thomas schüttelte den Kopf. „Du findest das lustig.“
„Ein wenig.“
„Warum?“
„Weil mein Gehirn sich freuen würde.“
„Das befürchte ich ebenfalls.“
Dann lächelte er. Und plötzlich erinnerte mich dieses Lächeln an jemanden. Nicht an sich selbst. Nicht an mich. Sondern an einen kleinen Besucher mit krummen Beinen. Zum ersten Mal fragte ich mich, ob die Geschichte meines Gehirns überhaupt jemals von Demenz gehandelt hatte. Oder ob sie die ganze Zeit von etwas anderem erzählt hatte.
Von Aufmerksamkeit.
Von Anpassung.
Von Neugier.
Von der Bereitschaft, bekannte Wege gelegentlich zu verlassen.
Vielleicht war das der eigentliche Kern.
Vielleicht auch nicht.
Doch als Thomas sich wieder setzte, bemerkte ich etwas. Der Ungläubige war nicht mehr derselbe. Er glaubte noch immer nicht an sprechende Gehirne. Aber er begann, an deren Gedanken zu glauben.
Und möglicherweise war das die größere Veränderung.
19. Was aus dem Gehirn wurde
Nachdem Thomas zugegeben hatte, dass er begonnen habe, neue Wege durch den Wald zu suchen, schwiegen wir lange. Es war eines jener seltenen Schweigen, in denen ein Gespräch nicht endet, sondern weiterarbeitet.
Die Nachmittagssonne war inzwischen hinter die Häuser gesunken. Der Garten lag im weichen Licht des frühen Abends. Irgendwo summte eine Biene. Der Apfelbaum warf lange Schatten auf den Rasen. Thomas betrachtete den leeren Gartenstuhl. Jenen Stuhl. Den Stuhl, auf dem vor drei Jahren mein Gehirn gesessen hatte. Schließlich fragte er: „Und was wurde eigentlich aus ihm?“
„Aus wem?“
„Tu nicht so.“
„Aus meinem Gehirn?“
„Ja.“
Ich musste lächeln. „Diese Frage habe ich erwartet.“
„Das dachte ich mir.“
„Warum?“
„Weil jede Geschichte irgendwann danach fragt, was aus ihren Figuren geworden ist.“
„Das stimmt.“ Thomas nickte. „Also?“
Ich schwieg. Nicht weil ich die Antwort nicht kannte. Sondern weil ich mir bis heute nicht sicher bin, ob ich sie wirklich verstanden habe. „Es verschwand.“
„Einfach so?“
„Ja.“
„Das erscheint unbefriedigend.“
„Das fand ich damals ebenfalls.“
Thomas seufzte. „Ich hätte wenigstens einen dramatischen Abschied erwartet.“
„Das hätte ihm nicht gefallen.“
„Warum nicht?“
„Weil er dramatische Abschiede für eine menschliche Schwäche hielt.“
Thomas dachte darüber nach. Dann nickte er. „Das passt zu ihm.“
Ich erinnerte mich an jene Nacht. An den Garten. An den Tisch. An die Studienblätter. Und an die letzten Minuten unseres Gesprächs. Nachdem mein Gehirn gefragt hatte, was ich nun mit seiner Geschichte anfangen würde, war es still geworden. Sehr still. Lange hatte es in die Dunkelheit geschaut. Dann hatte es gesagt: „Weißt du, was das Merkwürdige ist?“
„Nein.“
„Die Menschen glauben oft, Antworten würden etwas beenden.“
„Und tun sie das nicht?“
„Selten.“ Ich hatte damals nichts erwidert. Der Besucher hatte weitergesprochen. „Eine gute Antwort erzeugt neue Fragen.“
„Das klingt anstrengend.“
„Ist es auch.“
Dann hatte er gelächelt. „Deshalb meiden viele Menschen sie.“
Der Wind hatte die Blätter des Apfelbaums bewegt. Irgendwo hatte die Amsel noch einmal gesungen. Und plötzlich war mir klar geworden, dass unser Gespräch sich seinem Ende näherte. „Wirst du wiederkommen?“, hatte ich gefragt.
