2-3. Erneuerung aus der Apotheke?

Bewegung ist der Schlüssel zu geistiger Gesundheit


Mit zunehmendem Alter nimmt Bewegung in der Regel ab – sie wird einseitiger, weniger koordinativ und oft monoton. Gleichzeitig zeigen sich bei vielen Menschen erste Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung. Diese werden jedoch häufig ignoriert oder als vermeintlich „normale“ Alterserscheinungen abgetan. Doch sie sollten ernst genommen werden, denn sie können Vorboten einer demenzbedingten Pflegebedürftigkeit sein.

Lecanemab und Donanemab: allenfalls eine unterstützende Wirkung

Nun erwecken Medienberichte über neue Medikamente einen „Hoffnungsschimmer“. Vielen älteren Menschen wird dadurch suggeriert, dass es im Falle einer eigenen Betroffenheit endlich ein wirksames Mittel zur Heilung gibt. So ist es aber nicht, denn diese sogenannten Antikörpertherapien haben nur eine unterstützende Wirkung. Wird die Antikörpertherapie jedoch gezielt mit komplexer, koordinativ anspruchsvoller Bewegung kombiniert, können messbare Fortschritte erzielt werden.

Dieses System, das einerseits auf die Reduktion schädlicher Proteinablagerungen im Gehirn abzielt („Clearing der Amyloidplaques“), und andererseits auf vielfältige, den Geist fordernde Aktivitäten setzt, könnte den entscheidenden Durchbruch zu dauerhafter geistiger Gesundheit bringen.

Für die Betroffenen selbst bedeutet das eine enorme Herausforderung, für die es viel Motivation braucht. Sie müssten dann nämlich etwas tun, das sie in den Jahren, bevor die Krankheit manifest wurde, versäumt haben: körperlich aktiv sein. Sie müssten, sozusagen, wieder auf den alten Füßen laufen.

Die Grenzen der neuen Medikamente

Im Jahr 2025 gab die Europäische Arzneimittel-Agentur grünes Licht für die Wirkstoffe Lecanemab und Donanemab. Die Wirksamkeit der beiden Arzneimittel ist sehr begrenzt. Zudem treten bei einem Großteil der Behandelten erhebliche Nebenwirkungen auf. Das wissenschaftliche Fazit fällt bislang nüchtern aus: Die Präparate werden allenfalls als erster Schritt auf einem langen Weg gesehen – hin zu einem möglichen Medikament, das eines Tages die zerstörerischen amyloiden Plaques im Gehirn tatsächlich nachträglich auflösen könnte.

Selbst wenn das gelingt und es eines Tages ein Medikament gibt, das die Plaques vollständig auflöst, wäre noch nichts gewonnen. Alzheimer-Patienten können sich nämlich nur dann berechtigte Hoffnung auf eine Besserung machen, wenn sie zusätzlich bereit sind, sich regelmäßig zu bewegen.

Wenn Nervenzellen verklumpen, sterben ihre Verbindungen

Wenn Nervenzellen verklumpen, zerfallen ihre Dendriten, also die feinen Zellfortsätze, über die sie Signale empfangen und weiterleiten. Ihre Struktur wird zerstört und anschließend von Gliazellen abgebaut. Die Nervenzelle verliert so ihren Nutzen.

Ein Neuron besitzt 5 bis 15 Hauptdendriten, die sich in Hunderte bis Tausende feine Äste verzweigen. Diese Verbindungen gehen beim Absterben der Zelle verloren und müssen – selbst wenn die Nervenzelle wiederhergestellt ist – neu aufgebaut werden und Neurologen betonen, dass Bewegung dabei eine entscheidende Rolle spielt. Sie fördert die Dichte der Dendriten und die Synaptogenese – also die Bildung und Stärkung neuer Synapsen.

Besonders Aktivitäten wie Tanzen oder Mannschaftssport aktivieren mehrere Hirnregionen gleichzeitig. Dadurch entsteht eine verstärkte Vernetzung zwischen motorischen und kognitiven Arealen. Bewegung sollte also im Alter weder weniger noch einfacher werden – sie bleibt in jedem Lebensalter der Schlüssel zu geistiger Gesundheit, Lecanemab und Donanemab hin oder her.


Tabula rasa

Der menschliche Geist verfügt über keine angeborenen Kenntnisse; er gleicht zu Beginn des Lebens einer unbeschriebenen Tafel. Bis zu 90 % der Neuronen sind bei der Geburt nicht oder nur schwach vernetzt. Die Fähigkeit, Bewegungen zu koordinieren und geistige Leistungen zu erbringen, ist daher anfangs kaum vorhanden.

Doch Kinder besitzen einen natürlichen Bewegungsdrang – und indem sie ihm folgen, wachsen und gedeihen Dendriten und Synapsen. Mit der zunehmenden Vernetzung der Nervenzellen entfalten sich auch die kognitiven Fähigkeiten: Das „Beschreiben der Tafel“ beginnt.

Tabula rasa des Alters

Im Alter zeigt sich eine neue Variante dieser „unbeschriebenen Tafel“. Durch Medikamente, die zerstörte Nervenzellen wieder funktionsfähig machen, könnte ein Zustand entstehen, der an den kindlichen Neubeginn erinnert. Sind etwa 10 % der 80 Milliarden Neuronen durch amyloide Plaques zerstört, spricht man vom Anfangsstadium der Alzheimer-Krankheit. In diesem Stadium sind bereits koordinative und kognitive Fähigkeiten stark beeinträchtigt.

