Hirngesundheit: Viele sind körperlich aktiv, aber falsch beraten
Im Zusammenhang mit der Frage, ob es neue Forschungsstudien zur „Demenzvermeidung durch vielseitig ausgeführte, koordinativ anspruchsvolle Aktivitäten“ braucht, wird häufig angeführt, dass es zur Vermeidung von Alzheimer kein Erkenntnis-, sondern lediglich ein Umsetzungsproblem gebe. Dieser Sichtweise ist zu widersprechen. Das Gegenteil ist richtig: Wir haben ein Erkenntnis-, aber kein Umsetzungsproblem.
Diese Einschätzung stützt sich zum einen auf alltäglichen Beobachtungen in den Parkanlagen und auf den Fußwegen. Dort sieht man viele ältere Menschen, die joggen oder mit Stöcken ihre Runde drehen. Und zum anderen haben Studien bei älteren Erwachsenen ab 65 Jahren ergeben, dass immerhin 43 % im Alter zwischen 65 und 79 Jahren und 25 % der über 80-Jährigen die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezüglich Ausdaueraktivität erfüllen. Kurz gesagt: Viele tun genau das, was ihnen zur Prävention von Alzheimer von den Fachleuten empfohlen wird. Und dennoch steigen in Deutschland auch bei diesen die Zahlen mit diagnostizierter, manifester Alzheimer-Demenz.
Die WHO unterscheidet nicht – und das ist ein Problem
In ihren Empfehlungen macht die Weltgesundheitsorganisation keinen differenzierten Vorschlag für verschiedene Altersgruppen oder für Menschen, die sich bereits in einer Vorstufe der Demenz befinden. Für 50-Jährige mit noch intakten neuronalen Netzwerken mag ein „gesundes Leben“ kombiniert mit dreimal wöchentlichem Ausdauersport völlig ausreichend sein.
Für 70-Jährige jedoch, bei denen sich bereits erste kognitive Veränderungen zeigen und die aktiv gegensteuern wollen, reichen monotone (geistlose) Bewegungsformen nicht mehr aus.
Dass eine weltweit anerkannte Gesundheitsinstitution für alle Menschen – unabhängig von Alter und Risikokonstellation – dieselben, weitgehend wenig anspruchsvollen Bewegungsarten empfiehlt, ist zumindest fragwürdig. Wirklich hilfreich wären vielmehr multidimensionale, koordinative Reize, die neuronale Netzwerke herausfordern, aktivieren und neu strukturieren.
Nebenbei bemerkt
Die Lancet-Kommission der WHO nennt selbstverständlich zahlreiche weitere Faktoren zur Demenzprävention, wie Diabetes, zu hoher Blutdruck, ungesunde Ernährung und andere Lebensstilmaßnahmen. Für Menschen im Alter von über 70 Jahren, deren Lebensführung sich über Jahrzehnte gefestigt hat, spielen diese Faktoren jedoch nur noch eine untergeordnete, real kaum noch veränderbare Rolle.

Was jetzt nötig ist
Forschungsinstitute sind aufgefordert, durch geeignete Studien jene Erkenntnisse zu ergründen, die Menschen mit MCI dazu befähigen, ihre geistige Gesundheit möglichst lange zu erhalten. In Deutschland gibt einen immensen Bedarf bei den rund drei Millionen Menschen, die sich bereits in einer Vorstufe der Demenz befinden. Sie wollen wissen, wie sie die Krankheit noch vermeiden können.
Diese Menschen haben ein großes Interesse an wirksamen, alltagsnahen und selbstbestimmten Möglichkeiten, ihre kognitiven Fähigkeiten zu stabilisieren oder sogar zu verbessern. Und die heutige wissenschaftliche Forschung ist es ihnen schuldig.