Zum ersten Mal wirkte der Besucher überrascht. Fast verlegen. „Das hängt von dir ab.“
„Von mir?“
„Ja.“
„Wie soll ich das verstehen?“
Er hatte nachgedacht. Lange. Dann gesagt:
„Wenn Menschen aufhören zuzuhören, müssen Gehirne gelegentlich spazieren gehen.“
„Und wenn sie zuhören?“
„Dann wird es unnötig.“
Diese Antwort hatte mich damals enttäuscht. Heute erscheint sie mir klüger. Thomas hörte aufmerksam zu. „Und dann?“
„Dann stand er auf.“
„Ja.“
„Langsam.“
„Ja.“
„Sehr langsam.“
„Wegen seiner Beine?“
„Vielleicht.“ Ich lächelte. „Oder wegen seiner Gedanken.“
Thomas nickte. „Und dann verschwand er?“
„Nicht sofort.“
„Was geschah noch?“
Ich erinnerte mich. Deutlicher, als ich erwartet hatte. „Er blieb am Gartentor stehen.“
„Ja.“
„Und sah sich noch einmal um.“
„Was sagte er?“
Ich schwieg. Denn dieser Satz hatte mich nie verlassen. Nicht einen einzigen Tag. „Er sagte:
‚Pass auf, dass du mich nicht wieder vergisst.‘“
Thomas runzelte die Stirn. „Das klingt traurig.“
„Ja.“
„War es so gemeint?“
„Ich glaube nicht.“
„Nicht?“
„Nein.“
Ich dachte nach. Dann sagte ich: „Es klang eher wie eine Bitte.“
Der Wind bewegte die Zweige über uns. Wieder entstand Schweigen. Schließlich fragte Thomas: „Und hast du ihn vergessen?“
Ich sah zum Wald. Zu jenem Wald, in dem alles begonnen hatte. Und vielleicht noch immer nicht beendet war. „Nein.“
„Wirklich nicht?“
„Nein.“
„Woher weißt du das?“
Ich lächelte. „Weil ich inzwischen andere Fragen stelle.“
Thomas dachte darüber nach. Lange. Dann nickte er. „Das ist eine gute Antwort.“
„Danke.“
„Keine Ursache.“
Wir schwiegen erneut. Doch plötzlich bemerkte ich etwas. Thomas betrachtete nicht mehr den Wald. Nicht den Garten. Nicht den Himmel. Er betrachtete den leeren Stuhl. Und in seinem Gesicht lag jener Ausdruck, den ich inzwischen gut kannte. Neugier.
„Was ist?“, fragte ich.
Thomas zögerte. Dann sagte er: „Manchmal frage ich mich etwas.“
„Was denn?“
„Ob dein Gehirn wirklich dort gesessen hat.“
„Und?“
„Ich weiß es nicht.“
„Das ist vernünftig.“
„Ja.“
Er nickte. „Aber inzwischen frage ich mich etwas anderes.“
„Was?“
Thomas lächelte. Langsam. Fast widerwillig. „Ob es vielleicht auf meinem Stuhl gesessen hätte, wenn ich damals zu Hause gewesen wäre.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich so lachen, dass mir die Tränen kamen. Und Thomas lachte ebenfalls. Lange. Denn selbst der Ungläubige hatte inzwischen verstanden, dass die wichtigste Frage dieser Geschichte möglicherweise nie laut ausgesprochen worden war.
EPILOG
Über Menschen, die ihr Gehirn suchen
Wenn der Leser bis hierher gelangt ist, wird er vielleicht eine gewisse Enttäuschung verspüren.
Es wurde keine große Entdeckung verkündet.
Kein verborgenes Heilmittel enthüllt.
Keine wissenschaftliche Revolution ausgerufen.
Das Gehirn hat keine Formel hinterlassen.
Keine Methode.
Kein Programm.
Nicht einmal eine Liste mit Empfehlungen.
Und vielleicht ist gerade das die eigentliche Zumutung dieser Geschichte.
Denn Menschen lieben Listen.
Sie lieben Anleitungen.
Sie lieben Antworten, die sich in wenigen Sätzen zusammenfassen lassen.
Mein Besucher hingegen misstraute solchen Dingen.
Nicht weil er Antworten verachtete.
Sondern weil er wusste, wie schnell Antworten zu Gewohnheiten werden.
Und wie schnell Gewohnheiten aufhören, Fragen zu stellen.
In den Jahren nach seiner Begegnung habe ich oft über seine Worte nachgedacht.
Manchmal beim Lesen wissenschaftlicher Arbeiten.
Manchmal auf Spaziergängen.
Manchmal beim Gespräch mit Freunden.
Und gelegentlich auch beim vollkommen zwecklosen Betrachten eines Baumes.
Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass mein Gehirn recht gehabt hatte.
Nicht in allem.
Vermutlich hätte es diese Einschränkung selbst gefordert.
Aber in vielem.
Vor allem in einem Punkt.
Wir Menschen sprechen erstaunlich häufig über das Gehirn.
Und erstaunlich selten mit ihm.
Natürlich wird nun mancher Leser einwenden, dass dies Unsinn sei.
Mit Gehirnen kann man nicht sprechen.
Sie antworten nicht.
Sie führen keine Gespräche.
Sie besuchen keine Gärten.
Und sie halten keine Vorträge über Demenzforschung.
All dies ist richtig.