Hier stellt sich die Frage: Was kann ein Gehirn leisten, in dem acht Milliarden zuvor zerstörter Neuronen durch Medikamente wieder gesund geworden sind?

Da mit der Zerstörung der Nervenzellen auch deren unzählige Dendriten und Synapsen verloren gingen, sind die Funktionen von Bewegung und Kognition zunächst nicht automatisch wiederhergestellt. Medikamente können die Zellen regenerieren, nicht aber ihre Verbindungen. Erst durch gezielte, regelmäßig ausgeübte Aktivitäten lassen sich die neuronalen Netzwerke neu aufbauen, wodurch in der Folge auch geistige Fähigkeiten wiedergewonnen werden können.

Wie viele gesunde Nervenzellen braucht es, um geistig gesund zu bleiben?

Unweigerlich stellt sich die Frage: Braucht der Mensch tatsächlich alle 80 Milliarden Nervenzellen, um geistig gesund zu bleiben – oder reichen auch weniger? Neurologen geben eine überraschende Antwort: „Ja, grundsätzlich kann man mit etwa 90 % der ursprünglichen Nervenzellen geistig völlig gesund bleiben – vorausgesetzt, das Gehirn wird aktiv gefordert und trainiert.“

Sie nennen dafür drei zentrale Gründe:

1. Das Gehirn hat enorme Reserven. Es ist hochgradig redundant aufgebaut – mit weit mehr Nervenzellen und Synapsen, als für Alltagsfunktionen nötig sind. Selbst wenn 10 % oder mehr verloren gehen, kann das Gehirn Aufgaben umverteilen und kompensieren. Erst wenn kritische Netzwerke (z. B. im Hippocampus oder präfrontalen Kortex) stark geschädigt sind, treten deutliche Einbußen auf.

2. Plastizität: Das Gehirn kann sich anpassen. Bis ins hohe Alter bleibt das Gehirn neuroplastisch – es kann neue Verbindungen bilden, bestehende Netzwerke umorganisieren und in begrenztem Umfang sogar neue Nervenzellen erzeugen, vor allem im Hippocampus. Mentale und körperliche Aktivität fördern genau diese Mechanismen.

3. Koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten sind besonders wirksam. Aktivitäten, die Bewegung, Denken, Feinmotorik und Aufmerksamkeit kombinieren, wirken wie ein Hochleistungstraining für das Gehirn. Beispiele sind Tanzen mit neuen Schrittfolgen, Musizieren, Gleichgewichts- oder Koordinationsübungen sowie das Erlernen neuer Sprachen oder Bewegungsabläufe. Diese fördern die Synapsenbildung, Durchblutung und Ausschüttung von Wachstumsfaktoren – und reduzieren Stress, der Nervenzellen schädigt.

Ja – ein Mensch kann mit etwa 90 % seiner ursprünglichen Nervenzellen geistig völlig gesund und leistungsfähig bleiben. Entscheidend ist, dass das Gehirn regelmäßig gefordert wird, genügend Schlaf, Bewegung und eine ausgewogene Ernährung bekommt – und dass chronischer Stress möglichst vermieden wird. Denn die Qualität der Vernetzung ist wichtiger als die reine Zahl der Nervenzellen. Nicht wie viele Neuronen du hast, zählt – sondern wie gut sie miteinander reden. Oder, wie Neurologen es formulieren: nicht wie viele Milliarden Nervenzellen du hast, zählt, sondern wie viele Billionen reibungslos interagierende Dendriten.

Der Erfolg einer medikamentösen Therapie häng ab von Art und Umfang der Bewegung.

Als die neuen Alzheimer‑Medikamente zugelassen wurden, hieß es, sie könnten den Krankheitsverlauf verzögern. Doch selten wurde erklärt, was „Verzögerung“ für den Einzelfall konkret bedeutet. Es handelt sich nicht um eine fixe Zeitspanne, sondern um ein Ergebnis, das wesentlich vom Verhalten der Betroffenen mitbestimmt wird.

Entscheidend ist, wie aktiv jemand bleibt, während er die Therapie erhält. Je intensiver und vielseitiger die körperliche Betätigung — und je komplexer die koordinativen Anforderungen —, desto eher können pharmakologische Effekte stabilisiert und verlängert werden. Bewegungsformen, die Koordination, Gleichgewicht und Aufmerksamkeit gleichzeitig beanspruchen, aktivieren Netzwerke, die Medikamente allein nicht wiederherstellen.

Medikamente können Prozesse bremsen, doch ob die Verzögerung tragfähig ist, hängt vom eigenen Handeln ab. Das Gehirn erneuert sich durch Aktivität — und genau hier liegt die Chance, die pharmakologische Verzögerung in nachhaltige Nutzen zu überführen.

Fazit:

Das Potenzial für einen Patienten in der Vorstufe der Altersdemenz, seine geistige Gesundheit wieder zu erlangen bemisst sich an dessen Bereitschaft nach den Erforderlichkeiten seiner neuronalen Schädigungen sich körperlich zu betätigen.


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