Und dennoch bleibt ein Rest von Wahrheit zurück.
Denn vielleicht bedeutet Zuhören etwas anderes.
Vielleicht bedeutet Zuhören nicht, Worte zu empfangen.
Vielleicht bedeutet es, aufmerksam zu werden für jene Situationen, in denen das Gehirn bereits antwortet.
Wenn es sich langweilt.
Wenn es neugierig wird.
Wenn es sich anpasst.
Wenn es scheitert.
Wenn es überrascht wird.
Wenn es lernt.
Wenn es neue Wege sucht.
Wenn es sich weigert, mit alten Antworten zufrieden zu sein.
Vielleicht spricht das Gehirn ununterbrochen.
Und wir haben lediglich vergessen, seine Sprache zu verstehen.
Mein Besucher hätte wahrscheinlich gelächelt, wenn er diesen Satz gelesen hätte.
Dann hätte er vermutlich erklärt, dass ich bereits wieder zu feierlich werde.
Denn Feierlichkeit war ihm ebenso verdächtig wie Gewissheit.
Überhaupt misstraute er allen Menschen, die zu sicher wirkten.
Besonders dann, wenn sie über ihn sprachen.
„Das Gefährlichste“, sagte er einmal, „ist nicht die Unwissenheit.“
Damals verstand ich den Satz nicht vollständig.
Heute glaube ich, ihn besser zu verstehen.
Das Gefährliche ist nicht die Unwissenheit.
Das Gefährliche ist die Illusion, die Suche sei beendet.
Dass nichts Wesentliches mehr entdeckt werden müsse.
Dass die wichtigsten Fragen bereits beantwortet seien.
Denn genau in diesem Augenblick beginnt etwas zu erstarren.
Nicht nur die Wissenschaft.
Nicht nur das Denken.
Vielleicht das Gehirn selbst.
Deshalb endet diese Geschichte nicht mit einer Antwort.
Sie endet mit einer Frage.
Genauer gesagt:
Mit derselben Frage, die mein Besucher mir damals stellte.
Was wirst du nun damit anfangen?
Ich habe lange geglaubt, diese Frage richte sich nur an mich.
Heute vermute ich etwas anderes.
Vielleicht richtete sie sich immer an jeden, der zuhört.
An jeden Forscher.
An jeden Arzt.
An jeden Lehrer.
An jeden Patienten.
An jeden alten Menschen.
An jeden jungen Menschen.
An jeden Menschen überhaupt.
Denn das Gehirn ist kein Zuschauer unseres Lebens.
Es ist sein empfindlichster Teilnehmer.
Es wächst mit unseren Erfahrungen.
Es leidet unter unseren Verlusten.
Es lebt von unseren Beziehungen.
Es verändert sich mit unseren Gewohnheiten.
Es reagiert auf unsere Herausforderungen.
Und möglicherweise wartet es seit langer Zeit darauf, dass wir eine einfache Tatsache wiederentdecken:
Dass Entwicklung nicht dort beginnt, wo alles sicher ist.
Sondern dort, wo etwas Neues geschieht.
Dort, wo wir aufmerksam werden.
Dort, wo wir stolpern.
Dort, wo wir lernen.
Dort, wo wir uns verändern.
Vielleicht war dies die eigentliche Botschaft meines Besuchers.
Vielleicht aber auch nicht.
Denn je älter ich werde, desto mehr beginne ich ihm in einer Sache zuzustimmen:
Eine gute Geschichte beantwortet ihre wichtigsten Fragen nicht.
Sie sorgt lediglich dafür, dass wir sie nicht mehr vergessen.
Viele Jahre sind vergangen, seit das Gehirn meinen Garten besucht hat.
Der Apfelbaum steht noch immer dort.
Der Wald beginnt noch immer hinter dem Grundstück.
Thomas spricht noch immer über Tomaten.
Wenn auch inzwischen mit etwas mehr philosophischer Vorsicht.
Und manchmal, an stillen Sommerabenden, stelle ich einen zweiten Gartenstuhl neben meinen eigenen.
Nur für den Fall.
Nicht weil ich sicher bin, dass mein Besucher zurückkehren wird.
Sondern weil ich gelernt habe, dass manche Möglichkeiten zu wertvoll sind, um sie vorschnell auszuschließen.
Dann sitze ich dort.
Der Wind bewegt die Blätter.
Die Amsel singt.
Die Dämmerung legt sich über den Garten.
Und gelegentlich frage ich mich, ob mein Gehirn vielleicht doch recht hatte.
Nicht mit allem.
Aber mit dem Wichtigsten.
Dass die interessantesten Wege jene sind, die wir noch nicht gegangen sind.
Und dass das größte Vergessen möglicherweise nicht die Demenz ist.
Sondern das Vergessen der eigenen Neugier.